Weißenseer Blätter
Heft 01/2001
Zwei Jahre nach dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien Interview für
die "Mitteilungen der Kommunistischen
Plattform der PDS"
Weltanschauung für Zivilisationsschübe (IX) Sozialismus/Zivilisation oder Barbarei? Zur Auswertung von Niederlagen von Eike Kopf
Komisch und
skandalös
Wie preussisch
wird die Berliner
Republik?
von Günter Gaus
Zwei
Rheinpreußen zum Preußenjahr
Von einem Preußen von Ulrich Huar
Gekaufte Justiz oder verkauftes Recht? Zum Strasbourger Urteil
Buchhinweise:
2. Luis
Corvalan, Gespräche mit Margot Honecker
über das andere
Deutschland
3. Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe im 21. Jahrhundert
Aus einem
Brief von Hanfried Müller
an den Vorsitzenden der DKP Herrn Heinz
Stehr vom 27. 1. 01
Die Partei
neuen Typus
von Ulrich Huar
Fortsetzung und Schluß des
Artikels aus Heft 4/00
Die
Spalte „Zu diesem Heft“ wird diesmal ungewohnt lang. Denn wir möchten
(1.) etwas zu dem Thema Die WBl und die
Kommunisten sagen, (2.) wie immer die in diesem Heft behandelten Themen
ankündigen, (3.) etwas zu dem Thema Die
WBl und Preußen anmerken, (4.) einige aktuelle Bemerkungen zu der immer
unerträglicher werdenden Jugoslawienhetze machen und uns schließlich (5.) Zur Perspektive der Weißenseer Blätter äußern.
1.
Mehr als sonst kommt in diesem Heft der WBl die DKP vor. Das ist zunächst
einmal einfach ein Zufall. Dieter
Frielinghaus, sowohl der PDS als auch der DKP verbunden, hatte seinen
Vortrag Ein Theologe als Kommunist auf Wunsch der DKP-Gruppe Berlin Nordost
bei deren regulärer Versammlung am 23. Januar gehalten, um - ganz im Sinne
von 1. Petr. 3,15 - seinen Genossen zu erklären, wie er, der Christ, sein
politisches Votum für den Kommunismus meine. Und die Parteiorganisation der
DKP war freundlicher Weise damit einverstanden, daß dieser für sie
konzipierte Vortrag in den WBl erschiene - was hiermit dankend geschieht (S.
4).
Dann fand eben jetzt die Diskussion zu den 11 Thesen, die die
Nordostberliner DKP-Organisation der Bundespartei zur Orientierung ihrer
Ostdeutschlandpolitik angeboten hatte, einen gewissen redaktionellen Abschluß.
Er erlaubt es, diese Konzeption - ergänzt um ein weiterführendes Votum Heinz
Keßlers dazu - aus dem RotFuchs
zu dokumentieren (S. 64).
Schließlich hatte Heinz Stehr,
der Vorsitzende der DKP, freundlicher Weise die „Weißenseer Blätter“ zu
einem Hearing der Programmkommission des Parteivorstandes in Berlin
eingeladen. Da der Herausgeber der WBl dieser Einladung nicht persönlich
folgen konnte, bedankte er sich für die Einladung schriftlich. Dieser Brief
nun zeigt, daß unser Interesse an der DKP doch vielleicht kein bloßer Zufall
ist (und darum dokumentieren wir ihn in
diesem Heft - S. 66): Denn zum einen wird, nach einem letzten - darf
man formlos aber aussagekräftig sagen - „Aufjaulen“ der PDS-Basis und
-Linken beim Münsteraner Parteitag, immer deutlicher, daß Apparatschiks, die
schon seit je die dem Sozialismus abträgliche Kunst der Manipulation geübt
hatten, dirigiert von geübten Opportunisten und Revisionisten der Bauart
Brie, Klein und wo möglich noch schlimmerem kleinbürgerlich karrieresüchtigem
Nachwuchs, den rosaroten Domestikationsprozeß mit einer Rasanz und
„Nachhaltigkeit“ vorwärtstreiben, daß man diese Partei im besten Falle
bald wird vergessen können, wenn nicht etwas geradezu Gefährliches aus der
weiteren Fäulnis ihrer Führungskader hervorgeht. Schmerzliche Erinnerung an
die einstige politische Reife und revolutionäre Bedeutung ihrer Vorgängerin
läßt nicht nur nostalgische Stimmungen aufkommen, sondern hält auch die
verständliche, aber wohl illusionäre Hoffnung vieler Kommunisten in ihr
aufrecht, die PDS möchte doch noch zur eigentlichen sozialistischen Sache zurückfinden.
Diese Nostalgie und Hoffnung, denken wir, dürfen jedoch nicht von der
politischen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft ablenken. Diese
Verantwortung aber lenkt den Blick auf die verschiedenen kommunistischen
Organisationen, die noch zusammengeführt werden müssen und unter denen der
DKP aufgrund ihrer relativ kontinuierlichen Geschichte eine besondere
Verantwortung zukommt.
Dieser
Blick auf die DKP wird revolutionär wachsam sein müssen. Zwar gilt es für
die deutschen Kommunisten, gegenseitig für einander Verständnis zu zeigen
nach vierzig Jahren getrennter Geschichte, in denen sie sich vielleicht
zuweilen willkürlich, meist aber unvermeidlich, gegenseitig schwer Verständliches
zumuten mußten und zugemutet haben. Andererseits haben sie nicht allzu viel
Zeit, sich zusammenzufinden, um nunmehr entschlossen und gemeinsam ihre
revolutionäre Verantwortung für die Zukunft in Deutschland und Europa
wahrzunehmen. Das wird nicht gelingen, wenn sie die unterschiedlichen
Kampferfahrungen der Vergangenheit gegeneinander ausspielen, statt sie
selbstkritisch und dialektisch so zu verbinden, daß daraus theoretisch und
praktisch für die Zukunft der Samen einer neuen europäischen revolutionären
kommunistischen Bewegung wird.
Was
an uns liegt, möchten wir dazu helfen, Wege zu finden, auf denen
unverzichtbare revolutionäre Wachsamkeit nicht in gegenseitiges Mißtrauen
umschlägt, unverzichtbares gegenseitiges Vertrauen nicht die notwendige
Wachsamkeit erlahmen läßt, unverzichtbare gemeinsame Verantwortung für die
Zukunft gegensätzliche Erfahrungen in der Vergangenheit relativiert und
historisiert, ohne daß solch Rückblick etwa die eigene revolutionäre
Geschichte dem Relativismus und der Indifferenz preisgibt. Diesen Weg zu gehen
ist gewiß nicht leicht, und er wird allen Beteiligten viel Selbstlosigkeit
zumuten, aber wir werden ihn gemeinsam suchen und gehen müssen, wenn wir für
die Zukunft wieder klar und entschieden revolutionär Kurs gewinnen wollen.
2.
Zu den Vorbemerkungen „Zu diesem Heft“ im engeren Sinne:
An den Vortrag von Dieter Frielinghaus schließt in gewisser Weise -
weil auch auf die Orientierung von Christen
in den politischen Grundalternativen unserer Zeit orientiert - Hanfried
Müllers Erinnerung aus einer abtretenden Generation zur Mahnung an eine kommende
Generation an, in der es ihm um den Zusammenhang von Theologie und
Geschichte, dabei aber um alles andere als Geschichstheologie geht.
Es folgt - höchst aktuell im Blick auf die
erstaunliche Fähigkeit der derzeitigen PDS-Führung, sich kleinbürgerlicher
Freiheitsdemagogie zu ergeben und bei der Propagierung eines „libertären
Sozialismus“ zu landen - der Aufsatz von Gerhard
Winter, Freiheit, die ich meine.
Wir übernehmen ihn, für freundliche Nachdruckgenehmigung dankend, aus den
Berliner Dialogheften, Heft 1/2001.
An Preußens 300. Geburtstag wollen auch die WBl
nicht schweigend vorbeigehen, wenn sie sich auch nicht gerade unter die
Gratulanten einreihen. Dazu unter 3. ausführlicher.
Erich Buchholz
schreibt zum Thema: Antifaschismusklausel
ins Grundgesetz? Ralph Hartmann erlaubte
uns freundlicher Weise den Druck des Interviews, das er den „Mitteilungen
der KPF“ zum zweiten Jahrestag des NATO-Überfalls auf Jugoslawien gegeben
hatte, und ergänzte es um eine Anmerkung, die durch die eigenartigen Äußerungen
Gregor Gysis in seinem jüngsten Buch geboten schien. Eike
Kopf bietet den IX. Teil seiner Fortsetzungsreihe Weltanschauung für Zivilisationsschübe: Sozialismus - Zivilisation
oder Barbarei. Zur Auswertung von Niederlagen. Ein Hinweis auf drei jüngst
erschienene beachtenswerte Bücher und eine Selbstkritik der Redaktion, die
wieder einmal allzu nachlässig Korrektur gelesen hatte, schließen das Heft
ab.
3.
Zum Preußenjubiläum übernehmen
wir zunächst die Kritik von Günter
Gaus an der - wieder einmal
drohenden - Verpreußung Deutschlands:
Komisch und skandalös. Wie preußisch wird die Berliner Republik? mit
freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem Freitag
vom 26. 1. 01, S. 1. und bekunden damit unseren Respekt vor dem leider nie
historisch dominant gewordenen Widerstand deutscher Demokraten gegen die
Benutzung der preußischen Geschichte zur Stabilisierung der Reaktion in
Deutschland. Daneben stellen wir
(leider unvermeidlich aus Platzgründen gekürzt) eine Zusammenfassung von Äußerungen
Marx’ und Engels’ zu Preußen in den verschiedenen Phasen der preußisch-deutschen
Geschichte, die Ulrich Huar freundlicherweise
für die WBl zusammengetragen hat: Zwei
Rheinpreußen zum Preußenjahr von einem Preußen.
Die Geschichte der Verpreußung Deutschlands dürfte
- so ist zu fürchten - in Kürze noch einmal neue Aktualität gewinnen. Denn
so, wie das deutsche Bürgertum im 19. Jahrhundert die Revolution gegen die
deutschen Feudalmächte aus Furcht vor dem schon erstarkenden Proletariat
nicht mehr wagte und darum im Prozeß der Einigung Deutschlands die Hegemonie
dem reaktionären Preußen überließ, scheint nunmehr die europäische
Bourgeoisie, dem ersten Ansturm der sozialistischen Revolution gerade noch
einmal entkommen, es nicht mehr zu wagen, die europäische Einigung
demokratisch zu vollziehen; vielmehr vertraut sie offenkundig deren Vollzug
ebenso der Hegemonie des faschistisch besonders verseuchten, reaktionären
Deutschland an, wie dieses Deutschland einst seine Einigung dem reaktionären
Preußen. Und wenn sich die Tragödie der Verpreußung Deutschlands jetzt in
einer Verdeutschung Europas wiederholt, dann werden die Erben der im 19.
Jahrhundert in Deutschland geschlagenen bürgerlichen Revolution wie Gaus und
die im 20. Jahrhundert in Europa geschlagenen Protagonisten der
sozialistischen Revolution zusammenstehen müssen, um den schneller als
erwartet wiederbelebten deutsch-europäischen Imperialismus daran zu hindern,
noch einmal einen Weltbrand zu zünden.
4.Wie
weit dieser Geist des wiederbelebten deutschen Imperialismus, dem jeder Sinn für
die Souveränität anderer Völker abgeht, bereits auch in die sogenannte
deutsche Opposition eingedrungen ist, zeigt erschreckend ein Bericht in der jungen
Welt vom 3. April 01, S. 6: „Zufrieden“ heißt es da, habe sich bei
der Pressekonferenz des Bundesvorstandes der PDS deren Vorsitzende Gabi
Zimmer „über die Verhaftung des früheren jugoslawischen Präsidenten
Slobodan Milosevic“ geäußert, die „im Rahmen der ‘Wahrnehmung der
legitimen Befugnisse einer demokratisch legitimierten Regierung’ erfolgt
sei. Sie wende sich auch nicht grundsätzlich gegen die Auslieferung von
Milosevic an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, dies müsse aber
eine ‘Entscheidung des Volkes’’ sein und dürfe nicht auf
Druck von außen erfolgen.“ Das sind Töne, die jeden, der jene Zeit noch
miterlebt hat, an den „Geist von München“ des Jahres 1938 und die „Appeasementpolitik“
erinnern. So wie es damals nicht darum ging, was man von Benesch, dem Präsidenten
der CSR und Repräsentanten der Opfer der Aggression, zu halten hätte,
sondern von Hitler und Mussolini,
den Aggressoren, so geht es heute nicht darum, was von Milosevic zu halten ist
- hat er z.B. bei den Kämpfen in Bosnien, wie es damals schien, die dortigen
Serben und Karadzic im Stich gelassen oder sie, wie es heute scheint, mit den
Geldern unterstützt, deren Unterschlagung man ihm jetzt vorwirft? -, sondern
von den Repräsentanten der Aggression, den deutsch-europäischen und
amerikanischen Imperialisten.
5.
Zuletzt noch ein Wort in eigener Sache: Aus subjektiven und aus objektiven Gründen
ist es ungewiß, ob die WBl über das laufende Jahr hinaus in der Regelmäßigkeit
und Form erscheinen müssen und können wie bisher.
Der subjektive Grund: der Herausgeber- und ständige
Mitarbeiterkreis der WBl wird älter und kleiner, so daß die Kräfte kaum
noch zu einer regelmäßigen Edition von 5 Heften zu cc. 350 Seiten pro Jahr
ausreichen.
Und der objektive Grund: zehn Jahre nach einer
Konterrevolution vom Ausmaß mindestens der Gegenreformation endet die Zeit,
in der die revolutionären Kräfte vorab sich und anderen Rechenschaft über
Soll und Haben ihres revolutionären Aufbruchs und ihrer Niederlage geben und
insofern den Blick zurückwenden müssen, und es beginnt die Zeit, in der sie
sich zunächst theoretisch-konzeptionell und dann organisatorisch-praktisch zu
einem neuen revolutionären Anlauf rüsten müssen, wenn sie nicht Gefahr
laufen wollen, in respektabler Treue zu ihrem revolutionären Erbe zu
stagnieren und wie einst die standhaften Gnesiolutheraner in der
Gegenreformation der Sterilität zu verfallen. Ob wir aber jetzt
schon und ob jetzt schon gerade wir auf
die Fragen und Lösungen stoßen, die zum neuen Anlauf zur sozialistischen
Revolution dienen, müssen wir abwarten - und unsere Leser mit uns.
Wann
das geschieht, können wir nicht prognostizieren; daran zu zweifeln, daß
das geschieht, sehen wir in historischem Optimismus keinen Anlaß. Ungewiß
aber ist es, ob die WBl bis dahin so regelmäßig erscheinen können wie in
den letzten zehn Jahren oder ob sie wieder in der Unregelmäßigkeit
herauskommen werden, zu der sie sich in der Zeit vor 1989 geradezu gezwungen
haben, um nicht als „Periodikum“ einer allzu angelegentlichen politischen
Anleitung zu unterliegen.
Wir möchten darum unsere Spender um ihr Einverständnis bitten, daß wir die Zusage, fünfmal jährlich regulär zu erscheinen, zurücknehmen und durch die Zusage ersetzen, daß - sollten die WBl nicht weiter als Periodikum fortzuführen sein - wir die auflaufenden Spenden dazu verwenden werden, entweder gelegentlich Themenhefte unterschiedlichen Umfanges oder Nachdrucke von der Art wie 1992 das Reprint: „Wider die Resignation der Linken“ je nach nach Bedarf herauszugeben.
von Dieter Frielinghaus
I.
Vor langer Zeit las ich, ich
weiß nicht mehr wo, folgende Geschichte: Ein Trupp roter Kämpfer gegen die
Weißen schrieb an Lenin, ihnen habe sich ein Priester angeschlossen. Er
beteilige sich nicht nur daran, Nahrung herbeizuschaffen, er handhabe auch das
Gewehr. Was sie mit ihm machen sollten? Lenin schrieb zurück: Solange der Pope
keine religiöse Propaganda macht, könnt ihr ihn bei euch behalten.
Ein Kommunist steht unter
einem hohen Anspruch an Solidarität und Ergebenheit, Kampfbereitschaft und
Standhaftigkeit, Können und Wissen. So habe ich es erlebt bei vielen, die ich
kannte in Westdeutschland und der DDR und die ich noch heute oder auch erst
heute kenne, und zwar nicht nur bei führenden Genossen, sondern auch bei
Werktätigen und Funktionären, die nur in einem engeren Umkreis bekannt werden.
Es waren Mitglieder der KPdSU dabei. Ältere Genossen, die dem Faschismus
widerstanden, sehe ich mit besonderer Ehrfurcht an.
Diesen Anspruch erfülle ich
nicht.
In einem Interview vor
einigen Jahren antwortete Armin Stolper auf die Frage „Sind Sie Kommunist?“
sinngemäß: Früher hätte ich gesagt, ich bemühe mich, einer zu werden; heute
sage ich gegen die neuen alten Zustände und für die verunglimpften Genossen
einfach, ja, ich bin Kommunist.
Und als Theologe? In der DDR
stellte sich die Frage für mich wie überhaupt für viele ganz unterschiedliche
Menschen nicht dringlich. Den Sozialismus mit aufzubauen gab es viele institutionelle
und menschliche Möglichkeiten. Mir sind Kommunisten immer freundlich begegnet.
Grundsätzlich trauten sie jedem unbesehen Bundesgenossenschaft zu. Dann aber
haben sie auch etwas von ihm erwartet. Das Leben war spannend, anstrengend,
hoffnungsfroh und ärgerlich. Wir hatten eine gute Gemeinschaft. Es war fast
schon zu selbstverständlich.
Zu dem Stichwort
„ärgerlich“: Berechtigte Unzufriedenheit verleitete uns unberechtigtermaßen
dazu, große Fortschritte wenig zu beachten. Ich nenne die Hebung des
Wohlstandes und der Ansprüche, die Breite der Kultur und den Bildungsstand.
Umso schwerer zu ertragen,
wieviele den Rücken gekehrt haben. Bei der Sache zu bleiben um der Familie, des
Volkes und insbesondere der vielen Unterdrückten willen ist notwendiger und
schwerer geworden. Wir brauchen die Stärkung durch die Kommunistische Partei
und können vielleicht wiederum zu ihrer Stärkung beitragen.
Um das mir gestellte Thema
auch theoretisch ein wenig anzugehen, muß ich einiges Grundsätzliche aus der
Theologie streifen. Damit Ihr wißt, wie das gemeint und wie es nicht gemeint
ist, erinnere ich an die eingangs erzählte Anekdote.
II.
Der christliche Glaube ist
keine Gesellschaftslehre. Er läßt sich mit keiner Gesellschaftslehre
vergleichen. „Entweder Christentum oder Sozialismus“ darf nicht gefordert
werden. Es geschieht trotzdem, ist dann aber, christlich gesprochen, falsche
Lehre. „Christentum und Kapitalismus“ darf erst recht nicht gesagt werden, wird
aber dauernd betrieben. Die Irrlehre besteht darin, daß die Kirche, als
vertrete sie eine Gesellschaftslehre, die gesellschaftliche Option vorschreibt
oder dringend empfiehlt.
Es geht im christlichen
Glauben einzig und allein um das Verhältnis zwischen Gott dem Herrn und den
Gliedern der Kirche: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzer Seele und
mit allen Kräften.“
Weiterhin steht der
christliche Glaube aber in engster Beziehung zur Gesellschaft. Der Christ lebt
mehr in der Gesellschaft als in der Kirche. Das ist nicht nur so, sondern soll
so sein. „Das andere Gebot ist dem“ eben genannten „gleich: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selber.“ Es hat grundlegende Bedeutung, daß es nicht
nur heißt: „Du sollst deinen Mitchristen lieben.“ Das Wort „Nächster“ bedeutet
Mensch, Mitmensch ohne religiöse Bedingung.
Somit hat der Christ die
Freiheit und die Pflicht zum Leben, und zwar zum aktiven Leben in der
Gesellschaft - ohne extra Lehre, ohne eigene Partei, ohne christliche
Herrschaft. Er muß also selber nachdenken und entscheiden, Stellung beziehen,
in eigener Verantwortung Aufgaben erfüllen. Dies muß und will er natürlich mit
den anderen zusammen tun ohne religiöse Bedingung. Die gesellschaftlichen
Aufgaben kommen aus der Gesellschaft.
Hier nun muß ich aufpassen:
Aus welcher Gesellschaft? Das Leben soll für mich erträglich, nein erfreulich
sein, aber für alle anderen auch. Ich brauche das Recht auf Leben in Würde und
kann und will es nicht haben, wenn nicht alle es haben. Wir brauchen Frieden,
Gerechtigkeit, Solidarität, Freundschaft. Ich sehe aber, daß es das alles
insofern gar nicht gibt, als die gesellschaftlichen Verhältnisse es nur für die
wenigsten zulassen. Die Not der Menschen ist übergroß nicht infolge
Notwendigkeit, sondern Verbrechen. Ich kann nicht von ferne alle Qualen und
Leiden unschuldiger Kinder, Frauen und Männer unter dem Imperialismus zur
Kenntnis nehmen, behalten und bedenken, die täglich geschehen.
Aber ich sehe auch, daß die
Unterdrückten seit Jahrtausenden gegen die Unterdrücker kämpfen, weil sie ein
besseres Leben brauchen, verlangen und, wie auch ich, daran glauben. Auch die Bibel
ist ein Dokument dafür.
Wieso sollte ich eigentlich
nicht sehen, daß dieser Kampf mit dem Sozialismus in eine Phase getreten ist,
in welcher er siegen kann und muß und wahrscheinlich wird. Vor allem Karl Marx
und Friedrich Engels haben die Gesellschaft wissenschaftlich untersucht und
folglich den sich befreienden Massen die Aufgabe gestellt, die kapitalistische
Profitwirtschaft abzuschaffen und eine geordnete Gemeinwirtschaft und damit
organische Gleichheit für alle zu erarbeiten. Wer erkennt hier nicht eine der
größten befreienden Entdeckungen der Menschheitsgeschichte, dazu die Aussicht
auf Menschenfreundlichkeit, die von den Verwirklichern dieser Lehre bereits
praktiziert wird? Die Entdeckung geschah im Zuge der großen Befreiungsbewegung,
hat diese entscheidend ausgerichtet und wird wiederum von ihr ständig
präzisiert. Diese Revolution und die sie organisierende Partei bleibt verpflichtend
mit dem Namen Lenin verbunden.
Die Kirche mit dem
Evangelium hat keine Gesellschaftsordnung zu predigen. Wohl aber gehört zu
ihrer Predigt das Gebot: Geht mit aller eigenen Verantwortung unter die Leute
und gestaltet mit ihnen die bestmöglichen Bedingungen des täglichen Lebens. Wie
ihr das macht, müßt ihr zusammen mit ihnen herausfinden und vor ihnen, aber
auch vor euren Mitchristen verantworten.
Welche bessere Entscheidung
kann ein Christ treffen als die sozialistische mit der Kommunistischen Partei?
Ein Theologe vielleicht noch erst recht als persönlichen Vollzug seines
Predigens und weil er möglicherweise die Bibel etwas gründlicher gelesen hat.
Insofern sollte man bei dem
Thema „Ein Theologe als Kommunist“ nichts weiter Verblüffendes sehen. Falls
eine Besonderheit mitläuft, so keine erhebliche. Die anderen muß es nicht
beunruhigen, daß er an Gott glaubt, und ihn in seiner Teilnahme am Kampf um gesellschaftliche
Gerechtigkeit hindert es nicht, daß die meisten es nicht tun.
Ebensowenig bewegend scheint
das Thema, weil es in der Praxis ziemlich selten vorkommt. Aber gerade dies muß
uns verwundern, ja beunruhigen.
Die Erklärungen dafür
liegen, ob theologisch, ob marxistisch, dicht beieinander. Es handelt sich um
eine Klassenfrage, um die Überwucherung des christlichen Glaubens durch Denken
und Fühlen nach Art der bürgerlichen Klasse, das so weit reicht, daß die
meisten Christen es gar nicht reflektieren. Um nicht in hundert Einzelheiten zu
gehen, die doch wichtig wären, muß ich abkürzen und vereinfachen.
Wir haben von dem
„Antikommunismus der Kirche“ zu reden. So direkt und massiv gibt er sich zwar
auch, wirkt aber vor allem in vielen Schattierungen und Graden und meist
scheinbar harmlos. Doch insgesamt frage ich: Konnte sich bisher irgendwo ein
sozialistischer Staat auf die Loyalität der Kirche, die nicht selten sogar
Zustimmung signalisierte, im Ernst verlassen? Bei manchen beantwortet sich die
Frage erst nach Tische, was die Sache schlimmer macht. Und noch schwerer als
den Staat, wiegt es, die Arbeiter und Bauern zu täuschen. Ich denke etwa an die
„kirchliche Friedensbewegung“. Ihr Grundton in der DDR lautete: Ein jeder gegen
die Rüstung seines eigenen Staates. Damit war die sozialistische
Friedenspolitik der kontrollierten Abrüstung öffentlich halb unterstützt, im
„innerkirchlichen Dienstgebrauch“ aber gleich diskreditiert. Auf Synoden wurde
die DDR als militaristisch denunziert. Es gab Christen, die mit ihrem
Entschluß, auch etwas für den Frieden zu tun, den Weg des Widerstandes gegen
den Staat beschritten. Den Wehrdienst zu verweigern, galt als ein besonders
klares Bekenntnis eines jungen Christen - aber nur in der DDR. Heute lesen die
ostdeutschen Christen in ihren Sonntagsblättern ständig von Generälen, Soldaten
und Militärseelsorgern am Standort wie in Jugoslawien, ohne daß ein Wörtchen
der Kritik an der aggressiven Doktrin der NATO und der eigenen Armee noch an
der ausdrücklichen atomaren Erstschlagsoption gegen die Völker einflösse. Man
könnte auf den Gedanken kommen, diese Friedensbewegung sei zu dem Zweck
instrumentalisiert worden, die DDR für den Fall eines Angriffes aus dem Westen
wehrlos zu machen.
Warum diese
antikommunistische Torheit, die aber als Untat wirkt? Die alte, erste Antwort
gilt noch unverkürzt: „Ein Gespenst geht um ...“ Die Gespenstergläubigen sorgen
sich um Macht. Pilatus hatte Jesus gefragt: „Bist du ein König?“ Er konnte an
ihm nichts dergleichen erkennen. Der so Gefragte würde durch die Jahrhunderte
bis heute die Seinen wohl fragen: Wieso wollt ihr höchst erkennbare und
anerkannte Könige sein? Wieso seid ihr beleidigt, wo ihr es nicht seid?
Der antifaschistische Basler
Theologe Karl Barth schrieb zu Beginn der 40er Jahre Briefe an Kirchen in
Westeuropa und den USA aus der Sorge, mancher dort habe die schreckliche Gefahr
eines Sieges Hitlerdeutschlands noch nicht erkannt. Diesen Krieg gegen diese Aggression
dürfe niemand ablehnen oder lediglich halbherzig bejahen, man müsse ihn mit
ganzer Überzeugung und vollem Einsatz führen. Dabei sagt Karl Barth einmal: Die
Kirchen hätten, schlimm genug, bisher nahezu jeden Krieg gerechtfertigt, sie
würden doch wohl nicht ausgerechnet diesen mißbilligen?
Derselbe Karl Barth zeigte
große Aufgeschlossenheit für den Sozialismus und im Kriege für die Sowjetunion.
Leider überwog später seine Kritik an Theologen, deren Zusammenarbeit mit dem
Sozialismus ihm zu aufgeschlossen erschien. Dennoch möchte ich seinen Gedanken
fortführen, zumal wie für ihn damals im Blick auf den Krieg für uns heute bei
dem Kampf um den Sozialismus die buchstäbliche Lebensgefahr der Welt einen
treibenden Ansporn ausmacht.
Die Kirchen haben noch jeden
Staat anerkannt. Sie müssen sich doch nicht ausgerechnet gegen den
sozialistischen stellen. Sie haben noch jede Gesellschaftsordnung anerkannt,
und das erst recht, wenn deren Zeit schon vorbei war. Warum haben sie gegen
keine andere so viele angeblich geistige Waffen zusammengetragen wie gegen die
sozialistische und tun es nach deren, wie sie sagen, verdientem Scheitern noch
einmal verstärkt?
Ich denke,weil diese eine ganz neue, ganz freie und ganz
verpflichtende Gesellschaftsordnung keine religiöse Weihe braucht noch will.
Wer aber solche Weihe erteilt und erteilen möchte, will „geistig“ mitherrschen,
- und was heißt „geistig“? Wieder kann ich nur erwähnen, daß die sich darin
Übenden in den verschiedensten Schattierungen und Graden verfahren. Aber die
Ausbeutergesellschaft kann sich auf sie verlassen und umgekehrt. Dagegen im
Sozialismus verliert die Kirche den Stand als Teilhaberin staatlicher Macht wie
als tragende Säule gesellschaftlichen Lebens. Übrigens ein Verhältnis, das dem
im Neuen Testament gemeinten entspricht. Diese Zumutung und Befreiung scheint
aber der Kirche unerträglich.
Daher der Verrat am
Proletariat schon vor dem Manifest und nachher erst recht. Für damals ist er
heute zugegeben, für die Gegenwart aber nicht aufgegeben. Gewiß weiß jeder
kirchliche Vorgesetzte, daß die bestehende Weltordnung Recht und Gerechtigkeit
unterbindet. Im 19. Jahrhundert begründete man offen: Es reicht nun einmal
nicht für alle, und schließlich sind die Proletarier auch nicht so ganz
Menschen wie wir besseren Menschen aus gutem Hause. Heute spricht man
dergleichen nicht aus, aber lügt beziehungsweise widerspricht nicht der Lüge,
daß bei mehr Gewinnen der Konzerne mehr Arbeitsplätze geschffen werden können
für alle, die bereit sind, wie verantwortliche Leute für sich selber zu sorgen.
Man fügt hinzu, daß die Sünde leider nicht ausgerottet werden könne. In diesem
Rahmen bleibt es ja möglich, Wohltätigkeit zu üben. Tatsächlich wird nicht
einmal versucht noch dazu aufgerufen, die Verhältnisse zu bessern, meinetwegen
besser als der Sozialismus vorhat. Sie wissen, daß es nicht ginge, aber daß es
auf dem Wege des Sozialismus geht. Darum verteufeln sie ihn. Sie kommen nicht
auf den Gedanken, ihre eigene Weltanschauung einmal kritisch zu befragen. Sie
machen sich auch nicht versuchsweisedie kleine Mühe, die Weltanschauung der
Arbeiterklasse zu verstehen. Christen, die sich dem Sozialismus anschließen,
gelten, getreu nach Adenauers Wort, als Dummköpfe oder Verräter. Sie werden
aber in aller Regel niemals aufgefordert, sich vor ihren Mitchristen zu
verantworten. Es darf nicht zugegeben werden noch zur Sprache kommen, daß
Klassenkampf herrscht. Wenn das Wort fällt, bedeutet das den Vorwurf, daß die
Kommunisten ihn wollen, und keine Spur Einsicht, daß die Kapitalisten ihn
führen und nicht entbehren können.
Den
philosophisch-atheistischen Bestandteil der materialistischen Weltanschauung
kann ich nicht untersuchen.
Die bedingungslose,
leidenschaftliche Schärfe des Atheismus Lenins erkenne ich voll an. „Pfaffen
mit behördlicher Bestallung“ findet er, wenn schon, erträglicher als „Pfaffen
aus sittlicher Überzeugung“. Denn Religion heißt: Zar und Gutsbesitzer walten
kraft göttlichen Rechts; dieses untersagt den Widerstand gegen das Böse, es
erzeugt fort und fort die Schwäche, die Schwammigkeit, die Feigheit der
Bauernmassen (1908). Lenin kämpft gegen die widerliche „Gottbildnerei“. Ich
merke an: Auch die zehn Gebote tun es, auch die biblischen Propheten tun es und
geißeln die Folgen dieses Unwesens. Denn die Reichen quälen die Armen nicht nur
aufs Blut, sondern halten sich auch noch für religiös prächtig in Ordnung weit
vor allen anderen. Jesus kündigt an, daß die Armen und Solidarischen das Land
und die Welt besitzen werden, und ruft ein fürchterliches Wehe über
Kirchenleute, Schriftgelehrte. die „der Witwen Häuser fressen“ und „lange
Gebete vorwenden“, die „Land und Wasser umziehen“, um einen Gläubigen zu machen,
„und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig
mehr, denn ihr seid“, aktuell gesprochen einen Bürgerlichen.
Karl Barth nennt die falsche
Lehre, Unterschiede zwischen den Menschen als Gottes Willen und Gebot zu
sanktionieren, die Theologie des „Christen als Bourgeois“, der das Evangelium
seinem Herrschafts- und Bereicherungsstreben unterordnet.
Werfen wir einen Blick auf
die Blutspur, die die Kirchengeschichte begleitet durch die Jahrhunderte -
Zwangsbekehrungen, Verfolgung der Juden, Kreuzzüge und Ausrottung ganzer
Völker, Verführung, politische Verbrechen und Kriege bis hin zu dem Aggressionskrieg
gegen Jugoslawien -, so steht auch der Christ fassungslos vor dem Anspruch der
Kirche auf öffentliche Geltung und Unterhaltung und auf die Rolle des Anklägers
und Richters über Sozialismus, Sozialisten und Kommunisten. Wir entdecken da
keine Selbsterkenntnis ihrer Mitschuld an Härte und sogar Verfehlungen des
sozialistischen Staates, geschweige die Einsicht, daß bei uns jene Härte gerade
ihr gegenüber mit viel Milde gepaart war, einschließlich, wie ich meine,
sträflicher Milde.
Um die Vorwürfe aber
dialektisch-materialistisch zurechtzurücken und meinetwegen die Kirchen
partiell zu entlasten, erinnere ich an eine mir seit 1989 überaus aufschlußreiche
Passage des Manifests der Kommunistischen Partei: Bei der „allen vergangenen
Jahrhunderten gemeinsamen Tatsache“ der „Ausbeutung des einen Teils der
Gesellschaft durch den andern“ ist es kein Wunder, „daß das gesellschaftliche
Bewußtsein aller Jahrhunderte, aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit zum
Trotz, in gewissen gemeinsamen Formen sich bewegt, in Bewußtseinsformen, die
nur mit dem gänzlichen Verschwinden des Klassengegensatzes sich vollständig
auflösen“.
Mithin konnten sie sich noch
nicht aufgelöst haben, auch nicht bei Genossen, was nicht nur auf
opportunistische Genossen zutrifft. Die Kirche hatte zweitausend Jahre, der
Sozialismus wenig mehr als einhundertfünfzig.
Die Frage, warum sich selten
ein Theologe der Kommunistischen Partei anschließt, halte ich nun für
hinreichend beantwortet, wenn auch nicht befriedigend geklärt.
III.
Einige Erfahrungen und
Überlegungen dürften mehr oder weniger zum Thema gehören.
1. Als Mitglied der
Kommunistischen Partei muß ich mich vor Fehlern hüten. Daß sie aus dem
Christsein kommen könnten, fürchte ich nicht, eher aus der bürgerlichen
Herkunft. Ich erlebe oft, daß Arbeiter direkter, sicherer und richtiger
urteilen und entscheiden und ich mich korrigieren muß. Wir sind froh über
unsere Grundorganisation mit Arbeitern aus der Schwedter petrolchemischen und
Papierindustrie. Ihre monatlichen Zusammenkünfte brauchen wir. Neulich
verstörte mich, an einem Tage gleich zwei auswärtige Genossen nacheinander die
grundlegende Wichtigkeit der führenden Klasse ironisch abhandeln zu hören.
2. Niemand wird als
Kommunist oder als Christ geboren. Aber jeder wird in die Klasse seiner Eltern
hineingeboren. Leben diese nun bewußt sei es als Kommunisten, sei es als Christen,
wird der Mensch früh vorgeprägt. Damit hat er einen Vorzug, wenn er selber
aktiv wird. Andererseits besteht aber die Gefahr, daß die Gewohnheit das
richtige Nachdenken einschläfert und die Sache an diesem Menschen profillos bis
bedeutungslos wird. Eine mögliche Ähnlichkeit bei Marxisten und Christen. Eine
verbreitete weitere Ähnlichkeit: Vielen sind ihre grundlegenden Schriften zu
wenig bekannt. Und noch eine: Beide können ihre Sache nur leben als lebenslange
Aufgabe, und wenn diese nicht auch Spaß macht, könnte schon ein Holzweg
eingeschlagen sein. Man bedenke aber, welchenVorzug im Prinzip die meisten
Menschen aus der DDR haben, die heute über 25 Jahre alt sind. Dieser müßte noch
einmal zu mobilisieren sein.
3. Eine hier wie dort
jeweils sehr komplizierte Schwierigkeit führt von der Theorie direkt in die
Not. Die richtige Theorie erweist sich als lebenswichtig. Auf Spötteleien über
das Streben nach der „reinen Lehre“ reagiere ich empfindlich. Eine Abweichung
kann tödlich sein. Wir alle haben das erlebt, und hier haben wir es auch am
Christentum betrachtet. Die richtige Theorie wird aber nur wirksam im
gemeinsamen Verstehen, Entscheiden und Tun, im Kollektiv, insofern eine
Methode, kein fertiges Dogma. Dazu kann sie indes werden, wo nicht oder nicht
solidarisch diskutiert wird. Ein Problem, das dringend angegangen werden müßte,
ist a) der erbitterte Streit um nicht wichtige theoretische Fragen, b) die
Schwierigkeit, wichtig und unwichtig jeweils zu unterscheiden, und c) sowohl in
wichtigen als auch in unwichtigen Fragen die vernichtende moralische
Verteufelung des Abweichenden oder Irrenden, die Lenin nicht kannte.
4. Unter unseren aktuellen
Aufgaben finde ich besonders wichtig, voranzukommen in gewerkschaftlicher
Arbeit und in praktischer Solidarität mit Arbeitslosen.Ich weiß aber nicht wie.
Für den erforderlichen praktischen Internationalismus sind wir vielleicht noch
zu wenige. Aber für uns hilfreich wären wahrscheinlich zum Beispiel die
Genossen aus Kuba und Chile, und wir würden vielleicht gebraucht von den
Genossen in einigen afrikanischen Ländern. Viel deutlicher und umfangreicher
sollte sich von selbst verstehen die Verbindung mit den Kommunistischen
Parteien in den Ländern, die unsere Bruderländer waren.
Inbezug auf den
Internationalismus haben wir untereinander wie auch den Menschen, die wir
gewinnen müssen, auch emotional viel
zu sagen. Ich denke etwa an den Gruß der Redaktion der UZ zum Neuen Jahr auf
Seite 1 der Ausgabe vom 22. Dezember. Darin fand ich, wenn noch einmal ein
Schlenker zu dem engeren Thema dieser Ausführungen gestattet wist, was in der
Predigt zu Weihnachten aktuell zu sagen war und wozu mir keines der mich
erreichenden Kirchenblätter verholfen hatte.
5. Wenn ich kurz sagen soll,
was mich auch als Theologen zur Mitarbeit in der Kommunistischen Partei bewegt,
möchte ich es mit den alten, neuen Worten tun:
Brüder, zur Sonne, zur Freiheit - Proletarier aller
Länder, vereinigt euch! - Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.
Erinnerung aus
einer abtretenden Generation
zur Mahnung an
kommende Generationen
Zum Zusammenhang von Theologie und Geschichte
von Hanfried Müller
Für meine Generation fiel
der Beginn ihrer aktiv-politischen Existenz mit der Niederlage des deutschen
Faschismus zusammen. Zumindest der Teil dieser Generation, der 1945 den Sieg
der Anti-Hitler-Koalition nicht als „Zusammenbruch“, sondern als Befreiung
Deutschlands verstand, sah sich herausgefordert durch die historische
Notwendigkeit gesellschaftlicher Entrümpelung und gesellschaftlichen
Neuaufbaus. Wir erkannten sie als unsere Aufgabe und waren doch höchst
mangelhaft darauf vorbereitet. So bestimmte uns eine einzige Frage: „Was sollen
wir tun?“
In dieser Frage fiel für uns
die ethisch-politische und die historische Aufgabe unseres Lebens zusammen.
Unsere ethische Frage war die Frage nach der Verantwortung für unsere
Geschichte - sowohl für die Geschichte, die hinter uns lag mit ihrem Soll und
Haben als auch für die Geschichte, die vor uns lag mit ihren Chancen und
Problemen. Für die Schulden unserer Geschichte mußten wir haften, wenn wir ihre
Chance nutzen, den Reichtum ihres Erbes übernehmen und fruchtbar machen
wollten.
Das
gesellschaftlich-politische Ethos begründete unser Interesse an der geschehenen
Geschichte, an der Vergangenheit. Aber unser Interesse war nicht archivarisch,
sondern existentiell: es ging um unsere
Geschichte und um unsere
Vergangenheit. Wir wollten nicht so sehr, wie eine Generation nach uns das
formulierte, unsere Vergangenheit bewältigen
als vielmehr unsere Zukunft. Das aber
konnten wir solange nicht, wie die Vergangenheit uns fesselte. Darum mußten wir
uns nach der äußeren Befreiung auch innerlich befreien von vielem, was uns
geprägt hatte. Wir mußten lernen, unser geschichtliches Erbe kritisch anzutreten,
das Wertvolle zu mehren und die Schuld zu begleichen.
So lenkte die nach vorn
gewandte Frage gesellschaftlich-politischer Ethik: „Was sollen wir tun?“ den
Blick zurück auf die historische Frage: „Was hat standgehalten?“
Damit bekam die historische
Frage sofort ihre Parteilichkeit: Was dürfen wir aufnehmen in das Fundament
unseres Neubaus, weil es noch fest ist? Was aber müssen wir verwerfen, weil es
morsch ist und, verwendeten wir es wieder, den Neubau zum Einsturz brächte? Wo
finden wir in der Vergangenheit die Keime der Fäulnis, die wir abtöten sollten?
Was können wir brauchen aus der geschehenen Geschichte, um es zu benutzen in
der zu machenden Geschichte? Und: Wo finden andere in der geschehenen
Geschichte das Material, um das Überlebte, aus dem das Unheil erwachsen ist, zu
restaurieren, so daß sich noch einmal zu wiederholen droht, was sich nie wiederholen
darf.
Was sich nie wiederholen
durfte, das war Faschismus und Krieg. Mit diesem politisch-moralischen Urteil
begann unsere historische Verantwortung. Aber das war zunächst ein negatives Urteil.
Aus dieser Verneinung mußte
vorwärts gefragt werden, welche Bejahung ihr entspräche: Wir brauchten ein Programm.
Und dieses Nein erforderte
es, zurückzufragen nach den Gründen und Bedingungen der Barbarei, wie Kriege
gemacht werden und wie der Faschismus entsteht: Wir brauchten eine Analyse.
Dessen waren wir uns ja
bewußt, daß wir für den Terror und den Völkermord, der von unserem Land
ausgegangen war, mitverantwortlich waren. Zumindest die meisten jungen Männer
unter uns waren „Waffenträger der Nation“ gewesen, und mit unseren Waffen hatten
wir dem Terror und Völkermord in ganz Europa Raum geschaffen. Zugleich waren
wir, sofern wir aus der Bekennenden Kirche kamen, mehr oder weniger
leidenschaftlich Hitlergegner, jedenfalls aber doch keine „Nazis“ gewesen. Im
Unterschied zu den „Deutschen Christen“ hatten wir zwischen Christentum und
Nazismus eine Alternative gesehen und in dieser Entscheidung auf seiten der Kirche
gestanden.
Das Bewußtsein, mit unserer
Ablehnung des Nazismus recht gehabt zu haben, hat uns zwar ein für allemal
gelehrt, daß Recht zu haben keineswegs mit der Majorität der Meinungen
zusammenfallen muß, ja, daß es, wie Dietrich Bonhoeffer im Blick auf die Nazis
einst feststellte, verhältnismäßig gleichgültig ist, was die Mehrheit denkt.
Aber dieses Bewußtsein mischte sich eigenartig mit dem Bewußtsein unserer
Schuld. Wir hatten das Schwert nicht zum Schutz des Rechtes der Schwachen
geführt und gewußt, daß darum das „Gott mit uns“ auf unseren Koppelschlössern
Gotteslästerung war; aber eben: wir hatten das gewußt, aber uns doch nur
innerlich gegen die Macht aufgelehnt, der wir dienten. Wir empfanden, daß wir
das Gute gewollt, aber Böses getan hatten. Wir warfen uns unsere Feigheit vor,
weil wir den Götzen als Götzen erkannt, ihm aber, wenn es zu gefährlich wurde,
dennoch ein paar Körnchen Weihrauch gestreut hatten. Wir stimmten zunächst ganz
überein mit dem, was die Kirche im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ sagte, daß
wir nicht genug bekannt, gebetet,
geglaubt und geliebt hätten: wir waren gut gewesen, aber wir hätten besser sein
müssen.
Wir empfanden zwar diese
Halbheit als Widerspruch, versuchten diesen Widerspruch aber zunächst allzu
schematisch zu lösen. Wir meinten irgendwie, daß wir als Deutsche insgesamt im
Unrecht, als Christen jedoch insgesamt im Recht gewesen wären - als ob es keine
deutschen Kommunisten und Demokraten gegeben hätte, die die ersten Gegner und
Opfer des faschistischen Terrors waren, und als ob es nicht eine überwältigende
Mehrheit, eben nicht nur von „Deutschen Christen“, sondern überhaupt von
Christen in Deutschland gegeben hätte, die sehr unchristlich selbstsüchtig der
„Wiederherstellung der deutschen Weltgeltung“ und der Ausrottung des „gottlosen
Bolschewismus“ durchaus applaudierten und nur dies gegen den Nazismus
eingewandt hatten, daß er christentumsfeindlich und antikirchlich sei.
Aber weil wir in all dieser
Unklarheit doch dies festhielten: „Nie wieder Faschismus und Krieg!“, darum
kamen wir in eine selbstkritische Bewegung angesichts der Aufgabe des Neuaufbaus
und der Ausrottung der Wurzeln faschistischer Barbarei.
Ob wir nun mehr von
konservativen oder liberalen oder allzu kirchlich klerikalen Traditionen
geprägt waren, wir alle, die wir aus bürgerlich-christlichen Überlieferungen
kamen, mußten erkennen, daß unsere eigenen Leitbilder scheinbar unentwirrbar
vermischt waren mit Elementen, die dem Nazismus gedient hatte. Darum konnte
jedenfalls der gesellschaftliche Neubau, den wir auf den Trümmern der deutschen
Gesellschaft errichten mußten, kein „Wiederaufbau“ des Alten sein. Darum
konnten unsere Ideale von gestern, mit denen wir zu Antinazis geworden waren,
nicht unverändert zu Richtlinien für morgen, für den neuen Aufbau werden. Aber
uns fehlte noch der Maßstab, an dem wir das Tragfähige und das Faule in unserer
Gesellschaft unterscheiden konnten.
Wir konnten, um unseren
Irrweg zu erkennen, nur Rat suchen bei denen, die nicht so widersprüchlich wie
wir, sondern eindeutig auf der richtigen Seite im Kampf gegen die Barbarei
gestanden hatten, die rechtzeitig vor dem Faschismus gewarnt, ihn geradlinig
und mutig bekämpft und schließlich gesiegt und uns befreit hatten.
Und im Gespräch mit ihnen
ergab sich eine uns überraschende, wenn auch notwendige Wechselbeziehung: Wer
in die Zukunft hinein richtig Geschichte macht, der kann auch rückwärts in die
Vergangenheit hinein Geschichte richtig erklären. Die richtige Parteilichkeit
im Heute ermöglicht die Objektivität im Rückblick auf das Gestern. Es waren
diejenigen, die Deutschland nicht in eine klerikal-patriarchalische, eine
konservativ-autoritäre, eine liberal-parlamentarische Ordnung zurück, sondern
zu einer sozialistischen Demokratie vorwärts führen wollten, die uns die Frage
beantworten konnten, wie Kriege gemacht werden und wie der Faschismus
entstanden sei, wer ihn gewollt hatte und wen er benutzt und wer von ihm
profitiert hatte.
Indem wir dies begriffen,
daß der Weg zur demokratischen Volksrepublik unsere Aufgabe sei und daß der
Faschismus, der in Deutschland die besondere Form des „Nationalsozialismus“
angenommen hatte, seine Wurzeln in der überlebten bürgerlich-imperialistischen
Gesellschaft hatte, standen wir vor dem Problem des Klassenkampfes.
Hier brach unsere vielleicht
schwerste Aufgabe auf: wir mußten erkennen, daß unsere Kirchen - und wir mit
ihnen - am Klassenkampf beteiligt waren. Mit dem Trugbild, der Klassenkampf sei
so etwas wie eine Aggression der Neidischen von unten, und mit der Einbildung,
er sei durch eine Klassenversöhnung zu überwinden, war unsere Kirche in eine gefährliche
Nähe zum Faschismus geraten, der seine Klassenposition mit der scheinneutralen
These von der „Volksgemeinschaft“ vernebelt hatte, um den Klassenkampf nur
desto brutaler von oben führen zu können. So mußte unsere Selbstbefreiung zur
Selbstreinigung von den Bakterien der Fäulnis werden, die gerade auch solchen
Traditionen anhaftete, die wir für dem Faschismus gegenüber steril gehalten
hatten: den Traditionen des Christentums.
In dem Maß, in dem wir
unsere historische Schuld als die Schuld unserer Klasse erkannten und die
Schuld unserer Klasse als unsere Schuld übernahmen, mußten wir erkennen, daß unsere
Kirche mitschuldig an dieser Klassenschuld war.
Die Gleichung: „Die Kirche
ist gut. Die Welt ist böse“, mit der wir dem Nazismus begegnet waren, erwies
sich als falsch. Wir mußten lernen, in einem viel zentraleren Sinne von unserer Schuld zu sprechen: die Kirche
selbst trug Schuld an der Verführung der Welt.
Indem sie das Ihre suchte,
hatte sie um kirchlicher Eigeninteressen willen ein Bündnis mit den reichen
herrschenden Klassen geschlossen und so Jesus Christus als den Heiland der Armen und Geringen verleugnet.
Sie hatte vergessen, daß sie selbst die Gemeinde begnadigter Sünder ist und
eine Front der Frommen gegen die Unfrommen aufgerichtet und so Jesus Christus
als den Retter der Gottlosen verleugnet.
Sie hatte vergessen, daß sie selbst nur das wilde Reis am Stamme Israels ist,
und es war mitten in ihr ein „christlicher“ Antisemitismus entstanden, und so
hatte sie Jesus Christus als den Sohn
Davids verleugnet. Sie hatte vergessen, daß ihr Herr die Friedensstifter
selig gepriesen hatte, und hatte Eroberungskriege zum höheren Ruhm des
„Vaterlandes“ sanktioniert, und so hatte sie Jesus Christus als den Friedensfürsten verleugnet.
Wir mußten begreifen, was
wir schon empfunden hatten, als sich im Kirchenkampf unsere kirchlichen
Institutionen als unfähig erwiesen, das Evangelium lautwerden zu lassen und
daran zerbrachen, nämlich was es heißt, wenn die Schrift vom „Schaden Israels“
spricht, von etwas, das ernster ist als individuelle moralische Schuld. Und wir
ahnten, warum das Neue Testament warnt, daß die Antichristen von der Kirche
ausgehen in die Welt. Wir verstanden, daß es - gefährlicher als sittliches
Versagen und persönliche Sünde des Einzelnen - eine historische gesellschaftliche
Schuld und eine Sünde der Kirche gibt. Darum mußten wir gemeinsam mit allen
bekennenden Christen dem Gebot und der Verheißung einer Reformation der Kirche
entsprechen, und darum mußten wir nun gemeinsam mit allen antifaschistischen
Demokraten eine andere, neue Gesellschaft aufbauen.
Nicht allein um die Buße des
Einzelnen als Umkehr von individueller Sünde und nicht um die Buße der Völker
und Heiden als Umkehr von der Welt zur Kirche, sondern um die Buße der Kirche ging es: um die Umkehr
der abtrünnigen Tochter zu ihrem Herrn.
Das Schuldbekenntnis: „Wir
haben gesündigt und unsere Väter“ betraf wie unsere ganze politische und
ethische, so auch unsere kirchliche und theologische Existenz. Als Kirche waren wir ja politisch in die
Irre gegangen und hatten andere in die Irre geführt.
Aus der Buße heraus fragten
wir neu nach der rechten Lehre, und aus der Buße heraus wandten wir uns
kritisch unserer Geschichte zu. In der Dogmatik suchten wir das Wort, das uns
in die Zukunft führte, und fanden in der Schrift den Maßstab und Richter, um
unsere Tradition kritisch zu differenzieren.
Wir mußten uns zu der harten
Einsicht durchringen, die uns Hans-Joachim Iwand vermittelte: „Es ist ein
geschichtliches Phänomen von besonderer Bedeutung, daß gerade die von Luther herkommende
Theologie besonders anfällig war für den Nationalsozialismus“ Wir mußten erkennen,
daß Karl Barth Recht hatte, wenn er diejenigen, die zur Legitimierung ihres
deutschen Christentums von Luther ausgehend die Linie Friedrich II. - Bismarck
- Hindenburg - Hitler erfunden und beschworen hatten, nun bei dieser
Konstruktion behaftete und dieses deutsche christliche Erbe einer radikalen
Kritik unterzog. Wir waren herausgefordert zur „Evangelischen Selbstprüfung“.
Und in dieser Selbstprüfung konnte vieles nicht bestehen, was in unserer Kirche
zur „lutherischen Tradition“ gehörte und leider zum nicht geringen Teil
wirklich von dem Luther stammte, der seit den „Wittenberger Unruhen“ 1521/22
immer reaktionärer reformatorische Erkenntnisse zurückgenommen und längst
überwundene Positionen restabilisiert hatte - von seinen entsetzlichen Bauernkriegs-
und Antijudenschriften bis hin zu Revokationen theologisch sublimerer
ursprünglicher reformatorischer Erkenntnisse.
Wie unser politisches
Verhalten und Ethos und das unserer Väter, so mußten wir auch die Lehre
überprüfen, die unsere Väter uns überliefert hatten. Einige hatten mit dieser
Lehre mutig widerstanden, andere waren mit ihr in das Lager der Nazis
übergelaufen. Sie hatte sich also nicht so eindeutig und umfassend als Schutz
vor aller Versuchung bewährt, wie wir das in unserer naiven Orthodoxie gemeint
hatten.
War die Lehre der Väter
falsch, oder hatten wir sie mißverstanden und mißdeutet? Hatte das politische
Verhalten, aus dem unsere Schuld erwachsen war, dieser Lehre entsprochen oder
ihr widersprochen? Wir mußten zugleich kritisch nach Lehre, Handeln und Geschichte
unserer Kirche fragen: ihre Dogmatik und
ihre Ethik und ihr Geschichtsbild
bedurften einer Neubesinnung.
Ich meine, wegen dieses -
oft so wiedersprüchlichen - Zusammenhanges zwischen Lehre und Geschichte der
Kirche gehören die beiden in der Theologie- und Kirchengeschichte so oft weit
auseinanderlaufenden Disziplinen, die dogmatische und die kirchengeschichtliche
Besinnung, zusammen. Traditionell haben die meisten Dogmatiker ihrer „Dogmatik“
eine „Ethik“ zugeordnet, um die Zusammengehörigkeit von Glaube und Liebe,
Bekennen und Tun, Lehre und Wandel der Christen zu unterstreichen. Nur wenige
aber sind dabei der Gefahr entgangen, auf diesem Wege zu abstrakt vom zeitlosen
Gesetz eines allgemeinen Gottes und zu abstrakt von einem isolierten Individuum
als ethischem Subjekt zu reden. Im Neuen Testament jedenfalls sind die
„dogmatischen“ und „ethischen“ Aussagen miteinander so verschlungen, daß eine
Trennung dieser beiden „Disziplinen“ gar nicht erkennbar ist; tatsächlich aber
steht erkennbar neben den Zeugnissen der der Gemeinde aufgetragenen evangelischen
Lehre, in der, was wir Ethik und Dogmatik nennen, zusammengefaßt ist, eine Kirchengeschichte
in nuce: die Apostelgeschichte.
Wäre es darum nicht geraten,
auch in der Ordnung der theologischen Disziplinen an der Stelle, wo es um die
Wirksamkeit oder Unwirksamkeit des schöpferisch-gebietenden Wortes Gottes in
der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Menschen geht und also um den Gehorsam
oder Ungehorsam seines Volkes, um die Nachfolge oder Verirrung der Gemeinde,
lieber nach der Geschichte der Kirche zu fragen, nach ihrer vergangenen
und kommenden Geschichte und nach ihren Sünden und der ihr geltenden
Verheißung, als nach einer „christlichen
Ethik“, sei sie nun mehr auf den Einzelnen oder mehr auf die Gesellschaft
bezogen, jedenfalls aber doch meistens nicht speziell auf die Kirche, auf ihren
besonderen Auftrag, ihre Verfehlungen und ihren Gehorsam?
Gottes Gebot ist schließlich
- so gewiß es auf das Heil der ganzen Welt und darin auch des Einzelnen zielt -
weder der menschlichen Gesellschaft insgesamt noch je dem Individuum unmittelbar
gegeben, sondern seinem Volk, und Jesu Gebot sammelt und sendet Gemeinde. Nicht
unmittelbar auf alle und nicht auf abstrakte Einzelne zielt Gottes Gebot;
sondern das „Du“ des Dekalogs meint Israel, und das „ich aber sage euch“ Jesu
meint alle, die ihn hören: Gott gebietet denen, die er in seiner Gnade erwählt,
beruft und anredet, ein Leben, das allen und jedem Einzelnen zugute kommt. So
gilt sein Gebot partikulär der Kirche, sein Evangelium universell der Welt.
Gerade damit das Evangelium für alle wirksam
wird, bedarf es des Gehorsams, der Nachfolge und der Treue der Gemeinde und ihrer konkreten, sich in
der Geschichte vollziehenden, Begegnung mit ihren Mitmenschen in Glaube und
Liebe.
Ich denke, zu den
Erfahrungen, die die Kirche machen mußte, als sie, nicht zuletzt aus einer
gottlosen Angst vor dem Kommunismus, weitgehend der Versuchung erlag,
faschistisch zu werden, gehört auch dies, daß sie nie wieder ausbrechen dürfte
aus dem Prozeß „Evangelischer Selbstprüfung“ (so hieß eine der ersten 1945
erscheinenden Broschüren, in der es um die Frage nach dem „Ertrag des
Kirchenkampfes“ ging), und das heißt aus der Kritik ihrer eigenen Geschichte am
Maßstab der Schrift. In diesem Sinne darf die kirchliche Dogmatik nicht
vergessen, daß die kirchliche Geschichte Gegenstand ihrer kritischen Beobachtung
sein muß.
Ich meine damit, daß die
theologische Frage nach dem lebendigen Wort Gottes, nach seiner Verheißung und
seinem Auftrag für die Kirche, die Frage der Kirche nach ihrer Geschichte bestimmen
muß.
Das Kriterium der
Kirchengeschichte liegt dann nicht mehr unmittelbar in ihr selbst, sondern der Auftrag, die Sendung, die Mission, die
die Kirche von ihrem Herrn empfangen hat, ist das Kriterium ihrer Geschichte. Was Kirche ist, lassen wir uns dann
nicht mehr von der Kirchengeschichte sagen, sondern von der Schrift: die Kirche
ist berufen, selbstlos ihrem Herrn nachzufolgen, der zu den Feinden Gottes geht, mit den Sündern Tischgemeinschaft hält und der
weltlichen Macht zur Kreuzigung von denen ausgeliefert wird, die sich so mit
Gott identifizieren, daß sie es nicht ertragen, wenn Gott sich mit den
Gottlosen identifiziert.
Mißt man so die
Kirchengeschichte am Maßstab der Schrift, dann sieht man sie unter dem Gericht
und der Verheißung, unter dem Urteil und der Gnade Gottes - und darum „kritischer“,
als sie zu sehen wäre, wenn sie nach irgendwelchen aus der Kirchengeschichte
oder der Weltgeschichte selbst gewonnenen Maßstäben kritisch gesehen würde. Und
sieht man sie unter diesem Maßstab, dann sieht man sie nicht von außen, sondern
von innen kritisch, also selbstkritisch, und
nicht nur das, sondern mehr: in Reue und Scham und Buße, in dem
Schuldbekenntnis; Wir haben gesündigt
und unsere Väter!
Solche schriftgemäße vom
Kreuz Christi herkommende Sicht der Kirchengeschichte steht in antagonistischem
Gegensatz zu der Sicht, in der die Kirche geneigt ist, von sich aus - und nicht
von der Schrift her - ihre Geschichte zu sehen.
Von sich aus ist die Kirche
geneigt, ihre Geschichte ebenso zu schreiben, wie eine Nation, eine Klasse oder
eine Partei ihre Geschichte schreibt, nämlich unter der parteilichen Frage, was
dem Subjekt, das da seine Geschichte schreibt, zum Wohle diente, wo die Größe, die
Wirkung, der Einfluß dieser Nation, Klasse oder Partei gemehrt, wo er gemindert
wurde und wodurch. Auch wenn die Kirche solcherart ihre Geschichte schreibt,
kann sie die Kirchengeschichte kritisch und also selbstkritisch sehen: aber sie
fragt dann nicht nach der Ehre Gottes, sondern nach der Ehre der Kirche. Dann
wird Kirchengeschichte ad majorem gloriam ecclesiae und nicht ad majorem
gloriam dei geschrieben. Gerade damit aber stellt sich die Kirche der Welt
gleich, die ihre Geschichte unter dem Gesichtspunkt der Mehrung des eigenen
Wohls schreibt: Kirche aber ist grundsätzlich dazu da, die Wohltaten Gottes
weiterzugeben und nicht für sich zu behalten. Womit Gott ihr und sie anderen
dient - nicht womit sie sich selber dient - ist die Frage, an der, was sie tut
und getan hat, zu messen ist.
Verliert die Kirche das aus
dem Auge, wenn sie ihre Geschichte schreibt, dann tritt die kirchliche
Kirchengeschichtsschreibung notwendig in Konkurrenz oder Konfrontation zur
weltlichen Kirchengeschichtsschreibung. Die Kirchengeschichte ist ja auch ein
Stück Weltgeschichte, so gewiß die Kirche - Gottes Wort schon hörend, schon
glaubend und doch noch zweifelnd und nicht gehorchend - zur Welt gehört. Wo man
in der Welt Geschichte schreibt, da begegnet man in der Geschichte auch der
Kirche - als Bundesgenossen, als Gegner oder als quantité négligeable,
jedenfalls aber mit der Frage, was einem die Kirche nützt oder schadet.
Umgekehrt begegnet die Kirche, wenn sie im Blick auf ihre kirchlichen Eigeninteressen
ihre Geschichte schreibt, den Kräften der Welt mit der gleichen Frage: welche
Strukturen, Ordnungen und Kräfte fördern oder schädigen uns, die Kirche. So wie
sie in ihrem Geschichtsvollzug ihre
Existenz nicht von der Erfüllung ihres Auftrags allein erwartet, sondern
zugleich von einer Basis, die sie in der Gesellschaft findet und von einer Funktion,
die ihr die Gesellschaft zuweist, so fragt sie dann auch in ihrer Geschichtsschreibung geistlich ebenso unkritisch
wie gesellschaftlich kritisch danach, welche gesellschaftlichen Kräfte ihr ihre
Existenz erleichterten: sie wird zum Richter der gesellschaftlichen Mächte und
sieht diese unter dem Kriterium des Wohls der Kirche, wie umgekehrt diese
Mächte, wo sie Geschichte schreiben, die Kirche unter dem Kriterium der
Förderung ihrer eigenen Interessen beurteilen. Das ist die Gleichstellung der
Kirche mit der Welt in der Historiographie!
Anders müßte das Verhältnis
einer nach der Ehre Gottes und nicht nach der Ehre der Kirche fragenden, einer
am Auftrag der Kirche und nicht an
der Selbstbehauptung orientierten kirchlichen zur weltlichen
Kirchengeschichtsschreibung sein.
Die „Parteilichkeit“ der
Kirche müßte sich ändern, wenn sie, indem sie ihre Geschichte schreibt, nicht
daran denkt, sich selbst zurechtfertigen, sondern daran, daß sie selbst aus der
Rechtfertigung der Gottlosen lebt und dazu da ist, auch in ihrem historischen
Verhalten Gottes Liebe zu seinen Feinden zu bezeugen. Sie würde dann in der
Nachfolge ihres Herrn nicht mehr für sich selbst Partei nehmen können, sondern
nur noch für die, zu denen sie gesandt ist: In der Buße werden wir uns selbst
mit den Augen unserer Feinde, mit den Augen der von uns Verletzten, mit den
Augen unserer Opfer und so unter dem Urteil Gottes sehen.
Wenn ich - angesichts der
Geschichte meiner Kirche, die auch meine Geschichte ist - in Reue an die
kirchliche Legitimation des gottlosen Antisemitismus denke, dann kann ich nicht
anders, als mich mit den Augen eines Juden in Maidanek als Spießgesellen der Mörder
sehen. Wenn ich in Reue an die kirchliche Verleugnung des Heilandes der Armen
denke, dann kann ich mich nicht anders als mit den Augen eines vom Kapital zur
Existenz als Arbeitstier verdammten, von der Kirche aber nur zur Demut
ermahnten und durch ihre Schuld am Glauben gehinderten Proletariers sehen. So
wird der „Blick von innen“ auf meine Kirche und ihre Geschichte durch die Buße,
durch die Abwendung von uns selbst und die Hinwendung zu Christus und den
Nächsten, zu einem „Blick von außen“: In der Buße muß ich lernen, mich mit den
Augen derer zu sehen, an denen ich gesündigt habe. Da bricht dann meine
Selbstgerechtigkeit, auch meine kirchliche Selbstgerechtigkeit, zusammen. Da
kann ich nicht mehr entschuldigend denken, daß wir doch wenigstens immer das
Gute gewollt hätten, etwa in der Richtung, die Kirche hätte sich doch wenigstens
schützend vor die „christlichen Nichtarier“ gestellt oder sie hätte doch
zumindest hier und das auch die Unternehmer zur „Versöhnung“ im Klassenkampf
gemahnt.
All solches Denken wird in
der aus der Buße kommenden Reue, wenn wir von außen auf uns selbst blicken,
ersticken und wir werden sehen: Sogar und gerade da, wo wir gerecht sein wollten,
sind wir unseren Nächsten nicht gerecht geworden. Wo wir das Wollen des Guten
hatten, war dennoch das Tun des Bösen. Und in der ganzen Kirchengeschichte
findet sich kein Werk, das uns rechtfertigen könnte, außer dem Werk Jesu
Christi. Er aber wurde gekreuzigt - von den Seinen, auch von uns, verleugnet
und verlassen. Und gerade so, als die Schuldigen und unsere Schuld Bekennenden,
sind wir berufen, seine Zeugen zu sein, damit sein Werk, wie es an uns
geschieht, auch durch und mit uns geschehe.
Auch evangelische
Kirchengeschichtsschreibung ist parteilich. Aber ihre Parteilichkeit wurzelt in
der Liebe Jesu zu den Sündern und nicht in kirchlicher Selbstliebe. Darum kann
sie die Kirchengeschichte so „profan“, so von außen, so mit den Augen der
anderen sehen, weil es ihr um Gottes Gerechtigkeit für die Ungerechten und
nicht um die eigene Gerechtigkeit der Kirche geht. Sie fragt nach dem Auftrag der
Kirche und danach, ob die Kirche ihm in ihrer Geschichte entsprochen hat und
entspricht: ob sie recht tut. Daran,
ob sie gerecht erscheint, ist sie
uninteressiert. Sie hat ja einen anderen Maßstab als die Gesellschaft und deren
Kirche, wenn beide in ihrer Geschichte nach ihrer eigenen Gerechtigkeit und Größe und Ehre fragen. Sie mißt die
Kirche in ihrer Geschichte daran, ob über deren Taten Gott gelobt oder
gelästert wird. An diesem Maßstab gemessen aber wird gerade die triumphierende,
große und herrschende Kirche zur falschen Kirche, und die Kirche unter dem
Kreuz, die kleine Herde, die dienende Gemeinde zur wahren Kirche dessen, dessen
Kraft in den Schwachen mächtig ist.
von Gerhard Winter
Wer wird denn keine Freiheit
wollen? Für die Freiheit zu sein, Freiheit als eine Errungenschaft von großer
Bedeutung zu würdigen, das gehört bei allen Klassen und Schichten, bei allen
politischen Gruppierungen in der bürgerlichen Gesellschaft zu den Selbstverständlichkeiten.
„Freiheit“ ist unbestritten ein Grundwert, zumindest in der sog. Ersten Welt.
Meinungsverschiedenheiten gibt es höchstens noch darüber, ob diesem Wert der
erste oder zweite oder gar nur der dritte Rang gebührt. Mögen akademische
Philosophen oder philosophierende Akademiker sich darüber ihre Köpfe zerbrechen
- meine Sache ist das nicht.
Seit französische
Revolutionäre „Liberté“ neben „Égalité“ und „Fraternité“ auf ihre Fahnen
schrieben, ist mir keine einigermaßen geschichtlich bemerkenswerte Aktion
bekannt, wo nicht im Namen der Freiheit gehandelt wurde. Doch fürchte ich, mit
steigender Menge des Gebrauchs verliert das Wort weiter an Gehalt, verkommt
tendenziell zur leeren Phrase. Schade darum; denn „Freiheit“ gehört zu den
Sprachelementen, die Menschen zu aktivieren vermögen. Jedenfalls gibt es für
Sozialisten/Kommunisten keinerlei Grund, die Losung „Freiheit“ anderen zu
überlassen. Vielmehr sollte die häufig entleerte Worthülse mit neuem, mit
sozialistischem, ein wirkliches Verhältnis adäquat abbildendem Inhalt gefüllt
werden. - Daran will ich mich versuchen.
Freiheit für
wen?
Frei will ein
jeder sein. Hier stutze ich schon. Ein altes Manuskript kommt mir in den Sinn,
geschrieben 1845/46, erstmalig gedruckt im Jahre 1932, dann von den deutschen
Faschisten zur Vernichtung auf dem Scheiterhaufen bestimmt. In diesem Buch,
betitelt „Die deutsche Ideologie“, lese ich auf Seite 191: „Nach England kommt
ein Yankee, wird durch den Friedensrichter daran gehindert, seinen Sklaven
auszupeitschen, und ruft entrüstet aus: ‘Do you call this a land of liberty,
where a man can’t larrup his nigger?’“ [1]
Wie kann ein jeder frei
sein, wenn die Freiheit des einen (des Sklavenhalters) die Freiheit des anderen
(des Sklaven) und wenn das Verständnis von Freiheit des englischen Bürgers und
des amerikanischen Südstaatlers einander ausschließen? Auch wenn die Sklaverei
längst abgeschafft oder wenigstens verfemt ist, hat sich doch daran im Grunde
nichts geändert und kann sich nichts ändern, solange die Völker von sozialen
Gegensätzen zerrissen sind, die Spaltung in reiche und verarmte Länder anhält,
die Gesellschaft vom Wolfsgesetz der Konkurrenz beherrscht wird, ethnische
Unterschiede zu unversöhnlichen Gegensätzen
hochgeputscht und Kriege geplant, vorbereitet und geführt werden. Ergo
muß sich jede Überlegung zur Freiheit zunächst auf ein bestimmtes Subjekt
beziehen: x ist frei.
Deshalb, wenn von Freiheit
die Rede ist, lautet meine erste Frage: Wessen Freiheit ist gemeint? Im Herbst
1989 hallte es durch die Städte der DDR: „Freiheit ist immer die Freiheit für
Andersdenkende“, manchmal auch noch weitergehend: „Freiheit für andere“. Da
ging und geht es mir wie dereinst Bert Brechts lesendem Arbeiter - Fragen über
Fragen. Wer ist mit den Andersdenkenden gemeint? Auch alte und neue Faschisten?
Auch Kriminelle? Auch Kriegsverbrecher - solche, gegen die Anklage erhoben
wird, und solche, die dauerhaft von jeder Anklageerhebung freigestellt sind?
1989 - Freiheit für die Organe und Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit oder
des Bundesnachrichtendienstes?
Eine Berufung auf Rosa
Luxemburg, die „Freiheit für Andersdenkende“ verlangte, löst das Problem nicht.
Denn Rosa hatte die Verhältnisse in ihrer Partei gemeint, und sie kannte weder
die Verbrechen zweier Weltkriege noch die Greueltaten der braunen Pest, sie
kannte weder Buchenwald noch Auschwitz, aber auch nicht Hiroshima und Nagasaki,
nicht McCarthy noch all das, was im Namen der „Freiheit des way of life“ nach
1945 geschah. Ob sie wohl, wenn sie das alles erlebt hätte, ihre Losung aufrechterhalten
hätte? Man darf ihre Aussage weder aus dem sachlichen noch aus dem zeitlichen
Zusammenhang reißen. Außerdem haben viele der 1989 in der DDR „anders
Denkenden“ diese Losung längst vergessen; sie meinten damals eigentlich „Freiheit
für uns!“
Fazit: In vielen Fällen wird
nichts anderes bleiben als Partei für die eine oder andere Seite zu ergreifen.
Ein verschämtes oder auch unverschämtes Ausweichen davor schläfert ein, wo
Wachsamkeit geboten ist, verhüllte Parteinahme aus schlechtem Gewissen oder mit
böser Absicht. Die Aussage „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“
ist fast beliebig interpretierbar; das Subjekt der Freiheit muß konkreter
bestimmt werden.
Das Wesen der
Freiheit
Daß Freiheit grenzenlos sei, mag der Poet im
Überschwang seiner Gefühle singen. Sachliches Denken enthält sich solcher Übertreibung.
Ein ernst gemeintes Verlangen nach grenzenloser Freiheit wäre genau so närrisch
oder demagogisch wie die Verharmlosung der Kriminalität, des Terrors, des
Krieges, der Brutalität aller Art als Preis der Freiheit. [2]
Wenn Menschen Freiheit fordern, dann meinen sie immer bestimmte konkrete
Freiheiten. Wenn es aber immer um bestimmte Freiheit geht, dann ist Freiheit
a) etwas sich Entwickelndes (was Rückschläge und
Irrwege einschließt) und
b) eine
zweistellige Relation.
Es genügt nicht
zu sagen „x ist frei“, sondern wirklich sinnvoll ist nur die Aussage: „x ist
frei von... bzw. zu...“
Ein Freiheitspostulat oder
-verlangen ohne diese nähere Bestimmung degeneriert unvermeidlich zu
schrankenloser Willkür (etwa der „blonden Bestie“?). Die gegenwärtig populäre
Form solchen Mißverständnisses, die ein wenig an den Neoliberalimus von Gnaden
u. a. der F.D.P. erinnert, lautet: Frei bin ich wenn ich tun und lassen kann,
was ich gerade will. (Es sei hier einmal davon abgesehen, wie sehr dieses „was
ich gerade will“ von der Politik und den Medien manipuliert wird!) Theoretisch
führt das zum Voluntarismus und schließlich ins Absurde. Dies zumindest ahnend,
wird entweder aus purer Verlegenheit oder in Anlehnung an die „Erklärung der
Menschenrechte“ von 1791 eingeschränkt: „... wenn es niemand anderem schadet.“
Aber gerade das stellt sich bei näherem Hinsehen als das eigentliche Problem,
als vielfach unmöglich heraus. Nein, damit kommen wir der Lösung des
Freiheitsproblems keineswegs näher.
In gegenwärtig verbreiteter
Literatur, angefangen vom Grundgesetz der BRD bis hin zur Tagespresse, wo fast
jede Zeitung sich als unabhängig bezeichnet und die wirklichen Abhängigkeiten
verschweigt, begegnet uns gewöhnlich eine Reduktion der Freiheit auf Freiheit
von Bindungen, auf Lossein von allen möglichen Schranken. Wenn solche Einseitigkeit
zu Ende gedacht wird, dann wird Freiheit zur Illusion des Losseins von der
wirklichen Welt und schließlich auf bloße in Freiheit des Geistes umgedeutete
Geistlosigkeit, Freiheit unter Umständen auch zur Lüge.
Ich schätze die Freiheit
bzw. Befreiung von mancherlei Bindungen, ihr Loswerden oder Lossein gewiß nicht
gering. Aber die Beschränkung auf das
Freisein von ... erweist sich als
eine folgenschwere Amputation. In der Philosophie ist diese mit verschiedenen
Spielarten des Idealismus verknüpft; politisch führt solche Überzeugung zu
einem Anarchismus, der jeglichen staatlichen Zwang ablehnt; sie ist auch der
Tod aller moralischen und juristischen Verbindlichkeit, Ich kann nur hoffen,
niemals einem Mitbürger solcher Anschauung als Verkehrsteilnehmer zu begegnen.
Wir leben in der Natur und von der Natur und sind als Teil der Natur in
Naturkräfte eingebunden und Naturgesetzen unterworfen. Ohne diese Bindungen
können wir nicht sein, also auch nicht frei sein. Freiheit nur als Abwerfen von Bindungen zu verstehen, ernennt auch die
anderen Menschen sowie alle menschlichen Gemeinschaften und deren Surrogate,
das Eingebundensein in sie, zu Hemmnissen der, in diesem Falle meiner Freiheit,
der Freiheit des Individuums. Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel, aber
ein Robinson ohne das Wissen, das ihm andere vermittelten, ohne das im Wrack
gefundene Werkzeug, das andere produzierten, ohne Sprache, die ihn andere
lehrten, ohne seinen Sklaven Freitag, der ihm leben half, wäre nach solcher
Meinung der freieste Mensch, in Wahrheit aber völlig lebensunfähig und gänzlich
wehrlos seiner Umwelt ausgeliefert. Genanntes Meinen stellt die Wirklichkeit
auf den Kopf, deklariert die Unfreiheit als Freiheit, betreibt gewollt oder
ungewollt Etikettenschwindel.
Das Freiwerden von einer bestimmten Fessel/ Bindung ist
in der Regel eine notwendige Voraussetzung neuer Freiheit zu neuem Tun. In meinem Verständnis ist die Vergrößerung der
Freiheit die Befriedigung eines wirklichen Bedürfnisses. Folglich befreien sich
die Menschen immer nur so weit, wie es ihren Bedürfnissen entspricht, und sie
werden hinwegfegen, was sie an der Bedürfnisbefriedigung hemmt bzw. was sie für
ein solches Hemmnis halten. Dabei ist niemand vor Irrtümern oder Täuschungen
mit nachfolgenden unangenehmen Ent-Täuschungen gefeit. Darum sind Tage der
Befreiung oftmals auch Tage neuer oder alter Unfreiheiten. Ehemalige DDR-Bürger
können davon manch Liedlein singen; sie benötigen keine weitere Erklärung. Last
not least sind Ausbildung und Befriedigung von Bedürfnissen dem
Entwicklungsstand der produktiven Kräfte der Menschen geschuldet. Erweiterung
der Freiheit erheischt Ausbildung und gemeinschaftliche Betätigung menschlicher
Fähigkeiten zur Machterweiterung - das Wort ist wohl bedacht angesichts
patriarchalischer Verhältnisse mit „Landesvätern“ und „Landeskindern“. Wer hat
hierzulande wohl die Macht, die Demen oder die patriarchalischen „Büros“? Oder
etwa gar der Reichtum?
Freiheit als Lossein
akzeptiere ich soweit, wie diese Beseitigung von Bindungen Menschen die
Erweiterung ihrer Macht ermöglicht. Freiheit als Macht (Herrschaft) ist nicht
als Tyrannei gemeint, sondern als Autorität der guten Haushüter, die ihr Wissen
und ihre Fähigkeiten so einsetzen, daß künftige Generationen verbesserte
natürliche und gesellschaftliche Bedingungen für ihr Schaffen vorfinden.
Freiheit von bestimmten Bindungen ist
zugleich Freiheit zu solchem Handeln,
dessen konkreter Inhalt sehr von den jeweiligen Umständen abhängt. Innerhalb
der angeführten Grenzen, wenn also Bindungen zu Fesseln für die Erhaltung und
Erweiterung unserer Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur
geworden sind, will ich deren Lossein als Freiheit, deren Loswerden als
Befreiung bezeichnen.
Ehedem definierte Friedrich
Engels - und ich denke gar nicht daran, ihn etwa korrigieren zu wollen -:
„Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten
Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig
ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“ [3]
Hegel als
Engels - Kritik einer Maskerade
Schüler höherer
Klassen, Studenten, Kursanten in der DDR, befragt, was denn nun eigentlich
Freiheit sei, antworteten fast einhellig frisch, fröhlich und unfrei: „Freiheit
ist Einsicht in die Notwendigkeit.“ Meine anschliessende Frage, was denn nach marxistischer Auffassung Freiheit sei,
malte verwundertes Staunen auf die Gesichter und veranlaßte ein hektisches
Blättern in den eigenen Aufzeichnungen. Ende dieses Aktes: „Wir haben gelernt,
daß der M-L lehrt, daß Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ist.“ - Damit war
(und ist) Friedrich Engels, dessen Anti-Dühring als literarische Quelle
vorgegeben war, gründlich verhegelt. Ich weiß nicht, worin die Ursache für die
weite Verbreitung solcher Verdrehung bestand, die kaum erwähnenswert wäre, wenn
sie nicht in politischen Verhältnissen, wo es „Oben“ und “Unten“ gibt, für die
„Unten“, also für die von politischen Hirten erwünschte Hammelherde recht unangenehme
Folgen hätte - nicht nur in der gealterten DDR.
Unter „Einsicht“ verstand
Engels wie auch schon Hegel „Erkenntnis“. Aber umgangssprachlich und auch im
politischen Vokabular von Staats- und anderen „Männern“ einst und jetzt
bedeutete das Wort meist anderes. Außer „Erkenntnis“, objektiv wahre Aussagen,
kann es auch taktischer Zweckmäßigkeit untergeordnete Akzeptanz meinen,
Akzeptanz u. a. auch des Irrtums oder der Lüge. Wenn die Bürger immer wieder
nur „einsehen“ sollen, was die Generalsekretäre der verschiedensten Parteien
und sonstige Würdenträger samt Gefolge vorsagen, dann wird die eigene sachkundige
Meinung zum unerwünschten Luxus, dann geht es mit der Demokratie und Freiheit
zu Ende. Deshalb verwende ich wie Engels den treffenden terminus „Erkenntnis“ und
nicht „Einsicht“.
„Notwendigkeit“ ist für
Engels identisch mit „Naturgesetze“, wozu er auch diejenigen rechnete, „welche
das körperliche und geistige Dasein der Menschen selbst regeln“.
Umgangssprachlich sowie für manche Politiker und Manager anderer Art sehr
angenehm ist „Notwendigkeit“ das, was ihre Not wendet, auch oder gar nur das,
was für die Realisierung eines bestimmten Zweckes nach ihrer Meinung getan werden müßte. Wünscht etwa der Kriegsminister
eines Staates, ein nicht willfähriges Land zu überfallen, so wird er als
Notwendigkeit oder Sachzwang der Öffentlichkeit glaubhaft zu machen versuchen,
wegen (angeblich) schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei der Bruch
von Völker- und Staatsrecht gerecht. So kann aus einem Flirt mit Hegel unversehens
eine Kungelei mit Nietzsche werden. Schließlich waren und sind viele Deutsche
„einsichtig“.
Weil „Einsicht“ und
„Notwendigkeit“ polysemantisch sind, verwende ich wie Engels statt „Einsicht in
die Notwendigkeit“ besser „Erkenntnis der Naturgesetze“. [4]
Die so verstandene Notwendigkeit ist eine Bedingung der Freiheit. Denn ohne sie
wäre die Welt chaotisch, somit Freiheit nur eine schöne Illusion. Im Chaos ist
der Mensch ein Getriebener, ein Gehetzter, ein den Naturgewalten Ausgelieferter.
Er ist nicht als Freier der Herr der Situation, sondern ihr Sklave, ein Unfreier.
Aber: Um wirklich frei zu
werden, genügt es nicht zu wissen, man muß auch mit möglichst exaktem Wissen
entscheiden (=wollen) und handeln. Zwei Schritte fehlen bei „Erkenntnis der
Naturgesetze“ am Freiwerden: der Wille zur Entscheidung sowie die Umsetzung von
Wissen in Handeln. Oft fallen diese Schritte nicht
leicht, weil sie Überwindung kosten, Mut und Anstrengung erfordern.
Freiheit fällt uns nicht in den Schoß, sie kommt nicht von allein.
Philosophisch gesehen ist der Weg von der Einsicht zur Tat identisch mit dem
Übergang vom Idealismus zum Materialismus. Die Bestimmung der Freiheit als
bloße Einsicht in die Notwendigkeit Marx und Engels anzulasten, macht beide zu
philosophischen Idealisten. Und das haben sie gewiß nicht verdient. Auch
deshalb: Schluß mit der Maskerade!
Politische
Freiheit
Freiheit ist
Macht - ich vermeine schon, den Aufschrei erschrockener christlicher, sozialer,
grüner usw. Demokraten zu hören. Habt ihr nie von Ärzten und erst recht von
Kranken gehört, die froh und von einer Last befreit werden, wenn sie eine
bestimmte Krankheit zu beherrschen vermögen, entweder sie zu heilen oder eine
hohe Lebensqualität trotz ihres Vorhandenseins zu ermöglichen? Wird die
Anwendung der Atomenergie zur Erzeugung von Wärme und Elektrizität nicht gerade
deshalb von vielen abgelehnt, weil es unmöglich erscheint, ihre Folgen zu
beherrschen? Welcher Wirtschaftsfachmann sehnt sich nicht danach, ökonomische
und andere gesellschaftliche Prozesse so zu beherrschen, daß Wirtschafts- und
Finanzkrisen vermieden oder wenigstens stark gemildert werden? Wenn das Geld
herrscht (der Götze Mammon), so herrscht das Produkt der Menschen über seine
Produzenten, so sind sie unfrei; beherrschen aber die Menschen ihr eigenes
Produkt, so sind sie frei geworden. - Den Entsetzensschrei vieler Demokraten
vermag ich zwar zu erklären, nicht aber nachzuvollziehen.
Frei ist das
Volk, soweit es Macht ausübt. Von der
Beherrschung durch Naturkräfte konnten sich Menschen nur befreien, wenn
sie ihr Wissen erweiterten, es organisiert vereint planmäßig einsetzten. Analog
können Menschen nur politisch frei werden, wenn sie sich als demokratische
Gemeinschaft organisieren, geleitet von „dem kategorischen Imperativ, alle
Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein
geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist... „ [5]
Eine solche und nur eine solche Gemeinschaft (Gesellschaft) will ich
Sozialismus nennen. Sie kann nur auf der Basis des Gemeineigentums an den
wichtigsten Produktionsmitteln entstehen.
Sozialismus ohne Demokratie
ist höchstens vorübergehend in Notsituationen (Notstand) möglich. Demokratie im
Wortsinn als Volksherrschaft, ein freies Volk, kann nur im Sozialismus
verwirklich werden; sie ist sozialistische Demokratie. Sie verhält sich zur
gegenwärtig existierenden, der bürgerlichen Demokratie, wie Vollkommenes zu
Unvollkommenem, wie das Reifestadium zum Embryo, wie das Ganze der politischen
Freiheit zu ihrem Torso. Die Gesetzgebung der DDR wies neben mancherlei Undemokratischem
wie zum Beispiel die juristische Fixierung der noch dazu undefinierten Führungsrolle
einer Partei oder die Nichtzulassung echter Auswahl von „Aufsehern“ und
„Buchhaltern“ der Werktätigen durch diese selbst - Auswahl und nicht bloße
Zustimmung zu von übergeordneten Gremien Erwählten - auch und hauptsächlich
Züge einer höheren Qualität von Demokratie auf. Daß die Gewählten ihren Wählern
verantwortlich sind und nicht nur ihrem eigenen Gewissen, also sich selbst
beziehungsweise niemandem, das, so meine ich, gehört zur sozialistischen
Demokratie. Auch daß das Volk, nach Heinrich Heine der große Lümmel, zu
wichtigen Gesetzesentwürfen direkt das Sagen hat und sich nicht nur auf
Repräsentanten verlassen muß, halte ich in einer sozialistischen Gesellschaft
für unverzichtbar. Erfahrene DDR-Bürger mögen dies an Hand eigenen Erlebens
ergänzen.
In der bürgerlichen
Gesellschaft messe ich den Entwicklungsstand von Demokratie daran, wie weit sie
tatsächlich Betätigungs- und Einflußmöglichkeiten für den Kampf um eine reale
und humane Alternative zur Herrschaft des Mammons einräumt. Daß konservative
und auf bloße Korrekturen am Kapitalismus bedachte Kräfte sich frei betätigen
können, liegt im Begriff der bürgerlichen Demokratie beschlossen und gibt noch
keinen Maßstab für sie ab.
Daß in jedem demokratischen
Staat die Minderheit sich der Mehrheit unterordnet - freiwillig oder gezwungen
-, daß der Minderheit etwas diktiert wird und die Mehrheit der Minderheit ihren
Willen aufdrängt, demnach ihre Diktatur ausübt, sei nur in Hinsicht auf diejenigen
erwähnt, die aus lauter Vorurteilen gegenüber dialektischem Denken die
Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen Demokratie und Diktatur fürchten wie der
Teufel das Weihwasser oder vorerst noch das Finanzkapital die Enthüllung seiner
eigenen indirekt ausgeübten Diktatur.
Ökonomische
Freiheit
Die Menschen müssen immer,
in allen Gesellschaftsformen, mit der Natur ringen, ihr die Mittel zum Leben
abtrotzen. Mit der Entwicklung ihrer produktiven Kräfte und ihrer Bedürfnisse
sind sie genötigt, ein sich erweiterndes Feld von Naturnotwendigkeiten zu
erkennen und sich dienstbar zu machen - und werden doch noch immer von den
objektiven Zusammenhängen ihres eigenen Tuns beherrscht. Der Widerspruch harrt
der Lösung.
Die
Erfordernisse der Gesetze kapitalistischer Produktion, wenn diese als absolute
und letzte Gestalt der gesellschaftlichen Produktion, also ideologisch
aufgefaßt wird, stellen sich als Notwendigkeiten dar. Um sowohl die
ökonomischen Gesetzes des Kapitalismus als ewige Gesetze darzustellen, als auch
um dem subjektiven Zweck untergeordneten „Notwendigkeiten“ objektiven Anstrich
zu verleihen, ist es gebräuchlich geworden, den die Wirklichkeit mystifizierenden sprachlichen Ausdruck „Sachzwänge“
zu verwenden.
Selbstverständlich
bewirken Naturnotwendigkeiten (einschließlich der ökonomischen) Zustände,
welche den Menschen als Sachzwänge gegenübertreten. Dem Ablauf der
Jahreszeiten, dem biologischen Stoffwechsel, den sich verändernden
Anforderungen an die Qualifikationsstruktur der Werktätigen muß sich der Mensch
fügen. Aber dann gibt es auch Sachverhalte, die mit objektiven Naturnotwendigkeiten
entweder rein gar nichts zu tun haben oder nur sehr vermittelt über mehrere Zwischenstufen
und weit entfernt mit ihnen verbunden sind. Sie haben mit Sachzwängen im o. g.
Sinne nichts zu tun, werden aber oft so bezeichnet. Hinreichend bekannt ist,
daß vor allem Politiker unpopuläre Maßnahmen mit dem Wort „Sachzwang“ - und
hier apostrophiere ich - belegen, um ihr Tun zu rechtfertigen. Aber es handelt
sich um Vorhaben und Maßnahmen, die nicht von Naturnotwendigkeiten beherrscht
werden. Beim Krieg der NATO etwa gegen Jugoslawien waren es schlimme Zwecke,
welche die Mittel heiligen sollten. Es lag kein wirklicher Sachzwang vor. Er
wurde erfunden und beschworen, um das Gesicht zu wahren. Die NATO konnte wohl
anders, aber sie wollte nicht. Und für die Teilnahme Deutschlands an diesem
Krieg mußte dann eben die NATO-Mitgliedschaft als „Sachzwang“ herhalten -
obwohl es objektiv natürlich Alternativen gegeben hätte!
Statt nun in das
„Kauderwelsch“ [6] vom Sachzwang
zu verfallen, nehme ich mir die Freiheit, auf die Gesetze der kapitalistischen
Produktionsweise und deren Vergänglichkeit sowie auf die Möglichkeit und
Notwendigkeit ihrer Ablösung mittels des Klassenkampfes durch eine höhere, die
sozialistische Produktionsweise, zu verweisen. Damit wird die Freiheit auf
ökonomischem Gebiet verwirklicht werden, die „nur darin bestehen (kann), daß
der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren
Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche
Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu
werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen
Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies
immer ein Reich der Notwendigkeit.“ [7]
Fern liegt mir, den
Befreiungsprozeß „auf diesem Gebiet“ beschreiben zu wollen. Das vermag derzeit
überhaupt niemand. Erstens sind dazu noch viele Analysen der gemachten
internationalen Erfahrungen, theoretische Anstrengungen und politische Diskussionen
nötig; zweitens handelt es sich dabei um einen auch im historischen Maßstab
sehr langwierigen und widersprüchlichen Prozeß; drittens ist auch künftig mit
Fehlentwicklungen, Rückschlägen, Irrtümern etc. zu rechnen. Gibt es schon keine
Landstraße für die Wissenschaft, so nicht mal einen Feldweg für den großen
Schritt in die „eigentliche Geschichte der Menschheit“ (Marx), wo die
Spontaneität der gesellschaftlichen Entwicklung dem Überwiegen der Bewußtheit
weichen wird.
Immer ist wirtschaftliche
Tätigkeit Mittel zum Zweck, entweder der Existenzsicherung, des Broterwerbs,
oder - im Kapitalismus - der Erzielung und
Maximierung von Profit, der Plusmacherei; im Sozialismus der Mehrung des gesellschaftlichen
Reichtums für das, was Marx „das wahre Reich der Freiheit“ nannte: „die
menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich
der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich
der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des
Arbeitstags ist die Grundbedingung.“ [8]
Letzteres sei wenigstens den Gewerkschaftsführern ins Merkheft geschrieben.
„Menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt“ -ein weites Feld
für Nachdenklichkeit, Phantasie und vielleicht auch Experiment.
Für mich besteht darum die
Freiheit nicht etwa in der Beliebigkeit und dem Wechsel gesellschaftlicher Ideale oder im Verzicht auf sie,
sondern in der Bewahrung und der kritischen sowie selbstkritischen Korrektur
des kommunistischen Ideals, auch des Kampfes um nächste kleine Schritte auf dem
langen Weg zu seiner schließlichen Realisierung, die immer nur - wie bei jedem
Ideal - in der bestmöglichen Annäherung an dieses bestehen kann.
Freiheit des
Einzelmenschen
Das Bürgertum befreite in
seiner Aufstiegsperiode den Einzelmenschen partiell von geistigen und
praktischen feudalen Abhängigkeiten. Dabei entstandene historisch verständliche
Übertreibungen und Einseitigkeiten sind aber geblieben und sogar verstärkt
worden. Ich verweise nur auf die Bildergalerien in den Straßen im Vorfeld von
Wahlen, die signalisieren, daß Einzelpersonen, mehr oder minder bedeutende
Frauen und Männer (Vips) die Geschichte machen. Daß die sozialistische Bewegung
solchen Brauch nicht nur übernahm, sondern sogar noch steigerte, weist auf
deren Verbürgerlichung hin.
Der Vormarsch des
Kapitalismus wirkte sich auf das bürgerliche Menschenbild aus. Mit der
Entfaltung der Warenproduktion wurde das Geld allmächtig und seine Kraft zur
Kraft des Besitzers. Marx interpretiert Stellen aus Goethes „Faust“ und Shakespeares
„Timon von Athen“ mit dem Ergebnis: „ ... was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst.
Die Eigenschaften des Geldes sind meine - seines Besitzers - Eigenschaften und
Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine
Individualität bestimmt.“ [9]
Die gepriesene Freiheit des Individuums ist realiter die Freiheit und Macht
seines Geldes. Und was ist mit denen, die sich kaum das Lebensnotwendige kaufen
können?!
Die gedankliche Trennung der
persönlichen Freiheit von der Gemeinschaft, die Denunziation des Kollektivs und
des Kollektivismus als freiheitsfeindlich macht die Kehrseite der Medaille aus. Aber auch das Bürgertum braucht
wenigstens Zerrbilder von Kollektiven für seine Zwecke. Deshalb bedienen sich
seine Ideologen einer Krücke: Lobpreis und (formale) Garantie individueller
Menschenrechte und Ignoranz gegenüber sozialen Rechten, andererseits aber
Verlangen nach „Teamgeist“ bei den Lohn- und Gehaltsempfängern bei strikter Vermeidung
des Wortes „Kollektiv“. Die Bewegung dieses Widerspruchs bereitet den
Ideologieproduzenten Kopfschmerzen.
Freiheit des Individuums ist
nur in der Gemeinschaft mit anderen möglich. Aber Klassengegensätze und
Konkurrenz stehen der Gemeinschaftsbildung entgegen. In einer sozialistischen
Gesellschaft halte ich auf Grund der Erfahrungen in 40 Jahren DDR die
Ausbildung echter Gemeinschaft für eine höchst komplizierte Aufgabe, die bisher
weder theoretisch noch praktisch zufriedenstellend gelöst wurde: „An die Stelle
der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen
tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung
für die freie Entwicklung aller ist.“ [10]
Die Verketzerung des
Kollektivs als freiheitsfeindlich reduziert die Freiheit auf den Kampf ums
Einzeldasein und verstümmelt sie damit. Umgekehrt tendiert die Unterschätzung
oder gar die Nichtachtung der Freiheit jedes Individuums zur Zerstörung des
Reichtums bereits gewonnener Freiheiten.
Entspricht Ersteres dem Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ideologie, so entspringt Letzteres schwierigen
Bedingungen des Kampfes unterdrückter Werktätiger
um ihre Befreiung. Der Nährboden für diese (gewissermaßen) Krankheit der
sozialistischen Gesellschaft kann wohl erst in einer späten Entwicklungsphase derselben verschwinden.Aber die
Krankheit darf nicht - wie geschehen - zur
Gesundheit schöngeredet werden.
Ich setze zwei Prämissen:
- In Natur und
Gesellschaft wirken objektive Gesetze verschiedener Arten und Wirkungsweisen.
- Um diese Gesetze zum Wohle
der Menschen beherrschen zu können, was nur im Sozialismus möglich ist, bedarf
es neuartiger Ausbildung der Individuen.
Die objektiven Gesetze
wirken unter räumlich und zeitlich unterschiedlichen Bedingungen. Freiheit
erfordert Kenntnis und Berücksichtigung der Gesetze und der konkreten Lage. Ein
hohes Maß an vielseitiger Bildung, die beides umfaßt, wäre möglichst allen
Gliedern der Gesellschaft zu vermitteln. Neben praktikablem Wissen ist erforderlich,
den Fähigkeiten zur Entscheidung Raum zu geben, die Demokratie entsprechend zu
gestalten. Dann auch werden sich die Menschen danach bewerten, was sie wissen
und was sie können und nicht mehr danach, was sie haben. Der Charakter zählt,
nicht der Besitz.
Meinungsstreit, also
Pluralität der Meinungen kann und soll nur Streit um die Wahrheit, um wirkliche
Erkenntnis sein. M. E. haben nur Aussagen die Eigenschaft, wahr oder falsch zu
sein. Auf andere Erzeugnisse des menschlichen Geistes trifft das nicht zu, also
auf Handlungsanweisungen, Verhaltensaufforderungen, moralische Wertungen usw.
Hier ist die Meinungsvielfalt naturgemäß breiter. Sozialistische Politik hat
das zu beachten. Sind in der Debatte Sachkundiger, Interessierter und
Betroffener Leitungsentscheidungen gefallen, ist einheitliches Handeln derer,
die sie durchführen, unerläßlich.Wenn F. Engels die Freiheit definierte „als
die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können“[11],
so halte ich das auch heute noch für gültig. Freiheit des Einzelmenschen fasse
ich weiter als Willensfreiheit, und da sollen dann Menschlichkeit sowie bewußte
Disziplin in wahrhaft demokratischen Verhältnissen ihren Platz finden.
Nach zehn Jahren Leben in
der BRD wage ich kaum noch, das Wort „demokratischer Zentralismus“
auszusprechen. Hierzulande ist er selbstverständlich abwesend. Dafür wird der
bürokratische Regierungsstil permanent gestärkt, ergänzt durch eine pluralistische
Unfreiheit, die als Messlatte nur Profit und Antikommunismus kennt..
Wenn ich Freiheit sage, dann meine ich also
·
Nutzung
und Bewahrung dessen, was die Generationen vor uns erarbeitet und was die
internationale demokratische Bewegung einschließlich der Arbeiterbewegung
bereits im Kapitalismus erkämpft hat;
·
den
Einsatz für Verbesserungen der Lage der arbeitenden Menschen, der Behinderten,
der Alten, der Kranken, der Kinder;
· Engagement für Reformen in
der bürgerlichen Gesellschaft, die diesen Namen auch verdienen; das Handeln für
die letztendliche Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft mit klügeren,
besseren und also richtigen Attributen, insgesamt also den Kampf für die
Befriedigung der Bedürfnisse und Realisierung der Interessen der Menschen in
aller Welt.
Das Lied ist aktuell:
Brüder, zur Sonne, zur Freiheit...
Zwei Jahre nach dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien
Interview für
die "Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der PDS"
mit Ralph Hartmann*
Am 24. März jährt sich zum zweiten Mal der Tag, an dem die NATO unter
Teilnahme der deutschen Bundeswehr die Bundesrepublik Jugoslawien überfallen
hat. Je näher dieser Tag rückt, desto häufiger sind Stimmen zu hören, die einen
Untersuchungsausschuß des Bundestages verlangen. Was hältst Du von dieser
Forderung?
Die Einrichtung eines
solchen Ausschusses ist überfällig; allerdings nicht nur wegen der entlarvenden
jüngsten Berichte über den Einsatz von Uran-Munition und die von der Hardthöhe
verbreiteten Kriegslügen. So sehr diese Berichte auch zu begrüßen sind, so
handelt es sich doch dabei zumeist um Details, die seit langem bekannt und seit
den informellen Internationalen Tribunalen in Berlin und New Yorck über den
NATO-Krieg gewissermaßen gerichtsnotorisch sind. Nicht allein der Einsatz von
urangehärteten Geschossen im Krieg gegen Jugoslawien, der Krieg selbst war ein
Verbrechen wider die Menschlichkeit. So ist es höchste Zeit, auch im Deutschen
Bundestag zu untersuchen, mit welchen Mitteln und Methoden, die
Schröder-Fischer-Regierung in Fortsetzung der Politik ihrer Vorgängerin den Angriffskrieg
vorbereitet und geführt hat, der die internationale Rechtsordnung untergrub und
den jugoslawischen Völkern unermeßliches Leid zufügte.
Die Mitte Februar stattgefundene Bundestagsdebatte hat ein erneutes Mal
gezeigt, daß die Regierenden, gestützt von den Koalitionsfraktionen und von
denen der CDU/CSU-FDP-Opposition, weiter versuchen, den Krieg zu rechtfertigen,
ihn als unausweichlich und als einen Erfolg der"demokratischen Staatengemeinschaft"
darzustellen. Auch dein vom Berliner Dietz Verlag angekündigtes neues Buch
trägt den Titel "Die glorreichen Sieger". Hat die NATO letztlich
nicht doch einen Sieg errungen?
Daß die NATO-Krieger sich
als Sieger ausgeben, kann nicht verwundern. In meinem Buch weise ich jedoch
anhand, wie ich glaube, unwiderlegbarer Fakten nach, daß die NATO im Krieg
gegen Jugoslawien keinen Sieg errungen, sondern eine Niederlage erlitten hat. Ende
Mai/Anfang Juni 1999 schrammte sie nur dank des Verrates der
Jelzin-Administration an einem politischen und militärischen Desaster vorbei.
Ihre Hauptkriegsziele hat sie verfehlt.
Aber immerhin ist die NATO in Kosovo einmarschiert und hat dort de
facto ein Protektorat errichtet.
Diesen Einmarsch hatte sich
der Pakt in Rambouillet noch ganz anders vorgestellt. Wesentliche Teile seiner
damaligen ultimativen Forderungen konnte er nicht durchsetzen. Im Gegenteil, er
mußte die Russen zur Hilfe rufen und unter das Dach der UNO zurückkehren. Die
UN-Resolution 1244(99) unterscheidet sich ganz wesentlich vom Diktat von Rambouillet:
Jugoslawien wurde kein Besatzungsgebiet der NATO, die Zugehörigkeit von Kosovo
und Metohien zu Jugoslawien wurde bekräftigt. Der Einmarsch der NATO konnte nur
unter der ungeliebten Flagge der UNO erfolgen und inzwischen ist das Gebiet zu
einem Klotz am Bein der NATO geworden. Die USA z. B. möchten lieber heute als
morgen abziehen. Aber damit nicht genug:
Statt eines glänzenden
Blitzsieges hat die hoch- und high-tech-gerüstete stärkste Militärallianz der
Welt 1999 auch nach 78 Tagen mörderischer Luftschläge die relativ kleine
jugoslawische Streitmacht nicht entscheidend schlagen können - diese zog erst
nach Einstellung der Bombardements als weitgehend intakte Armee aus Kosovo und
Metohien ab - und eine blamable militärische Schlappe hinnehmen müssen. Statt
des vorgeblichen Zieles, eine "humanitäre Katastrophe" zu verhindern,
hat die NATO diese Katastrophe, unter der die Jugoslawen bis zum heutigen Tage
leiden, erst herbeigebombt. Und auch ihre globalstrategischen Ziele hat die
NATO nicht erreicht. Wenn die USA und die NATO angenommen hatten, mit ihrer
Demonstration der Stärke, mit ihrer Allmacht anderen Staaten, vor allem Rußland
und China, das Fürchten zu lehren und sie für ihre Weltherrschaftsambitionen
gefügiger zu machen, dann waren ihre gegen Jugoslawien eingesetzten Präzisionswaffen
allesamt Rohrkrepierer.
Willst Du damit behaupten, daß der Ausgang des Balkankrieges die USA
und die NATO in ihrem globalen Hegemoniestreben und bei der Anwendung der neuen
NATO-Strategie decouragiert hat?
Keineswegs. Ich meine nur:
Wenn der Aggressionskrieg gegen Jugoslawien eine Art Probekrieg, eine
Generalprobe für die Anwendung der neuen
NATO-Strategie war, dann sind diese mißlungen. Das heißt allerdings
nicht, daß die Verfechter der Strategie auf eine spätere, dann erfolgreiche Premiere
verzichten wollen. Man braucht nur die Lehren zu betrachten, die die deutschen
Aggressionsteilnehmer aus dem "glorreichen Sieg", der eigentlich ein
schwerer Fehlschlag war, ziehen.
Ehe wir zu diesem Thema kommen, nur noch eine Frage zum
"Sieg". Wie schätzt Du die Versuche der Regierung ein, den Machtwechsel
in Belgrad als ein spätes Ergebnis des Krieges auszugeben? Außenminister Fischer
hat ja erst kürzlich in einem Interview mit dem "Neuen Deutschland",
auf Fragen zum Krieg antwortend, erklärt, daß es "entscheidend"
gewesen sei, den Regierungswechsel erreicht zu haben.
Das ist ein besonders
kläglicher Versuch, den verbrecherischen Angriffskrieg im nachhinein zu legitimieren. Joseph Fischer, der die Erstürmung
des jugoslawischen Bundesparlamentes im Oktober 2000 als "beeindruckende
Freiheitsrevolution des serbischen Volkes" bezeichnete, verstieg sich im
Bundestag tatsächlich zu der Behauptung, daß es ohne die Aggression der NATO,
die er vornehm als "Eingreifen" umschrieb, garantiert nicht einen
"Sieg der Demokratie in Belgrad" gegeben habe. Im Bestreben, die
Kriegsverbrechen zu rechtfertigen und den Pakt doch noch zum Sieg zu führen,
schlug der Erfinder der neuen Auschwitz-Lüge einen neuen Schwindel erregenden
politischen Salto. Für den Machtwechsel in Belgrad hat es viele Gründe gegeben,
sie zu behandeln ist hier nicht der Platz, einer aber war gewiß nicht darunter:
die Liebe der Serben zur NATO.
Das Gerede vom "Sieg
der Demokratie in Belgrad“, vom "Sturz der letzten kommunistischen Bastion
in Europa" soll vergessen machen, was nicht vergessen werden darf: die
Teilnahme der deutschen Bundesrepublik am brutalen und heimtückischen Überfall
auf einen souveränen europäischen Staat, den Bruch der UN-Charta, des
Zwei-plus-Vier-Vertrages und des Grundgesetzes, die Verstümmelung und Ermordung
von Tausenden Frauen, Männer und Kindern, die Zerstörung großer Teile der Infrastruktur
und der Industrie Jugoslawiens, die Vergiftung der Umwelt und natürlich auch
nicht die Kriegslügen, die an die Zeiten eines Reichspropagandaministers erinnerten.
Eines steht fest: Wie sich
die innere Situation in Jugoslawien auch entwickeln mag, wie in Belgrad die
jetzigen und die kommenden Regierenden und Oppositionellen die serbische
Politik und die ihrer führenden Vertreter im zurückliegenden stürmischen Jahrzehnts
auch beurteilen mögen, nichts, rein gar nichts wird den NATO-Krieg und die
deutsche Teilnahme daran je rechtfertigen können.
Apropos Kriegslügen. In der Vorankündigung Deines Buches "Die
glorreichen Sieger"* wird darauf hingewiesen, daß Du Dich darin vor allem mit den
Kriegslügen beschäftigst, die bisher nicht oder nicht ausreichend widerlegt wurden. Kannst Du dazu etwas Näheres sagen?
Vor
und während des Krieges gab es so viele Lügen, daß sie der Übersicht halber mit
Eigennamen versehen wurden und zumeist schon keiner ausführlichen Erläuterung
mehr bedürfen: die Racak-Lüge, die Völkermord-Lüge,
die Rambouillet-Lüge, die Vertreibungs-Lüge, die
Wir-führen-keinen-Krieg-Lüge, die KZ-Lüge, die Hufeisenplan-Lüge, die
Fötengrill-Lüge, die Vergewaltigungs-Lüge, die Albaner-Führer-Hinrichtungs-Lüge,
die Massengräber-Lüge, die Albaner-Schutzschild-Lüge, die neue Auschwitz-Lüge.
Sie alle offenbaren, wie schamlos die Öffentlichkeit manipuliert wurde. Daneben
aber gibt es noch immer Lügen und Legenden, die zwar kurze Beine, aber einen
langen Atem haben und selbst bei Linken und anderen entschiedenen Kriegsgegnern
noch immer für Verwirrung sorgen. Dazu zählen nicht nur die weit verbreitete
These, die rot-grüne Regierung sei wider eigenen Willen in den Krieg gestolpert,
sondern auch Fälschungen von Schlüsseldokumenten der Geschichte des Zerfalls
der jugoslawischen Föderation, die als Stützpfeiler antiserbischer Manipulation
noch immer stehen. Sie niederzureißen ist notwendig, um das zur Rechtfertigung
der Einmischungs- und Kriegspolitik errichtete Lügengebäude endgültig zum Einsturz
zu bringen und den Aufbau neuer Feindbilder zumindest zu erschweren. Einer
dieser letzten Stützpfeiler wird auch von Verteidigungsminister Scharping
gehalten, den das am Vorabend des 2. Jahrestages des NATO-Überfalls
erscheinende Buch ein weiteres Mal der Lüge und Fälschung überführen wird.
Zurück zu den Lehren, die
die deutschen Aggressionsteilnehmer aus dem Krieg gezogen haben. Welche sind es
Deiner Meinung nach?
Zumindest
zwei Hauptlehren wurden gezogen. Zum einem ging es den Regierungspolitikern und
Militärs darum, ein Kriegsziel, den Sturz
von Milosevic - gern gebrauchtes Synonym für das Machtssystem der Sozialistischen
Partei Serbiens - mit anderen Mitteln doch noch zu erreichen. Außenminister
Fischer erklärte auf der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz nach der Aggression
sinngemäß: Die NATO hat den Krieg erst gewonnen, wenn in Belgrad Demokratie
herrscht. Und so führten sie auch nach Einstellung der Luftangriffe den Krieg
fort - mit würgenden und erpresserischen Sanktionen,
diplomatischer Blokkade, Ermunterung separatistischer und massiver
Unterstützung oppositioneller Kräfte - bis zum Sieg der Demokratie in Belgrad.
Zum
anderen beschleunigten sie ihre Anstrengungen zur Schaffung einer eigenständigen
EU-Eingreiftruppe. Ganz offen betrachteten sie den Balkankrieg als Katalysator
für den Umbau der Bundeswehr in eine hochmobile Truppe mit der Fähigkeit zum
schnellen, weltweiten Einsatz. Ihre Hauptlehre aus dem Aggressionskrieg ist es,
den nächsten vorzubereiten, noch umfassender und gründlicher als den vorangegangenen.
Die rot-grüne Regierung und die schwarz-gelbe
Opposition ziehen auf ihre Art Lehren aus dem Krieg. Muß Deiner Meinung nach
auch die PDS Schlußfolgerungen aus dem Krieg ziehen?
Es
liegt mir fern, mich hier zum Lehrmeister aufschwingen zu wollen. Die PDS hat
sich vor und während des Krieges als Antikriegspartei erwiesen und damit an die
besten antimilitaristischen Traditionen der sozialistischen und kommunistischen
Bewegung in Deutschland angeknüpft. Es war der Ehrenvorsitzende dieser Partei,
Hans Modrow, der seit 1991 als außenpolitischer Sprecher der damaligen Bundestagsgruppe
die zum Krieg führende Einmischungspolitik verurteilte und das Rambouillet-Diktat
als erster völlig zu Recht mit dem Münchner Diktat verglich. Es war der
Fraktionsvorsitzende der PDS, Gregor Gysi, der im Bundestag den Überfall als
völkerrechtswidrigen Angriffskrieg anprangerte.*
Zehntausende von Mitgliedern der PDS haben Aktionen gegen den Krieg organisiert
oder an ihnen mitgewirkt. All das bedeutet jedoch aus meiner Sicht nicht, daß
die PDS keinen Grund hätte, nicht ebenfalls Lehren aus dem Krieg, wenn auch
ganz anderer Art, zu ziehen.
Angesichts
der relativen Schwäche der Friedensbewegung hätten einige ihrer Initiativen, so
z. B. die Vorbereitung des Internationalen Tribunals über den NATO-Krieg, eine
stärkere Unterstützung seitens des Bundesvorstandes verdient. Erschwerend auf
die Mobilisierung der Antikriegskräfte wirkte sich auch aus, daß im Interesse
der "Glaubwürdigkeit" und der "Ausgewogenheit" der
PDS-Position zuweilen vor dem Druck der antiserbischen Hysterie zurückgewichen
wurde. Davon zeugten, um nur einige Beispiele zu nennen, die überstürzte
scharfe Verurteilung des angeblichen Racak-Massakers durch die Bundestagsfraktion
ebenso wie die Verteilung von Flugblättern der Fraktion, auf denen der
serbischen Regierung noch nach dem Überfall im Widerspruch zu allen bekannten
Tatsachen vorgeworfen wurde, nichts zur Entschärfung des Konfliktes getan zu haben,
und die bei einigen namhaften Genossen anzutreffende Herabsetzung unserer
leidenschaftlich protestierenden jugoslawischen Mitbürger, der unmittelbaren
Opfer der Aggression, als "serbische Nationalisten", von denen man
sich nicht vereinnahmen lassen dürfe. Das und manches andere schuf eine gewisse
Verwirrung und wirkte friedenspolitisch demobilisierend. Die Ursache dafür war
zum Teil in lückenhafter Sachkenntnis, mehr noch aber in der lange Zeit
fehlenden Fähigkeit eines Teiles der PDS-Führung zu suchen, den NATO-Krieg in
die strategische Zielsetzung der USA und ihrer Verbündeten einzuordnen. Wer den
Krieg auf Kosovo, Jugoslawien, Milosevic reduzierte, lief Gefahr, in die Irre
zu gehen. Als Gesamtpartei konnte die PDS dieser Gefahr entgehen. Sie hat sich
als Antikriegspartei profiliert und diesen Charakter auf dem Parteitag in
Münster überzeugend bestätigt.
Macht es dann angesichts dieser Gesamtbewertung
Sinn, zum 2. Jahrestag des NATO-Überfalls den Blick auf zurückliegende Defizite
der PDS-Jugoslawienpolitik zu werfen?
Es
geht nicht um Jugoslawien, es geht auch nicht um die Vergangenheit, sondern um
die Zukunft. Die Bundeswehr wird gegenwärtig zu einer Interventionsarmee umgebaut,
sie bereitet sich auf neue Kriege vor, die
sie "Kriseneinsätze" nennt. Man kann sicher sein, daß auch neue
Feindbilder aufgebaut werden - mit neuen Vorwänden, Manipulationen und Lügen,
die mit großer medialer Wucht daherkommen
werden. Ihnen zu widerstehen, wird auch zukünftig nicht leicht werden. Die
Wahrheit über die Vorbereitung des NATO-Krieges kann hierbei wertvolle Lehren
vermitteln.
Es ist gerichtsnotorisch,
dass solche NS-belasteten Personen wie Oberländer
(Bundesminister), Globke (gewichtiger
Berater von Adenauer) und Filbinger (einst
Nazi-Marinerichter) in der Bundesrepublik hohe Ämter bekleideten, letzterer war
sogar Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.
Ein Schafheutle, der das politische Strafrecht im Hitler Staat
ausgearbeitet hatte, erschien prädestiniert, das politische Strafrecht für die
Bundesrepublik zu formulieren.
Ebenso gerichtsbekannt ist,
dass die NPD, die jetzt im Ergebnis eines Verfahrens vor dem BVerfG für
verfassungswidrig erklärt werden soll, seit ihrer Gründung am 28. November 1964
über viele Jahre als zugelassene Partei, mit dem Parteienprivileg des Art. 21
Grundgesetz, d. h. auch bei Wahlkampfkostenerstattung aus der öffentlichen
Hand, wirkte und ihr neofaschistisches Gedankengut
verbreiten konnte.
Ebenso ist gerichtsnotorisch,
dass es seinerzeit Adenauer war, der sich bei den westlichen Alliierten für die
Freilassung von verurteilten Kriegsverbrechern einsetzte und schützend seine
Hand über verschiedene Naziorganisationen hielt.
Ebenso ist bekannt, dass
zahlreiche NS-belastete Richter und Staatsanwälte nach einiger Zeit wieder in
den Justizdienst zurückkehren konnten, indem sie nach dem so genannten
„Huckepack-Verfahren" auf dem „Rücken unbelasteter Juristen" in den
Justizdienst wieder übernommen wurden. Alsbald fiel auch diese Beschränkung.
Denn ohne die Richter und
Staatsanwälte, die unter Hitler Karriere gemacht hatten, wäre der riesige
bundesdeutsche Justiz-Apparat nach 1945 nicht arbeitsfähig gewesen.
Bewährte Antifaschisten und
Demokraten zu Richtern und Staatsanwälten auszubilden, wie das kurzfristig in
der DDR erfolgte, war den maßgebenden Kräften im Westen Deutschlands zu
suspekt.
(Es darf daran
erinnert werden, dass im Laufe der Nazizeit, also bis Kriegsende, in der Justiz
des Hitler-Staates praktisch kaum ein Jurist tätig war, der sich nicht auf das
NS-Regime eingestellt hatte und Mitglied entsprechender Organisationen der
Nazis geworden war; denn nahezu alle anderen waren im Laufe der Jahre aus rassischen
oder politisch-ideologischen Gründen aus der Hitler-Justiz entfernt worden.)
Ebenso ist
gerichtsbekannt, dass Richter und Staatsanwälte, die unter Hitler Demokraten
und Antifaschisten, darunter viele Kommunisten verfolgt und bestraft hatten,
nun wieder, jedenfalls schon in den fünfziger Jahren, gegen solche vorgingen.
Dabei konnte es passieren,
dass ein nunmehr wieder Angeklagter dem gleichen Richter gegenüberstand, der
ihn während der NS-Zeit verurteilt hatte.
In jedem Fall war es so,
dass Strafen, die Nazirichter gegen Kommunisten und andere Demokraten verhängt
hatten, diesen von den bundesdeutschen Gerichten als einschlägige Vorstrafen
vorgehalten und angekreidet wurden, ganz so wie der ehemalige Ankläger beim
Sondergericht Kattowitz, ein Herr Karl-Heinz Ottersberg, später als
Staatsanwalt für politische Strafsachen am Landgericht Lüneburg einem
angeklagten Kommunisten in der Verhandlung vorhielt: " Aus Ihrer
Inhaftierung in den Jahren 1933 bis 1945 haben Sie nichts gelernt! ".
Ebenso bekannt ist auch,
dass die bundesdeutsche Justiz außerordentlich zurückhaltend war, wenn es um
die Bestrafung von NS-Verbrechen, insbesondere von Richtern und Staatsanwälten
begangene, ging.
Nach aller uns vorliegenden
Kenntnis ist keiner von diesen NS-Richtern wirklich verurteilt worden.
Besonders markant ist das
Beispiel des beisitzenden Richters am Volksgerichtshof, des Herren Rehse,
dessen Verfahren durch die Instanzen bis zum Bundesgerichtshof ging, dessen
hinreichend bekannter 5. Strafsenat unter dem 30. April 1968 die Sache mit der
unverhüllten Empfehlung freizusprechen an das Landgericht zurückverwies.
Nunmehr, nach etwa 40
Jahren, sah sich derselbe 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes am 16. November
1995 genötigt, Selbstkritik zu üben:
Nachdem er
"die nationalsozialistische Gewaltherrschaft
... als eine Perversion der Rechtsordnung, wie sie schlimmer kaum
vorstellbar war,“ qualifiziert und „die damalige Rechtsprechung angesichts
exzessiver Verhängung von Todesstrafen nicht zu Unrecht als Blutjustiz
bezeichnet“ hatte und auch feststellte, dass " die vom Volksgerichtshof
gefällten Todesurteile ungesühnt geblieben“ sind, dass „keiner der am
Volksgerichtshof tätigen Berufsrichter und
Staatsanwälte wegen Rechtsbeugung verurteilt wurde, ebensowenig Richter
der Sondergerichte und der Kriegsgerichte " räumt dieser Senat ein :
" Einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte nicht zuletzt die
Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes.... Diese Rechtsprechung ist auf
erhebliche Kritik gestoßen, die der Senat als berechtigt erachtet. Insgesamt
neigt der Senat zu dem Befund, dass das Scheitern der Verfolgung von
NS-Richtern vornehmlich durch eine zu weit gehende Einschränkung bei der
Auslegung der subjektiven Voraussetzungen des
Rechtsbeugungstatbestandes bedingt war." [12]
(NB:Bei der Verfolgung von
DDR-Richtern und -Staatsanwälten allerdings hat gerade auch dieser Strafsenat
des Bundesgerichtshofes eine entgegensetzen Auslegung, eine dem DDR-Gesetz
direkt zuwiderlaufende Anwendung des Rechtsbeugungstatbestandes vorgenommen.)
Weiter:
Unter dem Schutze der
bundesdeutschen Rechtsordnung konnte sich all die Jahre neofaschistisches
Gedankengut entfalten, konnten alte und neue Nazis aktiv werden.
Nachdem die „Mauer“, der
„antifaschistische Schutzwall“, gefallen war, war es für die Neonazis und
Neofaschisten in der Bundesrepublik ein leichtes, in das Gebiet der DDR
einzudringen und insbesondere junge Menschen, denen Lebenserfahrung und eigene
Orientierung fehlten, sich gefügig und von sich abhängig zu machen.
Daher erleben wir in den
letzten Jahren nicht nur im Westen, in der alten Bundesrepublik, sondern auch
dort, wo über vier Jahrzehnte kein Raum für nazistische Äußerungen und
Aktivitäten war, neofaschistische Aktionen und Handlungen.
Seit Jahrzehnten berichten
die Medien über zahlreiche Demonstrationen, die die Reps und andere „Rechte“ sowie
verschiedene neofaschistische Organisationen, mit eindeutig und unübersehbaren
faschistischen Symbolen mit behördlicher Genehmigung, oft auch mit gerichtlicher
rechtsstaatlicher Erlaubnis und unter Polizeischutz durchführen konnten.
Nach der polizeilichen
Kriminalstatistik ist gerade im Jahre 2000 die Zahl rechter Gewalttaten,
darunter auch Morde, Mord- und Brandanschläge gegen Ausländer sowie
antisemitische Gewaltakte erheblich angewachsen; auch in der Bundeswehr ist
eine vergleichbare Zunahme beobachtet worden.
Angesichts dieses wachsenden
Neofaschismus, Rassismus und Antisemitismus haben in den letzten Monaten alle
namhaften bundesdeutschen Politiker und zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens gegen das Wiedererstarken rechter Gewalt und von
Neonazismus Front gemacht.
Sie alle haben gefordert,
ganz entschieden dagegen vorzugehen.
Zu solchen klaren Worten
gehören auch zahlreiche Demonstrationen und öffentliche Veranstaltungen der
unterschiedlichsten Art " gegen Rechts ", auf denen hochkarätige
Politiker auftraten und ein klares Bekenntnis ablegten.
Bundespräsident
Johannes Rau hatte am 9. November 2000 die Lage eindringlich charakterisiert:
"Wir beklagen fast 100
Tote, die seit 1990 Opfer rechtsextremistischer Gewalt geworden sind....
Menschenfeindliche Ideologen haben jugendliche Herzen und Körper vergiftet und
verletzt. Junge deutsche Männer haben Ausländer durch die Straßen gejagt,
verletzt und zu Tode geprügelt. "
Der Präsident des
Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sagte auf dieser
Kundgebung:
"Wehret den Anfängen,
heißt es oft wenn es um den Kampf gegen den Rechtsextremismus geht. Doch wir
sind längst über dieses Stadium hinaus. Was wir fast täglich erleben, hat
nichts mehr mit ‘Anfängen’ zu tun ".
War es nicht eigentlich so,
dass erst in dem Augenblick auch von Staats wegen gegen diese neofaschistische
Tendenzen etwas unternommen werden sollte, als sich das Ausland über diese
Wiedergeburt von nazistischer und neonazistischer Aktivität in der Bundesrepublik
über Deutschland aufregte und sie später dann auch dem Deutschland-Tourismus abträglich
wurden?
Kurz und gut, die
Bundesregierung war nun gehalten, etwas zu unternehmen, u. a. auch den Antrag
beim BVerfG zu stellen, die NPD zu verbieten.
Besonders tapfer und
entschlossen zeigte sich die Bundesregierung dabei allerdings nicht, denn sie
suchte in einem möglichst breiten Konsens Rückendeckung.
Ob das Material,
das jetzt zusammengestellt wurde, für ein Verbot der NPD durch das BVerfG
genügen wird, wird sich zeigen.
Bemerkenswert
ist, dass offenbar über Jahrzehnte solches Material nicht systematisch gesammelt
und aufbereitet wurde.
Es ist zu besorgen, dass das
Material für das BVerfG sehr ad hoc, mit der „heißen Nadel“ zusammengekratzt
wurde.
Was hier für uns wichtig
ist, ist, dass in der Bundesrepublik in den oben beschriebenen Formen
nazistische Traditionen, nazistisches Gedankengut über Jahrzehnte bestehen und
sich entfalten konnten.
Nachdem nun Signale
versendet wurden, etwas gegen die Wiedergeburt nazistischer Ideologie zu tun,
nachdem auch maßgebende Politiker, Vertreter der Öffentlichkeit und andere sich
für eine Frontstellung gegen „Rechts“ engagierten, war anzunehmen und zu
erwarten, dass jede Aktivität in dieser Richtung, dass jede Initiative in
dieser Hinsicht die breite Unterstützung der politisch maßgeblichen Kräfte in
der Bundesrepublik, insbesondere des Bundestages erfahren würde.
Auch die
Fraktion der PDS im Bundestag durfte solches erwarten, als sie ihren Antrag
einbrachte, in den Art. 26 des Grundgesetzes eine „Antifaschismus-Klausel“ aufzunehmen.
Die PDS-Abgeordnete Rechtsanwältin Dr. Evelyn Kenzler und andere, die ganze
PDS-Fraktion, brachte einen "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Grundgesetzes" (Drucksache 14/5127) ein.
Der Art. 26 Grundgesetz
drückt bekanntlich die Friedensbereitschaft der Bundesrepublik verbindlich aus
und kennzeichnet friedensstörende Handlungen, insbesondere Angriffskriege, als
verfassungswidrig und strafbar.
Nach dem Gesetzesentwurf der
PDS soll nunmehr auch als verfassungswidrig gekennzeichnet und unter Strafe
gestellt werden, "nationalsozialistisches Gedankengut wieder zu beleben
".
In der Begründung des
Antrags der PDS wird auf die historisch einmaligen Verbrechen des
Nationalsozialismus und an die Verpflichtung aus dem Potsdamer Abkommen
erinnert sowie an die Gelöbnisse der Widerstandskämpfer: "Nie wieder
Krieg! Nie wieder Faschismus! "
Selbstverständlich sehen
auch die Einbringer des Gesetzesentwurfes in der beantragten Erweiterung des
Art. 26 Grundgesetz kein Allheilmittel gegen das Wiederaufleben des Nationalsozialismus.
Gerade auch die PDS hat, wie
viele andere politisch engagierte Kräfte,
eine allseitige breite Aufklärung über den kriminellen Charakter von
Faschismus und Nationalsozialismus und seiner Verbrechen und eine breite gesellschaftliche
politisch-moralische Verurteilung von Faschismus und Nationalsozialismus gefordert.
Darüber hinaus hat der
Antrag der PDS auch an weitere - einfachrechtliche - Regelungen zur
Untersetzung der Erweiterung des Art. 26 Grundgesetz gedacht, so u. a. im StGB
sowie in Ordnungsvorschriften.
Namentlich in der
internationalen Wirkung wäre die von der PDS beantragte Erweiterung des Art. 26
Grundgesetz als eine dem Potsdamer Abkommen und den die Wiedervereinigung
Deutschlands ermöglichenden internationalen Abkommen entsprechende Ergänzung
mehr als nur ein politisches Zeichen.
Vor allem aber gäbe diese
Ergänzung den Behörden und auch den Gerichten im Lande eine inhaltliche
Richtschnur für eine verfassungskonforme Auslegung der jeweils anzuwendenden
Rechtsvorschriften gegen "rechte Gewalt".
Mit solcher Auslegungshilfe
würde es Neonazis unmöglich gemacht werden, ihre gefährlichen Aktivitäten auf
Ausübung von Grundrechten zu stützen.
Denn im Sinne der
Verfassung, des Grundgesetzes, kann sich niemand auf Grundrechte berufen und
dessen Ausübung verlangen, wenn er gegen Grundlagen der Verfassung, des
Grundgesetzes selbst handelt.
Die dahingehende
Klarstellung des antifaschistischen
Charakters der Verfassung, des Grundgesetzes, von der auch die PDS ausgeht,
würde es auch erübrigen, eine generelle Verschärfung des Versammlungs- und
Strafrechts vorzunehmen, was schon von einigen politischen Kräften gefordert
wird.
Es besteht in diesem
Zusammenhang Veranlassung, an den § 129 a StGB zu erinnern, den der bekannte
Rechtsanwalt Rolf Gößner als eine vornehmlich gegen "links"
angewandte Strafvorschrift analysiert hat.
Die PDS durfte angesichts
der oben skizzierten politischen Atmosphäre in der deutschen Öffentlichkeit bei
der Beratung dieses Antrags im Bundestag am 16. Februar 2001 ein positives Echo
erwarten.
Im krassen Gegensatz dazu
fand der Gesetzentwurf der PDS jedoch bei den anderen Parteien keine
Unterstützung.
Dies allein wäre noch kein
Grund, sich mit der Debatte im Bundestag zu befassen.
Auch der Umstand, dass die
Drucksache dann in die Ausschüsse verwiesen wurde, wäre noch nicht besonders
bemerkenswert.
Anlass zu diesem Beitrag ist
jedoch der Umstand, wie sich die Sprecher der anderen Parteien, der SPD, der
FDP, der CDU und auch der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, zu diesem Antrag der
PDS verhielten.
Im nachhinein kann man davon
sprechen, dass sich der Gesetzentwurf der PDS als ein Prüfstein, wenn man so
will, geradezu als ein Königswasser, erwies, an dem sich die grundsätzliche
Haltung der verschiedenen Parteien zu Nationalsozialismus und Antifaschismus,
zur " rechten Gewalt " offenbarte und schied.
So haben sich diese Parteien
durch die Worte ihrer Sprecher in der Debatte in besonders auffälliger Weise
offenbart, ja zum Teil sogar entlarvt.
Der Vertreter der CDU/CSU
lehnte den Vorschlag der PDS grundsätzlich ab. Andere Sprecher brachten,
teilweise in deutlicher Distanzierung zur Fraktion der CDU/CSU, dem Anliegen
des Gesetzesentwurfes in dieser oder jener Weise Verständnis entgegen, wenngleich
sie ihn im Ergebnis für nicht geeignet hielten und schließlich ablehnten.
Auch wenn bei
einem Gesetzesentwurf, der Vorschriften des
Grundgesetzes betrifft, Rechtsfragen eine Bedeutung haben und debattiert
werden sollen, darf der Eindruck nicht verschwiegen werden, dass verschiedene
Sprecher statt der Hauptfrage, einer politischen Stellungnahme zu Faschismus
und Antifaschismus, dem Vorbringen einer "juristischen Argumentation“ den
Vorzug gaben.
Dadurch wird das
an sich gebotene klare politische Bekenntnis hinter juristischen Vokabeln
versteckt.
Allerdings kann
nicht übersehen werden, dass sich die juristische Argumentation, wie sie von
einigen Vertretern anderer Parteien vorgetragen wurde, in mehrfacher Hinsicht
als schwach und dürftig erwies.
Gewiss darf man davon
ausgehen, dass das ganze Grundgesetz in Ansehung des Zeitpunktes seiner
Erarbeitung wenige Jahre nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus seinem
geistigen Grundgehalt nach antifaschistisch ist.
Diese Prämisse galt auch für
die PDS, die auf Wolfgang Abendroth Bezug nahm, der von einem
antifaschistischen Auftrag des Grundgesetzes sprach.
Es mag auch sein, dass die
Väter des Grundgesetzes seinerzeit eine spezielle verfassungsrechtliche
Vorsorge gegen das Wiederaufleben
nationalsozialistischen Gedankenguts nicht für erforderlich hielten,
dass sie davon ausgingen, dass der Nationalsozialismus der Vergangenheit
angehöre.
Diese Prämisse hat sich aber
nicht bestätigt.
Wie oben kurz skizziert, hat
sich die Lage im Laufe der Jahrzehnte grundlegend geändert.
Was damals vielleicht nicht
erforderlich war, ist nunmehr aber besonders dringlich geworden.
In diesem Zusammenhang kann
nicht übersehen werden, dass im Grundgesetz weder der Begriff Faschismus, noch
der des Antifaschismus zu finden ist.
Soweit der Terminus „Nationalsozialismus
" vorkommt, nämlich an einer speziellen Stelle, im Art. 139, bezieht er
sich auf eine ganz bestimmte Problematik, nämlich darauf, dass die von den
Alliierten veranlassten Maßnahmen der Entnazifizierung, vom Grundgesetz nicht
berührt werden, dass diese nicht an den Maßstäben des Grundgesetzes gemessen
werden können.
Jedenfalls fehlt dem
Grundgesetz ganz zweifellos eine ausdrückliche verfassungsrechtliche Vorsorge
gegen das Wiederaufleben nationalsozialistischer Bestrebungen.
Im Übrigen darf nicht
übersehen werden, dass sich das Grundgesetz entsprechend der ihm zu Grunde
liegenden Konzeption in politischen Fragen und Positionen außerordentlich zurückhält,
dass es gerade zum Konzept des Grundgesetzes gehört, sich nicht auf eine
"linke" oder "rechte" Position, auf eine sozialdemokratische oder christlich-demokratische oder andere
demokratische Position zu stellen, sondern vielmehr der Meinungsvielfalt und
dem Meinungsstreit Raum zu lassen.
Man mag das alles als eine
von Anfang an diesem Grundgesetz innewohnende Schwäche ansehen, aber so ist nun
einmal die positivrechtliche Rechtslage des Grundgesetzes, die die PDS
veranlasste, die zeitgemäß gebotene Klarstellung der Haltung des Grundgesetzes
zu Nationalsozialismus und Faschismus durch eine Grundgesetzänderung herbeizuführen.
Was den Art. 139 Grundgesetz
betrifft, so ist daran zu erinnern, dass er mit den Worten "Fortgelten der
Vorschriften über Entnazifizierung" überschrieben ist.
Sein Text lautet "Die
zur ‘Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus’
erlassenen Rechtsvorschriften werden von den Bestimmungen dieses Grundgesetzes
nicht berührt ".
Die einschlägigen Kommentare
stellen klar, dass diese Vorschrift nur das Entnazifizierungsrecht betrifft,
das auf besatzungsrechtlicher
Grundlage erging und von deutschen Behörden ausgeführt wurde.
Da diese
besatzungsrechtlichen Vorschriften insoweit völkerrechtlichen Charakter trugen,
unterfielen sie nicht und unterfallen sie nicht der Jurisdiktion des besetzten
Gebietes, also Deutschlands.
Ganz eindeutig wird
ausgesprochen:
Der Zweck des Artikels 139
als Übergangsbestimmung erschöpft sich darin, die vorbehaltenen Vorschriften
unabhängig von ihrer rechtsstaatlichen Problematik und unabhängig von ihrer
Übereinstimmung mit dem Grundgesetz und seinen Grundrechten zu überführen und
den planmäßigen Abschluss der Entnazifizierung ohne Gefährdung ihrer
Rechtsgrundlage zu ermöglichen.
Daraus folgt, dass mit dem
letzten Landesentnazifizierungsabschlussgesetz im Jahre 1953 dieser Artikel gegenstandslos geworden ist oder,
wie Roman Herzog es ausdrückte, obsolet.
Jedenfalls enthält nach den
gängigen Kommentaren diese Vorschrift des Artikels 139 keine fortdauernde
antinationalsozialistische Grundentscheidung des Grundgesetzes.
Soll man annehmen, dass die
diesbezüglichen Kommentare unter gewissen Voraussetzungen ein Wiederbeleben des
Nationalsozialismus für grundgesetzmäßig halten?
Jedenfalls wird auch
klargestellt, dass die Annahme einer Absage des Grundgesetzes an den
Nationalsozialismus niemals aus Art. 139 abgeleitet werden könne.
In gleichem Sinne stellen
die betreffenden Kommentare klar, dass eine aktuelle Berufung auf Art. 139
Grundgesetz für ein Vorgehen gegen Neonazismus und Faschismus verfassungsrechtlich
unzulässig ist.
Es ergibt sich also, dass
die Redner, die meinen, unter Verweis auf Art. 139 Grundgesetz die
Überflüssigkeit des Antrags der PDS beweisen zu können, juristisch schwach
besattelt waren.
Gerade der dargestellte
Charakter des Artikels 139 Grundgesetz als einer spezifischen Übergangsregelung
spricht dafür, dass an geeigneter Stelle die antifaschistische Grundhaltung des
Grundgesetzes klargestellt werden muss.
Im Unterschied zu den
vorerwähnten Rednern ist die ausgesprochen politische Stellungnahme der CDU/CSU
zum Gesetzentwurf der PDS beispiellos entlarvend.
Das beginnt schon damit,
dass der Abgeordnete Dr.Götzer, der für diese Fraktion sprach, allen Ernstes
behauptete, der Begriff Antifaschismus sei ein zentraler Kampfbegriff und
fester Bestandteil der Terminologie und Strategie der Kommunisten. Demgemäß sei
dieser Begriff eindeutig - und zwar in seinen Augen - negativ besetzt.
Dass dieser Redner auch von
dem weltweiten Widerstand gegen den Hitlerfaschismus während des Zweiten
Weltkrieges und danach, als es um die Überwindung des Faschismus ging, keine
Ahnung hat, ist schon nicht mehr nur seine Sache, sondern zeugt von der Unwissenheit
über Faschismus und Antifaschismus in seiner Fraktion.
Vor allem aber offenbart Dr.
Götzer so deutlich wie kein anderer eine typisch antikommunistische Haltung,
die mit der historischen Wahrheit nichts zu tun hat.
Der Zweck der Äußerung
dieses Abgeordneten besteht offenkundig darin, durch das diffamierende
Festmachen des Begriffes Antifaschismus auf Kommunisten diesen in perfider
Weiser für alle Demokraten unverwendbar zu machen.
Indem die CDU diesen Begriff
des Antifaschismus als Kommunistenbegriff verteufelt und sich von ihm
distanziert, so wie der Teufel das Weihwasser scheut, verrät sie ein weiteres
Mal ihre wahre Einstellung zu Faschismus und Nationalsozialismus.
Das entspricht genau den
zahlreichen Erklärungen der CDU/CSU und der praktischen Politik dieser Partei
seit über 50 Jahren.
Denn bei dieser Partei war
in all diesen Jahren ein vollständiges Brechen mit dem Faschismus samt seinen
politischen, geistigen und ökonomischen Wurzeln nicht zu erkennen, gerade
dieser Partei fehlt die gebotene konsequente Haltung gegenüber dem Faschismus.
Inwieweit Erklärungen
führender Politiker dieser Partei selbst dazu beitrugen, dass wir nunmehr mit
einem Wiederbeleben von faschistischem Gedankengut konfrontiert sind, kann hier
nicht weiter untersucht werden.
Immerhin spürt der
Abgeordnete Dr. Götzer selbst einen solchen Eindruck. Denn er befürchtet, dass
im Falle der von der PDS vorgeschlagenen Ergänzung des Art. 26 Grundgesetz der
Eindruck entstehen könnte, dass die Bundesrepublik bislang nicht genug getan
hätte, um neonazistische Umtriebe wirksam zu bekämpfen.
Noch stärker aber entlarvt
dieser Abgeordnete sich und damit die von ihm vertretenen Parteien, wenn er einer
Gleichstellung von Faschismus bzw. „rechter“ Gewalt und Rechtsextremismus mit „Linksextremismus“ das Wort redet
und in diesem Zusammenhang noch den Verfassungsschutz gegen den
„Linksextremismus“ bemüht.
Der Abgeordnete Dr. Götzer
wirft der PDS ausdrücklich vor, dass sich ihr Gesetzentwurf, der an das
Potsdamer Abkommen und das Nürnberger Urteil anknüpft, einseitig nur gegen nationalsozialistisches Gedankengut richtet
und nicht auch gegen anderes „totalitäres“, insbesondere kommunistisches
Gedankengut.
Um es ganz klar
auszusprechen:
Die von Dr. Götzer
vertretene und geforderte Gleichstellung von Rechtsextremismus und
Linksextremismus bedeutet letztlich nichts anderes als eine Verniedlichung des
Faschismus.
Sie verkörpert eine Haltung,
gegen die „rechte“ Gefahr doch nicht mit der erforderlichen Entschiedenheit
vorzugehen.
Die Kernfrage der
Auseinandersetzungen mit dem Neofaschismus und der konsequenten Bekämpfung
jeglichen Versuchs einer Wiederbelebung faschistischen Denkens und Handels
besteht indessen darin, ob erkannt und klargestellt wird, dass Nationalsozialismus
nicht lediglich die Äußerung einer anderen Meinung oder Gesinnung ist, die etwa
unter dem Schutz des Grundgesetzes stehen könnte, sondern dass Faschismus und
Nationalsozialismus - wie es der Nürnberger Gerichtshof vor der ganzen Welt
justizförmig klarstellte - als Verbrechen und zwar als schwerste Verbrechen
gegen die Menschheit gebranntmarkt werden.
Die Position der CDU/CSU
verrät eine unvertretbare Toleranz gegenüber Nationalsozialismus, rechter
Gefahr und Faschismus und erweist sich damit objektiv als eine Position der
Schützenhilfe für die rechte Gefahr, für Faschisten und Neonazis, die man
womöglich gegen den „Linksextremismus“ zu benötigen meint.
Indem der Bundestag als
Ganzes die Chancen vertat, in dieser Debatte in eindeutiger Weise und mit
verfassungsrechtlicher Konsequenz zu einem entschiedenen Kampf gegen jegliche
Bestrebungen der Wiederbelebung des Nationalsozialismus und verwandten
Gedankengut aufzurufen, ist er den antifaschistischen Bestrebungen zahlreicher
Politiker und Vertreter der Öffentlichkeit in Deutschland in den Rücken
gefallen.
Weltanschauung
für Zivilisationsschübe (IX)
Sozialismus/Zivilisation
oder Barbarei?
Zur Auswertung von Niederlagen
von Eike Kopf
Ein Mangel des
Verständnisses und der Verbreitung der Revolutionstheorie in sozialistischen
Ländern bis 1989/1991 scheint mir darin zu bestehen, dass den Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus Gegenrevolutionen, also (französisch: contre-révolutions)
Konterrevolutionen (sowie der vorsorglichen Strategie eines eventuell notwendig
werdenden Rückzuges) zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Dieser Mangel
wäre praktisch nicht ins Gewicht gefallen, wenn wir als vor allem
staatstragende Partei, als Sozialistische Einheitspartei Deutschlands -
diejenigen wichtigen äußeren Faktoren für unsere Niederlage in der Deutschen
Demokratischen Republik, auf die wir keinen
Einfluss hatten 1,
lasse ich hier einmal außer Acht - auch in den 70er und 80er Jahren vor allem
durch eine den gewordenen Erfordernissen [13] gemäße sozialistisch-demokratische Volksverbundenheit der SED den
werktätigen Massen praktisch die Erfahrung vermittelt hätten, dass wir vor
allem ihnen zu dienen haben; denn die
größte, wirksamste öffentliche Gewalt, also politische Herrschaft oder Macht
des werktätigen Volkes wird in der Tat verfasst oder konstituiert und realisiert,
wenn die die Regierungsverantwortung tragenden Parteien in sozialistischen
Ländern - gerade in schwierigen Situationen (Naturkatastrophen, Handelsblockaden, steigende Rohstoffpreise auf den
Außenmärkten, innere und äußere Sicherheit usw.) - sich mit den werktätigen
Massen beraten, ihnen die Lage, die Reserven, den Handlungsspielraum und die
Entscheidungsmöglichkeiten darlegen.
Diese Methode scheinen seit
1989 vor allem die kommunistischen Parteien in China, Kuba und Vietnam am
erfolgreichsten zu praktizieren, was dazu geführt hat, dass es bestimmten
Kräften des internationalen Finanzkapitals bisher nicht gelungen ist, ihre
Ziele zur Beseitigung der Grundlagen für sozialistische Gesellschaftszustände
in diesen Ländern zu verwirklichen. Das Ende des 20. Jahrhunderts wird also
nicht zugleich global zum Ende des Sozialismus oder Kommunismus, wie das
1989/1991 lauthals prophezeit worden ist.
Die Tatsache, dass
Konterrevolutionen nicht genügend ausgewertet worden sind, ist nur die
Kehrseite der primitiven, aber u.a. in der DDR intensiv verbreiteten und (wie
man sieht) schließlich lebensgefährlichen Auffassung, daß Sozialisten oder Kommunisten
sozusagen geschichtsnotwendig, (falsch
verstanden:) “gesetzmäßig”, für
immer, unwiderruflich zu den Siegern der Geschichte gehören würden (wie ein - von wem eigentlich? - auserwählter Menschenschlag).
Mit einer marxistischen und damit überhaupt sozial- oder geschichtswissenschaftlichen Position hatte das
nichts zu tun.
Nicht irgendein
Freizeitvergnügen oder ein mal eben gewähltes Studienobjekt, sondern die
grausame und konsequente Niederschlagung aller antifeudalen, revolutionären Erhebungen
der aufstrebenden bürgerlich-demokratischen
und ersten proletarischen Kräfte in einer Reihe europäischer Länder 1848 bis
1850 veranlasste Karl Marx und Friedrich Engels, sich mit dem Wesen der Konterrevolution zu beschäftigen, was
vor allem seinen Niederschlag in Veröffentlichungen gefunden hat, die sie in
der Kölner “Neuen Rheinischen Zeitung” (nachfolgend: NRhZ) veröffentlicht
haben.
Da eine grundlegende
progressive Reformierung in der Bundesrepublik Deutschland vorerst praktisch
nicht zu erwarten ist, sollten progressive Kräfte die Zeit auch zur Analyse
gerade der Erfolge und der gemachten Fehler in der DDR nutzen, denn nur auf diesem Territorium ist es bisher in der
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung gelungen, in einer beträchtlichen
Zahl von Jahren tatsächlich grundlegende Forderungen zur Schaffung eines
sozialistischen Gesellschaftszustandes zu realisieren
- da beißt die Maus keinen Faden ab (und einen real existierenden
“demokratischen Sozialismus”, wenigstens mal ein Jahr lang, kann bisher niemand
vorweisen)! Ein Rückblick vorher in die Auswertung der niedergeschlagenen
Revolutionen 1848/1949 könnte helfen, theoretisch bedeutsame Einsichten und
methodisch wichtige Fragestellungen für diese Analyse beizusteuern.
Wichtig ist zunächst noch
die Klarstellung, dass zwischen Revolutionen im weiten und Revolutionen im engen
Sinne des Wortes unterschieden werden muss, um Missverständnisse auszuschließen.
Es dreht sich grundsätzlich
darum, dass es in der Entwicklung (Evolution im weiten Sinn) der Menschheit,
wie überhaupt in der gesamten objektiven Realität (deren spezifischer
Bestandteil die Menschheit ist), nachweislich “ruhigere”, “gemächlichere” und
“stürmischere”, scheinbar nur äußere und innere, mengenmäßige und wesentliche,
quantitative und qualitative Veränderungen, evolutionäre (im engen Sinn) und
revolutionäre Entwicklungsabschnitte gibt. Auch die jetzt ökonomisch und
politisch herrschenden Klassenkräfte des Bürgertums
verdanken ihre Existenz einer derartigen, also evolutionäre und
revolutionäre Abschnitte einschließenden
Entwicklungsgeschichte, etwa seit dem Ende des 15. und Anfang des 16.
Jahrhunderts.
Unter Revolution im weiten Sinn verstehe ich weltgeschichtlich bedeutsame
Umwälzungen, Übergänge von einer Gesellschaftsordnung (oder -formation) in eine
andere, in deren Verlauf die ökonomischen, sozialen (im engeren Sinn; “sozial”
im weiteren Sinn benutze ich gleichbedeutend für “gesellschaftlich” im
Unterschied etwa zu “tierisch” oder “pflanzlich”), politischen, juristischen,
moralischen, religiösen, künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen
Ebenen (oder Organisationen, Teilsysteme, Elemente) in einem Prozeß wesentlich
umgestaltet, umgeformt werden, der sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte
erstrecken kann.
Unter Revolutionen im engen Sinn, also unter Revolutionen, die meistens
in den Geschichtsbüchern erwähnt werden und von denen am meisten (auch
nachfolgend) gesprochen oder geschrieben wird, verstehe ich die wesentlichen
Umwälzungen, Übergänge in der Ausübung der öffentlichen
Gewalt oder der politischen Herrschaft
bzw. Macht als wichtigste Ebene
des Überbaus von Gesellschaftsordnungen, in denen Klassenunterschiede existieren.
Im Heft 5/6 Mai-Oktober 1850
veröffentlichte Engels seine Arbeit “Der deutsche Bauernkrieg”.[14]
Dort ist zu lesen: “Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition.
Es gab eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten
Leuten der Revolutionen anderer Länder an die Seite stellen können, wo das
deutsche Volk eine Ausdauer und Energie entwickelte, die bei einer zentralisierteren
Nation die großartigsten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer
mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug
zurückschaudern. _|¯ Es ist an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung
[nach der 1848/49er Revolution - E.K.], die sich nach zwei Jahren des Kampfes
fast überall zeigt, die ungefügen, aber kräftigen und zähen Gestalten des
großen Bauernkrieges dem deutschen Volke wieder vorzuführen.”[15]
“Die städtische Opposition
gegen das Patriziat teilte sich in zwei Fraktionen, die im Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten. _|¯ Die bürgerliche Opposition, die Vorgängerin unsrer heutigen Liberalen,
umfaßte die reicheren und mittleren Bürger sowie einen nach den Lokalumständen
größeren oder geringeren Teil der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich
rein auf verfassungsmäßigem Boden. [...] _|¯ Die plebejische Opposition bestand aus den heruntergekommenen Bürgern
und der Masse der städtischen Bewohner, die vom Bürgerrechte ausgeschlossen
war: den Handwerksgesellen, den Taglöhnern und den zahlreichen Anfängen des
Lumpenproletariats, die sich selbst auf den
untergeordneten Stufen der städtischen Entwicklung vorfinden. [...] _|¯
Nur in Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers und an einzelnen andern
Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebejische Fraktion der Städte von
dem allgemeinen Sturm so weit fortgerissen, daß das embryonische proletarische
Element in ihr momentan die Oberhand über alle andern Fraktionen der Bewegung
bekam. Diese Episode, die den Kulminationspunkt des ganzen Bauernkriegs bildet
und sich um die großartigste Gestalt, um Thomas
Münzer, gruppiert, ist zugleich die kürzeste. [...] _|¯ Unter allen diesen
Klassen, mit Ausnahme der letzten, stand die große exploitierte [ausgebeutete -
E.K.] Masse der Nation: die Bauern.
Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft: Fürsten, Beamte,
Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines Fürsten, eines
Reichsfreiherrn, eines Bischofs, eines Klosters, einer Stadt war, er wurde
überall wie eine Sache, wie ein Lasttier behandelt, und schlimmer. War er
Leibeigner, so war er seinem Herrn auf Gnade und Ungnade zur Verfügung gestellt.
War er Höriger, so waren schon die gesetzlichen, vertragsmäßigen Leistungen hinreichend,
ihn zu erdrücken; aber diese Leistungen wurden täglich vermehrt. Den größten
Teil seiner Zeit mußte er auf den Gütern des Herrn arbeiten; von dem, was er
sich in den wenigen freien Stunden erwarb, mußten Zehnten, Zins, Gült, Bede, Reisegeld
(Kriegssteuer), Landessteuer und Reichssteuer gezahlt werden. Er konnte nicht
heiraten und nicht sterben, ohne daß dem Herrn gezahlt wurde. Er mußte, außer den regelmäßigen Frondiensten, für den
gnädigen Herrn Streu sammeln, Erdbeeren sammeln, Heidelbeeren sammeln,
Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur Jagd treiben, Holz hacken usw. Fischerei
und Jagd gehörten dem Herrn; der Bauer mußte ruhig zusehen, wenn das Wild seine
Ernte zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren fast überall
gewaltsam von den Herren weggenommen worden. Und wie über das Eigentum, so
schaltete der Herr willkürlich über die Person des Bauern, über die seiner Frau
und seiner Töchter. Er hatte das Recht der ersten Nacht. Er warf ihn in den
Turm, wenn es ihn beliebte, wo ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt [1850 -
E.K.] der Untersuchungsrichter, damals die Folter erwartete. Er schlug ihn tot
oder ließ ihn köpfen, wenn’s ihm beliebte.”[16]
Die Bauern waren “allein
nicht imstande, eine Revolution zu machen, solange ihnen die organisierte Macht
der Fürsten, des Adels und der Städte verbündet und entschlossen entgegenstand.
[...] _|¯ Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs, Fürsten, Adel,
Prälaten, Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern, bildeten im Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich
nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern
im Wege, lag mit allen andern in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten
Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei große Lager, wie sie beim
Ausbruch der ersten Revolution [1789 - E.K.] in Frankreich bestand, wie sie
jetzt [1850 - E.K.] auf einer höheren Entwicklungsstufe in den
fortgeschrittensten Ländern besteht, war unter diesen Umständen rein unmöglich.”[17]
“Noch [1524 - E.K.] war
Münzer vor allem Theologe [...] Unter dem Reich Gottes verstand Münzer aber
nichts anderes als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede,
kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbständige,
fremde Staatsgewalt mehr bestehe. Sämtliche bestehende Gewalten, sofern sie
sich nicht fügen und der Revolution anschließen wollten, sollten gestürzt, alle
Arbeiten und alle Güter gemeinsam und die vollständigste Gleichheit
durchgeführt werden. Ein Bund sollte gestiftet werden, um dies durchzusetzen,
nicht nur über ganz Deutschland, sondern über die ganze Christenheit; Fürsten
und Herren sollten eingeladen werden, sich anzuschließen; wo nicht, sollte der
Bund sie bei der ersten Gelegenheit mit den Waffen in der Hand stürzen oder
töten.” [18]
Martin Luther, der 1517 mit
dem Anschlagen seiner 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg die
Reformation, die erste bürgerliche Revolution
der Weltgeschichte, eingeleitet hatte, wandte sich nun gegen Müntzer. Am
17. März 1525 kamen in der Freien Reichsstadt Mühlhausen/Thür., wo Müntzer etwa
seit Ende Februar in der Marienkirche predigte, verschiedene Schichten des
Bürgertums zur Macht und wählten den “Ewigen Rat”, an dessen Sitzungen Müntzer
teilnahm (ihm jedoch nicht angehörte). Dieser Rat führte unter dem Druck der
von Müntzer geführten plebejischen Kräfte die Verteilung ehemals kirchlichen
Bodens, darunter den des Deutschen Ritterordens, und Viehbestandes durch. Er
stellte Saatgut bereit und teilte einige Kirchenkassen auf. Ferner führte er
die rechtliche Gleichheit aller Bewohner ein. Seine Haltung zu den umliegenden
Feudalgewalten blieb allerdings zwiespältig. “Die [proletarische - E. K.]
Klasse”, die Müntzer “repräsentierte, weit entfernt, vollständig entwickelt und
fähig zur Unterjochung und Umbildung der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben
erst im Entstehen begriffen”, schrieb Engels.[19]
“Münzer zog seine
Streitkräfte, an 8000 Mann mit einigem
Geschütz, bei Frankenhausen [heute Bad Frankenhausen - E. K.]
zusammen. Der thüringische Haufe war weit entfernt davon, die Schlagfertigkeit
zu besitzen, die ein Teil der oberschwäbischen und fränkischen Haufen dem
Truchseß [Landgraf Philipp von Hessen - E.K.] gegenüber entwickelte; er war
schlecht bewaffnet und schlecht diszipliniert, er zählte wenig gediente
Soldaten und ermangelte aller Führer. Münzer selbst besaß offenbar nicht die
geringsten militärischen Kenntnisse. Dennoch fanden es die Fürsten angemessen,
auch hier die Taktik anzuwenden, die dem Truchseß so oft zum Sieg verholfen
hatte: die Wortbrüchigkeit. Am 16. Mai leiteten sie Unterhandlungen ein,
schlossen einen Waffenstillstand und überfielen dann plötzlich die Bauern, noch
ehe der Stillstand abgelaufen war. [...] Nach kurzem Widerstand war die
Wagenlinie durchbrochen, die Kanonen der Bauern waren erobert und sie selbst versprengt.
Sie flohen in wilder Unordnung, um den Umgehungskolonnen und der Reiterei um so
sicherer in die Hände zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter ihnen
anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend erschlagen; der
Rest kam nach Frankenhausen hinein und gleichzeitig mit ihm die fürstlichen
Reiter. Die Stadt war genommen. Münzer, am Kopf verwundet, wurde in einem Hause
entdeckt und gefangengenommen. Am 25. Mai ergab sich auch Mühlhausen; [Mönch;
Prediger und Mitstreiter Müntzers, Heinrich - E.K.] Pfeifer, der dort geblieben
war, entkam, wurde aber im Eisenachschen verhaftet. _|¯ Münzer wurde in
Gegenwart der Fürsten [in der Wasserburg Heldrungen - E.K.] auf die Folter
gespannt und dann enthauptet. Er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz, mit
dem er gelebt hatte. Er war höchstens achtundzwanzig Jahre [richtig
wahrscheinlich: 35 - E.K.] alt, als er hingerichtet wurde. Auch Pfeifer wurde
enthauptet; außer diesen beiden aber noch zahllose andre. In Fulda hatte der
Mann Gottes, Philipp von Hessen, sein Blutgericht begonnen; er und die sächsischen
Fürsten ließen unter andern in Mühlhausen über 100, bei Görmar 26, bei Tüngeda
50, bei Sangerhausen 12, in Leipzig 8 Rebellen mit dem Schwert hinrichten, von
Verstümmelungen und anderen gelindern Mitteln, von Plünderungen und Verbrennungen
der Dörfer und Städte gar nicht zu reden.
_|¯ Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den
sächsischen Ländern einverleibt, gerade wie die Abtei Fulda der Landgrafschaft
Hessen.”[20]
Von Thüringen, Sachsen und
Hessen aus zogen die fürstlichen Truppen nach Oberfranken bis zum Elsass,
schlugen alle Aufstände gnadenlos nieder und begannen somit die noch
langandauernde Gegenreformation, also
Konterrevolution, die so konsequent
durchgesetzt wurde, dass die deutschen Länder mehrere Hundert Jahre, also bis
1844-1848, aus der Reihe der fortschrittlichen Länder herausfiel.
Als Hauptursache für die
Niederlage hatte Müntzer nach der Folter in Heldrungen angesichts der ihn
erwartenden Hinrichtung dem Schreiber diktiert, dass schließlich bei zu vielen
Mitstreitern der eigene Nutzen wichtiger gewesen sei als der Nutzen der
Christenheit, also der werktätigen Allgemeinheit! [21]
Als Hauptursache für die
Niederlage der Aufständischen sah Engels die Zersplitterung. “Wir haben
gesehen, wie Deutschland zersplittert war [...] auch wie die Nation in jeder
dieser Provinzen in eine vielfache Gliederung von Ständen und Ständefraktionen
auseinanderfiel. [...] _|¯ Wie die lokale und provinzielle Zersplitterung und
die daraus notwendig hervorgehende lokale und provinzielle Borniertheit die
ganze Bewegung ruinierte; wie weder die Bürger noch die Bauern, noch die
Plebejer zu einem konzentrierten, nationalen Auftreten kamen; wie die Bauern
z.B. in jeder Provinz auf eigne Faust agierten, den benachbarten insurgierten
[aufständischen - E. K.] Bauern stets die Hülfe verweigerten und daher in
einzelnen Gefechten nacheinander von Heeren aufgerieben wurden, die meist nicht
dem zehnten Teil der insurgierten Gesamtmasse gleichkamen - das wird wohl aus
der vorhergehenden Darstellung jedem klar sein. Die verschiedenen
Waffenstillstände und Verträge der einzelnen Haufen nicht nach der größeren oder
geringeren Gemeinsamkeit ihrer eignen Aktion, sondern nach der Gemeinsamkeit
des speziellen Gegners, dem sie erlagen, ist der schlagendste Beweis für den
Grad der Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegeneinander.” [22]
Soweit Engels’ Schlussfolgerungen
von 1850. Sind sie wirklich ohne jeden Wert für Einsichten aus vergleichender
Geschichtsbetrachtung hinsichtlich der Vorgänge, wie sie schließlich auf dem
Nährboden der von uns in der DDR selbst gemachten innenpolitischen Fehler, einer
spätestens schon 1970 in der Bonner („ehemaligen“) BRD beschlossenen
sozialreformistischen Konzeption der Unterwanderung und Wandlung durch
Annäherung folgend (wofür vor allem Kirchen den Organisationsrahmen zur
Verfügung stellten, wie nach 1990 zugegeben wurde), seit 1989/1990 in der DDR
und der “Abwicklung” ihrer Industrie, Landwirtschaft sowie Einrichtungen der verschiedensten
Art und gesellschaftlichen Ebenen in Angriff genommen wurden?
Schon 1980 war dargelegt worden: “Ohne Aufarbeitung der Gedanken von K. Marx über
Charakter, Formen, Typen und Rolle der Konterrevolution bleiben die Aussagen
über Gewalt in der Geschichte, revolutionäre Diktatur (bürgerliche wie
proletarische), Hegemonie und Massenbasis, Bündnisfrage oder das Illusionäre
eines 3. Weges in jeder Revolution nur zur Hälfte verständlich.”[23]
Sehen wir uns nun
Erkenntnisse von Marx und Engels aus den revolutionären und konterrevolutionären
Vorgängen in Europa 1848-1850 an.
Für beide war klar, “ohne Revolution kann sich [...] der Socialismus nicht ausführen” [24],
weil es sich beim Sozialismus um einen grundlegend
neuen, anderen Gesellschaftszustand handelt. Aus der schon 1845/1846 erkannten
Tatsache, dass in den heranreifenden gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen soziale
Gruppen eine wichtige Rolle spielen werden, die durch den sich international
immer mehr verflechtenden kapitalistischen
Produktionsprozess hervorgebracht
werden, schlossen sie, dass “eine in allen zivilisierten Ländern, das
heißt wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig
vor sich gehende Revolution” nötig sei. [25]
Schon im Februar 1845 hatte
Engels darauf aufmerksam gemacht, dass es nötig sein könne, “gegen antikommunistische Nationen”
kämpfen zu müssen.[26]
Marx hatte zur gleichen Zeit im Hinblick auf die Wiedererrichtung der feudalen
Macht der Bourbonen 1815-1830 in Frankreich von “Konterrevolution” gesprochen. [27]
Beide nahmen Anfang 1847 an,
dass sich die bevorstehende Umwälzung, vor allem in Deutschland, in Etappen vollziehen werde. Die bürgerlich-demokratische Revolution müsse
zunächst “den Sturz des Absolutismus und des Adels und den Aufstieg der
Bourgeoisie” bewirken.[28]
Die Bourgeoisie, die Bürgerklasse würde in dieser Etappe mit dem Volk, worunter
Marx damals in Deutschland “Proletarier, Kleinbauern und kleine Bürger”
verstand [29], zusammenwirken.
Er war im November 1847 der Meinung: ”Die Arbeiter wissen, [...] daß durch die
revolutionäre Bewegung der Bourgeoisie gegen die feudalen Stände und die absolute
Monarchie ihre eigne revolutionäre Bewegung nur beschleunigt werden kann. [...]
Sie können und müssen die bürgerliche
Revolution als eine Bedingung der Arbeiterrevolution
mitnehmen. Sie können sie aber keine Augenblick als ihren Endzweck betrachten.”[30]
Gerade das “industrielle Proletariat der Städte ist die Krone der modernen Demokratie
geworden; die kleinen Bürger und noch mehr die Bauern hängen von seiner
Initiative vollständig ab”, meinte Engels im Oktober 1847.[31]
Im Verlaufe der revolutionären Ereignisse könnten diese sozialen Kräfte völlig
oder teilweise, vorübergehend oder auf längere Dauer ins Lager der Konterrevolution
übergehen. Dies könne in einer zweiten Etappe der Fall sein, nämlich dann, wenn
die Macht der Bürgerklasse errichtet sei; “erst dann entspinnt sich der letzte
entscheidende Kampf, der Kampf zwischen den Besitzenden und Besitzlosen,
zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat”..[32]
Marx und Engels deckten
nicht nur die revolutionären Potenzen
der Bourgeoisie auf, deren welthistorische Bedeutung in der bis dahin
stürmischsten Entwicklung der Produktivkräfte besteht, sondern auch die konterrevolutionären, denn diese Klasse
befinde “sich also schon im Gegensatz zum Proletariat, ehe sie noch als Klasse
sich politisch konstituiert hat”.[33]
Die deutschen Bürger und Kleinbürger “wissen sehr gut, daß hinter ihnen ein
täglich wachsendes Proletariat steht, welches am Tage nach der Revolution ganz
andre Forderungen stellen wird, als sie selbst wünschen. Die deutschen
Bourgeois und Spießbürger benehmen sich daher auf eine feige, unentschiedene,
schwankende Weise, sie fürchten einen Zusammenstoß nicht weniger, als sie die
Regierung fürchten.” [34]
Der Doppelcharakter des Kleinbürgertums wurde also hier bereits gesehen. Auch
das “Lumpenproletariat” werde “durch eine proletarische Revolution stellenweise
in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger
sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen”, meinten Engels und
Marx im “Manifest”. [35]
Engels bezeichnete die
Revolutionen 1848 in Preußen, Österreich, Italien, Ungarn und anderen
europäischen Staaten als “Geburtswehen einer neuen geschichtlichen Epoche”.[36]
In Frankreich war die Monarchie gestürzt worden, in Berlin und Wien wankte sie.
Unter dem Druck der Volksmassen sahen sich die historisch überlebten Regimes
gezwungen, Zugeständnisse zu machen, einige politische Freiheiten zu gewähren,
die Durchführung konstitutioneller und anderer Reformen zu versprechen. Wie
Marx und Engels vermutet hatten, schreckten jedoch schon diese wenigen Zugeständnisse
die bürgerlichen Unternehmer, Handels- und Bankkapitalisten so, daß sie ein
Bündnis mit den feudalabsolutistischen Kräften eingingen.
Am Tage der Revolution
begann sich auch schon eine konterrevolutionäre
Gruppierung zu bilden. Marx und Engels sahen das und wiesen darauf hin:
“Das Recht der demokratischen Volksmassen, durch ihre Anwesenheit auf die
Haltung konstituierender Versammlungen moralisch einzuwirken, ist ein altes revolutionäres
Volksrecht, das seit der englischen und französischen Revolution in keiner
stürmischen Zeit entbehrt werden konnte. Diesem Recht verdankt die Geschichte
fast alle energischen Schritte solcher Versammlungen”, verdankt die Geschichte
“das revolutionäre Mandat, das jede aus den Barrikaden hervorgegangene
Versammlung besitzt, geltend zu machen gegenüber den Versuchen der Reaktion,
die Bewegung aufzuhalten”. “Und wenn die Kraft der Assoziationen [der Vereinigungen
- E.K.] größer ist als die des Staats, desto schlimmer für den Staat!” [37]
Im Juli 1848 schrieb Engels:
“Nach einer Revolution ist eine Erneuerung sämtlicher Zivil- und Militärbeamten
sowie eines Teils der gerichtlichen, und besonders der Parquets [Staatsanwaltschaft, Gerichtspersonal - E.K.], die erste
Notwendigkeit. Sonst scheitern die besten Maßregeln der Zentralgewalt an der
Widerhaarigkeit der Subalternen [Untergebenen, Untergeordneten - E K.]”.[38]
Es zeigte sich nämlich damals, dass die Ausnutzung des alten Staatsapparates
sowohl der bürgerlichen als auch der feudal-absolutistischen Konterrevolution
die Möglichkeit gab, im Prinzip die alte “Ordnung” wiederherzustellen. Aus
dieser Tatsache zog Marx dann 1852 den Schluss von der “Zertrümmerung der
Staatsmaschine” hinsichtlich des Personalbestandes und der Funktionsweise.[39]
Zur Förderung der
Entwicklung und zur Bekämpfung der Konterrevolution gehörte nach Auffassung von
Marx und Engels das Auftreten gegen illusionäre Auffassungen, bloß gefühlsmäßige
Aufwallungen. Bezogen auf die revolutionären Vorgänge in Frankreich im Februar
1848 schrieb Marx Ende 1849, alle bisherigen Anhänger des Königtums “verwandelten
sich damals in Republikaner und alle Millionäre von Paris in Arbeiter. Die
Phrase, welche dieser eingebildeten Aufhebung der Klassenverhältnisse entsprach,
war die fraternité, die allgemeine
Verbrüderung und Brüderschaft. Diese gemütliche Abstraktion von den Klassengegensätzen,
diese sentimentale Ausgleichung der sich
widersprechenden Klasseninteressen, diese schwärmerische Erhebung über
den Klassenkampf, die fraternité, sie war das eigentliche Stichwort der
Februarrevolution. Die Klassen waren durch ein bloßes Mißverständnis gespalten und [der französische Dichter, Historiker
und Politiker - E.K.] Lamartine taufte die provisorische Regierung am 24.
Februar: ‘eine Regierung, die dieses
fürchterliche Mißverständnis aufhebt, das
zwischen den verschiedenen Klassen besteht’. Das Pariser Proletariat schwelgte in diesem
großmütigen Fraternitätsrausche” [40]
- und wurde wenige Monate später von den “andersdenkenden Brüdern” verraten und
niedergemetzelt.
Marx und Engels bemühten
sich darum, den fortschrittlichen Kräften die Züge und nicht leicht zu durchschauenden Methoden der Konterrevolution
aufzudecken. Das war um so schwerer, als sich gerade die konterrevolutionären
Kräfte als Verteidiger der Ordnung, als Vertreter des Fortschritts und der
Zivilisation sowie als Hüter der Gesetzlichkeit ausgaben und ihrerseits die
Revolutionäre überhaupt und besonders das Proletariat als repressive,
anarchistische und zerstörerische Kräfte hinstellten.
Marx erklärte im Februar
1849 hinsichtlich der Wahrung der Gesetzlichkeit im Gerichtsprozess gegen den
Rheinischen Kreisausschuss der Demokraten den Ankägern und Richtern: „Aber,
meine Herren, was verstehen Sie denn unter der Behauptung des Rechtsbodens? Die
Behauptung von Gesetzen, die einer vergangenen Gesellschaftsepoche angehören,
die von Vertretern untergegangener oder untergehender
gesellschaftlicher Interessen gemacht sind, also auch nur diese im
Widerspruch mit den allgemeinen Bedürfnissen befindlichen Interessen zum Gesetz
erheben. Die Gesellschaft beruht aber nicht auf dem Gesetze. Es ist dies eine
juristische Einbildung. Das Gesetz muß vielmehr auf der Gesellschaft beruhn, es
muß Ausdruck ihrer gemeinschaftlichen, aus der jedesmaligen materiellen Produktionsweise
hervorgehenden Interessen und Bedürfnisse gegen die Willkür des einzelnen
Individuums sein. [...] Die Behauptung der alten Gesetze gegen die neuen
Bedürfnisse und Ansprüche der gesellschaftlichen Entwicklung ist im Grunde
nichts anders als die scheinheilige Behauptung unzeitgemäßer Sonderinteressen
gegen das zeitgemäße Gesamtinteresse. Diese
Behauptung des Rechtsbodens will solche Sonderinteressen als herrschende geltend machen, während sie nicht mehr herrschen; sie will der Gesellschaft
Gesetze aufdringen, die durch die Lebensverhältnisse dieser Gesellschaft, durch
ihre Erwerbsweise, ihren Verkehr, ihre materielle Produktion selbst verurteilt
sind, sie will Gesetzgeber in Funktion halten, die nur noch Sonderinteressen
verfolgen, sie will die Staatsmacht mißbrauchen, um gewaltsam die Interessen
der Minorität [Minderheit - E.K.] der Majorität [Mehrheit - E.K.] überzuordnen.
Sie tritt also jeden Augenblick in Widerspruch mit den vorhandenen
Bedürfnissen, sie hemmt den Verkehr, die Industrie, sie bereitet gesellschaftliche Krisen vor, die in politischen Revolutionen zum Ausbruch
kommen.” [41] Die
scheinbare Achtung des Rechtsbodens durch historisch überlebte
gesellschaftliche Kräfte entlarvten sie als “Heuchelei des Rechtsbodens” und
die kleinbürgerliche unterwürfige Ehrfurcht vor dem Gesetz als eine Position,
die den revolutionären Kräften “nicht den geringsten Nutzen bringt [...] gegenüber
einem Feinde, der solche Bedenken nur verachtet”.[42]
Die
Konterrevolution war selbst mit gesellschaftlichen Reformen nicht einverstanden. Daher waren nach Engels’ Erfahrung im
“Gang der Revolution die Zustände gereift, daß die Reformfreunde aller
Schattierungen, daß die bescheidensten Ansprüche der Mittelklasse [damals
Bourgeoisie - E.K.] gezwungen waren, sich um die Fahne der äußersten
Umsturzpartei zu gruppieren, um die rote
Fahne”.[43]
Für ihn standen in dieser
Zeit “auf der einen Seite die Revolution, auf der andern die Koalition aller
abgelebten Ständeklassen und Interessen; auf der einen die Zivilisation, auf
der andern die Barbarei”.[44]
Marx hatte zwei Monate vorher die Niederlage des Aufstandes der Arbeiter von
Paris im Juni 1848 und den Sieg der Konterrevolution, bei dem die
Regierungstruppen mit besonderer Grausamkeit vorgegangen waren, als “Niederlage
der Zivilisation unter der Barbarei” bewertet.[45]
Die entschlossene Verteidigung der Errungenschaften mit revolutionärer Gewalt
sahen sie angesichts der “terreur blanche”, des weißen Terrors, als einzige
Möglichkeit, “die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu
konzentrieren”.[46] Das war
zugleich die Auswertung von Erfahrungen, die die zur politischen Macht
strebende bürgerliche Klasse geschichtlich
vorher schon gemacht hatte.
Bei der Analyse der
Niederlage des Pariser Juniaufstandes gelangten Marx und Engels zu
bemerkenswerten Einsichten. Die Massenbasis oder Massenarmee der Proletarier
war zu gering; die französische bürgerliche Regierung verstand es, eine Kluft
zwischen Proletariat und Bauernschaft herzustellen, so daß die Konterrevolution
in den Bauern “ihr Hauptmaterial” gewinnen konnte.[47]
Den herrschenden Klassen
gelang es auch in Neapel, Paris und Wien, “bewaffnetes und erkauftes
Lumpenproletariat gegen das arbeitende und denkende Proletariat” entgegenzustellen,
wie Marx im November 1848 feststellte.[48]
Dabei benutzten die konterrevolutionären Kräfte auch politisch unerfahrene
Jugendliche; die zur Niederschlagung des Pariser Juniaufstandes eingesetzten
Truppen bestanden aus jungen Männern “in dem jugendlichen Alter, worin die
Provisorische Regierung sie rekrutierte, durchaus bestimmbar, der größten Heldentaten
und der exaltiertesten Aufopferung fähig, wie der gemeinsten Banditenstreiche
und der schmutzigsten Bestechlichkeit”, die dann als “junge Helden” gefeiert wurden.[49]
Sowohl die
Bauern als auch das städtische Kleinbürgertum konnten aufgrund ihres sozialen
Doppelcharakters in den entscheidenden revolutionären Auseiandersetzungen auf
die Seite der Konterrevolution gezogen werden.[50]
Engels zeigte z.B., daß “die slowakischen Bauern vor allem der Partei zufallen,
die ihnen definitive Befreiung von den Feudallasten zusichert” und charakterisierte
die “Slovaken, früher teils gleichgültig, teils sogar magyarenfeindlich, [...]
jetzt entschieden auf Seiten der Magyaren, seit diese dem slovakischen Bauer
die Abschaffung der Feudallasten und manche Konzessionen in Beziehung auf
Sprache und Nationalität gemacht haben”.[51]
Zur
ideologischen Beeinflussung der werktätigen Bevölkerung benutzten konterrevutionäre
Kräfte vor allem die Religion und die Aufrufe zur Verteidigung solche Werte wie
“Familie”, “Vaterland”, “Ordnung”, “Gesetz” sowie die Einschüchterung, indem
die progressiven Kräfte der “Anarchie” und des “Schrekkens (terreur)”
bezichtigt wurden.
Dabei waren sich Marx und
Engels schon 1848/1849 angesichts der damals bereits vorhandenen
internationalen Verflechtung der kapitalistischen Produktion und des
Austausches klar darüber, dass jede derartige Auseinandersetzung in irgendeinem
europäischen Land zugleich auch internationale Auswirkungen hatte, daß damals
schon ein Sieg des Proletariats wenigstens die vereinte Aktion der Arbeiter der
wichtigsten zivilisierten Länder und vor allem im Weltzentrum der Produktion
und des Marktes (damals England) zur Voraussetzung habe.[52]
Der Verlauf der Ereignisse
von 1848 festigte bei Marx und Engels die Überzeugung, dass “in Deutschland [...]
nur die feudale absolutistische Konterrevolution möglich ist oder die sozial-republikanische
Revolution”.[53] Die
Konterrevolution
sahen sie als eine unvermeidliche Komponente des dialektisch widersprüchlichen
revolutionären Prozesses selbst und sahen die Möglichkeit, daß deren
vorübergehender Sieg als Voraussetzung für einen neuen revolutionären
Aufschwung genutzt werden kann! Sie schrieben im Januar 1849: „Die einzige
‘Errungenschaft’, die uns geblieben ist - und das ist keine spezifisch
preußische, keine ‘März’-Errungenschaft, sondern das Resultat der europäischen
Revolution von 1848 - ist die allgemeinste, entschiedenste, blutigste, gewaltsamste
Kontrerevolution, die aber selbst nur eine Phase der europäischen Revolution
und daher nur die Erzeugerin eines neuen, allgemeinen und siegreichen revolutionären
Gegenschlags ist.”[54]
Ende Februar desselben Jahres schloss Marx seine Verteidigungsrede im Prozess
gegen den Rheinischen Kreisausschuss der Demokraten so: “Welchen neuen Weg aber
auch die neue Nationalversammlung einschlagen mag, das notwendige Resultat kann
kein anderes sein als: vollständiger Sieg
der Kontrerevolution oder neue siegreiche Revolution. Vielleicht ist der
Sieg der Revolution erst möglich nach vollendeter Kontrerevolution.”[55]
Engels kam im August 1851 zu
folgenden Überlegungen: „Der erste Akt des revolutionären Dramas auf dem
europäischen Kontinent ist zu Ende. Die ‘Mächte der Vergangenheit’ vor dem
Sturm von 1848 sind wieder die ‘Mächte der Gegenwart’ [...] _|¯ Eine schwerere
Niederlage als die, welche die Revolutionspartei - oder besser die Revolutionsparteien
- auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie
erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? Umfaßte nicht
das Ringen des britischen Bürgertums um die soziale und politische
Vorherrschaft achtundvierzig [1640-1688 - E.K.], das des französischen Bürgertums
vierzig Jahre [1789-1830 - E.K.] beispielloser Kämpfe? Und waren sie ihrem
Triumph nicht gerade dann am nächsten, als die wiederhergestellte Monarchie
sich fester im Sattel wähnte denn je? [...] Alle Welt weiß heutzutage, daß
jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde
liegen muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird.
Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um
einen unmittelbaren Erfolg zu sicher; aber jeder Versuch einer gewaltsamen
Unterdrückung wird es nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine
Fesseln zerbricht. Sind wir einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu
tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze
Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang des zweiten
Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges
Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der
letzten Erhebung wie zu ihrem Mißlingen führten; Ursachen, die nicht in den
zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger
Führer zu suchen sind, sondern in dem
allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer
jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation.“[56]44
Ist eine solche Erkenntnis
und Orientierung von vor 150 Jahren bedenkenswert angesichts der Vorgänge seit
1989 oder alles nur “Schnee von gestern”? Und da wundert sich so manch einer,
warum die Nachfrage nach den historischen Analysen von Marx und Engels erstaunlich
groß ist.
Wie preussisch
wird die Berliner Republik?
von Günter Gaus
(Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus Freitag (Die Ost-West-Wochenzeitung, Nr. 5)
Wird jetzt der
Überbau restauriert? Die Berliner Republik sucht geistigen Halt und scheint ihn
finden zu wollen in Klischees von Preußen, die mit der geschichtlichen Realität
im staatlich vereinigten Deutschland genau so viel zu tun haben wie Kaiser
Wilhelm II. mit der Demokratie zu tun hatte. Ein Jahr lang soll nun ein
preußischer Gespensterreigen aufgeführt werden. Ich wollte, es wäre Nacht oder
die Bayern kämen. (Siehe „Geflügelte Worte“ unter Waterloo.) Ein Bundeskanzler
Stoiber von der bayrischen CSU hielte vermutlich - seiner historischen Natur
nach sozusagen - mehr Abstand von der
vordemokratischen Identitätsstiftung mittels eines verklärten Preußens,
als es einem modischen Sozialdemokraten in den Sinn kommt.
Natürlich kann man viel Spaß
haben an dem, was geistig höherstehenden Politkern, angepassten Professoren und
staatsnahen Intellektuellen nun alles einfallen wird zu öffentlichen Tugenden,
die angeblich eine preußische Spezialität waren, die jedoch im gegenwärtigen
Deutschland wieder aufleben sollen, ja, teilweise schon neuerlich praktiziert
werden. Bitte, in welchem Teil der deutschen Gesellschaft? mehr unter alleinerziehenden
Müttern oder mehr von den Global Players der New Ekonomy?
Wie erheiternd wird für
zwölf Monate das öffentliche Leben in Deutschland sein. An einem Tag ist zu
hören von der moralischen und sittlichen Untadeligkeit wie der materiellen
Selbstlosigkeit der führenden Schicht Preußens, dem Vorbild maßgeblicher Teile der
politischen Klasse der Bundesrepublik. Und am nächsten Tag ist dann zu lesen
von schwarzen Konten, Steuerhinterziehung, Übertritten ins besser Bezahlte,
gierig gesuchter Öffentlichkeit für das Privatleben und obszön hohen Gehältern
von Vorständen in offenbar falsch gemanagten Konzernen. Aber in solchen Widesprüchlichkeiten
- mehr scheinen als sein - liegt die unfreiwillige Komik der Berliner Republik,
nicht ihr Skandal im Umgang mit Preußen.
Selbst heutzutage, bei nicht
mehr ganz zuverlässig funktionierender Kontrolle, ist die parlamentarische
Demokratie strukturell weniger geeignet für das Reichwerden hoher Staatsdiener,
als es Preußen wie alle Feudalstaaten gewesen ist. Beträchtliche materielle
Zuwendungen - Rittergüter, große Wälder, viele Täler - waren systemimmanent und
durchaus eine Regel. Auch war das normale Salär vergleichsweise nicht so
bescheiden, wie es die preußischen Geschichtsklitterer behaupten. Hinzu kamen
über lange Zeit ständische Privilegien, verbriefte wie faktische, die das Leben
im Allgemeinen und den beruflichen Aufstieg im besonderen mehr als erleichterten.
Diese Tatsachen sind von
einem unbefangenen Auge mühelos zu erkennen. Es bedarf dazu keines
Klassenstandpunktes, sondern nur der Wahrheitsliebe. Wer den Sachsenwald in
günstiger Stadtrandlage Hamburgs durchwandert, das Eigentum der gefürsteten
Bismarcks, der ist für die Augenauswischerei im Blick aufs selbstlose
preußische Dienen verloren. Und die Hohenzollersche Toleranz gegenüber
Ausländern mit wirtschaftlich nützlichen Fähigkeiten, Hugenotten und anderen,
fußte auf einer frühen Green Card.
Der Skandal der Berliner
Republik liegt in der Preisgabe des demokratischen Selbstbewußtseins gegenüber
der Preußen-Legende. Oder erweist sich nun, daß da gar nichts preiszugeben ist?
Wenn von Preußen die Rede ist, dann benimmt sich das tonangebende Personal der
Republik so, wie Neureiche es tun, die ihre Herkunft verleugnen, damit sie
gelegentlich in den besseren Kreisen verkehren können. Ein namhafter Dissident,
der - wenn es dazu kommen könnte - einen Barrikadenkämpfer von 1848, einen von
Bismarcks Sozialistengesetz nach 1878 Verfolgten oder einen Soldatenrat vom November
1918 noch ungeniert unter den Linden grüßen würde, ist unter den Politikern
nicht zu sehen.
Unterwürfigkeit gegenüber
der zweckmäßig aufgeputzten, geschönten Geschichte Preußens ist ein Kennzeichen
von Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen. Die PDS hält sich eher bedeckt,
aber ich bezweifle, daß es in ihren Reihen anders ist. Nur Konservative, rechte
wie linke, zeigen sich souverän.
Die dubiose Selbstkrönung
Friedrichs I. vor 300 Jahren íst dieser Tage im Schauspielhaus am Berliner
Gendarmenmarkt von Staats wegen gefeiert worden. Man nennt das Tribut zollen.
Wo, in welchem Vereinslokal, wird in diesem Festjahr die politische Prominenz
der Verfolgung der Arbeiterbewegung in Preußisch-Deutschland gedenken.? Und wer
wird die bekennende Rede halten, die der Anlaß verlangt? Mehrheitlich haben die
deutschen Historiker in allen politischen Systemen ihre Deutungsmacht aus der
Anpassung an die Herrschenden bezogen. Zu welchen Idealen der Arbeiterbewegung
sollen sich Historiker bekennen, die bis ins Schauspielhaus weiterkommen
wollen?
Die gelungenste politische
Massenagitation in der Geschichte der Deutschen, die seit bald 150 Jahren niemals
ganz aufgehört hat zu wirken, die nur nach Kriegsende 1945 einige Jahre an
übler Nachrede zu leiden hatte - diese Massenagitation gewinnt mit dem neuen
Einheitsstaat neue Kraft. Joseph
Goebbels hat ihr mit seinen doch großen Erfolgen nicht das Wasser reichen können;
bei gegebenen Anlässen plapperte er ihr nach. Joachim Hermann, der letzte oberste
Agitator der DDR, hätte, falls er berufliche Träume gehegt hat, von ihr dennoch
nicht zu träumen gewagt: von der agitatorischen Überzeugungskraft, mit der spätestens
seit den Düppeler Schanzen im Jahr 1864 die preußischen Unteroffiziere, Volksschullehrer,
evangelischen Pfarrer, Gefängnisdirektoren, Ordinarien und quer durch die
gehobenen Berufstände die Reserveoffziere die preußische Außergewöhnlichkeit
(zurückhaltend formuliert) zum Glaubensgut der Deutschen erhoben haben, sofern
diese nicht katholisch oder links oder fortschrittlich-liberal oder welfisch
gesinnt waren. Jetzt hat sich die politische Klasse der Bundesrepublik
mehrheitlich Preußen ergeben.
Läßt man die Agitation
beiseite, so ist unstrittig, daß Sachsen die deutsche Geschichte länger und
zivilisierender geprägt hat als Preußen, ungeachtet aller Flötenkonzerte in Sanssouci
und der Gartenfeste des Prinzen Heinrich in Rheinsberg. Nichts gegen das Preußen
des alten Stechlin, jedenfals nicht in der hier gebotenen Kürze. Hätte ich lieber
als Hesse nach Amerika verkauft werden wollen oder im Oderbruch verprügelt?
Aber doch - wo alles lobpreist, müssen ein paar Dissidenten auf die
Lorbeerbäume spucken - einige Anfragen an die Fürsprecher des preußischen
Erbes: Worin besteht es hinter der
agitatorisch verschleierten Anmaßung und Staatsvergötzung?
Sind die württembergischen
und sächsischen Beamten noch korrupt gewesen, als es die preußischen nicht mehr
waren? Beugte der bayrische Amtsrichter das Recht, weil er nicht bei den
Borussen die Mensur geschlagen hat? War der Landrat im badischen Freiburg weniger
aufgeklärt als im altmärkischen Stendal?
Haben sich die Gestütswärter im mecklenburgischen Redefin nicht so
gründlich gewaschen wie die im preußischen Neustadt/Dosse?
Ich weiß, so banal haben die
Anhänger der preußischen Ideologie sich nicht verstanden wissen wollen. Was
also war gemeint, wenn in einem gehobenen Sinne Preußen beschworen wurde? Alles
dieses wäre heute ohne Belang, hätte längst ehrwürdigen Staub angesetzt wie
Theodor Körners Gedichte und wirkte in einer wiederbelebten modernisierten
Version nur grotesk - wenn man nicht fragen müßte, was die heutigen Leitfiguren
im Blick auf Preußen im Sinn haben. Gar nichts ? Aber was rät ihnen ihr
Instinkt?
Für eine erfolgreiche
Manipulation von Abhängigen wäre eine Verbindung der überhöhten preußischen
Tugenden mit den Bedürfnissen des Neoliberalismus das Beste, was auf dem Markt
zu haben ist. Hergebrachte demokratische Vorstellungen von Gleichheit und
Mitsprache sowie Neigungen zur Aufmüpfigkeit ließen sich unter Hinweis auf die
fiktiven Preußen ins Abseitige, sozusgen ins Unartige verweisen.
Deutsche meines Alters -
nach dem Krieg Halbwüchsige - sind, im Westen so, im Osten anders, gebrannte
Kinder. Die erste Restauration in Westdeutschland in den fünfziger Jahren -
kein 68er konnte meinesgleichen in der wütenden Verzweiflung überholen - war
eine der alten wirtschaftlichen Mächte und ihres Personals. Steht uns nun die
zweite Restauration ins Haus, die des geistigen Überbaus?
Mir scheint, es waltet eine
Art Osmose zwischen dem großspurigen Wilhelminismus und einigen schon spürbaren
Allüren des heutigen Berliner Personals. Für die volle Übertragung des
Vorgestrigen ins Morgige bedarf es einer gewissen Inkubationszeit, wie sie den
Zeitgenossen auch in anderen Zusammenhängen geläufig ist. Wilhelm II. wollte in
sein Berliner Schloß Schießscharten gegen demonstrierende Arbeiter einbauen
lassen. Solche Absicht war kein hinlänglicher Grund, die Schloßruine später zu
sprengen. Aber jetzt den Palast der Republik zu schleifen, in dem gewöhnliche
Menschen aus der DDR sich verlobt und entlobt haben und mit den Kindern Gemälde
besichtigt? Die Frage hat weniger mit der DDR zu tun als mit deutscher
Wirklichkeit und dem demokratischen Selbstbewußtsein der Berliner Republik.
Nun haben wir ein
Preußenjahr. Nach meiner Berechnung der dritte Anlauf zur Wiederbelebung der
Preußen-Legende nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Auflösung des Staates
Preußen durch Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947. Ende der 60er
Jahre warteten westdeutsche Historiker mit einer Preußenrenaissance auf, 1981
folgte im Martin-Gropius-Bau eine große Preußenausstellung, und im ersten Jahre
des dritten Jahrtausends wird die Selbstkrönung Kurfürst Friedrichs III. zum
König Friedrich I. in Preußen in Königsberg zum Anlaß genommen, preußische Tugenden
anzumahmen, wie preußische Bescheidenheit, Dienst am Staat, Disziplin oder die
Sparsamkeit, auf die der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen,
glaubt Grund zu haben, besonders hinzuweisen. Ob er dabei die Finanzskandale,
Korruptionsfälle in CDU - und nicht nur da - im Auge hatte oder weitere
Einschnitte der Staatsausgaben im sozialen Bereich und Haushaltssperren, sei
dahingestellt; inwieweit diese löblichen Tugenden spezifisch preußischer Natur
seien, wird noch zu zeigen sein. Mehr Berechtigung als Herr Diepgen, preußische
Tugenden zu feiern, hätte in der Tat der weiland regierende Ministerpräsident
in Brandenburg, Manfred Stolpe, der allerdings - ganz unpreußisch! - vorsichtig
genug ist, nur auf "Klischees" zu verweisen, wonach die einen in
Preußen den vom Militär dominierten Obrigkeitsstaat, andere in ihm einen
aufgeklärten Vernunftsstaat sehen, er selbst sich aber nicht festlegt, welchem
"Klischee" er den Vorrang gibt.
Dabei hätte Herr Stolpe mehr
Grund, preußische Tugenden zu loben als die CDU, die Nachfolgepartei der ehemaligen
Zentrumspartei, die gegenüber dem Preußentum eher eine sehr reservierte bis
ablehnende Stellung bezog, während doch Joachim Schoeps, einer der führenden
bürgerlichen Preußen-Historiker, in seinem Buch "Preußen. Geschichte eines
Staates", der SPD bescheinigt, nach der Novemberrevolution 1918 Preußen
vor dem Untergang gerettet, Preußen in der Weimarer Republik als Staat erhalten
zu haben. Schoeps ist da wirklich zuzustimmen, wenn er meint, daß solche
sozialdemokratischen Politiker wie Gustav Noske, Paul Hirsch, Otto Braun, Karl
Severing, Wilhelm Sollmann u.a. "die preußische Staatstradition
weitergetragen und sich als zuverlässige Garanten des preußischen
Selbstbehauptungs- und Widerstandswillen erwiesen haben." So zitiert
Schoeps den ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten in Preußen, Paul
Hirsch, in einer Parlamentsrede am 13. März 1919: "Preußens Aufgaben sind
noch nicht erfüllt. Auf den Geist der Freiheit, der Ordnung und Arbeit
gestützt, soll es noch einmal der deutschen Nation und ihrer künftigen
friedlichen Größe dienen. Preußens beste Eigenschaften, Arbeitsamkeit und
Pflichttreue, braucht auch das neue deutsche Reich zum Wiederaufbau. Das alte
Preußen ist tot, es lebe das neue Preußen!"
Wenn sozialdemokratische
Politiker wie Ebert, Scheidemann, Noske mit ihrer konterrevolutionären Politik
zur Erhaltung und Stärkung imperialistischer Machtverhältnisse, der blutigen
Niederschlagung der Novemberrevolution, als Vertreter "preußischer
Staatstraditionen" verstanden werden, so ist dem nicht zu widersprechen,
und in dieser Traditionslinie wird die Empfehlung Herrn Stolpes verständlich,
den 300. Jahrestag der ersten preußischen Königskrönung zum Anlaß für eine
erneute und vertiefte Beschäftigung mit Preußen zu nehmen.
So geht der
"Preußengeist" wieder um, als eine "anonyme Macht", eine
Macht, die nach Schoeps sogar wächst und vielleicht wirksamer ist als viele
andere Kräfte im heutigen Tagesgeschehen. Preußen sei heute zu einer
"Geheimlosung der Wissenden" geworden.
Offenbar hatte mich die
"Geheimlosung" des Herrn Martin Schoeps erfaßt und trieb mich in die
beiden wohl größten Buchhandlungen in Berlin, bei Hugendubel und Dussmann, dem
"Kulturkaufhaus Berlin", die zum Preußenjahr angebotene Literatur
anzusehen. Das Angebot ist in der Tat bedeutend.
Neben Ranke, Mommsen, Schoeps, Fontane, diversen Kulturbänden fanden
sich mehrere Veröffentlichungen der jüngeren Historikergeneration, die hier
nicht reflektiert werden sollen. Der Leser kann hier viele Einzelheiten zur brandenburg-preußischen
Geschichte erfahren und seine Faktenkenntnisse
bereichern. Die Zeiten von Treitschke und Sybel scheinen vorbei zu sein,
die Geschichte Preußens auf "Fridericus Rex, unser König und Herr",
auf dessen "Gloire" zu reduzieren - auch wenn die Glorifizierung Preußens
und seiner beiden "bedeutenden" Könige noch nicht ganz verschwunden
ist. In den bürgerlichen Darstellungen überwiegt konzeptionell das Bild vom
Janusgesicht der brandenburg-preußischen Geschichte, von deren Vielschichtigkeit
und den "zwei Gesichtern" der preußischen Herrscher. Anders läßt sich
die Preußen-Legende heute wohl auch nicht mehr vermitteln, die preußischen
"Tugenden" unterschwellig als das bleibende "Verdienst" der
Hohenzollern, auf die man laut Diepgen "ein Gemeinwesen gründen
kann", zu behaupten.
In dem breiten
Literaturangebot gab es jedoch auch eine
empfindliche Lücke. Vergebens suchte ich nach Franz Mehrings "Lessing-Legende"
oder wenigstens nach seinen Aufsätzen zur preußisch-deutschen Geschichte, die
Auszüge aus der Lessing-Legende enthalten. Bescheiden fragte ich an, ob ich
Mehring eventuell übersehen hätte. Höflich suchte man im Computer nach, doch er
war nicht zu finden. Meine Frage, was von Marx und Engels, beide nicht ganz
unbekannte Rheinpreußen, die sich als Zeitgenossen in verschiedenen historischen
Aufsätzen und Briefen zur preußischen Geschichte, speziell zum Hause
Hohenzollern, geäußert haben, in Sammelbänden oder Einzelschriften erschienen,
neu aufgelegt sei, löste Erstaunen bis Stirnrunzeln aus. Man sah auch gar nicht
im Computer nach. Wie kann man aber auch solche Fragen stellen! Immerhin sind
im Sachregister-Band zur 42bändigen Ausgabe der Werke von Marx und Engels fünf
Sachgebiete mit 101 Stichwörtern zu Preußen angegeben.
So rief ich den Dietz-Verlag
an, ob eine Neuauflage von Mehrings Werken, speziell Band 9, die
Lessing-Legende, noch zu erwarten sei. Die Antwort: Kein Geld. In diesem Jahr
wäre nichts zu erwarten. Es klang echtes Bedauern über diesen Sachverhalt in
der Stimme meiner Gesprächspartnerin mit.
Da also weder mit Mehrings Lessing-Legende
noch mit Schriften von Marx und Engels zur preußischen Geschichte und den
Verdiensten der Hohenzollern zu rechnen ist, mögen einige wenige Auszüge aus
ihren Werken zur Bereicherung unseres Wissens über die Vorzüge des preußischen
Staates und über das segensreiche Wirken der Hohenzollern beitragen.
Vormärz
Marx begann seine politische
Publizistik Anfang des Jahres 1842 mit seinen "Bemerkungen über die
neueste preußische Zensurinstruktion", die von der preußischen Regierung
am 24. Dezember 1841 veröffentlicht worden war. Angeblich sollten
Beschränkungen der literarischen Tätigkeit reduziert werden, tatsächlich wurden
sie jedoch noch verschärft. Marxens Aufsatz konnte in Preußen nicht erscheinen;
erst im Februar 1843 wurde er in der Schweiz veröffentlicht. (...)
Demnach scheint es mit der
von den Hohenzollern angeblich eingeführten "Pressefreiheit" nicht
allzuweit her gewesen zu sein. Auch die immer wieder von Friedrich II. (dem
"Großen") angeführte Äußerung, daß die Gazetten "nicht genieret
werden" sollten, bezog sich nur auf einen alten diplomatischen Trick:
nämlich ausländischen Mächten über Zeitungen unangenehme Dinge sagen zu können,
ohne dafür verantwortlich zu sein, da ja "Pressefreiheit" herrsche.
Das von Friedrich II. am 21. März 1741 erlassene und am 7. Juni 1746 erneuerte
Verbot, daß "in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden
dürfe", verdeutlicht, wie weit die Pressefreiheit des "großen"
Königs ging.
Engels wandte sich 1845 in
seinen Artikeln für die Chartisten-Zeitung "The Northern Star" den
Verhältnissen in Preußen zu. In seinen Briefen "Deutsche Zustände"
untersuchte er, was aus den Verfassungsversprechungen Friedrich Wilhelm III.
geworden sei. Nach Artikel 13 der deutschen Bundesakte vom 8. Juni 1815 sollte
allen im Deutschen Bund vertretenen Staaten eine Verfassung gegeben werden. Um
dies hier vorwegzunehmen: Dieses Verfassungsversprechen wurde in Preußen von
den Hohenzollern nicht gehalten. Friedrich Wilhelm III. versprach aber nicht
nur eine Verfassung, sondern bestand sogar noch auf dem Artikel der Bundesakte
über die Pressefreiheit. Am 22. Mai 1815 erließ der König, so Engels,
"eine Proklamation, die mit den Worten begann - Worten, in denen sein huldvolles
Glücksgefühl wunderbar vermischt war mit seiner feldwebelhaften Anmaßung: 'Es
soll eine Repräsentation des Volkes gebildet werden!' Sein nächster Schritt war
der Befehl, eine Kommission zu ernennen, die eine Verfassung für sein Volk
ausarbeiten sollte;..."
Selbst 1819 erklärte
Friedrich Wilhelm III. noch, "in Zukunft solle keine öffentliche Anleihe
aufgelegt werden ohne die Zustimmung der künftigen Repräsentativversammlung des
Königreiches."
Nur entfleuchte diese
"künftige Repräsentativversammlung" in eine unbestimmte Zukunft, und
als nach der Revolution 1848/49 doch noch so etwas ähnliches allergnädigst von
Friedrich Wilhelm oktroyiert wurde, wußte Bismarck 1863 auch schon, daß man z.
B. neue Steuern auch ohne die Zustimmung der Abgeordneten einer solchen Versammlung
einführen konnte, die man sich dann rückwirkend "demokratisch genehmigen"
ließ, die sogenannte "Indemnitätserklärung".
Anläßlich der Einberufung
des Vereinigten Landtages durch Friedrich Wilhelm IV. am 3. Februar 1847
schrieb Engels für "The Northern Star" vom 6. März 1847 einen
speziellen Artikel zur preußischen Verfassung. Friedrich Wilhelm IV., so
Engels, brauchte Geld. Er versuchte, es über eine sogenannte Verfassung zu
bekommen, ohne der öffentlichen Meinung Konzessionen machen zu müssen. Das königliche
Anliegen erwies sich von vornherein als eine "dem preußischen Volk
gestellte Falle"
(...).
Revolutionsperiode
1848/49
"Glanz und Macht"
der Hohenzollern schilderte Engels ausführlich in seinem Artikel "Posen" in der N. Rh. Ztg. vom 29. April
1849. Nach der Märzrevolution in Berlin brach im Großherzogtum Posen ein
Aufstand der Polen für ihre nationale Befreiung von der preußischen Herrschaft
aus. In Bedrängnis geraten, versprach die preußische Regierung die Bildung
einer nationalen Kommission zur "nationalen Reorganisation" des
Großherzogtums Posen. Darin wurde den Polen weitgehende Autonomie in Aussicht
gestellt: Aufstellung eines polnischen Heeres, Einsetzung von Polen in
Verwaltungsämter, offizielle Anerkennung der polnischen Sprache. Nachdem die Aufständischen
die Waffen niedergelegt hatten, wurden alle Zusagen gebrochen. Preußische
Tugend! Preußische Verläßlichkeit von Zusagen! (...)
Offenbar wußten die Polen
die landesväterliche Fürsorge des preußischen Königs und die zivilisatorischen
Leistungen der preußischen Junker nicht so recht zu schätzen; dann, nach dem
Bruch der versprochenen Autonomie wollten sie die so wohltuende und tolerante
preußische Herrschaft durch einen erneuten Aufstand abschütteln. Der im Dienst
der Hohenzollern bewährte preußische General Ernst Heinrich Adolf von Pfuel
zeigte es ihnen denn auch, indem er befahl, den gefangenen Aufständischen die
Köpfe zu scheren und ihnen mit Höllenstein ein Mal auf Hände und Ohren zu
brennen.
Schrapnells und Höllenstein
gehörten zu den bewährten Methoden, mit denen die Hohenzollern ihren geliebten
nichtdeutschen Untertanen preußische Toleranz vermittelten.
Offenbar hat der polnische
Außenminister, der zu den Feierlichkeiten am 18. Januar anläßlich der Krönung
des Kurfürsten Friedrich III. zum König Friedrich I. in Preußen 1701 eingeladen
war, die zivilisatorische Tätigkeit der Hohenzollern auch noch nicht so richtig
zu würdigen verstanden, daß er dieser Festlichkeit nach "Der
Tagesspiegel" vom 19. Januar 2001 ohne Begründung einfach fernblieb.
Ein weiteres Heldenstück
beging die preußische Regierung im preußisch-dänischen Krieg um
Schleswig-Holstein. Im Gefolge der Märzrevolution kam es in Schleswig-Holstein
zur Bildung einer bürgerlich-demokratischen Regierung auf Grundlage der Kieler
Landesversammlung, der einzigen Versammlung in Deutschland, die auf dem
allgemeinen Stimmrecht, auf direkter Wahl, beruhte, also im
bürgerlich-parlamentarischen Verständnis eine demokratisch legitimierte
Vertretung des Volkes. Der von der Versammlung vorgelegte Verfassungsentwurf
war, so Engels, der demokratischste, "der je in deutscher Sprache
abgefaßt" worden war.
Schleswig-Holstein war durch
den Revolutionskrieg gegen Dänemark, um sich Deutschland anzuschließen, zu
fortgeschritteneren Institutionen gekommen als das ganze übrige Deutschland.
Die preußische Regierung erschlich sich vom Deutschen Bund den Auftrag, Krieg
gegen Dänemark zur Unterstützung Schleswig-Holsteins zu führen, um deutsche
Interessen zu vertreten.
Aber die preußische
Regierung dachte gar nicht daran, die revolutionär-demokratische Bewegung in
Schleswig-Holstein zu unterstützen. Wirkliche deutsche Interessen waren ihr
völlig schnuppe. Die preußische Regierung führte einen Scheinkrieg; die preußischen
Truppen sahen ruhig zu, wie einzelne Abteilungen der revolutionären
schleswig-holsteinischen Armee und der diese unterstützenden deutschen Freiwilligen
von den Dänen geschlagen wurden. Die preußische Regierung stimmte schließlich
einem schmählichen Waffenstillstand zu, der zur Liquidierung der revolutionär-demokratischen
Einrichtungen in Schleswig-Holstein führte.
Der dänische Krieg, so Engels, war "der erste Revolutionskrieg, den
Deutschland führte", und der wurde dann auch von den Hohenzollern prompt
um ihrer dynastischen Interessen willen verraten.
Das letzte große Heldenstück
der Hohenzollern in der Revolutionsperiode führten sie in der Niederschlagung
der revolutionären badisch-pfälzischen Armee in der Reichsverfassungskampagne
auf, an der Engels bekanntlich als Adjudant des Willichschen Freikorps
teilnahm. Nach der Kapitulation der Festung Rastatt am 23. Juli 1849, dem
letzten Stützpunkt der deutschen Revolution, nahmen die Standgerichte auf
Befehl des Kronprinzen Wilhelm, des "Kartätschenprinzen", ihre blutige
Arbeit auf. Sie verurteilten 28 Revolutionäre - die für eine
bürgerlich-demokratische Verfassung gekämpft hatten! - zum Tode. Die Urteile
wurden innerhalb von 24 Stunden vollstreckt. 68 Revolutionäre erhielten jeweils
10 Jahre Zuchthaus. In den Kasematten von Rastatt starben Hunderte an Typhus
und Hunger. "Das deutsche Volk", schrieb Engels, "wird die
Füsilladen und die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen
Herren nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben..." und im Preußenjahr,
sei hinzugefügt, sei an die von den Hohenzollern geübte "Toleranz"
nachdrücklich erinnert.
In einem Artikel
für die N. Rh. Ztg. vom 13. März 1849 wandte sich Marx den "neuen Gesetzentwürfen"
der königlich-preußischen Regierung zu. Bereits nach Angliederung der
Rheinprovinzen an Preußen im Jahre 1815 suchte die preußische Regierung
anstelle des dort gültigen Code Napoleon, den französischen bürgerlichen
Gesetzen, die Bevölkerung mit dem preußischen Landrecht zu beglücken. Mit Hilfe
einer Reihe von Vorschriften und Erlassen sollten in den Rheinprovinzen die
feudalen Privilegien des Adels, die preußische Strafgesetzgebung u.a.
eingeführt werden. Nach der Märzrevolution 1848 wurden diese reaktionären Verordnungen aufgehoben. Nachdem
1849 die preußische Feudalreaktion ihre Macht wieder herstellen konnte, sollten
"neue" Gesetze, d.h. die Wohltaten des preußischen Landrechts, wieder
eingeführt werden. Dagegen wandte sich Marx in diesem Artikel. So sollten der
rheinischen Gesetzgebung dort völlig unbekannte, neue "Verbrechen" oktroyiert
werden, die ich um ihrer Schönheit willen dokumentiere: "Die Majestätsbeleidigung,
und zwar als Verletzung der Ehrfurcht (!!) gegen a) den König (!) b) die
Königin (!!) c) den Thronfolger (!!!) d) ein anderes Mitglied des k. Hauses
(!!!!) e) das Oberhaupt eines deutschen Staates (!!!!!!), was mit Gefängnis von
1 Monat bis zu fünf Jahren bestraft
wird!" Es folgt die Bestimmung, "daß die Behauptung selbst erweislich
wahrer Tatsachen als Beleidigung zu bestrafen ist, wenn die Absicht einer Beleidigung daraus
hervorgeht! Beleidigung 1) einer der
beiden Kammern, 2) eines ihrer Mitglieder, 3) einer Behörde (der Code kennt keine Beleidigung von Korporationen
als solchen); 4) eines Beamten oder Mitglieds der bewaffneten Macht. Alles 'in Beziehung auf ihren Beruf'. Gefängnis
bis zu 9 Monaten.
Beleidigung oder Verleumdung auf dem Privatwege. Der Code Napoleon kennt bloß
öffentlich ausgestoßene oder
verbreitete Beleidigungen oder Verleumdungen. Der neue Gesetzentwurf will
dagegen alle in Privatgespräch, im eignen
Hause, im Schoß der Familie, in Privatbriefen gemachten Äußerungen der Kontrolle
der Polizei und des öffentlichen Ministeriums unterwerfen resp. für strafbar
erklären, d.h. die niederträchtigste, allgemeine Spionage organisieren.“
Diese Gesetzentwürfe zielten
auf die Beseitigung der fortschrittlichen französischen bürgerlichen Gesetzgebung,
auf die Einführung des preußischen Landrechts hin und sollten die durch die
Revolution im April 1848 aufgehobenen Strafgesetze bezüglich der
"Majestätsbeleidigung" wieder einführen. "Wir sollen um jeden
Preis Preußen werden",
resumierte Marx, "Preußen nach dem Herzen des Allergnädigsten, mit Landrecht,
Adelsübermut, Beamtentyrannei, Säbelherrschaft, Stockprügel, Zensur und Ordre-Parieren."
In dem Artikel
"Die Taten des Hauses Hohenzollern" in der N.Rh.Ztg. vom 10. Mai 1849
zog Marx eine Bilanz der Taten vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm (dem "Großen
Kurfürsten") bis zu Friedrich Wilhelm IV. Daß diese Bilanz im
Revolutionsjahr sehr polemisch ausfiel, dürfte verständlich sein. Aus
Platzgründen können diese "Taten" hier nur knapp auf ihre
"heroischsten" reduziert reflektiert werden. In dem abflauenden
Stadium der Revolution kann nicht erwartet werden, daß Marx als revolutionärer
Demokrat auch auf solche Ereignisse einging, die in der Geschichte Preußens von
fortschrittlicher Bedeutung waren, wie etwa die Trockenlegung eines großen
Teils des Oderbruchs, die Stein-Hardenbergschen Reformen, die Militärreformen
von Scharnhorst und Clausewitz, die Befreiungskriege gegen Napoleon, auf deren
zwiespältigen Charakter Marx hinwies. Nebenbei, die fortschrittlichen Reformen
ab 1807 waren Friedrich Wilhelm III. aufgezwungen
und er führte sie höchst widerwillig durch. Nicht "Der König rief, und
alle, alle kamen"! sondern das Volk handelte und der König zottelte hinterher.
Die in der
Mehrheit der Publikationen zum Preußenjahr zu beobachtende weiter oben erwähnte
"Doppelgesichtigkeit" der Hohenzollern wird insofern unzulänglich dargestellt,
als die Entscheidung darüber offenbleibt, welches "Gesicht" denn das
bestimmende in der Geschichte der Hohenzollern war, das feudal-reaktionäre oder
das bürgerlich demokratisch-progressive, ob das Reaktionäre des Preußentums
oder das Progressive das bestimmende "Gesicht" war. War Pfuel Repräsentant des Preußentums oder Scharnhorst?
Beide? Das geht nicht auf, Pfuel schließt Scharnhorst aus und umgekehrt. Die
Entscheidung in der historischen Bewertung des Preußentums ist der Beliebigkeit
überlassen.
Marx und Engels hielten bis
zu ihrem Tode daran fest, daß das "reaktionäre Preußentum" der die
Geschichte Preußens und ab 1871 des Wilhelminischen Kaiserreiches determinierende
Faktor war, und sie sahen richtig voraus, daß letztendlich dieses reaktionäre
Preußentum nicht nur Preußen, sondern Deutschland in die Katastrophe führen mußte, wenn es nicht revolutionär beseitigt
werden würde. Sie hatten recht behalten, wenn auch die Fristen sehr viel länger
als von ihnen erwartet waren.
So listete Marx denn in
seinem Artikel die "Taten" der Hohenzollern auf: den Verrat des
Kurfürsten Friedrich Wilhelms I., des "Großen", an Polen, den
ständigen Wechsel der "Alliierten", die "abgeschmackte Figur"
Friedrichs I., die "brutale Rohheit" Friedrich Wilhelms I., Friedrich
II. als Erfinder des "patriarchalischen Despotismus", "Freund
der Aufklärung vermittels der Stockprügel", der sein Land an französische
Unternehmer meistbietend versteigerte, sich mit Rußland und Österreich verband,
um am Raub Polens teilzunehmen, Friedrich
Wilhelm II., der den Raub an Polen vollenden half, die wiederum wechselhafte
Politik der Koalitionen mit Österreich und England zur Unterdrückung der
französischen Revolution, Friedrich Wilhelm III., der ebenfalls seine
Bundesgenossen verriet, schließlich im Alleingang die in Napoleon verkörperte
französische Revolution angriff und sein "herrliches Kriegsheer" bei
Jena in eine vernichtende Niederlage führte, dem Volke eine Verfassung und
Pressefreiheit versprach und nichts hielt. „Man weiß, wie Friedrich Wilhelm
III. 1813 das preußische Volk durch schöne Worte und herrliche Verheissungen
wirklich so weit brachte, daß es glaubte, gegen die Franzosen in einen
‘Befreiungskrieg’ zu ziehen, obwohl es sich um weiter nichts handelte als um
die Unterdrückung der französischen Revolution und die Herstellung der alten
Wirtschaft von Gottes Gnaden.“ Dafür gab es: "Heilige Allianz und
Kongresse zur Unterdrückung der Völker, Karlsbader Beschlüsse, Zensur, Polizeidespotismus, Adelsherrschaft, Kabinettsjustiz,
Demagogenverfolgungen, Massenverurteilungen, Finanzverschleuderung und - keine
Konstitution."
Nach der Niederlage der
Revolution sei die Macht der Hohenzollern wieder hergestellt worden, und Marx resumiert: "Wieder ist Preussen,
wie ehedem, ein Vizekönigreich unter russischer Hoheit; wieder ist der Hohenzoller
ein Unterknäs (Knäs -knjas- Fürst, Angehöriger des hohen Adels im alten Rußland
und Polen) des Selbstherrschers aller Reußen und Oberknäs über alle die kleinen
Bojaren (Bojar, adliger feudaler Grundbesitzer im zaristischen Rußland und den
Donaufürstentümern) von Sachsen, Bayern, Hessen-Homburg, Waldeck usw.; wieder
ist der beschränkte Untertanenverstand in sein altes Recht des Ordre-Parierens
eingesetzt. 'Mein herrliches Kriegsheer',
solange der Prawoslawny-Zar (der rechtgläubige Zar) selbst es nicht gebraucht,
darf in Sachsen, Baden, Hessen und der Pfalz die seit 18 Jahren zur Warschau
herrschende Ordnung herstellen, darf im
eigenen Lande und in Österreich die geborstenen Kronen mit
Untertanenblut leimen... und sind wir erst zu Hause fertig, so ziehen wir mit
klingendem Spiel und wehenden Fahnen gen Frankreich und erobern das Land, wo
der Champagner wächst, und zerstören das große Babel, das die Mutter aller
Sünden ist!" Marx äußerte die Hoffnung daß das Volk noch "ein
donnerndes Wort dazwischen sprechen wird... das Volk, das in Paris wie am
Rhein, in Schlesien wie in Österreich wutknirschend auf den Moment der Erhebung
wartet und das, wer weiß wie bald, allen Hohenzollern und allen Ober- und Unterknäsen
geben wird, was ihnen gebührt." In Paris geschah dies nach gut zwei
Jahrzehnten, bei den Deutschen dauerte es etwas länger, bis sie den Oberknäs
nach Holland ins Exil zum Holzhacken expedierten. Bleibt eine Frage zur Revolutionsperiode
offen: Woher resultierte die von Marx und Engels mehrfach erwähnte Feigheit der
preußischen und deutschen Bourgeoisie in der Revolution, die sie hindertem ihre
eigenen Klasseninteressen gegen die feudale Reaktion durchzusetzen? Warum zog
sie eine "Vereinbarung" mit der Krone dem Sturz der Monarchie vor, so
daß auf "eine halbe Revolution eine volle Konterrevolution" folgen
konnte? Getreu ihrer dialektisch-materialistischen Methode blieben Marx und
Engels nicht bei dem moralischen Verdikt "Feigheit!" stehen, sondern
erkannten die Ursachen dafür im gesamten
bisherigen Geschichtsverlauf Deutschlands. Klassenverhältnisse,
Klassenkämpfe, mit ihren vielfältigen und widerspruchsvollen Beziehungen sind
aus den gesellschaftlichen Verhältnissen zu erklären. (...)
Engels erklärte
in seiner Schrift "Revolution und Konterrevolution in Deutschland"
die Verhaltensweise der preußischen und deutschen Bourgeoisie aus der Rückständigkeit
Deutschlands gegenüber England und Frankreich. Im einzelnen verwies Engels
resumierend auf: 1. die geographische Lage Deutschlands, dessen Entfernung vom
Atlantischen Ozean, der "großen Heerstraße" des Welthandels; 2. die
ständigen Kriege, die auf deutschem Boden vom 16. Jahrhundert an ausgefochten
wurden; 3. die zahlenmäßige Schwäche der Bourgeoisie; 4. die geringe Konzentration
der Bourgeoisie, woraus sich mangelnde politische Konzentration und politische
Schwäche ergaben; 5. das Fehlen eines großen Zentrums in Deutschland, dessen
politische Zersplitterung, die sich aus der Vielfalt und Verworrenheit der
Elemente, aus denen sich die deutsche Nation zusammensetzte, die in jeder
Gegend wiederum verschieden sind, erklärte.
"Wo es
keine Gemeinsamkeit der Interessen gibt, da kann es auch keine Gemeinsamkeit
der Ziele, geschweige des Handelns geben."
Für unser Thema, die
Preußen-Legende, ist im Verhalten der Bourgeoisie eins wichtig: Durch die
"Vereinbarung" zwischen Bourgeoisie und Adel begann sich ein
junkerlich-bourgeoiser Ausbeuterblock in Preußen herauszubilden, so daß Teile
der Bourgeoisie selbst zu Trägern und Verfechtern des reaktionären Preußentums wurden. Die Preußen-Legende wurde zum Bestandteil
auch der bürgerlichen Ideologie, zur politisch-moralischen Legitimierung auch
der eigenen Klassenherrschaft. Für die rheinische Bourgeoisie traf dies weniger
zu - auf die bayrische gar nicht -, aber in den östlichen Provinzen, vor allem
in Berlin und Brandenburg, blieben die Junker bis 1918 die beherrschende Kraft
in dieser in sich widersprüchlichen Allianz. Die Herausbildung dieses
junkerlich-bourgeoisen Ausbeuterblocks verlief natürlich nicht konfliktlos.
Aber bei jedem Krach, der zwischen den beiden "vereinbarten" Klassen
stattfand, zog die Bourgeoisie, trotz ihres ökonomischen Erstarkens, den
Kürzeren, aus dem einfachen Grunde, daß sie nicht wagte, sich auf das Volk, vor
allem das Industrieproletariat zu stützen, das profane Volk, die
"Straße", den "Pöbel", zum Kampf gegen die Junker
aufzurufen, eingedenk des Goetheschen "Zauberlehrlings" die
"gerufenen Geister" nicht mehr los zu werden, nach einer Niederlage
der Junkerklasse, dem Sturz des allergnädigsten König und Landesherrn dem durch
die maschinelle Großproduktion erstarkenden Industrieproletariat allein gegenüberzustehen.
1850 -
Reichsgründung 1871
In diesen zwei Jahrzehnten
vollzog sich in Preußen eine rasche Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse. Bezüglich der Produktivkraftentwicklung wurde Preußen
zum stärksten und modernsten Staat in Deutschland. Die Entwicklung der
kapitalistischen Produktionsweise erforderte den Binnenmarkt, frei von allen
feudalen Beschränkungen, Binnenzöllen,
unterschiedlichen Maßen, Gewichten, Währungen etc., sowie eine starke
Vertretung und Schutz deutscher Interessen nach außen. Der feudal-absolutistische
Staat war, trotz des Sieges der feudal-adligen Reaktion in der Revolutionsperiode, nicht mehr in der bisherigen
Form aufrechtzuerhalten. Die Bourgeoisie kollidierte mit ihren Interessen immer
wieder mit der politischen Herrschaft der Junker, scheute aber aus den
genannten Gründen den offenen Kampf um die politische Macht. Da die historisch
herangereifte Aufgabe, die Herstellung eines bürgerlich-demokratischen
Deutschlands von der Bourgeoisie nicht gelöst wurde, löste Bismarck gegen den
Widerstand seiner engstirnigen junkerlichen Klassengenossen sowie des noch
engstirnigeren Königs Wilhelm IV. dem "Kartätschenprinz", die Aufgaben
der deutschen Bourgeoisie auf seine Weise: durch "Revolution von
oben", mit "Eisen und Blut". Er unterwarf Deutschland der
preußischen Herrschaft in Gestalt des Kaiserreiches.
Diese zwei Jahrzehnte sind der Prozeß der
Durchsetzung der Verpreußung Deutschlands, vor der Marx und Engels gewarnt
hatten. Der Sturz der Monarchie und die Errichtung der demokratischen Republik
war schon nicht mehr strategisches Ziel der Arbeiterbewegung. Sie hatte sich
nach Marx und Engels schon auf den Kampf gegen diejenige Regierung
vorzubereiten, die nach dem Sturz der Monarchie die politische Macht ausüben
würde. Diese strategische Orientierung schloß nicht aus, daß die
Arbeiterbewegung die Bourgeoisie dann und dort unterstützen würde, wenn und wo
sie revolutionär gegen die junkerliche Reaktion auftreten würde. Aber die
Aufgabe der Arbeiterbewegung sahen Marx und Engels darin, sich als politisch
selbständige Organisation auf den Kampf gegen eine zukünftige, noch gar nicht
existierende bürgerlich kapitalistische Regierung vorzubereiten. Marx und
Engels orientierten also nicht nur und nicht einmal vordergründing auf Gegenwartsaufgaben,
auf "reale" Ziele, die im Moment erreichbar wären, sondern trugen die
zukünftigen Aufgaben in das Bewußtsein der Arbeiterklasse, die sie zu lösen haben
würde, und befähigte sie mit dieser Zielstellung, die Gegenwartsaufgaben unter
dem Aspekt ihrer Perspektive, ihres zukünftigen Kampfes zu bewältigen. Diese Orientierungen
äußerten Marx und Engels vor allem in ihren Schriften zum Kölner
Kommunistenprozeß, in denen sie nachwiesen, daß die Aufgaben des Bundes der
Kommunisten eben nicht der ihnen vorgeworfene Sturz der preußischen Regierung
war, sondern eben die Vorbereitung des Sturzes einer Regierung, die noch gar
nicht existierte. Marx hatte in seiner Kritik der neuen preußischen
Pressezensur die dort verkündeten Gesetze als „Tendenzgesetze“, als „Gesinnungsjustiz“
gekennzeichnet.
* * *
In dem berüchtigten
Kommunistenprozeß in Köln vom 4. Oktober bis 12. November 1852 fanden sie ihre
Anwendung. Die angeklagten Kommunisten wurden bereits zwischen 10. Mai bis 11.
Juli 1851 verhaftet und befanden sich 18 Monate vor Prozeßbeginn (!) im Gefängnis.
Der preußischen Justiz gebührt das unsterbliche Verdienst, den ersten
Kommunistenprozeß in Deutschland durchgeführt und damit Preußen als
"Rechtsstaat" ausgewiesen zu haben. Zugleich trug der Kommunistenprozeß
"Modellcharakter" für spätere Kommunistenprozesse in Deutschland,
nicht zuletzt in der BRD rund 100 Jahre später.
Die
"Beweisaufnahme" zeichnete sich aus durch Fälschung von Dokumenten;
von hohen Regierungsbeamten geleisteten Meineiden, so von Polizeirat Dr.
Wilhelm Stieber, dem Leiter der preußischen Polizei, dem Hauptzeugen der
Regierung in Köln; durch von Polizeispitzeln fabrizierte "belastende"
Dokumente. Der Hauptverteidiger der Angeklagten, Dr. Schneider, beschuldigte
Herrn Polizeirat Stieber des Meineids. Dieser wußte "keine andere Antwort
zu geben..., als... auf seine Würde als Repräsentant der Krone" zu
verweisen, daß er "von der allerhöchsten Autorität im Staate mit einer
äußerst wichtigen Mission betraut worden sei." Mit anderen Worten, der ehrenwerte
Herr Polizeirat hat die Verantwortung für seinen Meineid auf die Krone
abgewälzt. Die Betrauung mit einer "äußerst wichtigen Mission" von
"Allerhöchst" dürfen wir ihm ohne weiteres glauben.
Alle diese Methoden waren
vor der Urteilsverkündung bekannt, selbst dem Staatsanwalt! Die Betrügereien
durch die Justiz waren derartig offensichtlich, daß die öffentliche Meinung
allgemein den Freispruch der Angeklagten erwartete.
Aber weit gefehlt! Die
Geschworenen setzten sich zusammen aus sechs reaktionären Adligen, vier
Mitgliedern der Hochfinanz und zwei Mitgliedern der Bürokratie. Den Geschworenen
stand es nicht mehr frei, schrieb Marx, "die Angeklagten schuldig oder
nichtschuldig zu sprechen, sie mußten jetzt die Angeklagten schuldig finden -
oder die Regierung. Die Angeklagten freisprechen hieß die Regierung
verurteilen."
Die Jury sprach in
preußischer Pflichterfüllung die Angeklagten - bei erwiesener Unschuld! -
schuldig. Drei der Angeklagten wurden zu 6, drei zu 5 und einer zu einem Jahr
Gefängnis verurteilt. Vier Angeklagte wurden freigesprochen; einer der Freigesprochenen,
Roland Daniels, starb nach seiner Freilassung an Tuberkulose, die er sich in
der 18monatigen Untersuchungshaft im Gefängnis zugezogen hatte. Die Behandlung
der Angeklagten während der Untersuchungshaft war skandalös. Sie wurden in
Einzelhaft gehalten, medizinische Betreuung
wurde verweigert oder war unzureichend. Sie durften keine Bücher haben,
durften keine Gespräche mit ihren Verteidigern führen. Auf sie wurden
nachträglich erlassene Gesetze angewendet.
Der in Rheinpreußen zu
dieser Zeit noch weit verbreitete Aberglauben an die Jury war für immer
gebrochen. "Man begriff, daß die Jury ein Standgericht der priviligierten
Klassen ist, eingerichtet, um die Lücken des Gesetzes durch die Breite des bürgerlichen
Gewissens zu überbrücken."
* * *
In den Jahren
1860-1865 kam es in Preußen zu einer politisch zugespitzten Situation im
Machtkampf zwischen dem feudal-reaktionären Junkertum und der liberalen
Bourgeoisie, der sich in einem Heeres- und Verfassungskonflikt äußerte. Der
äußere Anlaß bestand in der notwendigen Reorganisation der preußischen Armee,
wozu einmal die Veränderungen in der Waffentechnik, zum anderen die Behauptung
Preußens als europäische Großmacht zwangen.
In seiner
Schrift „Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei“, geschrieben
im Januar/Februar 1865, analysierte Engels den Heerees- und Verfassungskonflikt.
... Er untersuchte die Problematik 1. aus der Sicht der preußischen Regierung,
2. aus der Sicht der Opposition der liberalen Bourgeoisie und 3. vom Standpunkt
der Arbeiterpartei. ...
Die
Militärfrage ... stellte die preußische Bourgeoisie vor die Frage: entweder mit den Arbeitern
gegen die Regierung, d.h., "sehr fatale Zugeständnisse" an sie zu machen,
oder "gefaßt zu sein, im entscheidenden Augenblick ohne die Arbeiter
agieren zu müssen." Engels ahnte offensichtlich, daß die Bourgeoisie vor
Bismarck kuschen würde, wenn er schrieb, daß sie auch diesmal keinen Anstand
nehmen werde, sich selbst zu verraten. Tatsächlich beugte sich die liberale
Bourgeoisie den Repressivmaßnahmen Bismarcks, der ohne genehmigtes
Militärbudget regierte, ohne die erlauchten Abgeordneten des Hohen Hauses zu
fragen, und sich nach dem Sieg über Österreich im Krieg 1866 das Budget durch
eine Indemnitätserklärung der Kammer am 3. September 1866 nachträglich
"parlamentarisch-demokratisch" legitimieren ließ. Durch dieses parlamentarische Bravourstück wurde das
Klassenbündnis zwischen entscheidenden Teilen der preußischen
Großbourgeoisie mit den Junkern im wesentlichen abgeschlossen, wurden diese
Teile der preußischen Bourgeoisie - bei begrenzten Vorbehalten der rheinischen
Großbourgeoisie - selbst zu Anhängern der Hohenzollern, von denen sie die
Sicherung ihrer Klasseninteressen gegen das Volk erwarteten und dafür gelegentliche
Fußtritte ihrer adligen Bundesgenossen
demutsvoll entgegen nahmen. (...)
1870/71 bis
1895
Die Proklamation des
Deutschen Kaiserreichs war die Krönung von Bismarcks Politik von "Eisen
und Blut". Nach dem siegreichen Krieg gegen Österreich 1866 wurde fast
ganz Nordwestdeutschland preußisch. "Abgesehen von dem unheilbaren moralischen
Schaden", schrieb Engels in seiner "Vorbemerkung zu 'Der deutsche
Bauernkrieg', 1870 u. 1875" "den die preußische Krone von Gottes
Gnaden nahm, indem sie drei andere Kronen von Gottes Gnaden verschluckte,
verlegte sich jetzt der Schwerpunkt der Monarchie nach Westen." Nach dem
deutsch-französischen Krieg kam Südwestdeutschland noch dazu.
Durch die Siege der
preußischen Armee habe sich die "ganze Grundlage des preußischen
Staatsgebietes verschoben." Die Junkerherrschaft sei für die preußische
Regierung selbst zu einem Hindernis geworden. Durch die rasche industrielle
Entwicklung sei der Kampf zwischen Junkern und Bourgeoisie verdrängt worden
durch den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse. Grundbedingung
der alten preußischen Monarchie sei der Kampf zwischen Adel und Bourgeoisie,
worin sie das Gleichgewicht hielte. Aber das Neue sah Engels darin, daß die
Monarchie "nicht mehr den Adel gegen das Andrängen der Arbeiterklasse zu
schützen" habe. So "mußte die alte absolute Monarchie übergehen zu
der eigens zu diesem Zweck herausgearbeiteten Staatsform: die bonapartistische Monarchie."
Den Bonapartismus bezeichnete Engels als "eine moderne Staatsform,
die die Beseitigung des Feudalismus zur Voraussetzung" habe.
Preußen hätte so das Junkertum aufopfern müssen. Aber wie? Mit einer neuen
Kreisordnung wurden die feudalen Privilegien des einzelnen Junkers auf seinem
Gut aufgehoben, "um sie als Vorrechte der Gesamtheit der großen
Grundbesitzer für den ganzen Kreis wiederherzustellen." Die bürgerliche
Revolution in Preußen, 1808 bis 1813 begonnen, 1848 "ein Stück"
weitergeführt, fand in der "angenehmen Form des Bonapartismus" ihre
Vollendung.
Der Bonapartismus ist doch
"die wahre Religion der modernen Bourgeoisie", schrieb Engels in
einem Brief an Marx vom 13. April 1866. Für die preußische Bourgeoisie, die
nicht das Zeug habe, um selbst direkt zu herrschen, sei "eine
bonapartistische Halbdiktatur die normale Form." Diese führe die
"materiellen Interessen" der Bourgeoisie durch, lasse ihr aber keinen
Teil an der politischen Herrschaft. Die
bonapartistische Diktatur Bismarcks unterschied sich jedoch in einem
Punkt wesentlich von der Diktatur Louis Bonapartes, Napoleons III., der dieser
Diktatur den Namen gegeben hatte. Bonaparte stützte sich auf die Bauern als
Stimmvieh für das allgemeine Wahlrecht, um Bourgeoisie und Arbeiterklasse im
Zaum zu halten, Bismarck stützte sich dagegen auf die Junker, deren Macht als
Klasse erhalten blieb und die ihrerseits den Bauern ihres Kreises klarzumachen
verstanden, wen sie bei Reichstagswahlen zu wählen hatten. "In
Preußen", so Engels in seinem Artikel "Zur Wohnungsfrage" aus
dem Jahre 1872, "besteht neben einem noch immer sehr starken,
großgrundbesitzenden Adel eine verhältnismäßig junge und namentlich sehr feige
Bourgeoisie, die sich bisher weder die direkte politische Herrschaft, wie in
Frankreich, noch die mehr oder weniger indirekte, wie in England, erkämpft hat.
Neben beiden Klassen aber besteht ein sich rasch vermehrendes, intellektuell
sehr entwickeltes und sich täglich mehr und mehr organisierendes Proletariat.
Wir finden also hier neben der Grundbedingung der alten absoluten Monarchie:
dem Gleichgewicht zwischen Grundadel und Bourgeoisie, die Grundbedingung des
modernen Bonapartismus: das Gleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Proletariat.
Sowohl in der alten absoluten, wie in der modernen bonapartistischen Monarchie aber
liegt die wirkliche Regierungsgewalt in den Händen einer besondern Offiziers-
und Beamtenkaste, die sich in Preußen teils aus sich selbst, teils aus dem
kleinen Majoratsadel, seltener aus dem großen Adel, zum geringsten Teil aus der
Bourgeoisie ergänzt. Die Selbständigkeit dieser Kaste, die außerhalb und
sozusagen über der Gesellschaft zu stehen scheint, gibt dem Staat den Schein
der Selbständigkeit gegenüber der Gesellschaft."
So erwies sich, wie Marx in
seiner "Kritik des Gothaer Programms" schrieb, das deutsche
Kaiserreich "als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem
Beisatz vermischter und zugleich schon von der Bourgeoisie beeinflußter,
bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus." In
seinen Altersbriefen ging Engels noch
mehrfach auf den bonapartistischen Charakter des preußisch-deutschen Kaiserreichs
ein, so in einem Brief an August Bebel vom 2. Februar 1892. Den preußischen
Bürokraten, Militärs und Junkern gingen es "gegen die Natur, irgendeine,
selbst nutzlose oder gar ihm selbst Schaden bringende Machtposition freiwillig
aufzugeben - die kleinliche Schinderpolitik, die ihr ein und alles ist, litte
ja darunter!"
Aber auch die Bäume der
Bismarckschen bonapartistischen Diktatur wuchsen nicht in den Himmel. An der
deutschen Arbeiterklasse hat er sich die Zähne ausgebissen. Mit seinem von ihm
provozierten Ausnahmegesetz gegen die "gemeingefährlichen
Bestrebungen" der Sozialdemokratie vom 19. Oktober 1878, dem die Mehrheit
der Abgeordneten der deutschen Bourgeoisie freudig zujubelte - mit Ausnahme der
Abgeordneten des Zentrums, die unter "Kulturkampf"-Bedingungen auch
Ausnahmegesetze gegen sich selbst fürchteten - als Höhepunkt seiner
bonapartistischen Diktatur, leitete er seinen eigenen Sturz ein. Engels sah
dies voraus, wenn er in einem Artikel vom 30. März 1879 für die italienische
Zeitung "La Plebe" schrieb, daß das Sozialistengesetz "für uns ein ausgezeichnetes Ergebnis haben wird."
"Freund Bismarck" habe der sozialistischen Bewegung in Deutschland
einen großen Dienst geleistet. "Nachdem er die Revolution durch den raffiniertesten
und unerträglichsten Militarismus, durch ständig wachsende Steuern, durch das
Bündnis des Staates mit dem unverschämtesten Börsenwucher, durch die Rückkehr
zu den Traditionen des ärgsten Feudalismus und der Polizeiherrschaft des alten
Preußens, durch die ebenso zahlreichen wie kleinlichen Verfolgungen und durch
die Herabwürdigung und öffentliche Erniedrigung einer Bourgeoisie, die übrigens
keine bessere Behandlung verdiente, nachdem er also dadurch die Revolution
vorbereitet hatte, krönte er sein Werk, indem er das deutsche Proletariat
zwang, den revolutionären Weg einzuschlagen." Auch daß das "Signal
von Rußland" gegeben werden würde, sah Engels voraus. Es sollte allerdings
noch knapp 40 Jahre dauern, bis die Arbeiter in Deutschland den revolutionären
Weg einschlugen. Was Engels nicht voraussehen konnte, war der Verrat der nach
seinem Tode heranwachsenden reformistischen Führungsschicht der deutschen Sozialdemokratie,
die die Revolution im Bündnis mit preußischen Generalen niederschlug und, um
mit Schoeps zu sprechen, preußische "Traditionen" und
"Werte" nach dem Sturz der Hohenzollern in die Weimarer Republik hinüberrettete.
Wie, in welcher Art von den
Regierungsvertretern im Reichstag die "gemeingefährlichen
Bestrebungen" der Sozialdemokratie "bewiesen" wurden, geht aus
dem "Konspekt der Reichstagsdebatte über das Sozialistengesetz" (16.
und 17. September 1878) von Marx hervor, der sich wie ein Kriminalroman liest.
Um eine Kostprobe preußischer "Rechtsstaatlichkeit" zu geben, seien
die Ausführungen des Ministers des Innern, Graf zu Eulenburg, über eine
sogenannte Vernehmung des Anarchisten Karl-Eduard Nobiling, der am 2. Juni 1878
ein Attentat auf Kaiser Wilhelm I. durchgeführt hatte, dokumentiert. Bismarck
hatte dieses Attentat für die Begründung des Ausnahmegesetzes genommen.
Auf Bebels Forderung, die
Akten über die Vernehmung Nobilings dem Reichstag vorzulegen, antwortete Herr
von Eulenburg: "... Soviel aber, meine Herren, kann ich Ihnen sagen, daß
eine Vernehmung Nobilings stattgefunden hat und daß er in dieser Vernehmung,
soviel mir davon bekannt geworden ist, ausgesagt hat, daß er an sozialdemokratischen
Versammlungen teilgenommen und an den dort vorgetragenen Lehren Gefallen gefunden habe. Mehr mitzuteilen, muß ich
mit Rücksicht aus dem Umstand, daß die preußische Justizbehörde über die
Vorlegung der Akten zu befinden hat, mich enthalten." Marx kommentierte
kurz: Es habe nach Eulenburg 1. nur eine Vernehmung
stattgefunden, ob eine "gerichtliche", ließ er offen. Wann habe diese eine Vernehmung
stattgefunden? Nachdem er durch eine Kugel im Kopf einen Teil seines Gehirns
verloren hatte? (Nobiling hatte bei seiner Festnahme Kugeln und einen Säbelhieb
im Kopf. U.H.) Angenommen, Nobiling hätte sich in zurechnungsfähigem Zustand
befunden, so wäre bewiesen: daß er sich nicht als Sozialdemokrat, nicht als
Mitglied der Sozialdemokratie, ausgegeben habe. Er habe an einigen Meetings
teilgenommen, an deren "vorgetragenen Lehren Gefallen gefunden". Die
Lehren waren also nicht seine Lehren. 2. habe Nobiling sein
"Attentat" in keine Verbindung
mit den Meetings und dort vorgebrachten Lehren gestellt. Ein weiteres Kuriosum sei, das "soviel";
"... soviel" Eulenburg "davon bekannt geworden
ist...," d.h. Eulenburg hat das Protokoll niemals gesehen, kennt es nur
vom Hörensagen. "Mehr mitzuteilen"
habe Eulenburg "mit Rücksicht" auf die preußischen Justizbehörden
nicht.
Er würde dann, kommentiert
Marx, die Regierung kompromittieren, wenn er "mitteilte, was er
weiß." Marx verwies ferner darauf daß alle Versammlungen, denen Nobiling
beiwohnte, unter polizeilicher Aufsicht stattfanden,
also nichts Verfängliches geäußert werden konnte; die Lehren, die Nobiling habe
hören können, konnten sich nur auf die an der Tagesordnung befindlichen
Gegenstände bezogen haben.
Das Glanzstück in der
"Beweisführung" des Herrn Innenministers bestand darin, daß er darauf
verwies, daß die Gesetzvorlage nur auf
einer "Theorie" beruhe, d.h. der Regierungstheorie, "daß die Lehren der Sozialdemokratie in der
Art und Weise, wie sie in einer leidenschaftlichen Agitation verbreitet werden,
wohlgeeignet wären, in verwilderten
Gemütern dergleichen traurige Früchte zur Zeitigung zu
bringen", wie das Attentat gezeigt habe.
Ein Herr von Helldorf-Bedra
wurde in der Debatte noch deutlicher: "Meine Herren, das gegenwärtige
Gesetz charakterisiert sich als ein Präventivgesetz im eminentesten Sinne des
Wortes; es bringt keine Strafbestimmungen, sondern es gibt nur die Befugnis zu
Polizeiverboten und knüpft Strafen an die Übertretung dieser äußerlich erkennbaren
Verbote." Befürchtungen eines Abgeordneten (vom Zentrum, U.H.) über
Möglichkeiten des Mißbrauchs dieses "Präventivgesetzes" und dessen
Forderung nach einer "Beschwerdeinstanz" fegte Herr von Helldorf
forsch vom Tisch: "Es handelt sich einfach um die Entscheidung einer polizeilichen Frage, und eine solche Instanz mit
Rechtsgarantien zu umgeben" sei "entschieden falsch". Gegen
Mißbrauch empfahl er "Vertrauen in politisch hochgestellte Beamte."
Damit wären wir dann wohl auch bei den von Herrn
Diepgen angemahnten preußischen Tugenden, "Dienst am Staat" und
"Disziplin" angelangt.
Wie das
"Präventivgesetz", die "Befugnis zu Polizeiverboten" in der
Ausführung umgesetzt wurde, schildert Engels ausführlich in seinem Artikel
"Bismarck und die deutsche Arbeiterpartei" vom 23. Juli 1881 für
"The Labour Standard". Mehr als 50 Zeitungen der Arbeiter wurden
unterdrückt, ihre Vereine verboten, ihre Klubs geschlossen, ihre Gelder
beschlagnahmt, ihre Versammlungen aufgelöst. Über ganze Städte und Bezirke
konnte der Belagerungszustand verhängt werden. "Aber was selbst englische
Ausnahmegesetze in Irland niemals gewagt hatten, das tat Bismarck in Deutschland."
Über Berlin wurde sofort der Belagerungszustand verhängt. Hunderte - mit
Familienangehörige Tausende - wurden ausgewiesen. Die preußische Polizei wies
immer Familienväter aus, was für sie in den meisten Fällen lange Elendszeit,
wenn nicht den völligen Ruin bedeutete. Die gleichen Vorkommnisse in Hamburg
und Leipzig.
Mit dem willkürlichen Polizeiterror war die Partei
jedoch nicht zu zerschlagen. Das begriff sogar Bismarck. Er versuchte nunmehr,
die Partei durch Korruption zu zersetzen, zu spalten, sie zu zerschlagen, indem
er sie mit der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 über den Erlaß von
Gesetzen zu Sozialversicherungen gegen Unfall, Krankheit, Alter und Invalidität
zu ködern suchte. Doch dies war von den Arbeitern "nur mit Fußtritten
gewürdigt worden", wie Engels an Kautsky in einem Brief vom 8. November
1884 schrieb. Selbst die gepriesene väterliche Fürsorge des Hohenzollern
scheint auf die "verwilderten Gemüter" wenig Eindruck hinterlassen zu
haben. Es gehört schon eine Portion Unwissenheit oder Unverschämtheit dazu, die
in Preußen zuerst eingeführte Altersversorgung etc., die sich die Arbeiter in
harten Klassenschlachten gegen das Bismarck-Regime erkämpft hatten, als Tat der
Hohenzollern zu glorifizieren.
* * *
Schließen wir die
Betrachtungen der beiden Rheinpreußen über Preußen mit einer der letzten
Prognosen des alten Engels über die Hohenzollern-Monarchie in seinem Brief an
Sorge vom 5. März 1892 ab, in dem er respektlos den preußischen König und deutschen Kaiser Wilhelm II., einfach "Wilhelmchen"
nannte, ihn als ein "Prachtexemplar von einem 'Letzten des
Stammes', der die Dynastie und Monarchie ruiniert wie keiner", dessen
"Verrücktheit akut geworden" sei und dessen "Größenwahn"
ihn "nicht schlafen und nicht schweigen" ließe.
Ahnte Engels bereits den
Sturz der Hohenzollern-Monarchie 26 Jahre später? Den Zeitpunkt sicher nicht,
aber den "tendenziellen Fall" der Monarchie konnte er unter Anwendung
der dialektisch-materialistischen Methode richtig erkennen.
Zur
Lessing-Legende
Es ist auffallend, daß sich
bei Marx und Engels über Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. (den
"Großen") so gut wie nichts findet. Sie hatten sich vor allem mit dem
preußischen Staat im 19. Jahrhundert, ab 1871 mit dem Wilhelminischen Kaiserreich
auseinanderzusetzen. Die Fridericus-Legende
kam, folgt man dem Kontext der Lessing-Legende von Franz Mehring, offenbar erst
am Ende des 19. Jahrhunderts auf, die Marx gar nicht mehr, Engels erst in
seinen letzten Lebensjahren zur Kenntnis nehmen konnte, wie aus einigen seiner
Altersbriefe ersichtlich. Franz Mehring setzte fort bzw. holte nach, was Marx
und Engels in ihrer Lebenszeit nicht schaffen konnten, wobei Mehring auch mehr
Quellen zur Verfügung standen als zur Zeit der beiden Alten in London.
Engels hat sich in mehreren
Briefen sehr anerkennend über die Lessing-Legende geäußert. Diese erschien
zunächst in einzelnen Artikeln ab 1892 in der sozialdemokratischen
theoretischen Zeitschrift "Die Neue Zeit", als Buch erschien sie ein
Jahr später. In seinem Brief vom 14. Juli 1893 schrieb Engels: "Es ist bei
weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staates, die
existiert, ja ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis
in die Einzelheiten richtig die Zusammenhänge entwickelnde." Engels
bedauerte, daß Mehring "nicht auch gleich die ganze Weiterentwicklung bis
auf Bismarck" habe "mit hineinnehmen können."
Erst nach dem Tode Engels,
um die Jahrhundertwende konnte sich Mehring in mehreren Aufsätzen auch gegen die aufkommenden "Bismarck-Legenden"
wenden, 1896 über die Reichsgründung, 1898 über Bismarck und das historische
Urteil und über Bismarcks Denkwürdigkeiten, 1911 über Bismarcks Jugend.
Innerhalb
seiner Arbeiten zur Geschichte Preußens bildet die Lessing-Legende jedoch das
Kernstück. Kein seriöser Historiker, der über Preußen
schreibt. unabhängig von seiner Schule, kommt um die Lessing-Legende herum.
Mehring
... wandte sich sowohl dagegen, Friedrich II. zu glorifizieren, als auch in ihm die
Inkarnation des Bösen zu sehen und zeichnete die Entwicklung
Brandenburg-Preußens aus den besonderen Zuständen, aus denen sich dieser Staat
entwickelte. Unter den Bedingungen der Verwüstungen durch den dreißigjährigen
Krieg, in einer Mittellage, umgeben von starken Großmächten, Österreich,
Frankreich, Rußland, Schweden, die nun auch nicht gerade von friedliebenden
Monarchen regiert wurden, konnte Brandenburg-Preußen, wenn es sich behaupten
wollte, nicht anders denn als Militärstaat entstehen. Um ein starkes stehendes
Heer zu erhalten, bedurfte es des Geldes und der Menschen. Da beides in dem verwüsteten
Lande nicht vorhanden war, konnte der Menschenmangel nur durch "Peuplierung",
also Einwanderung, und der Mangel an Geld nur durch Unterhalt der Armeen auf
den Landgütern, d.h. Zugeständnisse an die Junkerklasse, ausgeglichen werden.
Die Gutsherrschaft war der Preis für das stehende Heer, und die Besetzung der
Offiziersstellen Privileg der Gutsherrn, die ihre jüngeren Söhne als Offiziere
versorgt sahen. So erwies sich der "aufgeklärte Absolutismus" in
seiner letzten Konsequenz als Junkerherrschaft nach dem Motto: "Und der
König absolut, wenn er unsern Willen tut".
Darin unterschied sich der
Absolutismus in Preußen von dem Frankreichs. In Frankreich verband sich die
Krone mit dem Bürgertum der Städte gegen den Adel, in Preußen war die Krone
Junkerherrschaft gegen die Stadtbürger. Die Herrschaft Friedrich Wilhelms I.,
(des "Soldatenkönigs") war mehr "aufgeklärter Absolutismus" als die Friedrichs II. Friedrich
Wilhelm I. versuchte wenigstens, sich den Adel untertänig zu machen und
zog Bürgerliche in seine Verwaltung mit ein, wenn er sie auch gelegentlich mit
seinem Knüppel verprügelte unter dem Slogan: "Fürchten sollt ihr mich,
nicht lieben!" Übrigens waren auch die Adligen vor seinem Knüppel nicht
sicher. Darin sah er wohl das Prinzip demokratischer Gleichheit. Auch die
vielgepriesene Toleranz der Hohenzollern erwies sich als aus den Umständen
erzwungene Maßnahme. Um Brandenburg-Preußen zu "peuplieren", mußten
Menschen aus allen Ländern Europas in das Land gezogen werden, unabhängig von
ihrem religiösen Bekenntnis. Friedrich II. legte großen Wert auf die
"Militärseelsorge", je nach Konfession der Soldaten, katholische oder
evangelische, mit dem Auftrag, den Soldaten klar zu machen, daß Desertation die
größte Sünde sei, für die furchtbare Höllenstrafen zu erwarten seien. Friedrich
II. hätte auch Mohammedaner als Soldaten genommen und ihnen Mullahs beigegeben,
wenn er nur hätte welche bekommen können. Die religiöse Toleranz hörte dort
auf, wo es um Verteilung von "Untertanenrechten" ging. Bei Besetzung
von hohen Beamtenstellen spielte das religiöse Bekenntnis eine sehr bedeutende
Rolle. Auch die Juden waren nicht den Christen gleichberechtigt, mit Ausnahme
der sogenannten "Schutzjuden", einer Minderheit von reichen Juden,
die für den Fiskus von Interesse waren. Nach einem Brief von Lessing an Nicolai
im August 1769 reduzierte sich die "Berlinische Freiheit"...
"einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen
zu Markte zu bringen, als man will... Lassen Sie es aber doch einmal einen in
Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in
Wien geschrieben hat; lassen Sie ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die
Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin
auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und
Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und
Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis
auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist."
Winkelmann bezeichnete
Preußen mehrfach als "despotisches Land". Auf Preußen drücke
"der größte Despotismus, der je gedacht ist. Ich denke mit Schaudern an dieses
Land", und in einem Brief an Usteri vom 15. Januar 1763 schrieb er, daß es
ihn "vom Wirbel bis zur Zehe" schaudere, wenn er "an den preußischen
Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst
vermaledeite und mit lybischem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen
machen und mit ewigem Fluch belegen wird." Er wolle lieber "ein
beschnittener Türke als ein Preuße" sein.
Mehring zitiert den
englischen Gesandten Sir Charles Hanbury
Williams aus dem Jahre 1750, nach dem Friedrich II. seinen Untertanen
"keine andere Freiheit läßt als die des Denkens". ... "Der Zwang
geht durch alle Stände, und Mißtrauen drückt sich auf jedem Gesicht aus. Ich denke,
Hamlet sagt irgendwo: Dänemark ist ein Gefängnis; das ganze preußische Gebiet
ist ein solches im buchstäblichen Sinne des Wortes."
Wenn Goethe anläßlich des Ablebens Friedrich II.
sich erbost über die Berliner äußerte, daß diese "Lumpenhunde" sich
demgegenüber gleichgültig bis respektlos verhielten und zum Teil sogar froh
darüber waren, daß sie den "großen König" nicht gebührend zu würdigen
verstanden, so läßt Mehring offen, ob, wenn Goethe preußischer Untertan gewesen
wäre, er sich dann wohl auch so geäußert hätte.
* * *
Zwei Gesichter Preußens?
Natürlich gab es in der brandenburg-preußischen Geschichte auch
fortschrittliche Generale und Offiziere aus dem
Junkertum, fortschrittliche Reformer, Verwaltungsbeamte und Juristen. Aber
prägten diese den Staat? Waren sie die Repräsentanten Preußens? Sie waren die
Ausnahmen, und ihre Tätigkeit hatte zwiespältige Auswirkungen, sofern die Ergebnisse
ihrer Tätigkeit von den reaktionären Kräften für ihre Zwecke mißbraucht wurden.
Es war die feudal-reaktionäre Junkerklasse, die Preußen ihr Gepräge gab und in der Wilhelminischen Zeit dem deutschen
Imperialismus seinen besonders reaktionären Charakter verlieh.
So betrug der Anteil des
Adels am Offizierskorps der Reichswehr noch 1932 52 % der Generale, 29 % der Obersten, 23 % der Oberstleutnants,
16 % der Majore, 17 % der Hauptleute/Rittmeister, 23 % der Oberleutnants und
Leutnants. Die Beziehungen der Hohenzollern zu Hitler und der NSDAP sind
aktenkundig. Der "Tag von Potsdam" läßt sich nicht mehr aus der Geschichte
streichen. Daß die Hohenzollern hofften, daß Hitler die Monarchie wieder
herstellen würde, brachte sie lediglich in die Rolle des betrogenen Betrügers.
Daran ändert auch nichts, wenn sich Offiziere über Hitler mokierten, weil der
"Kerl" ja nur "Gefreiter" gewesen war. Bis zum Ende des
faschistischen Deutschlands galt der Leutnant noch immer als das erstrebenswerte, preußisch-deutsche Ideal, wenigstens der
Reserveoffizier, fing der Mensch noch immer erst beim Leutnant an.
Letztendlich diente auch das reaktionäre Preußentum
der Legitimierung der faschistischen Diktatur,
wie es die faschistische Führung auch verstand, die preußischen Militärreformer
für ihre verbrecherische Aggressionspolitik
zu mißbrauchen. Die heute über 70jährigen werden sich der Fridericus-Filme
mit Otto Gebühr als Friedrich II. und, soweit sie nicht an der Front oder schon
in Kriegsgefangenschaft waren, an den Durchhaltefilm "Kolberg" erinnern.
* * *
Ein Preußenjahr? Eine neue
Hohenzollernlegende? Die materialistische Geschichtsauffassung leugnet nicht
die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Wenn ich sie auf die
Hohenzollern anwende, so schließe ich mit einem Gedanken von Franz Mehring,
nachdem ein Lassalle und ein Marx mehr für den geschichtlichen Fortschritt geleistet
haben als sämtliche Hohenzollern zusammengenommen.
So gibt es wohl nichts zu
feiern. Aber das Preußenjahr sollte zum Anlaß genommen werden, derjenigen zu
gedenken, die gegen das reaktionäre Preußentum gekämpft haben, im besonderen
der deutschen Arbeiterbewegung mit ihren hervorragenden Führern August Bebel,
Wilhelm und Karl Liebknecht, Franz Mehring, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin sowie
noch vielen anderen aufrechten Demokraten.
Gekaufte Justiz oder verkauftes Recht?
Zum Strasbourger Urteil
Am 22.
3. 2001 gab der Kanzler
des „Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte“ ein Pressekommuniqué
heraus. Darin teilte er mit:
„Die Große Kammer des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte hat am 22. März 2001 in zwei
Urteilen entschieden, daß Deutschland durch die Verurteilung von hohen
DDR-Funktionären bzw. eines DDR-Grenzsoldaten wegen Tötungsdelikten an der
Grenze zwischen beiden deutschen Staaten Artikel 7 Abs. 1 der Europäischen
Menschenrechtskonvention nicht verletzt hat.“
Erst die noch ausstehende
Publikation dieser Urteile mit ihrer Begründung im Wortlaut wäre die
Voraussetzung dafür, es fachjuristisch zu werten. Der publizierte Tenor
allerdings läßt bereits jeden juristischen Laien eindeutig erkennen, daß sich
der hohe Gerichtshof insbesondere darum bemüht hat, die Bundesrepublik
Deutschland nicht zu verletzen, und so dürfte das Urteil weniger hinsichtlich
rechtlicher Fragen als vielmehr hinsichtlich der Machtfrage aussagekräftig
sein: Gilt für die BRD europäisches Recht oder gilt für Europa
deutsch-imperialistisches Recht?
Unter der treffenden
Überschrift „Der Europäische Gerichtshof hat sich der Macht gebeugt“ erklärte
der Parteivorstand der DKP: „Mit der Entscheidung des Europäischen
Gerichtshofs, die völkerrechtswidrige Praxis der bundesdeutschen Gerichte gegen
die DDR-Politiker zu sanktionieren, wurde einmal mehr der Beweis erbracht, daß
ökonomische und politische Macht Justizentscheidungen beinflussen.“ Nicht Recht
zu sprechen, sondern den Sozialismus „als gesellschaftliche Alternative zum
Kapitalismus und als anzustrebendes Ziel“ zu kriminalisieren, sei Sinn des
Urteils: „Die Verurteilung des Sozialismus, jetzt auch durch den Europäischen Gerichtshof,
soll offensichtlich signalisieren, daß es jenseits des Kapitalismus keine
Alternative geben darf“ - erklärt die DKP und betont: „Die Bundesrepublik
Deutschland ist die ökonomisch stärkste Macht in der EU, deren Führungsrolle
ausgebaut werden soll. Die Justiz hat diese Position gestärkt. Jedes andere
Urteil hätte weitreichende Konsequenzen für die EU gehabt ... Das Recht ist und
bleibt unter diesen Gesellschaftsbedingungen das Recht der Mächtigen. Die
Sieger der Geschichte, von 1989/90, wollen die Geschichte auch durch
Gerichtsentscheidungen aus ihrer Sicht festschreiben...“
Und ebenfalls wohl begründet
überschreiben GRH und Solidaritätskomitee ihre gemeinsame Erklärung zum Urteil:
„Strasbourg beugte sich dem ‘deutschen
Leitrecht’“.
Wir haben uns angewöhnt,
Strasbourg mit „s“ und „ou “ zu schreiben, weil wir anerkennen, was der
deutsche Imperialismus verbrecherisch verspielt hat. Aber eben weil Strasbourg
sich dem deutschen Leitrecht beugte wäre es mit nicht minder guten Gründen als
„Straßburger Urteil“ - mit „ß“ und „u“ zu bezeichnen.
Denn dieser Richterspruch
war nicht nur antikommunistisch, sondern überdies deutschnational.
Das Urteil ist im Geiste
nicht nur des ganz allgemeinen europäischen, sondern des höchst spezifischen deutschen Imperialismus verfaßt, der,
nachdem die grobschlächtige faschistische Methode der „Neuordnung Europas“
nicht zum Ziele geführt hat, nun flexibler unter Etikettenschwindel einfach
„europäisch“ nennt, was germanodominant gemeint ist. Und Europa wird zu spät
merken, worauf es sich z.B. auch mit dem Straßburger Urteil eingelassen hat,
wenn es demnächst vielleicht nicht wieder unter den Stiefeln deutscher Landser,
wohl aber unter Druck und Ausbeutung durch deutsche Ökonomie stöhnen wird.
„Europa“ - das heißt der
westliche Teil unseres Kontinentes, der dem revolutionären Anlauf zu
historischem Fortschritt im jüngst abgeschlossenen Jahrhundert entgangen war
und sich nach der Niederlage des Faschismus im zweiten Weltkrieg unter dem
Schutz der USA imperialistisch restauriert hatte - hatte insgesamt viel gegen
den Sozialismus, aber kaum etwas gegen die „deutsche Teilung“ einzuwenden.
Nicht nur dem später kriminalisierten, einst rennomierten, europäischen
Politiker Andreotti schrieb die westeuropäische Publizistik den Ausspruch zu,
er liebe Deutschland so sehr, daß er sich freue, daß es gleich zwei davon gäbe,
sondern auch ein besser renommierter Europäer wie General de Gaulles äußerte
sich in vergleichbarer Richtung. Somit hätte man von einem „Europäischen“ Gerichtshof
- wäre er dies nicht nur solo titulo
- hinsichtlich der einstigen Souveränität der DDR ein Urteil erwarten können,
das zwar dem antikommunistischen Geist des gesamteuropäischen Imperialismus
entsprochen hätte, nicht aber dem spezifisch deutschen Hegemonieanspruch
gegenüber (dem aus deutscher Sicht) Resteuropa.
„Europa“ hätte sich den Luxus leisten können, nach dem Untergang
sozialistischer Macht auf dem Kontinent dem geltenden Völkerrecht vor
deutschnationalistischen Rechtskonstruktionen den Vorrang zu geben. Daß der
Straßburger Gerichtshof das nicht wagte, zeigt, daß auch er europäisch nennt,
was großdeutsch ist. Womit dann wieder einmal offenkundig würde, daß die großdeutsche
europäische Ordnung, vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert blutig mit
militärischer Macht erstrebt und am Widerstand europäischer Völker gescheitert,
nunmehr mit ökonomischer Gewalt so sehr realisiert ist, daß das gekaufte Europa
die Durchsetzung großdeutscher Interessen als Recht ausgibt. - Armes Europa! H.M.
1. Heinz Kamnitzer über Arnold Zweig
Unter
dem Titel, Ein Mann sucht seinen Weg stellt
Heinz Kamnitzer noch einmal seinen
väterlichen Freund Arnold Zweig vor. Statt dieses Büchlein zu rezensieren,
kündigen wir es an, indem wir aus der Einleitung des Autors (S.5-7) zitieren,
die uns unter anderem eine klassisch knappe Zusammenfassung der jüngsten
deutschen Geschichte zu bieten scheint:
„Für Arnold Zweig ist der Weg zur Reife sehr lang
gewesen. Er nannte sich selbst einen Spätblüher und kam erst auf der Lebensmitte
an die große Wende, die seine Weltanschauung, sein Geschichtsbewußsein und
seinen politischen Standort bestimmte und ihn veranlaßte, in der Literatur die
Summe seines Daseins zu ziehen.
Seine Biographie reicht von 1887 bis 1968.
Dazwischen spielten sich die Katastrophen ab, die ihn und uns geprägt haben.
Die Gründerjahre und das Kaiserreich mündeten in den Ersten Weltkrieg und die
Niederlage. Dann führte eine halbe Revolution nach vierzehn Jahren zur
vollendeten Konterrevolution. Damit wurde die Strecke frei zu den
Konzentrationslagern und den Blutbädern des zweiten Weltkrieges und wieder in
die deutsche Kapitulation.
In dieser Zeit schickte die deutsche
Sozialdemokratie den Zug von Millionen für Kaiser und Krupp auf die
Schlachtfelder, stellte danach in der Weimarer Republik als ersten Prädidenten
einen Genossen, der verkündet hatte, das Heer kehre unbesiegt aus dem Felde
zurück, und zog bis zuletzt den Burgfrieden mit den bürgerlichen Parteien einer
Einheitsfront mit den Kommunisten vor.
In dieser Zeit wurden wenige sehr reich und viele
ärmer und arbeitslos. Auf diesem Nährboden konnte der deutsche
Nationalfaschismus blühen und gedeihen und kam nach den Gesetzen einer
parlamentarischen Demokratie an die Macht, gefördert und gerufen von den Großindustriellen,
Großbankiers und Großgrundbesitzern der deutschen Nation.
In dieser Zeit durften Rassenwahn und
Judenfeindschaft um sich greifen, bis der Antisemitismus zur Staatsdoktrin
wurde und ihre Opfer in der Endlösung ausrottete. Auf dem europäischen
Kontinent wurden alle Gegner der braunen Barbarei überwältigt und vernichtet.
Der Kreuzzug unter dem Hakenkreuz fand erst sein Ende, als die Wehrmacht die
Grenzen der Sowjetunion überquerte und
von der Roten Armee zerschlagen wurde.
Und zu dieser Zeit entstanden auf deutschem Boden
zum ersten Mal zwei Staaten, in denen die gesellschaftlichen Gegensätze des XX.
Jahrhunderts sich ausprägten.
In den Romanen, Novellen und Essays von Arnold
Zweig bricht sich diese Zeit, die aus den Fugen ist. Mögen uns Generationen,
Schauplätze und Schicksale trennen, in seinem zentralen Thema ‘der große Krieg
der weißen Männer’, in seiner Sehnsucht und Suche nach dem Ziel - Irrfahrten
eingeschlossen - erkennen wir uns selbst, nicht zuletzt auch die
verhängnisvolle Vorgeschichte unseres Landes, dessen gebrannte Kinder wird
sind.“
(Heinz
Kamnitzer, Ein Mann sucht seinen Weg. Über Arnold Zweig, GNN-Verlag, ISBN 3-89819-065-,
DM 18.-.)
2. Luis Corvalan, Gespräche mit Margot Honecker
über das andere Deutschland
Inzwischen liegt das Interview Luis Corvalans mit Margot Honecker in
deutscher Fassung vor - vielleicht sollte man es besser ein
Erinnerungsprotokoll Margot Honeckers nennen. Zunächst war es auf spanisch für
Chilenen erschienen und ist erst dann für eine Edition in Deutschland
überarbeitet worden. In gewisser Weise ist es zu einem „Kurzen Abriß“ der
Geschichte der DDR für historisch interessierte Nichthistoriker geraten. Dieser
könnte insbesondere für nachwachsende Generationen deutscher Sozialisten
reizvoll sein. Denn Luis Corvalan spricht mit Margot Honecker zwar in
solidarischer Distanz und
revolutionärer Solidarität, aber aus einem anderen Raum, so wie diese
kommende Generation aus einer anderen Zeit fragen wird.
Für Altersgenossen Margot Honeckers ist vor allem das spannend, was sie
zur Untergangsphase des sozialistischen Lagers in Europa und der DDR zu
berichten weiß. Man könnte sich dabei allerdings fragen, ob sie - vielleicht
unvermeidlich aufgrund ihrer Position und Funktion in der Führungsschicht der
DDR - zureichend berücksichtigt, daß die Desorientierung unter aufrechten
Kommunisten in der DDR zwar von Gorbatschow ausgelöst wurde, daß es aber in der
DDR Bedingungen gab, die ihm seine konterrevolutionäre Wirksamkeit sehr
erleichterten, zum Beispiel einen Mangel an offen ausgesprochener Polemik
(einmal abgesehen davon, daß das ND den Aufsatz Nina Andrejewa nachdruckte,
sich aber eben sogleich wieder davon distanzierte). Muß man nicht im Rückblick
sagen, es wäre besser gewesen, die offene ideologische Feldschlacht gegen die
Konterrevolution zu wagen und damit die Führung der vielen kampfbereiten, aber
nicht mobilisierten Kommunisten zurückzugewinnen, als mit einer Politik des Andeutens und „Zu-Verstehen-Gebens“ mehr
Unklarheit zu fördern als Klarheit zu vermitteln?
Margot Honecker stellt die Gegenfrage: „Wäre nicht
eine Führung, die die direkte Konfrontation eingegangen wäre, total isoliert
gewesen, wäre die ‘Wende’, das Herausbrechen der DDR, auf die es ja bei der
Wende in Europa vor allem ankam, verhindert worden oder schon früher
eingetreten? Es ist schwer zu sagen.“ In der Tat! Dennoch: Ich fürchte - und
darin liegt eine erhebliche Tragik - daß die sozialismustreuen Kräfte in der
DDR viel stärker waren, als die Führung der SED meinte, und daß sie sich nur
nicht untereinander und mit der Führung zusammenzufinden vermochten. So würde
ich meinen, daß man zwar 1989 kaum noch in offener ideologischer Feldschlacht
die sozialistische Staatsmacht hätte retten können, wahrscheinlich aber sehr
viel mehr kommunistische Klarheit und Kampfbereitschaft in der SED und unter ihren
Verbündeten.
Und noch eine letzte kritische Anfrage legt das Buch nahe: Margot
Honnecker meint (sicher mit einem gewissen Recht) „1971“ - eigentlich schon
zwei, drei Jahre vorher! - „waren aus der kirchlichen Synode Stimmen hörbar
geworden, die ... für eine Kirchenpolitik plädierten, ‘nicht gegen, nicht neben
dem Sozialismus’ zu agieren, sondern sich als ‘Kirche im Sozialismus’ zu
verstehen“. Wenn sie dann aber annimmt, „1985 änderte die Kirche - vielleicht
im Zeichen von Perestroika und Glasnost - ihren Kurs. Die sich in der DDR
entwickelnde Opposition, die ... in ihrem Kern gegen den Sozialismus gerichtet
war, agierte unter dem Schirm der Kirche“, dann datiert sie diesen Kurswechsel
der Kirche m.E um mehr als fünf Jahre und die „sich in der DDR entwickelnde Opposition“,
das heißt die Sammlung einer anarchistisch-antisozialistischen sich selbst als
„Friedensgruppen“ tarnenden Irredenta um mehr als drei Jahre zu spät.
Jedenfalls schon im ersten Heft der WBl im Frühjahr 1982 haben wir unter dem
Titel „Westpresse - Frieden - Kirche“ vor kirchlich-demagogischem Mißbrauch der
Friedensfrage gewarnt und 1982/3 in „Einige Randbemerkungen zu einigen
Randerscheinungen zwischen Kirche und Kultur in der DDR“ im Klartext auf die
subversive Tätigkeit intellektueller Herostraten unter dem Dach der Kirche
hingewiesen. Margot Honecker unterschätzt m.E. die Tatsache, daß in der
evangelischen Kirche - mit durch die jeweiligen Kräfteverhältnisse bedingten
Schwankungen - stets grundsätzlich eine konterrevolutionäre Haltung gegenüber
der DDR vorherrschte, die lediglich zeitweilig nicht flagrant, sondern im Sinne
der imperialistischen Politik „Wandel durch Annäherung“ subversiv wirkte. Nur
für die sehr kurze Zeit vom Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre
bestand in der Kirche in etwa ein Kräftegleichgewicht zwischen kooperativer und
konfrontativer Politik gegenüber der DDR. Bei dem „Gipfeltreffen“ - wie Margot
Honecker es nennt - vom 6. März 1978 hatte der Flügel, der zu flexibler
Konterrevolution im Stil „Wandel durch Annäherung“ tendierte, bereits längst
wieder innerhalb der Kirche das Übergewicht, und darum brauchte es 1985 in der
evangelischen Kirche keineswegs, wie Margot Honecker meint, zu einer
Kursänderung zu kommen, sondern nur zu einer zunehmenden Offenbarung des
Kurses, der in der Kirche jahrelang vorbereitet worden war.
(Luis Corvalan, Gespräche mit Margot Honecker über
das andere Deutschland, Verl. Das neue Berlin.ISBN 3-360-00950-9)
3. Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe
im 21. Jahrhundert
(Protokollband der gleichnamigen Konferenz von
RotFuchs und Offensiv am 28./29. Oktober 2000 in Berlin)
Unmittelbar
vor Redaktionsschluß erreicht uns dieser in höchstem Maße lesenswerte Band - zu
spät leider, um ihm noch eine eigene Besprechung zu widmen, die er verdient
hätte. Aber da die WBl es - durch allerlei Ungemach im letzten Jahr betroffen -
bereits bedauerlicherweise versäumt hatten,
vorbereitend auf die Konferenz aufmerksam zu machen, soll sich nun nicht
auch der Hinweis auf diesen Dokumentationsband zu ihr verzögern, und so zeigen
wir ihn zumindest kurz an, indem wir die ersten drei der „Redaktionsnotizen“
nachdrucken, mit denen die Herausgeber Teile der Dokumentation eingeleitet
haben::
Redaktionsnotiz
Nr. 1:
Am ersten Tag ging es im wesentlichen um die
Strategien des Imperialismus, sein offenes, sein subversives, sein
wirtschaftliches, sein diplomatisches und sein undiplomatisches Verhalten. Die
wichtigsten Ursachen und Zusammenhänge sollten herausgearbeitet werden; so
gliederten wir den Tag in die Schwerpunkte: a) imperialistische Strategie,
Desinformation, Konterrevolution in der Welt des Kapitals, b) Infiltration und
indirekte Strategie gegen die sozialistische Welt, c) Strategie des Kapitals
gegen die ‘Dritte Welt’ am Beispiel Congo und Südafrika.
Was die Demokratische Republik Congo angeht,
überholten uns die Ereignisse: als wir die Konferenz durchführten, lebte der
Präsident dieser Republik, Laurent D. Kabila noch, zum Erscheinungsdatum dieses
Buches ist er tot, sein Sohn neuer Präsident und die weitere Entwicklung des
Congo unklar. Imperialismus konkret ...
Redaktionsnotiz
Nr. 2:
Die Abendveranstaltung des ersten Tages stand als
etwas besonderes da, weil wir Vertreter aus dem Trikont direkt vor Ort hatten.
Wir hatten ein kleines Podium mit Khwezi
Kadalie aus Südafrika und Schungu
Tunda Nonga aus dem Congo, dazu unseren Übersetzer Paul Doherti. Bevor die Genannten aus ihren Ländern berichteten,
ihre Erfahrungen darstellten und über ihre Aktivitäten sprachen, stellte Robert Medernach aus Luxemburg seine
kritischen Thesen gegenüber den Zapatisten dar. Wir haben ihm diesen Raum
gegeben, weil sein Diskussionsbeitrag vom Vormittag im Publikum den vielfachen
Wunsch hervorgerufen hatte, Genaueres zum Thema zu erfahren. Nach den Referaten
und der Gelegenheit zum Nachfragen und Diskutieren hatten wir Gelegenheit, für
rund eine Stunde Liedern der internationalen Solidarität, vorgetragen von Achim Bigus, zu lauschen bzw. sie mitzusingen.
Redaktionsnotiz
Nr. 3
Der zweite Tag bestand aus zwei, eigentlich sogar
aus drei Teilen: Zunächst wollten wir uns genauer mit der
kapitalistisch-imperialistischen Ökonomie vertraut machen - und zwar ganz
konkret, also anhand von Zahlenmateral und Statistik. Die Gefahr, daß das zu
trocken werden könnte, nahmen wir wegen der größeren Aussagekraft von an der
Empirie abgesicherten Aussagen in Kauf. Harpal
Barar aus Southall, England, legte ein fundiertes Referat vor, dem einige
Diskussionsbeiträge folgten. Dem haben wir als ein konkretes Beispiel für die
Folgen der imperialistischen Unterwerfung der früher sozialistischen Staaten
Europas den Bericht über die ökonomische Situation Polens heute unter dem
Imperialismus von Zbigniew Wiktor aus
Wroclaw folgen lassen
Danach, im zweiten Block, gingen wir zum Problem
der Gegenwehr und der Organisationsweise derselben über, oder anders gesagt: es
ging um die Frage der Partei. Und dieser Block ist eigentlich nochmals
unterteilt in einen theoretischen Teil und einen Teil mit aktuellen Erfahrungen.
Zunächst also eine grundsätzliche und historische
Darlegung von Ulrich Huar, Parteitheorie, Parteiorganisation - und dabei auch
ein Blick in die Geschichte.
Nach der Mittagspause dann hatten wir sieben etwas
kürzere Referate aus der Tschechischen Republik, aus Griechenland, Schweden,
Belgien sowie aus Italien, Österreich und Frankreich. Wir hörten
Fragestellungen, Berichte, Momentaufnahmen der aktuellen Situationen in den
Ländern, Einschätzungen zur Lage, zur Politik und Zukunft der Parteien usw.
Dieser Tag führte einerseits durch viel neue
authentische Informationen zu wichtigen neuen Einsichten und andererseits zu
vermehrtem Interesse aneinander und dadurch zu verbesserten Kontakten.
(ISBN: 3-00-007420-1, 29,80 DM.)
11 Forderungen der DKP für Ostdeutschland
Die am 3. Oktober 1990
annektierte DDR ist heute ein durch westdeutsche Sonderbeamte überwachtes
halbkoloniales Territorium der Bundesrepublik Deutschland mit zerstörter
Industrie, eingeschränkter Landwirtschaft und verleumdeter Kultur. Deshalb
erhebt die DKP, ausgehend von den Beschlüssen des 15. Parteitages, folgende
Forderungen zur Gewährleistung der Lebensgrundlagen und zur Wiederherstellung
der Würde der Ostdeutschen:
1.
Verbot
der westimportierten, in der DDR niemals existent gewesenen Organisationen mit
faschistischen, rasssistischen und ausländerfeindlichen Zielen. Aburteilung und
Enteignung ihrer Hintermänner und Geldgeber entsprechend Art. 139 des
Grundgesetzes. Konsequente Wiedereinführung der antifaschistischen Lehrinhalte
in allen Schulen, Hochschulen und Universitäten.
2.
Schluß
mit der entwürdigenden ungleichen Bezahlung der ostdeutschen Arbeiter und Angestellten
gegenüber ihren Westkollegen als Vorbereitung des weiteren Sozialabbaus in den
alten Bundesländern. Schluß mit den ungleichen Renten und dem Rentenstrafrecht.
Gleichstellung jetzt! Nachzahlung der bei der Währungsunion enteigneten 50% der
Geldvermögen der DDR-Bevölkerung
3.
Wiederaufbau
einer leistungsfähigen Industrie, die zu spürbarer Reduzierung der im Osten
doppelt so hohen Massenarbeitslosigkeit führt und die Abwanderung junger
Fachkräfte und ihrer Familien eindämmt. Keine weiteren Betriebsschließungen,
Recht auf Arbeit statt Recht auf Sozialalmosen!
4.
Schaffung
unangreifbarer juristischer Garantien für den Schutz von Bodenreformland, Entlastung
der Bauern in den LPG-Nachfolgebetrieben von sogenannten Altschulden. Schutz
des nach DDR-Gesetzen rechtmäßig erworbenen Eigentums oder der Nutzungsrechte
an Grundstücken und Gebäuden.
5.
Bereitstellung
qualifikationsgerechter Arbeitsplätze für die zwangsweise aus dem Arbeitsprozeß
ausgegliederten Frauen und Sicherung ihrer gleichberechtigten Bezahlung.
Wiederherstellung der materiellen Voraussetzungen für gleiche Berufschancen.
6.
Stopp
der Jugendentvölkerung durch Schaffung qualifizierter Ausbildungs- und Arbeitsplätze
für alle Jugendlichen. Rückkehr zu gleichen Bildungschancen für alle, besonders
für Arbeiter- und Bauernkinder.
7.
Wiedereinführung
der kostenlosen medizinischen Vorsorge und Behandlung. Schluß mit der
kommerziell bedingten Limitierung von Leistungen des Gesundheitswesens.
8.
Entlastung
der Kommunen von sogenannten Altschulden. Wiederherstellung zumutbarer Tarife
für kommunale Dienstleistungen einschließlich Nahverkehr und tragbarer
Wohnungsmieten. Schluß mit dem massenhaften Abriß der von der DDR errichteten
Wohnungen und Gesellschaftsbauten.
9.
Ungehinderte
und unverfälschte Verbreitung der humanistischen und realistischen
DDR-Literatur und -Kunst. Rehabilitierung aller gemaßregelten und
„abgewickelten“ Angehörigen der Intelligenz. Schluß mit der Zerschlagung
kultureller Einrichtungen. Hände weg vom Palast der Republik! Wiederherstellung
des erschwinglichen Zugangs aller Bevölkerungsschichten zu Kultureinrichtungen
und -schätzen.
10. Schluß mit der Rachejustiz!
Rehabilitierung und Entschädigung der wegen ihres Handelns in Übereinstimmung
mit und zur Durchsetzung von Gesetzen der DDR verurteilten Bürger. Beendigung
der Diskriminierung von Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR. Säuberung
der Justiz von BRD-Richtern, die sich der Rechtsbeugung schuldig gemacht haben.
11.
Ersatzlose Auflösung der inquisitorischen „Gauck-Birthler-Behörde“. Schließung
aller Akten dieser
Institution. Überprüfung sämtlicher in der Gauck-Behörde jemals Beschäftigten
auf geheimdienstliche Verstrickung.
Diese Forderungen werden mit
Blick auf die spezifische Situation im Osten, aber zugleich im Interesse der
einheitlichen und multinationalen Arbeiterklasse in ganz Deutschland erhoben.
Die gesamte Politik der Deutschen Kommunistischen Partei ist auf die Wahrung
dieser Interessen gerichtet.
Heinz Keßler zu den 11 Forderungen
Genosse Armeegeneral a. D. Heinz Keßler hat dem RotFuchs diesen Beitrag
zu den 11 Forderungen der DKP-Gruppe Berlin Nordost exklusiv zur Verfügung
gestellt.
Ich bin angetan von dieser
Initiative und habe dazu im Prinzip keine Einwände. Im Gegenteil, ich halte es
für nützlich, daß sich Kommunisten damit in die Diskussion über die reale Lage
der Menschen im Osten Deutschlands einmischen, nicht dem politischen Gegner das
Feld überlassen, an das in der DDR für das Leben der einfachen Menschen schon
Errungene erinnern und das Ausmaß der Zerstörung von Lebensqualität sichtbar
machen.
In diesem Sinne ist es
legitim und richtig, spezifische Interessen der „neuen Länder“ herauszuarbeiten,
und absolut legitim, daß Kommunisten, wo immer sie leben, mithelfen, Materialien
für das Wirken der DKP zu erarbeiten. Es ist falsch, den Vorwurf einer illegitimen
Handlung zu erheben. Allerdings muß die Gelegenheit zur Meinungsäußerung zu derartigen
Vorschlägen geboten werden.
Mit der Veröffentlichung der
11 Forderungen wurde ein Diskussions-, Klärungs- und Sammlungsprozeß
eingeleitet, in dem wir erst am Anfang stehen. Das zeigen allein die qualitativen
Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Entwurf, der offensichtlich
viele Vorschläge und Kritiken berücksichtigt, mir verständlicher erscheint und
noch besser dem Gefühl und der sozialen Lage der Menschen entspricht. Das zeigt
auch die Vielzahl der Wortmeldungen und das Spektrum der geäußerten Meinungen.
Die eingeleitete Diskussion
ist schon jetzt sowohl durch einen Klärungsprozeß innerhalb der DKP als auch
durch eine erfreulich breite Resonanz aus dem „Umfeld“ der Sympathisanten
gekennzeichnet. Dabei halte ich den Vorwurf, ohne vorherige parteiinterne „Klärung“
an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, für unerheblich, weil das konstruktive
Echo gerade aus dem Umfeld die Initiatoren bestätigt.
Zu beantworten ist natürlich
die Frage, in welcher Beziehung Forderungen für Ostdeutschland zu den
Gesamtaufgaben der DKP und den daraus abgeleiteten Forderungen stehen. Denn wir
sind uns einig, daß wir eine DKP für
das ganze Land brauchen. Aus meiner Erfahrung bei der Errichtung der Arbeiter-
und Bauernmacht im Osten Deutschlands und im Kampf gegen die Klasse der
Ausbeuter in ganz Deutschland weiß ich, daß es immer der gemeinsame Kampf der
Kommunisten aus allen Landesteilen war. Mit der Gründung der DDR hatte die deutsche
Arbeiterklasse eine staatliche Basis, auf die gestützt soziale und politische
Errungenschaften in der BRD erreicht werden konnten, gegen die die Unternehmerverbände
heute ihre massiven Angriffe richten. Wie es in der zweiten Forderung richtig
heißt, dient ihnen der Osten als Experimentierfeld für weiteren Sozialabbau in
ganz Deutschland.
Ich sehe keinen Grund, nicht
in dieser Tradition heute gemeinsam um die Wiederherstellung und Bewahrung des
im sozialistischen deutschen Staat an politischen, sozialen und kulturellen
Rechten für die Werktätigen Erreichten und seine Ausdehnung auf alle deutschen
Länder im Rahmen des Grundgesetzes zu kämpfen. Dazu bedarf es aus meiner Sicht
1.
einer
weiteren Verbreitung der 11 Forderungen, die nur über das einheitliche Handeln
der gesamten Partei erreicht werden kann. Darum begrüße ich, daß die zweite
Fassung der 11 Forderungern mit den vorliegenden Diskussionsbeiträgen der 5.
Tagung des Parteivorstandes unterbreitet wird.
2.
der
Präzisierung in der Weise, daß die Menschen, an die wir uns wenden, klar den
Zusammenhang zwischen dem Eintreten für die 11 Forderungen und dem Kampf um die
eigenen Lebensbedingungen erkennen und sich engagieren.
Ich wünsche der 5. Tagung
eine konstruktive Diskussion der 11 Forderungen und daraus abgeleitet
Fortschritte in der politischen Arbeit, besonders in Ostdeutschland in dem
Sinne, wie sie auf dem 15. Parteitag benannt wurden.
Dem „RotFuchs“-Kollektiv,
das sich mit der Formulierung und Verbreitung der 11 Forderungen um die
Diskussion viele Menschen bewegender Fragen verdient gemacht hat, wünsche ich
Kraft und Ausdauer und viele Verbündete, die begonnene Aussprache zu verbreitern
und zu vertiefen und sie im Leninschen Sinn in gemeinsames Handeln zu führen.
(entnommen dem RotFuchs Nr.
37 vom Februar 01)
Aus einem
Brief von Hanfried Müller
an den Vorsitzenden der DKP Herrn Heinz
Stehr vom 27. 1. 01
Sehr geehrter, lieber Herr
Stehr,
für die freundliche
Einladung der Weißenseer Blätter zu dem Hearing, das die Programmkommission des
Parteivorstandes der DKP am 3. März 2001 in Berlin veranstaltet, danke ich
Ihnen sehr ...
Gern ... nutze ich die
Gelegenheit, Sie und die Programmkommission Ihrer Partei wissen zu lassen, daß
ich mit lebhaftem Interesse die Erörterungen zu Ihrem Parteiprogramm verfolge,
obgleich mir eine Beteiligung der DKP an den nächsten Bundestagswahlen mit
einem klaren Aktionsprogramm noch
dringlicher zu sein scheint als die gewiß sehr vielschichtige und schwierige
Ausarbeitung eines Grundsatzprogramms.
Aber natürlich wünsche ich Ihnen und uns, das heißt denen, die bei jeder Wahl
gerne auch mit dem Wahlzettel gegen den derzeit in Europa herrschenden
antikommunistischen Ungeist demonstrieren möchten, daß es der DKP gelänge,
dafür ein perspektivisch auf die kommunistische Umwälzung - in welchem Zeitraum
auch immer - orientiertes und zugleich aktuell Massen aktivierendes
Grundsatzprogramm zu formulieren.
Erfreulicherweise sehe ich
dazu auch allerlei Ansätze. Ich nenne nur unter den meinen Freunden und mir
besonders einleuchtenden eine Reihe grundsätzlicher Äußerungen von Hans Heinz
Holz, die weiterführende Diskussion um die elf Thesen im RotFuchs, insbesondere auch die knappen Hinweise von Peter Hacks
dazu, sowie manches andere, sofern es uns befreit vom Jammern über das, was wir - schuldhaft! - verspielt und zum Stolz auf das, was wir im gerade
vergangenen Jahrhundert immerhin schon auf dem Wege zur weltrevolutionären
Veränderung erprobt und erreicht hatten. Ich hoffe, daß die Programmarbeit in
Ihrer Partei dazu beiträgt, in Erinnerung an die revolutionären
Errungenschaften des 20. Jahrhunderts den Kopf wieder zu erheben und den
revolutionären Prozeß für das 21. Jahrhundert in Europa mit doppelter Energie
wieder zu beleben. Ich könnte mir denken und hoffe, daß gerade solche
Orientierung nicht spaltend, sondern vereinigend wirkt im Blick auf solche
Widersprüche, die keinen antagonistischen, sondern dialektischen Charakter
haben und zum Ideenreichtum einer lebendigen Partei hinzugehören.
Dazu aber wird es gewiß noch
viel harter, parteilicher, selbstkritischer Arbeit bedürfen, und zu solch
gründlicher Arbeit, finde ich, sollte man sich die dazu nötige Zeit lassen und
dabei übrigens keinen Augenblick vergessen, daß Selbstkritik nur dann gut und
nützlich ist, wenn sie nicht der Selbstzerstörung, sondern dem kampfesfrohen
Angriff und dem schließlichen Sieg über den Feind dient! Und derer, die das gewußt haben, haben wir keinen Anlaß
uns zu schämen.
Aber gleichgültig, wie lange
es noch dauert, bis die Situation zu solch grundsätzlicher Gegenoffensive reif
ist und bis wir genügend Klarheit und Kraft dazu gewonnen haben, denke ich,
geht es zu allererst und schon jetzt um entschlossenen Widerstand gegen die
täglich verlogener und frecher werdende Konterrevolution, der auch aus ehemals
uns verbundenen Kreisen noch immer Kapitulanten oder Karrieristen zulaufen.
Selbstverständlich gehört zu
solchem Widerstand auch die Ausarbeitung eines Grundsatzprogramms im Blick auf die gewaltige Veränderung der
Kräfte und Kräfteverhältnisse durch die Niederlage des Sozialismus in Europa.
Aber um es zu konzipieren, wird noch allerlei theoretisch zu leisten sein, und es ist sicher besser, etwas später
eine richtige, als voreilig eine falsche oder auch nur ungenaue und
mißverständliche Orientierung für die uns bevorstehenden Kämpfe zu geben. Wir
haben noch Zeit und sollten uns auch Zeit nehmen, ein Grundsatzprogramm für die
kommende Etappe revolutionärer Vorwärtsentwicklung zwar zügig, vor allem aber
gründlich und besonnen zu entwickeln.
Praktisch aber, denke ich, sollten die Erfahrungen aus einem
Jahrhundert fast unglaublicher kommunistischer Erfolge und die Erinnerung daran
trotz des nicht zu unterschätzenden Ausmaßes
unserer Niederlage in Europa ausreichen, unverzüglich
alle Kräfte um ein Aktionsprogramm
zum Kampf insbesondere gegen den deutscheuropäischen Imperialismus zu
sammeln. Ein solches Programm müßte nicht bereits wie ein Grundsatzprogramm
alle strategischen Komponenten zur Neuformierung der revolutionären Kräfte in
Europa nach unserer Niederlage enthalten. Es müßte jedoch - nicht
sektiererisch, aber eindeutig und gerade so nicht spaltend, sondern vereinigend
- die wirklich sozialistische Linke markieren, die nicht wie die PDS den in
seinem Wesen nicht erkannten und als „Marktwirtschaft“ glorifizierten
Imperialismus und die als „Transformation“ schöngeredete Konterrevolution mit
freundlicher Kritik oder gar kooperativ begleiten, sondern, sobald sich eine
revolutionäre Situation ergibt, revolutionär beseitigen will.
Ganz kurz und roh gesagt:
Ein Grundsatzprogramm ist wichtig; es muß aber vor allem richtig sein. Und es gibt keine Notwendigkeit,
seine Erarbeitung zu überstürzen.
Hundertmal wichtiger scheint
mir zu sein, daß sich für den nächsten Bundestag eine Partei mit einem Aktionsprogramm für vier Jahre zur Wahl stellt, die mit konkreten und klaren
Aussagen alle sammelt, die dem deutsch-europäischen Imperialismus keinen Mann
und keinen Groschen gönnen, eine Partei, die, solange die Kräfte noch nicht für
eine gesellschaftliche Gesundung reichen, jedenfalls zu der Krankheit zum Tode,
unter der unsere Gesellschaft leidet, kompromißlos Nein sagt, eine Partei, die
nicht zuletzt allen, die von der PDS-Führung zurückgestoßen werden, die von Tag
zu Tag mehr nach Einfluß durch Anpassung an das herrschende System strebt, die
Möglichkeit bietet, ihren Protest zu demonstrieren.
Darum denke ich, fällt der
DKP die historische Verantwortung zu (wenn irgend möglich in Zusammenarbeit mit
anderen Kommunisten), denen, die dem Imperialismus entschieden widerstehen
wollen und die von der PDS zunehmend enttäuscht werden, eine ernst gemeinte
Opposition als Alternative zu der imperialistischen Einheitspolitik mit
verteilten Rollen zwischen den Bundestagsparteien zu bieten.
Ein entschlossenes Nein zu
dieser entsozialisierten und asozialen Gesellschaft ist die Vorbedingung ihrer
notwendigen Umwälzung. Von den Kommunisten erhoffe und erwarte ich, daß sie bei
jeder Gelegenheit und insbesondere bei den nächsten Bundestagswahlen einen Weg
zur Sammlung aller Protestanten gegen diesen spätbürgerlichen, zum Teil
faschistoiden, Zeitgeist gehen und weisen.
Mit besten Grüßen in der
Hoffnung, daß die Kommunisten Kommunisten bleiben,
und, sofern sie es vor
Schreck über die Konterrevolution nicht mehr sein sollten, wieder werden,
Ihr gez.: Hanfried Müller
von Ulrich Huar
Fortsetzung und Schluß des
Artikels aus Heft 4/00
Lenin gebührt
das Verdienst, der Gründer der Partei neuen Typus, der
maxistisch-leninistischen Partei, gewesen zu sein. Mit der Gründung der III.,
der Kommunistischen Internationale (März 1919) wurde die Leninsche
Parteitheorie zur Leitidee in der Gründung Kommunistischer
und Arbeiterparteien. Der Begriff „Leitidee“ bezieht sich auf die
allgemeingültigen Axiome einer
kommunistischen Partei, die schon von Marx und Engels ausgearbeitet
wurden: Proletarischer Charakter, Internationalismus, Führung der
Arbeiterklasse, Verbindung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus mit
der spontanen Arbeiterbewegung; Eroberung der politischen Macht durch die
Arbeiterklasse, Errichtung der Diktatur des Proletariats als politischer
Voraussetzung zur Aufhebung des Privateigentums an Produktions- und Zirkulationsmitteln,
Aufhebung der Klassenteilung der Gesellschaft; planmäßige Leitung von
Produktion und Verteilung im Interesse der
werktätigen Massen mit dem Ziel, deren materiellen und kulturellen
Bedürfnisse auf wachsendem Niveau zu befriedigen, die Bedingungen für die
allseitige Persönlichkeit zu schaffen; demokratischer Zentralismus als
Organisationsprinzip; Errichtung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft.
Diese Axiome bilden die
Kriterien der Partei neuen Typus, das heißt, die Wiederherstellung der
Marxschen Partei im Kampf gegen den Revisionismus unter den neuen Kampfbedingungen
im Imperialismus. Was bei Lenin neu war, bezog sich auf die Organisationsstruktur
der Partei, die Betonung der Notwendigkeit, den Revisionismus nicht nur in der
Theorie, sondern auch in der Organisationsfrage zu bekämpfen. Das Neue war, daß
der Klassenkampf nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb der Partei gegen
den Revisionismus in Theorie und Organisation geführt werden mußte. Die
außerordentliche Schärfe des Klassenkampfes unter den Bedingungen des Imperialismus
kann zeitweilig zu einer Überbetonung des Zentralismus, zu besonders strengen
Formen der Parteidisziplin führen. Dies war in Rußland der Fall. Aber auch in
anderen Ländern - z.B. in China und anderen halbkolonialen Ländern und Kolonien
- konnten solche oder ähnliche Maßnahmen erforderlich sein. Sie stellen kein
allgemeingültiges Axiom dar, treten aber überall dort auf, wo es zu einer
Zuspitzung der Klassenkämpfe, vor allem in revolutionären Situationen, kommt
oder unter Bedingungen einer faschistischen Diktatur.
Neu in der
Organisationsstruktur war die Einrichtung von Betriebsparteiorganisationen
(BPO) neben den territorialen Organisationen. Durch die Schaffung von BPO wurde
die Verbindung zwischen Partei und Klasse,
zwischen Kommunisten und Arbeitern/Angestellten am Arbeitsplatz hergestellt.
Die BPO nahmen eine Schlüsselstellung in der Ausübung der Führungsrolle der
Partei ein.
Die Durchsetzung der Axiome
der Partei neuen Typus erfolgte unter den jeweiligen konkreten nationalen
Bedingungen, unter denen die Parteien wirkten, und diese waren sehr
unterschiedlich, andere in China als in Indien, Südafrika, Kuba, Brasilien, den USA, Deutschland, Saudi-Arabien
oder auf den Molukken. Die Axiome der Partei
neuen Typus ließen sich zu keiner Zeit - auch nicht zur Zeit, als Stalin
die Führung der KPdSU innehatte und in der KI bedeutenden Einfluß ausübte - als
Schablone, im Sinne bloßer Nachahmung anwenden. Notabene: Stalin war
theoretisch zu gebildet, als daß er solchen Unsinn gefordert oder versucht hätte, ihn in die Tat umzusetzen.
Um nur ein Problem zu
verdeutlichen, sei auf Parteigründungen und -entwicklungen in islamischen
Ländern oder solchen mit überwiegend katholischer Bevölkerung verwiesen. In
solchen Ländern von Parteimitgliedern oder Kandidaten eine Anerkennung der
marxistisch-leninistischen Philosophie und die Aufgabe ihres Glaubensbekenntnisses
zu fordern wäre gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die Gründung
kommunistischer Parteien. Lenin hat bezüglich der Aufnahmebedingungen für die
KPR(B) in den mittelasiatischen Ländern ausdrücklich eine solche „Forderung“
als schädlich zurückgewiesen.
Gab es nun in
den Parteien neuen Typus keine Fehler,
Entstellungen, Mißstände, Verbrechen? Dann hätten diese Parteien nicht
aus normalen sterblichen Menschen, sondern aus Göttern bestehen müssen. Die Parteimitglieder und Parteiführer aber waren
keine „Ritter ohne Furcht und Tadel“, entstammten nicht der Tafelrunde des sagenhaften König Arthur. Vom ersten Tag der
Entstehung einer politischen Partei - wir hatten anfangs auf die Leveller
verwiesen - gab es innerparteiliche
Auseinandersetzungen, Kämpfe zwischen Strömungen, Fraktionen, in den es
nicht selten auch um die Durchsetzung unterschiedlicher
Klassenpositionen ging. Aber auch die Charaktere der Akteure spielten
eine Rolle, Sympathien und Antipathien, die sogar dominierend werden können.
Einem persönlichen Kontrahenten eine nicht gerechtfertigte Abweichung von der
marxistisch-leninistischen Theorie, ein Abgleiten in die bürgerliche Ideologie,
in kleinbürgerliche Verhaltensweisen, Revisionismus oder - je nachdem -
'linken' Radikalismus vorzuwerfen, das kam vor.
„Denn es kann keine Massen-, keine Klassenpartei geben“, schrieb Lenin,
„ohne daß die wesentlichen Schattierungen in ihr durchaus klar herausgearbeitet
werden, ohne offenen Kampf zwischen den verschiedenen Tendenzen, ohne
Aufklärung der Massen darüber, welche
Parteiführer, welche Parteiorganisationen die eine oder die andere Linie
vertreten. Ohne diese Voraussetzungen kann keine Partei geschaffen werden, die
dieses Namens würdig ist... Persönliche Schärfe, Fraktionszank- und -krakeel,
Skandale und Spaltungen - das alles ist bedeutungslos im Vergleich damit, daß
... wirklich alle diejenigen lernen, die in politischen Dingen einer bewußten
Einstellung fähig sind.“58
Wer also nach
Fehlern, Machtmißbräuchen, Skandalen etc. in der Geschichte der Parteien neuen
Typus sucht, wird genügend finden, worüber er sich entrüsten kann. Aber all
diese Schäden, Zank, Krakeel, Skandale ändern nichts an den historisch
bedeutsamen Leistungen der Parteien neuen Typus. Ohne diese Parteien hätte es
keine Sowjetunion, keine VR-China, kein sozialistisches Kuba, keine DDR, kein
sozialistisches Weltsystem, keinen Zusammenbruch des klassischen Kolonialsystems gegeben, und in der kapitalistischen BRD
hätten keine sozialen und demokratischen Fortschritte erkämpft werden können,
die nun mit Fleiß abgebaut werden, nachdem der europäische Sozialismus zerstört
worden ist.
Ohne den aufopferungsvollen
Kampf von Millionen in Parteien neuen Typus organisierten Kommunisten in der
ganzen Welt, die Leben und Gesundheit einsetzten, hätte es diesen gewaltigen
Schub im Menschheitsfortschritt nicht gegeben. Erstmalig entstand ein
Weltsystem, in dem das Privateigentum an Produktions- und Zirkulationsmitteln
aufgehoben, die ersten Schritte in Errichtung eines planmäßig geleiteten sozialistischen
Gesellschaftssystems eingeleitet,
nicht vollendet!!!, der empirische Nachweis
erbracht wurde: Sozialismus ist machbar. Eine
Welt ohne Privateigentümer, ohne kapitalistische
Konzerne, Banken, Großgrundbesitzern ist möglich. Sie war sogar in
ihren ersten noch unvollständigen, mit Fehlern und Mängeln behafteten, sozialen
und demokratischen Errungenschaften dem kapitalistischen System weit überlegen.
Walter Ulbricht sagte 1968 auf der Konferenz über die Bedeutung und die
Lebenskraft der Lehren von Marx, daß mit der Überführung der wichtigsten Produktionsmittel
in Volkseigentum der Aufbau des Sozialismus lediglich eingeleitet wurde, er
sprach von einem Embryonalzustand des ökonomischen Systems des Sozialismus.
Die Kommunisten waren die
ersten, die dem Faschismus als der bisher höchsten Form barbarischer Machtausübung des imperialistischen Systems
den Kampf ansagten. Die Kommunisten haben die meisten Opfer gebracht, den höchsten Blutzoll gezahlt im antifaschistischen Widerstandskampf,
was man heute vergessen machen möchte. Was sind alle möglichen Fehler gegenüber
diesen weltgeschichtlichen Leistungen? Und nicht wegen ihrer Fehler, sondern
dieser Leistungen wegen (weil sie, wenn auch vorerst in Europa nur zeitweilig,
gezeigt haben, daß eine Gesellschaft ohne kapitalistisches Privateigentum an
Produktions- und Zirkulationsmitteln möglich
ist), werden die Kommunisten von der ganzen bürgerlichen Welt gehaßt,
verleumdet, gejagt und - geschichtsnotorisch - auch umgebracht. Ihrer
weltgeschichtlichen Leistungen wegen treffen Haß, Verleumdungen und
Entstellungen die Partei neuen Typus und mit ihr ihre bedeutendsten Führer wie
Lenin, Stalin, Mao, Thälmann, Pieck, Ulbricht, Fidel Castro, und - fast noch
infamer -, wo die Toten nicht zum Schweigen zu bringen sind, werden sie
„entschärft“ und dem bürgerlichen Ideologiebetrieb als Kronzeugen gegen die
Leninsche Parteitheorie „eingeordnet“ wie Rosa Luxemburg - von den Erben ihrer
Mörder!
Stellen wir die Frage anders
herum: Welche menschewistische oder ähnliche Partei „demokratischer Sozialisten“
hat in irgendeinem Winkel der Welt irgend etwas zur Aufhebung der
kapitalistischen Gesellschaft geleistet oder es wenigstens zu leisten versucht?
Wo haben sozialdemokratische oder sozialistische Parteien, wo sie die Regierungen
bildeten, in Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal auch
nur einen Schritt in Richtung Sozialismus unternommen? Sie haben aber alles
getan, um die kapitalistischen Macht- und Eigentumsverhältnisse in Krisenzeiten
zu stabilisieren und die Massen von entschlossenen Kampfaktionen abzuhalten.
Wenn die Bourgeoisie und
ihre Ideologen die Parteien neuen Typus verleumden, dann ist dies verständlich,
denn nur solche Parteien können ihrer Klassenherrschaft in der nächsten großen
Krise gefährlich werden. Die Bourgeoisie beweist damit ihr Klassenbewußtsein.
Wie aber Theoretiker und Historiker in kommunistischen
Parteien sich zu der Behauptung versteigen können, daß sich die Leninsche
Parteitheorie nicht bewährt habe, die Partei neuen Typus die „Ursache“ für die
Niederlage des europäischen Sozialismus sei, bleibt unverständlich,[57]59 denn vielmehr begann umgekehrt die Niederlage des europäischen Sozialismus
gerade mit der Zerstörung der Parteien neuen Typus durch den um sich greifenden
Revisionismus. Daß er sich in vielen Parteien durchsetzen konnte, hat natürlich
objektive Ursachen, die in den inneren und äußeren gesellschaftlichen
Verhältnissen zu suchen sind. Das aber ist ein Thema für sich, das noch lange
nicht abgeschlossen ist.
Wenn Hobsbawm sagt, daß „wir
sicher sein können“, daß das dritte Jahrtausend von der Oktoberrevolution
„geprägt sein wird“, und Baring meint, daß das, was „mit Lenin begann,... noch
lange nicht ausgestanden“ sei, dürften - trotz ihrer gegensätzlichen Position -
beide Recht haben, auch wenn es nicht gleich um ein ganzes Jahrtausend, sondern
zunächst einmal um das vor uns liegende 21. Jahrhundert geht. Da können wir
sicher sein, daß die kommunistische Weltbewegung einen neuen Aufschwung nehmen
wird. Ein solcher Aufschwung ist wohl kaum denkbar unter Führung einer
menschewistischen, einer intellektuell-opportunistischen
Partei von literarischen Schöngeistern. Ein neuer Aufschwung der
kommunistischen Weltbewegung wird nur in harten Klassenkämpfen unter Führung
einer revolutionären, einer marxistisch-leninistischen
Partei, einer Partei neuen Typus möglich sein. Daß diese Partei graduelle,
quantitative Veränderungen innerhalb ihrer marxistisch-leninistischen Qualität
entsprechend den neuen Kampfbedingungen des 21. Jahrhunderts erfahren wird, ist
wahrscheinlich, darüber Spekulationen
anzustellen jedoch ein müßiges Unterfangen. Von den Axiomen einer revolutionä-ren
Partei, wie sie bereits von Marx und Engels ausgearbeitet und von Lenin
weiterentwickelt wurden, können keine Abstriche gemacht werden, ohne ihren
revolutionären Charakter aufzugeben und zu einer kleinbürgerlichen Reformpartei
mit sozialistischem Etikett zu verkommen.
Quo vadis? Revolutionäre
Kampfpartei oder Partei sozialer Reformen? Vor dieser Frage stehen wir heute
wieder wie vor 100 Jahren. Einen „dritten“ Typ dazwischen gibt es nicht. Wie
sich die Akteure in den kommunistischen und Arbeiterparteien entscheiden
werden, wird das 21. Jahrhundert zeigen.
„Was mir nun wirklich von der Schule her nicht hätte passieren dürfen“,
heißt es in Karl Barths
Kirchlicher Dogmatik im Vorwort zum Bande IV,1 angesichts dessen, daß Lambarene
an den Sambesi geraten war. Eben dies kann auch ich nur im Blick auf das ausrufen,
was in WBL 4/00 auf S. 46, rechte Spalte geschehen ist.
Pfarrer
Gerke Pachali schreibt uns: „Sie haben einen interessanten Mann, der in den WBl
schreibt: Erich
Buchholz. Da ich mich auch fürs Juristische interessiere, lese ich seine Beiträge
gern - und halte sie inhaltlich auch für richtig.“ Dann aber schreibt er
unserem Autor einige Fehler zu, die nicht ihm, sondern uns beim Abschreiben
unterlaufen und besonders für mich, der ich Latein „von der Schule her“ können
sollte, peinlich sind; S. 46 rechte Spalte in Heft 4/00 nämlich sind e und a und Dativ und Ablativ
durcheinander geraten. H.M.
[1] Marx, K., Engels, F.: Die deutsche Ideologie. In: MEW Bd. 3
[2] Die Ostthüringer Zeitung vom 5. Mai 2000 S. 10 GE 2 berichtete über eine Gymnasiasten-Versammlung. Ein dort anwesender Gerichtspräsident, zum Thema Gewalt in Gera befragt, erklärte: „Ein gewisses Restrisiko müsse ‘als Preis der Freiheit’ in Kauf genommen werden, schließlich könne der Staat nicht jedem Menschen einen Polizisten zur Seite stellen. Nach solcherart Ausführungen entluden sich die Emotionen.“
[3] Engels, F.: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring).In: MEW Bd. 20 S. 106
[4] Ebenda
[5] Marx, K.: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEW Bd. 1, S. 385
[6] „jenes Kauderwelsch, worin z. B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben läßt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird.“ In: Marx, K.: Das Kapital. Erster Band, Engels, F.: Zur dritten Auflage. In: MEW Bd. 23, S. 34
[7] Marx, K.: Das Kapital. Dritter Band. In: MEW Bd. 25, S. 828
[8] Ebenda
[9] Marx, K.:Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844. In: MEW Ergänzungsband, Erster Teil, S. 564
[10] Marx, K./Engels, F.: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW Bd. 4, S. 482
[11] Engels, F.: Herrn Eugen Dührungs... a.a.O.
* Ralph Hartmann war von 1982 bis 1988 Botschafter der DDR in Belgrad. Er ist Autor mehrer Bücher, darunter "Die Liquidatoren. Der Reichskommissar und das wiedergewonnene Vaterland", "Mit der DDR ins Jahr 2000", "Die ehrlichen Makler. Die deutsche Außenpolitik und der Bürgerkrieg in Jugoslawien". In Kürze erscheint im Berliner Dietz Verlag sein Buch "Die glorreichen Sieger. Die Wende in Belgrad und die wundersame Ehrenrettung deutscher Angriffskrieger". - Die WBl danken dem Autor für die Nachdruckgenehmigunge aus Mitt. der Kommun. Plattform, Heft 3 /2001
* Ralph Hartmann: Die glorreichen Sieger. Die Wende in Belgrad und die wundersame Ehrenrettung deutscher Angriffskrieger, soeben erschienen im Berliner Dietz Verlag, ISBN 3-320-02003-X, 24,80 DM
* Das Interview wurde vor dem Erscheinen des Buches von Gregor Gysi „Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn“ gegeben. Die Leseprobe daraus im ND vom17. 03. 2001 ist mit Sicherheit nicht zufällig vor dem zweiten Jahrsstag des Überfalls der Nato auf Jugoslawien erschienen. Die Veröffentlichung zeigt, daß Gysi seiner ursprünglichen Position nicht treu geblieben ist. Die Leseprobe dokumentiert die Veränderung seines damaligen Standpunktes. Nur mit dem Schwenk auf systemkonforme Strategien (sein Vorschlag von Einzelfallprüfung für Kriegseinsätze der Bundeswehr) oder im Ergebnis der intensiven Gespräche mit Herrn Dr. Kohl ist es z. B. zu erklären, daß nunmehr Dr. Gregor Gysi dem Präsidenten des überfallenen Staates Jugoslawien, Slobodan Milosevic, eine Absprache mit dem Aggressor unterstellt.
[12] Urteilsausfertigung, S. 44; 5 StR 747/94
[13] Siehe z. B. die bemerkenswerten Untersuchungen von Eberhard Czichon/Heinz Marohn: Das Geschenk. Die DDR im Perestoika-Ausverkauf. PapyRossa Verlag Köln 1999, insbesondere Kapitel I und II.
[14] Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Dietz Verlag Berlin 1956 ff. (nachfolgend MEW), Bd. 7, S. 327 ff.
[15] Ebenda, S. 329.
[16] Ebenda, S. 339/340.
[17] Ebenda, S. S. 340.
[18] Ebenda, S. 352, 354.
[19] Ebenda, S. 401.
[20] Ebenda, S. 403/404.
[21] Müntzer an die Mühlhäuser. Heldrungen, 17. Mai 1525: „Lieben bruder, es ist euch hoch von nothen, das ir solche schlappen auch nicht empfanget wye dye von Fragkenhausen, denn solichs ist ane zweyfel entsprossen, das eyn yeder seyn eygen nutz mehr gesucht dan dye rechtfertigung der christenheyt.“ In: Thomas Müntzer: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Günther Franz. = Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte. Hrsg. vom Verein für Reformationsgeschichte. Bd. XXXIII. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn. 1968, S. 473.
[22] MEW, Bd. 7, S. 411, 412.
[23] Siehe Sammelband “Karl Marx und die Grundfragen der Revolution in Theorie und Praxis”. Leipzig 1980, S. 25.
[24] MEW, Bd. 1, S. 409.
[25] MEW, Bd. 4, S. 374.
[26] MEW, Bd. 2, S. 543.
[27] Siehe ebenda, S. 131.
[28] Siehe MEW, Bd. 4, S. 35.
[29] Siehe ebenda, S. 312.
[30] Ebenda, S. 352.
[31] Ebenda, S. 313.
[32] Ebenda, S. 60.
[33] Ebenda, S. 351.
[34] Ebenda, S. 517.
[35] Ebenda, S. 472.
[36] NRhZ, 13.1.1849.
[37] MEW, Bd. 5, S. 406, 227, 277.
[38] Ebenda, S. 191.
[39] MEW, Bd. 8, S. 204.
[40] MEW, Bd. 7, S. 21.
[41] MEW, Bd. 6, S. 244/245.
[42] Ebenda, S. 102; MEW, Bd. 8, S. 71.
[43] MEW, Bd. 7, S: 88.
[44] NRhZ, 2.3.1849, Außerordentl. Beilage. In gleichem Sinne hatte Engels übrigens schon im Januar 1844 darauf verwiesen, dass die Arbeiter „nur die Wahl zwischen dem Hungetode und dem Sozialismus“ haben (MEW, Bd. 1, S. 549).
[45] MEW, Bd. 6, S. 149.
[46] Ebenda, S. 165; MEW, Bd. 5, S. 457.
[47] MEW, Bd. 7, S. 25.
[48] MEW, Bd. 5, S. 457.
[49] MEW, Bd. 7, S. 26; MEW 5, S. 132.
[50] MEW, Bd. 4, S. 487.
[51] NRhZ, 20.4. und 3.5.1849.
[52] MEW, Bd. 5, S. 377; MEW, Bd. 6, S. 149, 150.
[53] Ebenda, S. 124.
[54] Ebenda, S. 205.
[55] Ebenda, S. 257.
[56] F. Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. In: MEW, Bd. 8, S. 5/6.
58 W.I. Lenin: Und wer sind die Richter? In: LW 13/154.