Kirchen- und
Zeitgeschichte im Spiegel
der
Weißenseer
Blätter
(Nachdrucke
aus den Jahren 1982-1992)
Wider die Resignation der
Linken
Stimmen
gegen Antikommunismus, Konterrevolution und Annexion
Mit
einem Geleitwort von Heinz Kamnitzer
GNN
Verlag
Politische Berichte
Verlag: GNN,
Gesellschaft für Nachrichtenerfassung
und
Nachrichtenverbreitung
Verlagsgesellschaft
Politische Berichte m.b..H.,
1. Auflage
September 1994
Druck:
Druckladen Erich und Franz Fischer, Augsburg
ISBN-926922-25-7
Verfasserverzeichnis
Bethge, Eberhard, Theologie, BRD
Boer, Dick, Theologie, Niederlande
Brosig, Klaus, Theologie, DDR
Domke, Michael, Theologie, DDR
Drachenberg, Thomas, unbekannt, DDR
Frielinghaus, Dieter, Theologie, DDR
-ft. Theologie, DDR
Gossweiler, Kurt, Gesellschaftswissenschaft, DDR
Grißhammer, Heinrich, Theologie, BRD
Heilmann, Ulrich, Theologie, DDR
Kamnitzer, Heinz, Gesellschaftswissenschaft, DDR
Kern, Robert, Theologie, DDR
Kraft, Dieter, Theologie, DDR
Kreck, Walter, Theologie, BRD
Krum, Horsta, Theologie, Berlin(West)
-n., Theologie, DDR
Maechler, Winfried, Theologie, Berlin(West)
Müller, Hanfried, Theologie, DDR
Müller-Streisand, Rosemarie, Theologie, DDR
Puccio, Osvaldo, Gesellschaftswissenschaft, Chile
Rugenstein, Björn, Naturwissenschaft, DDR
Scherffig, Wolfgang, Theologie, BRD
Schöller, Jürgen, Theologie, DDR
Schönfeld, Renate, Theologie, DDR
Stappenbeck, Christian,
Theologie/Gesellschaftswissenschaft, DDR
Veerkamp, Ton, Theologie, Niederlande/Berlin(West)
Verghese, Paul, Metropolit Mar Gregorius, Theologie, Indien
Wagenknecht, Sahra, Gesellschaftswissenschaft, DDR
Inhaltsverzeichnis Seite
(Hinweis: Die
Seitenangaben beziehen sich auf die gedruckte Broschüre. Mit * oder Zahl sind
Fußnoten gekennzeichnet. Sie stehen für alle Beiträge am Ende dieser Broschüre.
Im jeweiligen Text könne sie durch anklicken von * oder Zahl mit der Maustaste
unmittelbar erreicht werden.)
"Blick nach vorn". Ein Geleitwort / Heinz
Kamnitzer 7
Vorwort des
Herausgebers / Hanfried Müller 10
Statt einer Einleitung
Zur Eröffnung des
Lesertreffens der WBl am 7. Mai 1994 / Rosemarie Müller-Streisand 12
"Die Weißenseer
Blätter sollen..." - Aus dem ersten Heft der WBl (1/82, S. 1) 17
Zur Geschichte des
Weißenseer Arbeitskreises / Jürgen Schöller (1978; WBl 4/88, S. 31) 17
Wie links sind
eigentlich die Weißenseer Blätter? (3/84,S. 52) /
Hanfried Müller und
Christian Stappenbeck
21
Alarmzeichen (1982-1983)
Über den real
existierenden Sozialismus an die sich links verstehenden Theologen
unter seinen Verächtern
/ Dick Boer (2/82, S. 15) 27
"Schwerter zu
Pflugscharen"?
Stellungnahme der
Redaktion zur "Aufnäherfrage"(2/82, S. 48) 30
Zur
"differenzierten Zustimmung" des WAK zum DDR-Staat. - Aus einer
Stellungnah-
me des WAK zu einer
Anfrage der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland (3/82, S. 36) 31
Einige Randbemerkungen
zu einigen Randerscheinungen zwischen Kirche und Kultur
in der DDR / Hanfried
Müller (4/82, S. 37; 1/83,S. 20) 33
Ruhe vor dem Sturm? (1984-1987)
Exilland DDR / Osvaldo
Puccio (5/84, S.2)
54
Der Weißenseer
Arbeitskreis zum Tag der Befreiung (2/85, S. 2) 56
Befreiung, nicht
Katastrophe / Walter Kreck (2/85, S. 10) 57
Der 8. Mai, eine
Mahnung zur Wachsamkeit / Rosemarie Müller-Streisand (2/85, S. 11) 58
Dummheit und
Antikommunismus / Horsta Krum (3/85, S. 34) 60
Wider den Antikommunismus
/ Metropolit Mar Gregorius (4/85, S. 41) 62
FDGO als Bekenntnisschrift der EKD? / Dieter
Kraft (5/85, S. 34) 65
Unser Friedensprogramm
/ Hanfried Müller (1/86, S. 39) 70
Stellungnahme des
Weißenseer Arbeitskreises zur Begegnung in Reykjavik
(Beilage zu 1/86)
74
Schalom, Schalom, und
ist doch kein Schalom / Björn Rugenstein (3/86, S. 32) 75
Leben aus Buße?
Vierzig Jahre Darmstädter Wort / 81 Unterzeichner (4/87, S. 2) 83
"Versöhnung" nicht mehr im
Einbahnverkehr / Eberhard Bethge (5/87, S. 30) 86
Oktober-Nachlese / Heinz Kamnitzer (5/87 S.
34) 87
Destabilisierung (1987-1989)
Vorläufige Anmerkungen
zum Fall "Grenzfall" / Hanfried Müller (5/87, S. 37) 90
Offener Brief an
Bischof Forck / 52 Unterzeichner (1/88, S. 2) 94
Zwischenbilanz zum
Fall "Grenzfall" und anderen Fällen / Hanfried Müller (1/88, S.
12) 96
Die Schulden fressen
den Sozialismus / Ton Veerkamp (5/88, S. 53) 107
Warum ich im Ernstfall
für den Kommunismus votiere / Hanfried Müller (7/88, S. 19) 111
Disputation in der
Redaktion (1/89, S. 53):
Fehler und Schuld / Christian Stappenbeck
133
Schuld und Vernarbung / Hanfried Müller
134
Neues von Rainer Eppelmann
/ ft. (1/89, S. 29)
136
Zum Weg unserer Kirche
/ Erklärung des WAK vom 15.8.1989 (Beilage zu 3/89) 137
Konterrevolution (1989-1990)
Erklärung der
Redaktion zum Beschluß des Politbüros der SED vom 11. 10. 1989
(geschrieben am 16.
10. 1989 - 4/89, S. 1)
139
"Keine Reue,
keine Buße, keine Schuldbekenntnisse!"
Offener Brief an meine Freunde in der SED /
Hanfried Müller (5/89, S. 25) 142
Offener Einspruch zu Hanfried Müllers Brief
/ Christian Stappenbeck (5/89, S. 53)
156
Briefwechsel zu einer
Abbestellung mit Thomas Drachenberg (5/89; S. 59) 158
Einspruch / Rosemarie
Müller-Streisand (1/90, S. 11) 163
Erschrockene Fragen im
Dezember 1989 / -n. (1/90, S. 21) 166
Von der anderen Seite
der Mauer - als die Mauer aufhörte,
eine Mauer zu sein /
Horsta Krum (1/90, S. 22)
167
Der Mammonismus
meuchelt den Sozialismus / Winfried Maechler (1/90, S. 23) 168
Deutschland, wie
heißen deine Götter? / Wolfgang Scherffig (1/90, S. 61) 169
"Wo haben Sie
gestanden?" Ein Briefwechsel mit Robert Kern (2/90, S. 60) 170
WBl und
"Stasi". Ein Briefwechsel mit Klaus Brosig (3/90, S. 62) 176
Zum Gubener Wort
linker Christen.
Entwurf / Michael Domke (3/90, S.
10)
181
Ein Diskussionsbeitrag / Hanfried
Müller (3/90, S. 10) 182
Fruchtbare Meinungsunterschiede /
Michael Domke (4/90, S. 2) 187
Wir haben uns nicht geirrt in
unserem Einsatz für den Sozialismus /
Dieter Frielinghaus (4/90, S. 4)
189
Annexion und Widerstand (seit 1990)
Über die Wehrlosigkeit
von Antinazis - wenn sie nicht verbündet sind.
Eine Rede vor Berliner
Antifaschisten (3/90. S. 44 / Ulrich Heilmann 197
Wider die Resignation
der Linken. Offener Brief an die Mitglieder der PDS und die,
die ihr nahestehen
(19. 7. 1990) / Renate Schönfeld (4/90,
S. 62) 202
Rücktritt aus Protest
/ Dieter Kraft (23. 2. 1991 - 2/91, S. 31) 204
Rückblick auf den
Rückschlag
Hatte der Sozialismus
nach 1945 keine Chance? / Kurt Gossweiler (2/91, S. 55) 205
An den
Stasibeauftagten Pfarrer Joachim Gauck / Heinrich Grißhammer (1/92, S. 32) 221
"...und Ihr habt
mich nicht besucht." Eine betrübliche Tatsache
und ein Vorwurf an uns
alle / Christian Stappenbeck (1/92, S. 49) 221
Marxismus und
Opportunismus. Kämpfe in der sozialistischen Arbeiterbewegung
gestern und heute /
Sahra Wagenknecht (4/92, S. 12) 223
"Zusammenbruch"
und/oder "Konterrevolution" / Hanfried Müller (4/92, S. 57) 241
Verfasserverzeichnis
255
Hinweis auf
Möglichkeiten zur Einsichtnahme in die WBl und zu ihrem Bezug 255
Blick nach vorn
Ein Geleitwort
von Heinz Kamnitzer
Ein Zeitalter wurde
beendet, und ich bin leider dabei gewesen. Seitdem zermartert mich die Angst,
ob wir noch einmal davonkommen.
Ohne Widerstand ließen
sich zwischen Elbe und Amur die Staaten von der Landkarte fegen, die ein
Gegengewicht bildeten zu den Großmächten, die vom Geldadel beherrscht sind und
so viele Raubkriege auf ihrem Schuldkonto haben.
Wie meine Gefährten
plage ich mich damit, wodurch sich der Selbstmord erklärt, und frage mich, ob
noch Zeit bleibt, eine Bewegung zu beleben, die stark genug wird, das Finale
aufzuhalten.
Das Sinnbild der
Apokalypse entspricht nicht einer Stimmung, sondern der Sachlage. Allerdings
muß man bereit sein, vom Gipfel der Misanthropie in den Untergrund der
politischen Ökonomie herabzusteigen. Wie nirgendwo sonst lassen sich dort die
Wurzeln finden, die den Baum der Erkenntnis versorgen.
Die moderne Industrie
ist so leistungsfähig geworden, daß in der brutalen Marktwirtschaft die Gesetze
der Konkurrenz dazu führen, die Riesen auf dem Weltmarkt eher früher als später
aufeinanderprallen zu lassen. Gerade die Giganten werden wieder von Rivalen zu
Todfeinden, die zuletzt nicht umhin können, rund um den Erdball noch einmal
ihre großen Gegensätze auch mit militärischen Mitteln auszutragen. In meinen
Alpträumen sehe ich sie vom Handelskrieg auf die letzte Zerreißprobe zusteuern,
um so mehr als ihren Widersachern das stärkste Rückgrat gebrochen worden ist.
Die Staaten, die in der Sowjetunion ihren Mittelpunkt hatten, sind vernichtet.
Seitdem ist nicht nur in Europa das Gleichgewicht zerstört, das den Widerstreit
auf der Weltbühne einigermaßen im Lot hielt und vor Alleingängen abschreckte.
Das Ende dieser Epoche
fällt zusammen mit der industriellen Revolution, durch die diesmal die
Arbeiterschaft, vor allem in den Schlüsselbetrieben, so sehr an Zahl und
Gewicht verliert, daß sie in vielen Ländern bereits zu einem Schatten ihrer
selbst geworden ist. Und in dem Maße, wie ihr Anteil im Wirtschaftsleben
zurückgeht, sinkt auch ihre Stärke und Kraft auf dem politischen Kampffeld und
damit ihre spezifische Bedeutung in der Geschichte. Beides zusammen bestimmt
mich, mehr als die Naturgewalten, zu fürchten, die letzten Tage der Menschheit
könnten kein leerer Wahn sein. Dabei hoffe ich nichts so sehr als mich zu
irren.
*
Die Herausgeber der
Hefte, die hier eine Auslese vorlegen, gehören zu meiner politischen Familie.
Doch sie weigern sich hartnäckig, ihre Waffen zu strecken. Sind sie
widerborstig von Natur aus und wollen von ihrem Fortschrittsglauben nicht
lassen? Haben wir es vielleicht mit Don Quijote und Sancho Pansa aus Weißensee
zu tun? Oder sollte es sich um verbissene Jünger einer Zunft handeln, die in
Jahrhunderten und Jahrtausenden denkt?
Das Zentralthema der
Zeitschrift: Die irdische Dreieinigkeit von Theologie, Kirche und Gesellschaft.
Über Gott und Religion wird nicht gestritten. Dafür um so mehr um die Botschaft
der Bibel, die Haltung der Kirche und die Macht der Gesellschaft. Alles wird
zusammen
betrachtet und überprüft, wie dienlich oder hinderlich es für die Harmonie
unter den Menschen und den Frieden auf Erden ist.
Die Maßstäbe werden
von einem Radikalismus geprägt, der im protestantischen Blätterwald
seinesgleichen sucht und nicht findet. Zwar wird auch anderswo dem
Urchristentum und Urkommunismus nachgesagt, sie hätten viel gemeinsam ebenso
wie die Bergpredigt und das Kommunistische Manifest. Auch chiliastische
Heilslehren und utopische Schwarmgeister, nicht zuletzt der religiöse
Sozialismus und die Theologie der Befreiung werden oft hinzugerechnet.
*
Die Weißenseer Blätter
heben diese Traditionen im Sinne von Hegel auf, will heißen, sie werden
aufgenommen, aufbewahrt und überwunden. Gläubige wie gottlose Schreibtischtäter
liebäugeln hier nicht, sondern identifizieren sich mit dem klassischen
Marxismus. Der rote Faden in den Texten ist zumeist der historische
Materialismus und die dialektische Dynamik sowie revolutionäre Praxis der
modernen Arbeiterbewegung. Dabei gelingt der Spagat, die Eigenart, den
Eigenwert und das Eigengewicht von Christentum wie Sozialismus nicht zu
verwischen oder gar zu beschädigen.
Diese Leistung ist
buchenswert, um so mehr, da sie nicht aufgehört hat, als - seit Gorbi urbi et
orbi - die große Kapitulation dazu führte, daß allzu viele die Tugend der Treue
abtun und ihre Gesinnung zu Markte tragen. Die Herausgeber und ihre Kämpen haben
ihre Köpfe nicht verloren, sondern sich sowohl Selbstbehauptung als auch
Selbstkritik erhalten. Verzagten und abtrünnigen Zeit-Genossen wird in jedem
Heft vorgeführt, daß der Weltgeist mit Namen Karl Marx nichts von seiner
Klarsicht und Leuchtkraft eingebüßt hat, sondern allenthalben immer mehr
gerechtfertigt wird.
*
Allerdings soll damit
keine falsche Zuversicht verbreitet werden. Ich bin mit vielen Niederlagen
aufgewachsen. Schon deswegen verstehe ich, wenn man in Trauer ohne Trost und in
die Ohnmacht des Zorns verfällt. Heute mehr denn je, da wir nicht den Verlust
einer Schlacht abbuchen, sondern uns einer Katastrophe zu stellen haben, die
auf das Ende unserer Gattung zurasen könnte. Wer redlich bleiben will, kann
nichts mehr versprechen, lediglich versuchen, noch eine Funzel in der
Finsternis zu entdecken. Hoffnung aus Prinzip ist höchst ehrenwert, jetzt
jedoch eine Irreführung. Das gilt auch, wo man das Heil vor allem darin sucht,
zu viel und zu lange zu klären, was vorbei und vorüber ist, während der Sand im
Stundenglas wie unaufhaltsam verrinnt.
Es tut mir in der
Seele weh. Aber Lehren aus dem Zusammenbruch für einen Zukunftsstaat auf
deutschem Boden werden für lange Dauer nicht gebraucht und verlorene Liebesmüh
sein. Darüber vorrangig historische Gefechte, politische Richtungskämpfe und
persönliche Fehden auszutragen, führt wider Willen dazu, sich weniger an die
Gegenwart zu halten - auch in der Theorie.
Das gilt genauso für
Theologie, Kirche und Gesellschaft. Wenn man hier auf der Höhe der Zeit bleiben
will, muß man zumindest durchblicken lassen, wieso das Tryptichon mit der Not
und Sorge im Alltag verbunden und für Frau und Herrn Jedermann lebenswichtig
ist. Anders kann man seine Gedankenwelt nicht vermitteln und rechtfertigen,
geschweige denn über sich selbst hinaus wirken.
Jede Weltanschauung
kann, wenn überhaupt, nur zu einer einflußreichen Gewalt werden, wenn sie mit
den Zuständen hier und heute unlösbar verwoben ist und auch so verstanden wird.
Hic globus, hic salta!
Vorwort des Herausgebers
Ein "offizielles
Samisdat" nennt Reinhard Henkys, einst führender Kirchenjournalist des
Evangelischen Pressedienstes epd für die DDR, die Weißenseer Blätter, denn
"sie verbreiteten viel Staatstragendes im Gewand eines
Untergrundblattes", wie es an anderer Stelle im Deutschland-Archiv heißt.
Die WBl erscheinen
seit 1982 (in der DDR als "nichtlizenzpflichtiges Druckerzeugnis") im
Auftrage des Weißenseer Arbeitskreises, der Kirchlichen Bruderschaft in
Berlin-Brandenburg. Sie opponierten und opponieren gegen jeden politischen
Klerikalismus und kirchlichen Antikommunismus. Das war in der DDR ein Unicum.
Dem Staatssekretär für Kirchenfragen waren sie des Sektierertums verdächtig,
und der Repräsentant des DDR-Kirchenbundes empfahl, sie "mit Vorsicht zu
genießen". Vielleicht gerade darum waren sie für viele ein
"Geheimtip". Kirchliches und politisches "Establishment"
schwieg und schweigt sie am liebsten tot; nur in Ausnahmefällen verliert es die
Contenance und reagiert lebhaft, so einst epd auf den Artikel "Die FDGO
als Bekenntnisschrift der EKD" (vgl. S. 64) oder später der PDS-Vorstand
auf Sahra Wagenknechts Untersuchung "Marxismus und Opportunismus..."
(vgl. S. 220) Dieser Gratiswerbung verdankten die WBl viele Neubezieher. Und
sie wollten wissen, welche Positionen die WBl vor, in und nach der
"Wende" vertreten hatten. Das gab den Anstoß zu diesen Nachdrucken.
Die Auswahl
konzentriert sich auf Beiträge, die der Resignation
der Linken entgegenwirken. Aber der beschränkte Raum erlaubte es leider
nicht, auch nur alle zu diesem Thema aussagekräftigen Beiträge aufzunehmen.
Vollends fehlen viele Themenkomplexe, die je für sich ein Reprint gleichen
Umfanges füllen und ebenso Zeitgeschichte im Spiegel von Kirchengeschichte
zeigen könnten: Das gilt insbesondere für die kontinuierliche Berichterstattung über kirchliche Synoden,
bei denen Strategen des Kalten Krieges politische Konzeptionen kirchenpolitisch
wie in Sandkastenspielen erprobten, aber auch für die großen Serien zu dem
vieldeutigen und viel-mißbrauchten Begriff Kirche
im Sozialismus, zum Thema evangelische
und marxistische Religionskritik und zum Rück- und Ausblick auf die Begegnung evangelischer Theologie mit dem
historisch-dialektischen Materialismus unter der Frage: "Irrweg? Holzweg? Wegerkundung?", sowie nicht zuletzt für viele in den WBl geführte theologische
Diskussionen und Essays, in denen Kirchengeschichte transparent für aktuelle
Entscheidungen aufgearbeitet wurde.
In diesem Nachdruck
wird nicht verheimlicht, daß die WBl gegenüber der Westpropaganda zwar
skeptisch, aber nicht immun waren. So wurde auch in ihnen erst zu spät erkannt,
daß der Sozialismus unter Gorbatschows Führung nicht mobilisiert, sondern
liquidiert wurde. Zwar haben die WBl den Opportunismus führender Ökonomen (die
sich selbst Realisten nannten und vom Westen als Pragmatiker bezeichnet wurden)
attackiert, die durch ökonomische und politisch-ideologische Anleihen beim
Gegner die DDR zu retten vorgaben und schließlich meinten, in dessen Arme
flüchten zu können (hielten sie doch den Imperialismus für friedensfähig und
den Sozialismus für "marktwirtschaftlich reformierbar"). Die WBl
haben auch schon früh den konterrevolutionären Charakter vieler Literaten und
systemkritischer Gruppen durchschaut, die vor allem unter dem Dach der Kirche
und lautverstärkt von den bürgerlichen Medien vorgaben, den Sozialismus
verbessern zu wollen, während sie die DDR der Deutschen Bank auslieferten. Aber
in der Zwickmühle, eine Regierung, die sie für unfähig hielten, nicht loswerden
zu können, ohne ein System preiszugeben, das sie für gut hielten, waren die WBl
nicht nur zu schwach, um die Katastrophe abzuwenden, sondern haben es auch
nicht vermocht, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden und zu zeigen.
*
Diese Sammlung umfaßt
kaum 5 % des Umfangs der bisherigen Jahrgänge. Vieles konnte nur gekürzt oder
im Auszug aufgenommen werden. Solche Auslassungen sind beim Nachdruck mit drei
Punkten in Klammern bezeichnet: (...). Die Texte sind authentisch dokumentiert,
offensichtliche Druckfehler stillschweigend berichtigt,
Originaltext-Anmerkungen jeweils in Ziffern durchgezählt, von den Herausgebern
nachträglich eingefügte Anmerkungen mit einem oder mehreren Sternen - * -
markiert. Von den Autoren oder der Redaktion in Zitate eingefügte
grammatikalisch notwendige oder kommentierende Ergänzungen stehen in eckigen
Klammern.
Um auch die Frage, was
der "Weißenseer Arbeitskreis" und die "Weißenseer Blätter"
seien, aus den WBl selbst dokumentarisch zu beantworten, haben wir drei Stücke
aus späteren Heften an den Anfang gestellt. Im übrigen sind die Beiträge streng
chronologisch geordnet; nur Diskussionen, die sich über mehrere Hefte
erstreckten, haben wir nicht auseinandergerissen. Das Entstehungsjahr ist bei
jedem Artikel in der Überschrift angegeben, Heftnummer und Seitenzahl des
Fundortes sind im Inhaltsverzeichnis genannt. Wo es wesentlich erschien, wurde
das genaue Datum der Entstehung angemerkt.
Die WBl pflegen weder
Titel noch Funktionen ihrer Autoren zu nennen, denn alle Argumente sollten ohne
Ansehen der Person gewogen werden. Da aber zu vermuten ist, daß Leser dieser
Nachdrucke, die die Autoren nicht aus kontinuierlicher Lektüre der WBl kennen,
wissen möchten, auf welchen Gebieten sie gearbeitet und in welchem Lande sie
gelebt haben, als sie ihre Beiträge schrieben, deuten wir am Schluß dieses
Bandes an, ob sie im Bereich der Theologie, der Kirche, der Gesellschafts- oder
der Naturwissenschaften tätig waren, und nennen ihr Herkunfts- und
Aufenthaltsland. Dabei verzichten wir darauf, vom 3. Oktober 1990 an die
Bezeichnungen BRD und DDR auf BRD/alt und BRD/Anschlußgebiet umzustellen.
Ganz wesentlich zum
Erscheinen dieses Bandes haben einige unserer Leserinnen und Leser, die
ungenannt bleiben möchten, beigetragen, indem sie sich der Mühe unterzogen
haben, alle bisherigen Jahrgänge der WBl daraufhin durchzusehen, was in diesen
Band aufgenommen werden müßte, während andere diesen Druck mit Vor- und
Zuschüssen oder auch durch ihre Subskriptionsbestellungen ermöglicht haben.
Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank!
Insbesondere danken
wir Heinz Kamnitzer für sein Geleitwort! Nur in der Erwartung des Spiritus Dei
verzweifeln wir nicht an der ratio mundi, zu der auch der "Weltgeist mit
Namen Karl Marx" gehören mag. Darum bedarf es zur heilsamen Warnung vor
oberflächlichem Optimismus und zur Erinnerung an Not und Sorgen der
"Kleinen" im Alltag eines Kontrapunktes zu dem Titel "Wider die
Resignation der Linken". Ihn setzt Heinz Kamnitzer mit der Härte eines
Propheten des alten Israel: er hält die Niederlage des Sozialismus für einen
womöglich irreversiblen Schaden und meint, daß wir uns ihr als "einer
Katastrophe zu stellen haben, die auf das Ende unserer Gattung zurasen
könnte". Den Ernst dieser Sorge soll unser Titel unterstreichen, nicht
verharmlosen oder leugnen.
Berlin, im August 1994 Hanfried Müller
Statt
einer Einleitung
Zur Eröffnung des Lesertreffens der WBl am 7. Mai 1994
von Rosemarie
Müller-Streisand
(...) Woher kommen
wir, wo standen und stehen wir und wohin wollen wir? Zu diesen drei Fragen -
sie meinen erstens die Zeit von 1982-1989, zweitens die Zeit dessen, was viele
"Wende" nennen, drittens die Zeit danach bis zur Gegenwart - also zu
diesen drei Fragen lassen Sie mich ein paar Anmerkungen machen (...)
Ich beginne mit einer
Kurzcharakteristik der WBl. Sie ist jüngst im Deutschlandarchiv erschienen. Ihr
Verfasser ist Reinhard Henkys, der 1982 Vertreter des westkirchenoffiziellen
Evangelischen Pressedienstes, genannt epd, in der DDR war, später als persona
non grata ausgetauscht wurde (wobei es der DDR mit dem Nachfolger ein bißchen
wie Hans im Glück erging), der dann jahrelang für das westberliner
Dokumentationsblatt "Kirche im Sozialismus" mit dem Geigerzähler
eines sehr subtilen Antikommunismus die DDR-Kirchenlandschaft durchsuchte und
inzwischen - offensichtlich mangels anderer Aufgaben - Staats- und Parteiakten
mit dem Ziel durchforstet, der kirchlichen Linken den Garaus zu machen. Und nun
Originalton Reinhard Henkys:
"Die 'Weißenseer
Blätter' (WB) hatten nie die Funktion, 'publizistischen Einfluß auf die
Oppositionsszene zu nehmen' <wie es ein anderer Autor im Deutschlandarchiv
geschrieben hatte>. Die seit 1982 erscheinenden WB waren älter als die
meisten Oppositionsblätter. Sie verachteten die Opposition und denunzierten sie
unverhüllt. Ihre Zielgruppe waren vielmehr Theologen und Funktionsträger der
offiziellen evangelischen Kirche. Die WB kollaborierten offen mit der 'reinen
Lehre' der SED, interpretierten die kirchliche Zeitgeschichte von dieser
marxistischen Position aus. Sie führten die publizistische Polemik, die sich
die Parteipresse aus kirchenpolitischer Rücksicht versagte und die seitens der
SED auch der kollaborierenden CDU-Presse und auch der kirchenpolitischen
Monatsschrift 'Standpunkt' verboten war, sehr zum Leidwesen etwa von deren
Chefredakteur Günther Wirth. Man beklagte sich dort bitter darüber, daß die WB
sich im 'Samisdat' interessant machen dürften, während die lizensierte Presse
zum Weglassen von Streitthemen und damit zur Langeweile verpflichtet war. - Da
die Polemik der WB mit kirchenpolitischer Faktendarstellung verbunden war, die
es sonst in der DDR-Publizistik nicht gab, war dies Erzeugnis eines offiziellen
Samisdat für kirchliche Insider manchmal spannend zu lesen."
Eine Insiderin
erzählte mir damals, man risse sich, wenn wir erschienen, im Konsistorium die
Exemplare aus der Hand. Dem Ondit zufolge erzielen wir inzwischen im
Parteivorstand einer bestimmten Partei ähnliche Effekte. Aber weiter im Zitat:
"Einfluß auf die
Kirche hat es <dieses Erzeugnis> nicht ausgeübt - ebensowenig wie auf die
SED, der die WB auch schon vor der Wende ideologische Rechtsabweichung
ankreideten. Hanfried Müller, staatlich bestallter Theologieprofessor und
Redaktionsverantwortlicher der WB, rief nach dem Rücktritt Honeckers in einem
'Offenen Brief an meine Freunde in der SED' vergeblich zum Widerstand auf und
warnte die Genossen ausdrücklich vor Schuldbekennt-
nissen, Reue und Buße. (WB 5/1989, S. 25 ff.). - Daran hat sich nichts
geändert. Die 'Weißenseer Blätter' erscheinen heute noch."
Dieser letzte Satz
stimmt offenkundig. Aber er muß den Verfasser ein bißchen Überwindung gekostet
haben, denn nach unserem ersten Erscheinen hatte er uns eine Lebensdauer von
2-3 Heften prognostiziert, wir seien in eine günstige Konstellation geraten und
füllten eine zeitweilige Lücke. (Ein bei dem Gespräch anwesender
Generalsuperintendent konzedierte uns immerhin ein etwas längeres Leben).
Im übrigen ist es bei
Henkys hier wie meistens: er weiß fast alles und er versteht fast nichts.
Was er vor allem nicht
versteht, ist, wie Christen Sympathien für den Kommunismus haben können.
Damit komme ich zur
ersten Frage: woher kommen wir? Ich meine, wir brauchen uns dessen nicht zu
schämen, was Henkys "Kollaborieren" nennt. "Kollaboration"
heißt ja bekanntlich Zusammenarbeit, dasselbe wie "Kooperation":
Schätzt man solche Zusammenarbeit, nennt man sie Kooperation, ärgert sie einen,
nennt man sie Kollaboration. Wir haben gern mit einer "reinen Lehre"
und noch lieber mit einer "reinen Praxis" der SED - gemeint ist von
Henkys damit der sozialistische Staat DDR - zusammengearbeitet, nicht zuletzt
in den Fragen von Frieden und Abrüstung, die in unseren ersten Jahrgängen die
politische Hauptthematik bildeten. Dies allerdings durchaus in Polemik gegen
eine vorgeblich "kirchliche Friedensbewegung", die ja in Wirklichkeit
von der Mehrzahl ihrer Anführer her - man denke nur an Eppelmann - auf die
Liquidierung des Sozialismus zielte und die wir nicht verachtet, sondern sehr
ernst genommen haben.
Übrigens hat diese
starke und berechtigte Orientierung auf Frieden und Abrüstung dazu geführt, daß
wir jedenfalls bis 1987 voll auf Gorbatschow hereingefallen sind und auch 1988
teilweise noch versuchten, ihn ebenso wie das SPD/SED-Papier gegen den
vermeintlichen Mißbrauch durch Gegner in Schutz zu nehmen - so ein bißchen mit
Luthers Erklärung des 8. Gebots im Hinterkopf, "ihn entschuldigen, Gutes
von ihm reden und alles zum Besten kehren", allerdings, wie ich gestehen
muß, zunehmend mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend.
Dieses
Zusammenarbeiten schloß allerdings allerlei Kritik nicht aus, sondern ein, da
nämlich, wo diese Lehre und diese Praxis leider gar nicht mehr "rein"
war, sondern von der Ökonomie bis zur Kirchenpolitik zunehmend opportunistisch
wurde. Dabei sahen wir uns durchaus in Übereinstimmung mit den Sieben
Weißenseer Sätzen "Von der Freiheit der Kirche zum Dienen", wo es
heißt: "Wir werden der Erhaltung des Lebens durch Mitarbeit und kritischen
Rat dienen." Belege dafür, daß die WBl der "SED... auch schon vor der
Wende (hinterher gab es sie ja leider nicht mehr) ideologische
Rechtsabweichung" angekreidet hätten, lassen sich in der Tat reichlich
finden. Aber wir kritisierten nicht mit Häme und hoffentlich auch nicht mit
Besserwisserei, obgleich ein für Agitation Verantwortlicher der SED, wie wir
später erfuhren, einmal meinte, vor uns als "Feinden" warnen zu
müssen. Vielmehr beobachteten wir die politische Entwicklung mit wachsender
Besorgnis: Entpolitisierung der Massen, die Vorstellung, der Sozialismus siege
im Selbstlauf, Konzessionen an den Gegner, die nicht als solche deklariert
wurden, Blauäugigkeit gegenüber dem Imperialismus sind hier nur als ein paar
Stichworte
zu nennen. Und darum hat uns die Konterrevolution, vor der wir vergeblich zu
warnen versucht hatten, auch nicht überrascht.
Vollen Widerspruch
erfordert allerdings der Satz von Henkys, wir hätten "die kirchliche
Zeitgeschichte von dieser marxistischen Position aus" interpretiert.
Henkys kann sich anscheinend noch weniger, als daß Christen Kommunisten sein
können, wenn auch nicht müssen, vorstellen, daß Sympathisanten der Kommunisten
Christen sein können und daß für Christen das einzige Kriterium der
Kirchengeschichte die Bibel war und ist.
Uns ging es nicht
darum, die Kirche zu einer revolutionären Partei zu machen, sondern darum, zu
verhindern, daß aus ihr eine konterrevolutionäre Partei, ja eine politische
Partei überhaupt würde. Das unterschied uns auch von solchen Christen, mit
denen wir politisch voll und ganz solidarisch waren, die theologisch dem
Religiösen Sozialismus bzw. dessen Modernisierung, der Befreiungstheologie,
verhaftet waren. Wir haben stets - und bis heute - versucht, diese theologisch
unabweisbare Auseinandersetzung so zu führen, daß wir kein politisches
Porzellan zerschlügen, aber wir mußten auch feststellen, und zwar wieder bis
heute, daß nicht nur viele Marxisten das als unnötig spaltend empfinden (jetzt
hätte ich beinah gesagt: wie sollten sie auch anders? Aber das wäre nun
wirklich überheblich, denn manche verstehen uns dabei sehr wohl), sondern wir
mußten auch feststellen, daß wir selbst unter uns Theologen gar nicht so ganz
einig sind, ob denn das ein notwendiger Streit sei. "Reine Lehre" ist
heute auch in der Theologie kaum 'in'.
Und doch meine ich,
daß die Vermischung von Glauben und Wissen, von Evangelium und Welt-Anschauung beides verdirbt, den christlichen
Glauben zur religiösen Weltanschauung depraviert und die Anschauung der Welt
dem Irrationalismus ausliefert. Beides dient im übrigen dem - in den WBl ja
sicher bis zum Geht-nicht-mehr angegriffenen - Klerikalismus, sei es im etwas
altväterischen "Wächteramt" der Kirche über die Welt, sei es in der
These vom "politischen Mandat der Kirche", wie es der
Berlin-Brandenburgische Bischof Forck proklamiert und praktiziert hat. Und die
Invasion evangelischer Pfarrer von Gauck bis Eppelmann, die ihr Pfarramt
aufgaben und beschlossen, Politiker zu werden, ist nur die letzte Konsequenz
dieser längst vorher stattgehabten Vermischung.
Ich sagte: uns hat die
Konterrevolution nicht überrascht, und komme damit zur zweiten Frage: wo
standen wir in ihrem Verlauf?
In der Konterrevolution überrascht hat uns
allerdings das kampflose Aufgeben der Partei,
die eigentlich nicht zur Kapitulation berufen gewesen wäre, sondern zur Führung
auch dann noch, als die Sowjetunion die DDR verkauft - wenn auch noch nicht
sofort geliefert - hatte.
Henkys hat richtig
gesehen, daß wir zum Widerstand aufrufen wollten. Wir haben nicht eine Sekunde
lang geglaubt, was nicht nur alle Welt, sondern leider auch die
"Erneuerer" in der SED/PDS behaupteten, daß es sich um eine
"Revolution" handle (vor allem mit dem unentwegt wiederholten, aus
dem Zusammenhang gerissenen Leninzitat von denen, die nicht mehr wollen, und
denen, die nicht mehr können - wenn das so einfach wäre, wäre auch der
faschistische Putsch in Chile eine Revolution gewesen).
Kein Satz der WBl ist
von kirchlichen Autoren häufiger zitiert worden als der: "Keine Reue,
keine Buße, keine Schuldbekenntnisse". Nun, wir haben gegenüber der Kirche
- und das heißt: gegenüber uns selbst! - niemals aufgehört, Buße, Umkehr als
Angebot und Gebot Christi zu verkündigen. Aber bei diesem vielzitierten Satz
ging es um etwas völlig anderes: wir sahen, wie die Sozialisten in unserem Land
planmäßig und erfolgreich demoralisiert wurden, indem man ihnen und schließlich
sie sich selbst ausgerechnet das als größte Schuld vorwarfen, was nicht Schuld
war, sondern vielmehr die Niederlage des Sozialismus verhindern sollte: Kampf,
Wachsamkeit, Bereitschaft, die Macht zu verteidigen. Und dazu zeigte auch die
raffinierte Beschuldigung der Korruption volle Wirkung, wiederum in den eigenen
Reihen im sogenannten "Finanzskandal der SED" von den vorgeblichen
Erneuerern nicht nur aufgenommen, sondern bewußt eingesetzt. Gewiß, es hat
Dummheiten gegeben, vielleicht sogar mehr als andernorts, es hat
Gesetzesverstöße gegeben, sicher nicht mehr als andernorts, und es hat Fälle
von Korruption gegeben, ganz bestimmt weit weniger als andernorts, wo man
dekretiert hat, daß die DDR ein "Unrechtsstaat" gewesen sei.
Reue und Schuldbekenntnis
forderten die Feinde des Sozialismus und Kapitulanten, die auf deren Gnade
hofften. In ihrem Munde sagte das Wort Buße etwas ganz anderes als im Neuen
Testament, nämlich das Abschwören, den Kniefall vor den Siegern im
Klassenkampf. Daß der unsäglich schmalzig-platte Film "Die Reue" zum
Schiboleth gemacht wurde, war für uns signifikativ. Übrigens fiel uns bald die
historische Parallele zum Frankreich von 1940 und zur Reuepredigt der
Vichyleute auf, wir fanden von Karl Barth bis Jean Paul Sartre Warnungen vor
der Kapitulationsbuße als Mittel psychologischer Kriegführung und druckten sie
ab. Denn wir wollten unser Teil dazu beitragen, daß Kommunisten wieder Mut,
Selbstvertrauen, Kampfeswillen gewönnen, übrigens nicht zuletzt auch durch die
Einsicht, daß es sich um eine echte schwere Niederlage im Klassenkampf handle,
daß aber der, der unterliegt, noch lange nicht Unrecht hat. Vielleicht hat uns
übrigens in diesen Fragen die "Gnade der frühen Geburt" geholfen: wir
wußten ja noch aus der Nazizeit, daß ein ganzes Volk besoffen sein kann, nicht
nur 1933, sondern ebenso schlimm 1940, und daß der, der siegt, noch lange nicht
im Recht ist (wennschon der Satz von Dietrich Bonhoeffer, in der Nazizeit
notiert, nachdenklich macht: "Auch das Fehlen von Macht kann Schuld
sein").
Übrigens gehört es mit
zum Stil der WBl, daß in dieser Diskussion um Schuld und Niederlage auch der
Einspruch gegen den Ruf: "Keine Reue, keine Buße, keine
Schuldbekenntnisse" in ihnen zu Wort kam, obgleich die Situation heiß war
wie nie zuvor und wir uns durchaus bewußt waren, daß es um Sein oder Nichtsein
des Sozialismus ging und daß die Verteidiger des Sozialismus völlig in der
Minorität waren.
Dabei schloß dieses
"Nicht auf den Knien!" keineswegs die Notwendigkeit aus, die Ursachen
der Niederlage umfassend, genau und radikal zu analysieren, ganz im Gegenteil.
Und damit komme ich zur dritten Frage: wo stehen wir heute und wohin wollen
wir?
Zunächst: was den
Leserkreis der WBl angeht: wir haben nach 1989 eine Reihe von kirchlichen
Lesern verloren (übrigens auch Leser aus der Dissidentenszene bis hin zu Lutz
Rathenow, der uns durch eine Strohfrau bestellte und "mit unfreundlichen
Grüßen" abbestellte), und wir haben seitdem eine Reihe von marxistischen
Lesern gewonnen. Aber wir wollen nicht aufhören, "Fragen aus Theologie und
Kirche" weiter an den Anfang zu stellen und ihnen "Fragen aus der
Gesellschaft" erst folgen zu lassen, wie das in unserem Untertitel steht.
Das hat für uns schon
etwas mit der Gewichtung und den Prioritäten unserer eigenen Position zu tun,
zumal wir dem empirisch so einleuchtenden Schema stets widersprochen haben, wonach
ein politisch Linker theologisch liberal sein müsse (liberal hier nicht als
"frei" verstanden, sondern als die Beliebigkeit eines "hier
stehe ich, ich kann auch anders" - wenn sich die Kräfteverhältnisse
ändern). Wir sind gegen die nur scheinbar "lebensnahe" und in
Wirklichkeit oft platte Reduktion der Theologie auf Ethik, Anthropologie oder
Religiosität. Käme es nur auf unsere guten Werke, unser Selbstverständnis und
unsere Selbstfindung oder gar eine Orientierung auf "Höheres" oder
"Jenseitiges" an, dann wäre, um es mit einem Wort des Apostels Paulus
zu sagen, "unser Glaube eitel", und dann könnten wir getrost, wie es
ja viele möchten, die theologische Frage nach der "reinen Lehre" als
"Orthodoxie" der politischen Rechten überlassen. Es ist nicht ganz
einfach, so wenig fachtheologisch wie möglich zu sagen, was eigentlich den Kern
unserer Theologie ausmacht, vielleicht ist es aber verständlich, wenn wir
sagen: Wir sind nicht Christen, weil wir in den Himmel kommen und gute und
gerechte Menschen sein möchten, sondern weil Gott Mensch geworden und auf die
Erde gekommen ist, mitten unter und für uns gottlose Menschen. Sieht man sich,
wenigstens hierzulande (in den USA scheint das ein bißchen anders zu sein),
kirchlich-theologische Publikationen an, dann scheinen wir, so weit wir sehen
können, die einzigen zu sein, die so etwas wie eine "linke
Orthodoxie" vertreten. Und wir meinen, eine solche Stimme sollte
wenigstens weiter laut werden.
Zum zweiten geht
unsere - wenn ich das einmal so sagen darf - politische Hilfs-Funktion weiter,
indem wir versuchen, unsere Solidarität mit den heute politisch Verfolgten zu
bekunden - wenn Sie so wollen: als "Rote Hilfe" im geistlichen und
geistigen Sinn. Sie alle kennen die Geschichte von dem unter die Räuber
Gefallenen, an dem Priester und Levit vorbeigingen und dem der verachtete
Samariter half - er stand damals in Israel in einem ähnlichen Ruf wie ein Ossi
heute in der BRD, auch über Samarien sagte man, was kann von dort Gutes kommen?
Wir hatten einfach den Eindruck, daß die Kommunisten, die, die es bleiben
wollten, unter die Räuber gefallen waren und wir an ihre Seite gehörten.
Richtig barmherzige Samariter waren wir dabei freilich nicht, zum einen konnten
wir ihnen keine Herberge verschaffen und nicht ihre Betreuung bezahlen, wovon
ja im Gleichnis die Rede ist, und zum anderen waren wir nicht nur mit dem Opfer
solidarisch, sondern haben, so gut wir konnten, die Räuber attackiert, wovon in
der Geschichte auch nicht die Rede ist; aber sie erzählt ja auch eigentlich
nicht von einem beliebigen unter die Räuber Gefallenen und einem beliebigen
Retter, sondern von Jesus.
Zum Dritten: weil wir
feststellen müssen, daß wir noch niemals - einschließlich der Nazizeit, wo es
immerhin noch Auslandssender gab - so einseitig und so schlecht informiert
gewesen sind wie heute, bringen wir gelegentlich solche Informationen, sofern wir
sie bekommen können, von denen wir meinen, daß sie auch unsere Leser
interessieren könnten.
Schließlich aber liegt
uns besonders daran, ein für alle Sozialisten und Kommunisten und ihre
Sympathisanten offenes Diskussionsforum zu sein, auf dem die konventionellen
Tabus nicht gelten. Ein Forum für Analysen im Blick auf die Vergangenheit und
die Gründe unserer gemeinsamen Niederlage und im Blick auf die Gegenwart, die
ja zunehmend bestätigt, daß Widerstand und nicht Kapitulation heute auf der
Tagesordnung steht und daß wir dreimal prüfen sollten, ehe wir aus dem Erbe
sozialistischer Politik etwas als widerlegt über Bord gehen lassen. Und im
Blick auf die Zukunft, die die Menschheit ohne revolutionäre Veränderungen,
Veränderungen in den Eigentums- und den Machtverhältnissen, nicht mehr erleben
wird. Selbstverständlich wissen wir, daß wir uns hier und heute nicht in einer
revolutionären Situation befinden - leider! und dies "leider"
unterscheidet uns von denen, die darüber heilfroh sind. Sondern wir befinden
uns in einer Situation, in der erst einmal Klarheit in die Köpfe kommen muß -
und zwar in unsere eigenen zuerst. Darum, meinen wir, muß heute Theorie getrieben
werden, und theoretisches Niveau hat heute hohen Stellenwert, so aber, daß die
theoretische Auseinandersetzung und der theoretische Streit die Linke nicht -
wie das immer wieder geschieht - spaltet, sondern gerade zusammenführt. Denn
der Zusammenhalt aller, die heute antiimperialistische Positionen vertreten,
muß nicht nur gewahrt, sondern verstärkt - weithin auch überhaupt erst einmal erreicht
- werden quer durch Parteien und Gruppen hindurch.
Jeder einzelne
Gedanke, jede Konzeption, die auf diesem Weg weiterhilft, soll bei uns im Für
und Wider Platz haben, eingeschlossen auch die u.U. ganz unterschiedliche
Sicht, die z.B. heute Ostlinke und Westlinke haben oder Parteilose und in
verschiedenen Parteien oder Gruppen Organisierte. Weil keiner von uns die Analyse oder das Programm oder die
Konzeption hat, wollen wir Analysen, Programme und Konzeptionen zur Diskussion
stellen, nicht in einem relativistisch-postmodernen Pluralismus, in dem dann
nichts mehr richtig, weil doch alles ganz egal ist, sondern in kritischer
Freiheit, die sich selbst, aber vor allem auch den anderen nicht zuletzt darin
ernstnimmt, daß sie ihm notfalls energisch widerspricht, so wie sie selbst für
jeden Widerspruch offen ist.(...)
"Die Weißenseer Blätter sollen..."
Aus dem ersten Heft der Weißenseer Blätter (1/82, S. 1):
In den Weißenseer Blättern soll ein Chor von
Stimmen laut werden, nicht nur aus dem WAK, sondern auch solcher Stimmen aus
Kirche und Welt, die wir kritisch oder zustimmend hören sollten. Nicht mit
allem, was wir veröffentlichen, identifizieren wir uns. Aber wir halten es für
gut, es zur Kenntnis zu nehmen (...).
Die Weißenseer Blätter
... sollen ... ein Gespräch mit allen eröffnen, die nach der Aufgabe der
Ökumene in unserer Zeit, nach dem Auftrag der Kirche in unserer Gesellschaft
und nach der politischen Verantwortung der Christen fragen (...).
Zur Geschichte des Weißenseer Arbeitskreises*
von Jürgen Schöller
Wenn man sich einmal
im Stil eines bekannten Kompendiums der Kirchengeschichte ausdrücken wollte,
könnte man kurz feststellen: In der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg
bildete sich im Jahr 1958 der Weißenseer Arbeitskreis, schlicht genannt nach
dem Ort seiner Zusammenkünfte, eine freie innerkirchliche Vereinigung in der
Art der sogenannten Kirchlichen Bruderschaften, mit linken Tendenzen. Der WAK
befaßte sich mit theologischen Gegenwartsthemen, mischte sich gelegentlich in die
Kirchenpolitik und in kirchlich-synodale Entscheidungen ein und verfaßte einige
Verlautbarungen. Seine Mitgliederzahl reduzierte sich im Lauf der Jahre.
Ähnlich anderen
kirchlichen Bruderschaften entstand auch der WAK aus aktuellem Anlaß. Der
Vorgang dabei ist folgender:
Bestimmte wichtige
theologische Themen kommen in der Gesamtkirche zu kurz oder werden unterdrückt.
Einige haben den Eindruck, daß diese Themen jetzt endlich aufgegriffen werden
müssen.
Der Weg, den die
Kirche geht, wird als falsch und unchristlich erkannt. Einige haben den Eindruck,
daß die ganze Richtung eine andere werden müßte.
Diese Gemeindeglieder
finden sich zusammen, um gemeinsam und frei theologisch zu arbeiten und um ihre
theologischen Erkenntnisse dann für den Weg der Kirche fruchtbar werden zu
lassen.
Die Existenz solcher
kirchlicher Bruderschaften ist also immer abhängig von einem bestimmten
erkannten Auftrag. Sie stehen dabei in der Tradition der Bekennenden Kirche und
der Theologischen Erklärung von Barmen (1934) sowie des Schuldbekenntnisses von
Stuttgart und des Darmstädter Wortes.*
Im Rahmen dieser
grundsätzlichen Besinnung auf die Funktion des Weißenseer Arbeitskreises soll
jetzt eine Erscheinung (für die Zeit seiner Entstehung) besonders herausgehoben
werden.
Es gab in den Jahren,
in denen der WAK sich zusammenfand, eine bestimmte Kirchlichkeit, die man
Dibelianismus nannte, nach dem Bischof Otto Dibelius, der in der Nachkriegszeit
hier in unserer Kirche regierte. Das nationalistisch gefärbte, westorientierte
kirchliche Herrschaftsdenken dieses Otto Dibelius beeinflußte die gesamte
Nachkriegsgeschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nachhaltig.
Es sei nur erinnert an die "Obrigkeits-Schrift" des Otto Dibelius und
an den Abschluß des Militärseelsorge-Vertrages mit der Regierung der BRD. Es
bestand mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit der Plan, die Kirchen in der
DDR als Brückenkopf bundesdeutscher Politik, als Anhänger der Bonner
Deutschland-Konzeption zu gebrauchen. Das Stichwort "Bewahrung der
kirchlichen und völkischen Einheit" sollte für eine theoretische, in
Wirklichkeit pseudotheologische Untermauerung dieser Pläne sorgen. Durch diese
Orientierung wurden unsere Gemeindeglieder daran gehindert, sich im Glauben und
im Dienst frei und vorurteilslos auf die Welt zu beziehen, in der sie ihr
Dasein und ihre Aufgabe hatten.
In diesem
geschichtlichen Zusammenhang sah der Weißenseer Arbeitskreis seine Funktion:
auf Grund sorgfältiger theologischer Arbeit den Weg der Kirche in der Gegenwart
zu finden und dabei im Hören auf den Auftrag von herkömmlichen
liberalistischen, nationalistischen, moralistischen und ähnlichen
Determinierungen frei zu werden.
"Dibelianismus"
- die Sache hat zwar in diesem Namen eine besonders markante geschichtliche
Ausprägung gefunden, sie hängt aber nicht daran. "Dibelianismus" ist
doch wohl eine immerwährende Gefahr und Versuchung der christlichen Gemeinde in
der Zeit. Mit der Feststellung: "Die Zeit des Dibelianismus ist
vorbei" hat sich im Lauf der letzten Jahre manch einer vom WAK
zurückgezogen. Ist aber die gefährliche Versuchung, um die es hier geht, auch
so einfach "vorbei"?
Es ist dem Weißenseer
Arbeitskreis nachgesagt worden, er sei so etwas wie eine innerkirchliche
Opposition. Es soll darum hier einmal ein wenig aufgezählt werden, wogegen wir
waren oder, besser gesagt, wogegen wir von unseren theologischen
Voraussetzungen her sein sollten.
Also wir wollten und
sollten dagegen sein,
o daß die Kirche weltlich geartete Macht
und Einfluß haben will,
o daß die Kirche dementsprechend
selbstsüchtig ihre Rechte verteidigt,
o daß sie althergebrachte Vorrechte
nicht preisgeben will,
o daß sie immer erst ihre Freiheit
verteidigt, um dann als zweites allenfalls auch noch von ihrem Dienst zu reden,
o daß sie eine Partei der Christen
gegenüber den Nichtchristen sein will im Schema "gute Kirche - böse
Welt",
o daß sie in ständiger
Selbstrechtfertigung verharrt,
o daß sie dementsprechend die Umwelt zur
Buße ruft und nicht sich selbst,
o daß die Christen, die selber faktisch
nicht nach Gottes aktuellem Gebot leben, ihre Umwelt umso kräftiger nach ihm
richten, das heißt verurteilen,
o daß die Kirche auch beim Staat immer
nur das anspricht, was er ihrer Meinung nach falsch macht, um dann ihrerseits
laut darauf zu reagieren,
o daß die Kirche sich immer nur in der
Dialektik von Abwehr und Anpassung der Gesellschaft gegenüber bewegt, man
könnte hier auch sagen: Antikommunismus und Opportunismus,
o daß die Kirche den Zuspruch des
Evangeliums allein für sich, den Anspruch des Gesetzes Gottes aber allein für
ihre außerkirchliche Umwelt gelten lassen will,
o daß die Christen der nicht-kirchlichen
Welt ängstlich, vorurteilsvoll, mit Ressentiments geladen, gehässig,
pharisäisch, besserwisserisch und argwöhnisch entgegentreten.
Wer dagegen ist, befindet sich natürlich
"in Opposition", wenn auch ganz und gar nicht im üblichen Verständnis
des Wortes.
Aber man kann nur dann
glaubwürdig sagen, wogegen man ist, wenn man weiß und sagt und deutlich macht, wofür man ist.
Der Weißenseer Arbeitskreis
war also dafür,
o daß gründliche theologische Arbeit
geschieht, möglichst frei von der Verklammerung mit nationalen oder politischen
Affekten,
o daß für unsere Gemeinden eine
Kirchenordnung erarbeitet wird, eine Neu-Ordnung, die sich nicht hindern läßt
durch historisch gewordene Einheit, bloße Kontinuität kirchlichen Rechtes und
politischer Wünsche,
o daß die Frage kirchlicher Einheit im
Sinne von geistlicher und dementsprechend ökumenischer Einheit verstanden und
behandelt wird,
o daß wir unsere eigenen Beziehungen -
etwa zu den Kirchlichen Bruderschaften in der BRD - als geistlich und
ökumenisch verstehen und praktizieren,
o daß wir uns um die Glaubwürdigkeit des
christlichen Zeugnisses bemühen durch die Befreiung von der Zwangslage, ein
Werkzeug fremder Konzeption zu sein und sein zu müssen,
o daß wir uns frei und offen unserer
Welt als der Welt des sich entwickelnden Sozialismus zuwenden, frei von dem
Zwang, uns ideologisch oder politisch "westlich" orientieren zu
müssen,
o daß wir also die Freiheit, zu der wir
durch Christus befreit sind, als Freiheit zum Dienst - und in keiner Weise als
etwas anderes - verstehen.
Wir waren also dafür,
die aktuellen Fragen und die Richtung unseres Weges biblisch-theologisch zu
durchdenken, um dann daraus die praktischen Konsequenzen zu ziehen.
Darum war der WAK
nicht, wie ihm andererseits immer wieder nachgesagt worden ist, primär
politisch oder kirchenpolitisch interessiert. "Arbeits-Kreis" heißt
hier: primär theologische Arbeit. Dann aber darf man sich auch nicht scheuen,
das als theologisch richtig Erkannte in Kirche, Politik und Kirchenpolitik zu
vertreten - wenn dies dann auch nach Lage der Dinge oft genug in manchen
kirchlichen Kreisen unpopulär ist.
Der Weißenseer
Arbeitskreis hat im Verlauf der letzten 20 Jahre einige, im Grunde sehr wenige
Verlautbarungen schriftlich verfaßt:
o Zur Frage der Taufe (gegen die
Alleinherrschaft der Säuglingstaufe),
o zur Frage von Konfirmation und
Jugendweihe,
o zur Frage einer neuen Kirchenordnung,
o zur Frage der Selbständigkeit der
Kirchen in der DDR.
Dann aber und vor
allem gab es die Abfassung der "Sieben Theologischen Sätze", die eine
grundsätzliche schriftliche Fixierung des von uns als gut und richtig Erkannten
geworden sind (1963). Sie waren veranlaßt durch die vorausgegangenen "10
Artikel" der Kirchenleitungen in der DDR.* Dabei sind die
jeweiligen Überschriften programmatisch für die grundsätzlichen Unterschiede
beider Dokumente:
- "10 Artikel von
Freiheit und Dienst der Kirche"
- "7 Sätze von
der Freiheit der Kirche zum
Dienen".
Es ist in den
vorangegangenen Darlegungen schon viel aus diesen 7 Sätzen zur Sprache gebracht
worden. Es sollen nun aber doch einige wörtliche Zitate hinzugefügt werden:
"Jesus Christus
befreit uns zum Bekenntnis unserer Schuld... (und zugleich) zum Bekenntnis der
Vergebung unserer Schuld und zur Umkehr... Wie sollten, die seine Vergebung
glauben, nicht für die hoffen, die sie nicht glauben?"
"Jesus Christus
(befreit) seine Kirche dazu, ihre Glaubensgerechtigkeit nicht für sich zu
behalten, sondern sich bekennend, liebend und dienend der Welt zuzuwenden,
deren Sünde er trägt."
"Im
Glaubensgehorsam widersteht die Kirche der Versuchung, Gottes Wort schützen zu
wollen. Unbesorgt um sich selbst, kann sie furchtlos nach neuen Wegen
suchen..."
"Sie (die Kirche)
wird ihre Ordnung als Ordnung des Dienstes und nicht der Macht ohne Haß und
Polemik von der Ordnung der politischen Gemeinde unterscheiden."
"Im
Glaubensgehorsam sind wir dessen gewiß, daß uns nichts von Gottes Liebe
scheiden kann. Darum begegnen wir der nichtchristlichen Gesellschaft nicht
ängstlich oder gehässig, sondern
hilfsbereit und besonnen und können so auch in der sozialistischen
Gesellschaftsordnung verantwortlich mitleben."
Wie links sind eigentlich die Weißenseer Blätter?*
von Christian Stappenbeck und Hanfried Müller
Wir lesen nicht nur
mit Genuß, was nette Leser an uns schreiben, sondern wir hören auch mit Humor,
was andere über uns munkeln und deuteln.
Außer Frage steht:
"Links, wo das Herz ist", sind auch die WBl.
Das hindert nicht, daß
manche finden, wir stünden "rechts".
Sind wir
"konservativ", weil wir Arbeit gut und Leistung unentbehrlich finden,
weil wir Staaten, die für Recht und Frieden sorgen, für eine gute Gabe Gottes
halten, weil es uns als Firlefanz erscheint, zum Beispiel die
Gleichberechtigung der Frauen durch eine Entmaskulinisierung der Sprache zu
bewerkstelligen (so nennen wir uns noch immer ungeniert "Bruderschaft",
obgleich viele gleichberechtigte Schwestern zu uns gehören), und weil wir nicht
(...) etwas darum gut nennen, weil es neu ist, und alles verwerfen, was und
weil es unmodern ist? In der Tat: Nicht im Kreislauf der Moden, sondern nach
vorn - schrecklich "linear" - zu mehr Wahrheit, Recht und Frieden möchten
wir uns und andere bewegen.
Oder nennt man uns
"rechts", weil man das Wort noch im klassischen Sinne des
bürgerlichen Parlamentarismus benutzt? "Rechts" ist, wer regiert,
"links" ist, wer opponiert. Im Sozialismus regieren zumeist
Sozialisten, also sind sie "rechts"; und gegen den Sozialismus
"opponiert" die Reaktion - also ist die Reaktion "links"?
Es entstehen politische Weltbilder wie im Spiegelkabinett, und alles wird ein
bißchen unübersichtlich.
"Rechts" und
"links" ist eben nicht dasselbe, wenn man sich gegenübersteht. Es
sind subjektive Begriffe.
*
Andere verstehen uns
besser, als wir uns selbst verstehen: von "ultralinks" ist da die
Rede - oder von "linksradikal" und "links überholen", und
ein ganz Vorwitziger hat uns gar "rote Christen" genannt.
"Ultralinks"?
- Was ist jenseits von "links"? "Rechts" natürlich, aber
nur dann, wenn man an einen Kreis denkt, der sich auf der anderen Seite
schließt.
"Linksradikal"?
- Nun, das meint wohl Radikalinskis auf der Linken, Leute des "Alles oder
nichts" und des "Sofort oder gar nicht", die zumeist nichts von
dem und gar nicht erreichen, was sie wollen. Nur: "Wenigstens ein
bißchen" und "wenigstens später einmal" ist natürlich auch keine
Alternative. So "rechtsgemäßigt" möchten wir wirklich nicht sein.
Hält man uns schon darum für "ultra"-links?
Und "links
überholen"? Bei Linksverkehr kann das allerdings nur gegen den Baum oder
in den Chausseegraben gehen. Aber herrscht in unserer Kirche allgemein
Linksverkehr? Bei Rechtsverkehr wird man allerdings links überholen müssen,
wenn man vorwärts will - und überdies an manchem vorbeifahren, der rechts parkt
- und in Einbahnstraßen sogar rechts vorbei an denen, die links anhalten und
rechts aussteigen, um (jedenfalls alternativ!) kontemplativ zu verschnaufen
oder aktiv allerlei Unfug zu treiben.
"Rechts" und
"links" sind nicht nur subjektive, sie sind auch relative Begriffe,
anschaulich, zuweilen nützlich, oft unumgänglich, aber sofort verwirrend, wenn
man sie verabsolutiert.
Und schließlich:
"rote Christen"? "Rote", "braune",
"grüne" Christen - das sieht bunter aus, als es ist. Zuletzt sind
diese kunterbunt Eingefärbten wenig waschecht, und wenn sie in Sturm und Regen
kommen, erscheinen sie hinterher alle violett: gerade das sind wir nun
allerdings so wenig, daß man es uns nicht einmal nachsagt.
Aber Scherz beiseite:
Daß auch linker Radikalismus gefährlich ist, weiß jeder, der Lenins Schrift
einmal gelesen hat. Allerdings ist im ursprünglichen Sinn Lenins der
"linke Radikalismus" eine Kinderkrankheit des Kommunismus. Es ist die
Frage, ob nicht-kommunistische Kinder wie die Weißenseer Blätter überhaupt
damit infiziert werden können, zumindest zeigten sich dann wohl andere
Symptome. Ein Symptom ist die zu starke Mißachtung parlamentarischer Arbeit.
Will man Analogien an den Haaren herbeiziehen, muß man doch zugeben: die WBl
nehmen die Synodalarbeit sehr ernst. Ein entscheidendes Symptom ist mangelnde
Bündnisbereitschaft - mit Nichtkommunisten! Will man analog denken, kehrt sich
für uns die Frage um: sind wir bereit zur Kooperation mit Kommunisten? Nun,
gerade das verübelt man uns ja und nennt uns "rote Christen".
Aber man muß nicht
erst Lenin lesen, es genügt die tägliche politische Erfahrung, um sich über den
linken Radikalismus zu ärgern. Es ist hinderlich, immer mit der linken Hand
Sektierer oder Miniaturanarchisten abwehren zu müssen, die einem wie Kinder
zwischen die Beine laufen, während man einen Feind hat, den es auf Tod und
Leben, sprich Krieg und Frieden, zu bekämpfen gilt: und dieser Feind steht
rechts! Da kommt man in Versuchung, das Gesicht von diesem Feind abzuwenden, es
den Dogmatikern oder Chaoten, die einem zwischen die Füße stolpern, zuzuwenden,
um erst einmal Schluß zu machen mit diesen Störenfrieden... Und unversehens hat
man den echten, großen, wirklichen Feind im Rücken!
Sollten manche die
Weißenseer Blätter darum für "linksradikal" halten,, weil wir
versuchen, mit der linken Hand nach hinten wegzuschieben, was uns engstirnig
oder wirrköpfig stört und ablenkt, um die Rechte jederzeit frei zu haben zur
Verteidigung und zum Angriff auf die Reaktion? Möglich, daß es solche
Mißverständnisse gibt.
*
Wie dem auch sei: Wo
Rauch ist, ist auch Feuer. Und Feuer haben - hoffentlich! - die Weißenseer
Blätter. Der Kern dessen, worüber da mit "rechts" und "links"
spekuliert wird, liegt wohl woanders, als es die Spekulanten aus der Form der
Rauchschwaden deuten.
Setzen wir einmal ganz
theologisch ein, manche mögen es "dogmatisch" nennen: Wer diese Welt
mit ihrer Lust und ihrem Leid, mit ihrer Schuld und ihrer Güte als Gottes Schöpfung glaubt, der kann nicht
sagen: "Alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrundegeht" - und
flugs erscheint er den Skeptikern, Zynikern, Pessimisten und Anarchisten als
"konservativ" und also "rechts". Wer aber eben diese Welt
als Schöpfung Gottes glaubt, der kann
sie auch nicht und nichts in ihr vergöttern und anhimmeln; der weiß, daß alle
Güte in Gottes Urteil über sie und nicht in ihr selber ruht; der findet sie in
Dankbarkeit schön, aber er färbt sie nicht schön! Der sieht, um seine eigenen
Mängel wissend, alle Mängel, aber er sieht nicht "schwarz" - und
schon erscheint er den Enthusiasten auf der einen Seite zu kritisch, weil er
nicht schön-färbt (und also als zu "links"), und den Enthusiasten auf
der anderen Seite zu unkritisch, weil er nicht schwarz-sieht (und also als zu
"rechts").
Wir sind zwar nicht
"linksradikal", aber "von der Wurzel her" (ex radice)
radikal links, sofern links heißt, was ist, nicht nur zu interpretieren,
sondern zu verändern, es nicht nur zu konservieren, sondern zu entfalten und zu
entwickeln, nicht nur das "Machbare" zu machen, sondern das
Not-Wendige machbar zu machen, nicht nur das Wirkliche vernünftig zu nennen,
sondern das Vernünftige zu verwirklichen. In diesem Sinne sind wir für das
Lebensrecht aller gegen Vorrechte, die auf Geburt, Eigentum und elitärer
Bildung beruhen, für Kultivierung der menschlichen Gesellschaft und Geschichte,
für Massen-Aktivität und Bewußtsein und dagegen, die Geschichte ihrem
Selbstlauf zu überlassen; für gesellschaftliche Neuordnung unter der Bedingung
der friedlichen Koexistenz der Staaten und gegen Krieg, Barbarei, Anarchie und
Nihilismus. Wir sind für ein Fortschreiten in dynamischer Stabilität.
Empfindet man es als
"linksradikal", daß wir Stabilität in der Bewegung nach vorn wollen? Aber ein Radfahrer, der auf der Stelle
steht, sucht schwankend mühsam Balance, nur die Fahrt verleiht ihm Stabilität.
Sollten es ängstlich balancierende Radfahrer sein, die uns "linksradikal"
nennen?
Empfindet man es als
"rechts" und "konservativ", daß wir in der Bewegung nach
vorn Stabilität wollen? Das ärgert
die "Destabilisierer". Sie nennen alles "dogmatisch", was
einen geraden Linkskurs hält, mitten durch die hindurch, die undynamisch
stagnieren oder sich unstabil im Kreise drehen und schwindeln. Sie möchten uns
zwischen "Supermächten" torkeln lassen und nennen Geradlinigkeit
Starrsinn.
Verstehen können wir
schon, daß man uns von rechts "ultralinks" und von ultralinks
"konservativ" und mit verschiedenem Akzent von beiden Seiten
"dogmatisch" schilt. Da gibt es Leute, die lehnen jede Zusammenarbeit
mit uns ab - und uns nennen sie dann
"Sektierer" und ärgern sich, daß diese "Sekte" so viele
Freunde gewinnt.
*
Tatsächlich teilen wir
manche Haltungen nicht, die man offenbar rechts und links von uns einnimmt. Das
gilt anscheinend für unsere theologische und für unsere politische Existenz.
Für uns kann nicht
alles zu einer Frage der Taktik, Kirchendiplomatie, Anpassung und Flexibilität
werden. Dagegen steht schlicht das erste Gebot - und es steht auch dagegen, uns
oder andere einfach für Engel oder Teufel zu halten. "Was heißest du mich
gut? Niemand ist gut denn der einige Gott" (Matth.19,17). Es gehört zum
Wesen kirchlicher Bruderschaft, sich weder gegenseitig zu schmeicheln noch sich
verächtlich zu machen, sondern die Sache über die Person zu stellen. Gott
allein überlassen wir das Urteil über die Person, untereinander haben wir
unsere Worte und Werke zu prüfen. (...)
Wir wären kein
bruderschaftliches Mitteilungsblatt mehr, wenn wir die brüderliche gegenseitige
und brüderlich rücksichtslos-offene Ermahnung vergäßen, wenn wir Kritik an uns
selbst unterdrückten und Schwestern und Brüder in unseren Gemeinden wie in der
ganzen Ökumene, gleichgültig, welche Ämter sie wahrnehmen, nicht mehr kritisch
anzureden wagten: weder wir noch andere sind unfehlbar.
Aber wir setzen die
Kenntnis unserer Fehlbarkeit nicht um in Skepsis gegenüber der Wahrheit.
Wir meinen, daß es nur eine Wahrheit gibt: Jesus Christus, das
eine Wort Gottes, ist die Wahrheit
und das Leben. Gottes Wahrheit wollen
wir nicht skeptisch relativieren. Wir möchten sie weder
"politisieren" und "handhabbar" machen, noch möchten wir
sie entpolitisieren und neutralisieren. Wir meinen überhaupt, daß nicht wir mit
ihr etwas zu machen haben, sondern daß sie mit uns etwas machen will. Da steht
mit Schrift und Reformatoren schroff und exklusiv ein "allein". Das
vereint nicht nur, sondern trennt auch. Das erscheint theologisch
"rechts": "orthodox" und "sektiererisch". Wir
haben ja keinen Sinn für die Gemeinsamkeiten, zu denen man uns einlädt: für die
anthropologische Gemeinsamkeit ("um den Sinn allen Menschseins, um
Selbstfindung und Selbstverwirklichung geht's doch uns allen!") und für religiöse
Gemeinsamkeit ("ein Letztes, ein Höchstes und ein Erstes - das muß es doch
geben, nennen wir es Christus oder Belial!"). Jawohl, wir schneiden sie ab
(von 'secare' gleich "abschneiden" kommt "Sekte"), diese
religiöse Anthropologie und diese anthropologische Religion!
Aber das "allein
Jesus Christus" ist ja gar nicht exklusiv - es ist ja inklusiver als
irgend etwas anderes. Die Götter der Heiden schließen die aus, die ihnen nicht
anhängen. Er aber schließt die in sein Leben ein, die ihm das Leben nehmen. Ausschließlich
er schließt keinen aus. Er verbindet die Menschen, die sich durch ihre
Gottesbilder und Menschenbilder trennen. Zum Ausschließen, zum Abschneiden, zum
Sektieren kommt es gerade dort, wo dies so sektiererisch klingende
"Allein" verleugnet wird: da gibt's dann die Front der Gottgläubigen
gegen die Gottlosen, der Gerechten gegen die Sünder, der Theisten gegen die
Atheisten.
Zu seiner Wahrheit
verhalten wir uns relativ. Wir sind sein, nicht er ist unser Eigentum - und
mithin hat die Wahrheit uns, nicht wir sie. Wir sind keine Wahrheitsbesitzer.
Allenfalls bilden wir uns das ein. Unser Wissen bleibt Stückwerk, und
bestenfalls ergänzt es sich gegenseitig. Insoweit sind wir theologisch
"links" und "liberal".
Aber seine Wahrheit
ist nicht relativ. Es gibt unzählig viele Irrwege und Lügen, aber nur diesen
einen Weg und diese eine Wahrheit. Darum sind wir gegenüber der Wahrheit nicht
relativistisch und skeptisch, sondern skeptisch sind wir gegenüber einem
Pluralismus, der die Wahrheit relativiert. Kritisch sind wir gegenüber einer
Toleranz, die die Unwahrheit nicht leidend erträgt, sondern gleichgültig
duldet. Fragwürdig ist uns eine Liberalität, die aus dem Satz: "Irren ist
menschlich" den Satz macht: "Irren ist erlaubt". Insoweit sind
wir theologisch "rechts" und "orthodox". (...)
*
Darum sind wir auch im
Blick auf die Erkenntnis der Welt nicht relativistisch und skeptisch. Um
richtig oder falsch geht es - im Denken und im Handeln. Was recht und richtig
ist, kann zwar in der Mitte liegen, muß es aber nicht. Der "goldene
Mittelweg" ist zwar meist bequem, aber nur selten richtig. Darum kann es
zwar geboten sein, sich hier oder da neutral zu verhalten, der Neutralismus
jedoch kann keineswegs Maßstab für das Gebotene sein. Zwar gibt es meist viele
Wege, um das Rechte und Richtige zu erkennen, aber in der Regel ist nicht
vieles, sondern nur eines wirklich recht und richtig, unzählig vielfältig sind auch
in der Erkenntnis und Gestaltung der Welt nur die Täuschungen und Abwege. Darum
ist es zwar gut und nötig, daß wenn möglich alle nach den rechten Wegen suchen,
aber gefunden werden muß der eine richtige Weg, den man gemeinsam geht. Darum
darf die Pluralität der Diskussion nicht umschlagen in einen Pluralismus der
Entscheidungen.
*
Das Rechte und
Richtige kann nur überzeugen, wenn Gründe und Gegengründe abgewogen werden,
wenn Widersprüche nicht verdrängt und verborgen, sondern aufgedeckt und gelöst,
zumindest aber entschieden werden. Dazu bedarf es des sachlichen und offenen
Meinungsstreites, aber keiner zuchtlosen Demagogie, keines undisziplinierten
Geschwätzes und keiner "Diskussionsplattformen" zur Stimmenwerbung
für Wirrköpfe und Antikommunisten.
Offen aber möchten wir
in den "Weißenseer Blättern" unsere Meinung bilden: Offen, indem wir
uns gegenseitig widersprechen, warnen und mahnen. Achtung, und nicht Mißachtung
drückt sich darin aus, wenn man den anderen des Widerspruchs würdigt. Man mißversteht die Ebene
unserer Auseinandersetzung in und mit der Kirche, wenn man das für eine
Beeinträchtigung möglicher und wirklicher Gemeinsamkeiten hält. Gewiß ist solch
Verhalten "undiplomatisch". Diplomatie ist hoch zu schätzen, wo sie
hingehört: in die Sphäre des Interessenausgleiches zwischen Staaten und
politischen Mächten. Aber wir möchten sie nicht dort treiben, wo sie fehl am
Platze ist, in der Sphäre des Meinungsaustausches zwischen Schwestern und
Brüdern, Freunden und Gegnern zwecks Meinungsbildung und Wahrheitsfindung.
Und wir möchten unsere
Meinung offen bilden in dem Sinne, daß jedermann dabei zuhören kann. Zwar
wollen wir nicht alle Meinungen teilen oder dulden, wohl aber prüfen. Und jeder
soll prüfen können, welche Gründe wir gehört und erwogen, welche wir etwa
übersehen, welche wir uns zu eigen gemacht und welche wir verworfen haben. Wir
meinen, es tut richtigen und rechten Entscheidungen keinen Abbruch, sondern
fördert ihre Wirkung, wenn die Entscheidungsfindung öffentlich erfolgt und man
erkennen kann, in der Abwägung welcher Gründe, in der Lösung welcher
Widersprüche und in der Wahrung welcher Interessen sie zustande kamen. (...)
Unser Ziel ist es,
Fakten zu erklären, ihre Ursachen zu zeigen, sie wenn nötig zu verändern oder
ihre Unabänderlichkeit zu begründen. Das aber geht nicht, wenn man vor Fakten
die Augen verschließt, wenn man sie hysterisch dramatisiert oder sie um der
Ruhe und des lieben Friedens willen verharmlost. So erscheinen wir manchen als
"Nestbeschmutzer", wenn wir unser Nest von dem Schmutz reinigen
wollen, vor dem sie die Augen verschließen; sie nennen uns dann
"linksradikal". Und anderen erscheinen wir als "Apologeten des
Bestehenden", wenn wir uns an ihren Kritteleien nicht beteiligen und so
manchen Fleck für oberflächlich, belanglos oder unvermeidlich halten,
angesichts dessen sie ihre Welt untergehen sehen; sie nennen uns dann
konservativ.
*
Bei alledem sind wir
uns dessen bewußt: Was wir hier beschreiben, bezeichnet Aufgaben, die wir
weitaus mehr schlecht als recht zu erfüllen versuchen. Nennt man uns
"rechts" oder "ultralinks", sei uns das Anlaß zur
Selbstprüfung. Allerdings dürfen wir vielleicht noch einmal an das Bild von der
dynamischen Stabilität beim Radfahren erinnern: auch wer geradeaus einen linken
Kurs hält, muß mal rechts und mal links in die Pedale treten - das heißt noch
nicht immer gleich "Linksabweichung" und
"Rechtsabweichung", obwohl es leicht so aussieht, vor allem beim
Hinauffahren auf steile Berge.
Es geht um die
verantwortungsbewußte Freiheit, "alles zu prüfen und das Gute zu
behalten". Das Gute ist nicht einfach alles, was als nützlich oder
zweckmäßig erscheint. Daß uns letztlich die Wahrheit zugute kommt, schließt
gerade nicht ein, sondern aus, einfach für wahr zu halten, was uns nützt. Und
Freiheit heißt nicht, Beliebiges tun zu können, sondern es heißt Vermögen und
Macht und Verantwortung dazu und dafür, das Not-Wendende zu tun und die "Notwendigkeiten"
so zu erkennen, anzuerkennen und zu verändern, daß das möglich wird. Wer und
was immer so geprüft wird und sich nicht gerne prüfen läßt, wird sich getroffen
fühlen. Ohne das geht es nicht, wenn wir gemeinsam den besten Weg zum gebotenen
Ziel finden wollen. Selbstgerechtigkeit steht der Gerechtigkeit, Selbstsucht
der Liebe und Selbstmitleid der Barmherzigkeit im Wege, und wir werden uns im
Blick darauf freimütig und offen kritisieren müssen, wenn wir den Weg zu einem
überzeugten Handeln finden wollen, das weder einem chaotischen noch einem
akklamativen Spontanismus erliegt, sondern dazu hilft, daß wir als Kirche in
der sozialistischen Gesellschaft unsere politische Mitverantwortung bewußt,
besonnen und entschieden wahrnehmen. Wir halten das weder für konservativ noch
für linksradikal noch für sektiererisch.
Alarmzeichen (1982-1983)
Über den real existierenden Sozialismus an die sich links
verstehenden Theologen unter seinen Verächtern (1982)
von Dick Boer
"Wir stehen
tiefer im Nein als im Ja." Mit diesem 'Wir' meinte Barth in seinem
Tambacher Vortrag "Der Christ in der Gesellschaft" (1919) die linken
Theologen, die wie er selber für den Sozialismus waren und deshalb gegen die
damals bestehende Ordnung, die Ordnung des real existierenden imperialistischen
Kapitalismus. 'Wir' linken Theologen stehen tiefer im Nein als im Ja, wir, die
von dem Gott reden müssen, der ein Sklavenvolk aus seinem
"Diensthause" herausgeführt hat, bekennen uns zu einem
grundsätzlichen Protest gegen alle Herrschaft, alles 'establishment'.
Aber was sollen wir
nun tun, wenn die Sklaven, die Unterdrückten, selber Herrscher werden, wenn
Arbeiter und Bauern selber die Macht ergreifen, eine bestehende Ordnung werden?
Wie sollen wir uns verhalten der Ordnung gegenüber, die seit 1917 in Rußland
besteht und seit 1949 auch in einem Teil Deutschlands? Liegt es nicht auf der
Hand, auch da tiefer im Nein zu stehen, die Negation der Negation zu betreiben?
Der real existierende
Sozialismus ist ja ohne jeden Zweifel ein Sozialismus mit einem menschlichen,
allzu menschlichen Gesicht, ohne jeden Zweifel eine bestehende Ordnung mit
allem, was dazu gehört: Bürokratie, Polizei, Armee. Was gibt es da nicht alles zu
kritisieren! Wie leicht ist es da, sich eine Gesellschaft auszudenken, die viel
besser und viel schöner ist als die real existierende sozialistische
Gesellschaft. Was können wir eigentlich anderes tun, als im Namen des Reiches
Gottes, des Eschaton, das große Nein auszusprechen, uns inspirieren zu lassen
von dem heiligen Geist als dem Geist, der stets verneint? Und so wenden wir uns
vom real existierenden Sozialismus ab und einem Jenseits dessen zu. Wir linken
wahrhaft kritischen Theologen.
Die Frage ist aber, ob
wir es hier mit einem Gebot des Evangeliums zu tun haben oder mit einer
Ideologie, in der Intellektuelle kleinbürgerlicher Herkunft ihre Reserven
gegenüber den Härten eines revolutionären Prozesses auf ihren Begriff bringen.
In jedem Falle soll man klar sehen, was die Konsequenzen einer solchen
permanenten Opposition sind.
Ist der Sozialismus
als bestehende Ordnung, als Staatsmacht, nur abzulehnen, dann ist er damit auch
(wieder) zur Utopie geworden und unser Protest nur "die phantastische Verwirklichung des
menschlichen Wesens" (Marx in "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie").
Und da hilft es uns auch nichts, wenn wir beteuern, daß es im Evangelium nicht
um einen Himmel jenseits der Geschichte geht, sondern um die Zukunft der
Geschichte; diese sogenannte Zukunft bleibt genauso jenseitig wie dieser
sogenannte Himmel. Kann dies das Gebot des Evangeliums sein: vom Eschaton
ausgehend dem real existierenden Sozialismus gegenüber nur Vorbehalte
anzumelden? Ist das der Kern des Evangeliums: der eschatologische Vorbehalt? Bedeutet das nicht
automatisch, daß die Kirche im Sozialismus zum Sammelbecken von Leuten mit
Vorbehalten wird, ein Freiraum der Opposition aller Art? Wollen wir das? Sollen
wir das wollen?
Ich beabsichtige mit
diesen Fragen nicht, jede Relation
zwischen Eschaton, Reich Gottes und dem real existierenden Sozialismus zu
verwerfen und damit eine schlechte Zwei-Reiche-Lehre zu befürworten. Hören wir
nur einmal Barths "Wir stehen tiefer im Nein als im Ja". Tiefer! Das
heißt doch, daß wir das Bestehende nicht schlechthin verneinen: es ist auf
Grund des Ja Gottes zu seiner Schöpfung primär auch unsererseits ein Ja zu
sagen, zu bekennen, daß in dem Bestehenden selbst die realen Möglichkeiten
liegen, es im Guten zu verändern. Das Eschaton, das Letzte, das auch das Erste
ist, nämlich das nicht als alles Mögliche, sondern als das Reich Gottes des
Schöpfers kommt, produziert Dialektik; das Bestehende ist in seiner
Relativität, als Übergang nicht für nichts da, sondern hat Perspektive. Wer
alles, was besteht, nur betrachten kann im Lichte der Vergangenheit, kann sich
das, was das Reich Gottes darstellt, nur als ein Jenseits vorstellen und zu
allem Bestehenden nur nein sagen (was meistens darauf hinausläuft, das
Bestehende total zu akzeptieren: verändern hat doch keinen Sinn). Wer aber das,
was besteht, betrachtet im Lichte der Schöpfung, kann auch und zuerst ja sagen
und in der und für die bestehende Ordnung hoffen. Dieser Mensch kann sich
freuen, wenn nun tatsächlich Unterdrückte mächtig werden, die Objekte der
Ausbeutung Subjekte der Befreiung. Er weiß auch wie jeder andere, daß das
Projekt einer klassenlosen, herrschaftsfreien Gesellschaft bisher noch nicht
gelungen ist. Aber er bekennt (mit den Worten des Kommunistischen Manifestes):
"Die Geschichte aller bisherigen
Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen". Bisherig, mit anderen
Worten: er weigert sich, aus dem, was bisher geschehen ist, die Schlußfolgerung
zu ziehen, daß die Geschichte überhaupt mißlungen ist.
Selbstverständlich
hofft er nicht für jede bestehende Ordnung oder für die bestehende Ordnung im allgemeinen.
Nicht nur das Nein, auch das Ja Gottes hat eine bestimmte Richtung, die
Richtung des Exodus des Sklavenvolkes. Aber diese Richtung, diese Bewegung
findet nicht statt jenseits des Versuches dieses Volkes, nun auch eine neue
Ordnung zu errichten, nicht ohne Beamte, Armee und Polizei. In dieser und auch
für diese bestehende Ordnung betend und arbeitend hat Israel sich zu bewähren.
Will ich nun damit
sagen, daß es die Aufgabe von Theologie und Kirche ist, den real existierenden
Sozialismus zu legitimieren? Keineswegs. Der Sozialismus braucht eine solche
Legitimation nicht, er ist ja Wissenschaft und eine mit dieser Wissenschaft
verbundene Praxis.(...)
Es geht also gar nicht
darum, daß die Theologie ihre Sache - die Verkündigung des Evangeliums - der
Sache des real existierenden Sozialismus unterordnen muß, daß sie, endlich befreit
aus ihrer Bindung an 'Kaiser und Tribun', sich nun bindet an die Ideologie des
Marxismus-Leninismus. Für den Sozialismus zu sein ist die eigene Freiheit eines
Christenmenschen; seine eventuelle sozialistische Entscheidung ist primär mit
den Mitteln seiner politisch-praktischen Vernunft zu verantworten.
Es geht aber wohl
darum, diese Freiheit zur Sachlichkeit möglich zu machen, zu befreien aus
solchen ideologischen Bindungen, die Sachlichkeit praktisch unmöglich machen,
zum Beispiel aus der Bindung an eine Ideologie, die behauptet, daß ein real
existierender Sozialismus per definitionem verwerflich sei, weil er eine
bestehende Ordnung sei.
Und ich denke, daß die
Versuchung für uns linke Theologen in dem und außerhalb des real existierenden
Sozialismus, uns dieser Ideologie auszuliefern, viel größer ist als die Gefahr,
'marxistische' Theologen zu werden. Eher sollten wir uns vorsehen, daß wir uns
nicht 'ärgern' an dem menschlichen, allzumenschlichen Gesicht des real
existierenden Sozialismus, daß wir ihm gegenüber nicht absolut skeptisch werden
und zwischen diesem zweifellos häßlichen und oft auch langweiligen Unternehmen
und dem Reich Gottes keine totale Trennungslinie ziehen, so daß alles, was
besteht, nur zu Grunde geht. Das ist meiner Meinung nach eine verfeinerte,
raffinierte Form der Legitimierung des in unserer Welt noch immer herrschenden
Anti-Sozialismus/Kommunismus, eine Legitimierung auch der damit verbundenen
Ideologie des historischen Pessimismus: das Reich Gottes als religiöse
Unterbauung des fatalen Gedankens, daß die Geschichte ein Fiasko sei.
Hier gilt es auch
nüchtern zu bedenken, daß der real existierende Sozialismus zwar eine Weltmacht
bildet, aber daß auch der real existierende Kapitalismus in seiner
imperialistischen Gestalt eine solche Weltmacht ist und entscheidend die
Möglichkeiten des Sozialismus eingrenzt: ökonomisch, politisch und nicht
zuletzt ideologisch. Den real existierenden Sozialismus als historische
Möglichkeit bejahen heißt deshalb auch, ihn als begrenzte Möglichkeit akzeptieren. Die bestehende sozialistische
Ordnung ist nicht einfach 'establishment', sie ist noch immer zuerst eine
bedrohte Ordnung, steht selber notgezwungen noch immer tiefer im Nein als im
Ja. Und ebenso nüchtern gilt es zu bedenken, daß die Diktatur des Proletariats
auch in einer vollkommenen Form, wie sie in Wirklichkeit nicht vorkommt, einfach
einen repressiveren Eindruck machen muß als die Diktatur der Bourgeoisie. Die
letztere hat ja eine ganze Menge von Möglichkeiten, ihre Gegner zu
disziplinieren, bevor sie unmittelbar, sichtbar repressiv wird, nämlich alle
die Möglichkeiten, die die kapitalistische Produktionsweise als
Produktionsweise bietet: wenn ein Manuskript im kapitalistischen Teil der Welt
nicht veröffentlicht wird, ist das im allgemeinen nicht explizite Zensur,
sondern wird begründet mit den Gesetzen des Marktmechanismus, und aus demselben
Grunde werden Menschen entlassen oder zum Schweigen verurteilt, zur Anpassung
gezwungen. In diesem Sinne ist die kapitalistische Weit tatsächlich eine
'freie(re)' Welt, während der real existierende Sozialismus, wenn er repressiv
wird, das auch ganz offen und ungeschützt ist.
Was wir, die linken
Theologen, tun könnten, aber viel zu selten tun, ist: statt den real existierenden
Sozialismus pauschal zu verachten, den Leuten Mut machen, bei der Sache zu
bleiben. Womit ich meine, daß wir lernen und dann auch lehren müssen, im
Sozialismus den Mut nicht zu verlieren, für die Sache des Sozialismus sachlich
zu kämpfen, daß wir lernen und lehren müssen, uns nicht zu verlieren in eine
totale Kritik, eine totale Utopie, die objektiv zu nichts führt.
Und erst, wenn wir das
zu erkennen gelernt haben, daß es ein evangelisches Gebot ist, nüchtern und
wachsam zu sein, kann auch richtig verstanden werden, daß das Gebot des
Evangeliums lautet, das Reich Gottes
zu predigen, das Reich, das nicht von
dieser Welt ist, und daß es deshalb geboten ist, nun auch 'enthusiastisch'
'schwärmerisch' zu sein. Dann können und müssen wir auch nüchtern und begeistert zugleich aussprechen, daß der real
existierende Sozialismus Gott sei Dank nicht das Ende aller historischen
Weisheit ist, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine Übergangsgesellschaft. Wir würden dem real existierenden Sozialismus
einen sehr schlechten Dienst erweisen, wenn wir ihn als ein Paradies
darstellten statt als den sozialistischen Staat, der er ist. (...)
Wir dürfen dem, was
Brecht "die Mühsal der Ebenen" genannt hat, nicht utopisch-religiös
aus dem Wege gehen, sie den armen SED-Genossen überlassen und uns selber einer
totalen Kritik widmen, die sich nicht in die konkrete Problematik hineindenkt,
sondern dieser vornehm entflüchtet. Wir dürfen diese Mühsal aber ebensowenig
beschönigen. Das wäre genauso unsachlich und würde gerade Unglauben, Skepsis,
Resignation, Aussteigertum produzieren, gerade den "Geist, der stets
verneint", den Geist, der uns linke Theologen immer wieder in Versuchung
führt.
Wir dürfen den real
existierenden Sozialismus weder verachten noch allzu feierlich betrachten. Ich
wollte auch eine solche Feierlichkeit nicht befürworten, indem ich der
Verachtung in der typischen Gestalt einer linken Theologie widersprach, die ihr
Prinzip Hoffnung gegen die alltäglichen Kämpfe ausspielt und so in den (Un)mut
der Verzweiflung führt. Jenseits von Verachtung und unkritischer Lobhudelei
liegt die Sachlichkeit, von der wir hoffen dürfen, daß sie nicht für nichts
ist.
"Schwerter zu Pflugscharen"?
Stellungnahme der Redaktion zur "Aufnäherfrage"
(1982)*
Mehrere Leser baten
uns, zu "Schwerter zu Pflugscharen" Stellung zu nehmen. Wir wollen
uns diesem Wunsch nicht entziehen. Aber wir halten die Frage für wichtiger, wie
Christen wirksam und vernünftig dem Frieden konkret darin dienen, daß sie
helfen, die Raketenstationierung in Westeuropa zu verhindern und also die
Gefahr eines Atom-Blitz-Krieges in Europa zu verringern, und daß sie weiterhin,
wie in den letzten Jahren begonnen, ihr Verhältnis zur sozialistischen
Gesellschaft in der DDR entkrampfen und nicht, kaum daß aus den USA wieder Töne
des Kalten Krieges laut werden, ihrerseits in einen "kalten Kirchenkrieg"
hineinschlittern. Denn er würde die Zusammenarbeit von Christen und
Nichtchristen für den Frieden erheblich belasten.
Nur in diesem größeren
Zusammenhang läßt sich die "Aufnähergeschichte" verstehen. Und dabei
ist nicht zu vergessen, daß wir, als die SOFD-Kampagne **
nicht das erwünschte Ziel und Ausmaß erreichte, gewisse Leute sagen hörten,
dann müsse man "sich was Neues einfallen lassen".
Das Friedensmahnmal,
das die SU der UNO schenkte, symbolisiert zum ersten den Appell an die
Vereinten Nationen, am Ziel einer vollständigen Abrüstung festzuhalten, zum
anderen das Angebot des kommunistischen Landes, dessen Geschichte mit dem
Dekret über den Frieden begann, auch mit Andersdenkenden für den Frieden zu
kooperieren. Es steht ja unter dem Mahnmal ein Wort, das zuerst Juden, Christen
und Muslims verpflichtet. ***
Als Christen in der
DDR dies Symbol zum Abzeichen machten, wollten viele damit zeigen, daß sie
nunmehr dies Angebot aufnähmen in dem Sinne: "Wir sind gemeinsam mit den
Kommunisten für Abrüstung!" Ein Abzeichen aber muß eindeutig sein. Jetzt
mißbrauchen diejenigen, die Polen destabilisieren wollten, indem sie das Wort
"Solidarität" mißbrauchten, um die Arbeiterklasse zu spalten, dieses
Symbol dazu, die Friedensbewegung zu spalten und die DDR zu destabilisieren.
Seitdem ist das Abzeichen mehrdeutig. Andere zeigen jetzt damit: "Ich bin
für Wehrlosigkeit des Sozialismus". Aus einem Zeichen der Kooperation für
den Frieden ist ein Zeichen der Konfrontation mit dem Sozialismus geworden. An
diesem Zeichen kann man keine Gleichgesinnten mehr erkennen, und damit ist es
sinnlos geworden.
Solch Diebstahl
ereignet sich in der Geschichte der Kirche wie des Sozialismus nicht zum ersten
Male. Was uns Christen betrifft, so brauchen wir uns nur zu fragen, was aus dem
"Gott mit uns" von Jes. 7,14 geworden ist, als es auf
Koppelschlössern stand? Diesmal sind Friedensfreunde kommunistischer wie
christlicher Provenienz die Geschädigten. Sollen sie darüber streiten, ob das
Symbol unwiederbringlich verloren sei oder wer es sich habe stehlen lassen?
Nein!
Auf das doppeldeutig
gewordene Zeichen kann man verzichten, muß man verzichten, gerade weil die mit
ihm bezeichnete Kooperation aller für den Frieden und das mit ihm bezeichnete
Endziel unverzichtbar sind.
Christian Stappenbeck Hanfried Müller
Zur "differenzierten Zustimmung" des WAK zum
DDR-Staat
Aus einer Stellungnahme des WAK zu einer Anfrage
der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland (1982)*
Im "Rundbrief 1/82 der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland hieß es:
"Nach der
Herbsttagung ... hatte ... ein Mitglied unserer Bruderschaft ... angefragt, ob
Vertreter des Weißenseer Kreises wegen ihrer differenzierten Zustimmung zum
DDR-Staat und auch seiner Sicherheits- und Militärpolitik für uns als
Kirchliche Bruderschaft der richtige Gesprächspartner seien. Wenn wir uns
selbst als Teil der Friedensbewegung in der Bundesrepublik verstünden, dann sei
unser Gesprächspartner in der DDR die dortige, von kirchlichen Gruppen
getragene Friedensbewegung:"
Der Weißenseer
Arbeitskreis nahm dazu in folgendem Brief an die Kirchliche Bruderschaft im Rheinland Stellung:
(...)
4.
Sie beschreiben unsere Stellung zu Staat und Politik in der
DDR als 'differenzierte Zustimmung'. Das trifft sicher zu. Der WAK ist kein
monolithischer Block. Was uns eint, ist eine theologische Grundhaltung, die
insbesondere im Darmstädter Bruderratswort und in den Sieben Sätzen über die
Freiheit der Kirche zum Dienen ** bezeichnet ist. Sie schließt gewisse
kirchenpolitische und politische Optionen ein, in denen wir zwar durchaus in
Einzelentscheidungen untereinander differieren, aber darin einig sind, daß wir
die Erhaltung des Friedens für unsere politische Hauptaufgabe halten, unsere
Pflichten und Rechte als Bürger eines sozialistischen Staates um des Gewissens
willen ernst nehmen und jeglichem Antikommunismus und Klerikalismus
widerstehen.
5. Ihren Satz über die
'von kirchlichen Gruppen getragene Friedensbewegung' in der DDR können wir so
allerdings nicht bestätigen:
a) In der DDR haben
seit dem Stockholmer Appell auch Christen die allgemeine, internationale, für
alle offene Friedensbewegung unterstützt. Durch Personalunion vieler seiner Mitglieder
war auch der WAK mit dem Friedensrat der DDR und der Weltfriedensbewegung eng
verbunden und ist es noch.
b) Die durchgängige
Behauptung in der bürgerlichen Presse Ihres Landes, 'die' Friedensbewegung in
der DDR sei spezifisch kirchlich und in ihrer Arbeit behindert, ist antikommunistische
Propaganda. Dieselben Kreise, die bis vor kurzem von 'der' 'kommunistischen
Friedensbewegung' redeten, die als Tarnorganisation BRD-verfassungsfeindlicher
Art verleumdet wurde, sprechen nun von 'der' 'unabhängigen', 'alternativen'
oder 'kirchlichen' 'Friedensbewegung', die in der DDR behindert und schikaniert
werde. Tatsächlich versucht man hier, den Begriff 'Frieden' als Schutzschild
für Gegnerschaft gegen das sozialistische System zu benutzen. Das ist gerade
darum verlockend, weil das sozialistische System bestrebt ist, alle Friedensbewegungen
zu schützen und zu dulden, selbst wenn sie ihm kritisch begegnen.
c) Wir verstehen, daß
hier für engagierte Beobachter in nicht-sozialistischen Ländern Probleme
aufbrechen. Je deutlicher in einem Lande das imperialistische System in
Erscheinung tritt, um so unvermeidlicher wird dort eine Friedensbewegung auch
systemkritische Züge annehmen. Der Gedanke, Systemkritik und Friedensengagement
gehörten notwendig zusammen, liegt dann sehr nahe. Aber er beruht unseres
Erachten auf einer falschen Verallgemeinerung. Wir geben zu bedenken: Sollte
die Friedensbewegung nicht konkret ihre Wertung der Systeme an deren Verhalten
zum Frieden prüfen und nur dort, wo ein System 'friedenskritisch' wird,
ihrerseits 'systemkritisch' werden?
(...)
6. Wenn es um den
Frieden geht, soll man mit jedem sprechen. Und gerade das Gespräch der
Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland mit der sogenannten kirchlichen
Friedensbewegung in der DDR könnte denjenigen, die sich hier gewiß zum Teil
ehrlich und gutwillig engagieren, zu größerer Reife und Klarheit helfen, wenn
es von den rheinischen Schwestern und Brüdern mit der Klarheit geführt wird, mit
der sie selbst die gefährliche Wirkung des NATO-Doppelbeschlusses und des
Antikommunismus erkennen. Wir denken, daß die rheinischen Schwestern und Brüder
hier vielleicht Wesentlicheres als wir selbst an Überzeugungsarbeit für unsere
gemeinsame Sache leisten könnten. Sie würden dabei auch die Schwächen dieser
Friedensemotionen kennenlernen, die einer individuellen, von Kontaktangst
gegenüber säkularer Friedensbewegung beseelten und allzu gesinnungsorientierten
Engführung bestehen, und sie mit überwinden helfen können.(...)
Einige Randbemerkungen zu einigen Randerscheinungen
zwischen Kirche und Kultur in der DDR (1982/83)
von Hanfried Müller
"Dissidenten"
- Unser Thema?
Renegaten des
Sozialismus hat es immer gegeben. Sie liefen offen in das bürgerliche Lager
über. Dort wurden sie propagandistisch verheizt - und dann vergessen.
Abweichungen von der
Parteilinie hat es auch immer gegeben. Sie wurden im Laufe der Geschichte
dialektisch aufgehoben und dienten objektiv aufs Ganze gesehen der politischen
und theoretischen Reifung sozialistischer Ideologie im Prozeß innerparteilichen
Meinungsstreites.
Aber Renegaten und
Abweichler kamen selten zur Kirche. Und die verbürgerlichte Kirche sah in ihnen
- nicht ohne Schadenfreude, daß die Revolution ihre Kinder fresse - immer noch
Kommunisten, die ihr suspekt blieben, auch wenn sie enttäuscht, gescheitert und
mit ihrer Partei zerfallen waren, es sei denn, die fortschrittliche
Vergangenheit solcher Überläufer war verständlich als Jugendsünde, die man mit
ihnen gemeinsam vergessen konnte.
Anders steht es
offenbar hier und heute mit denen, die die Westmedien "Dissidenten"
nennen, ein etwas beschönigender Ausdruck, einst benutzt für Konfessionslose im
"christlichen" Staat - aber bleiben wir mit Vorbehalt bei diesem
selbstgewählten Titel. Dabei verstehe ich unter "Dissidenten"
diejenigen, die sich der Unterstützung von Antikommunisten erfreuen und bedienen,
während sie sich Kommunisten nennen und den realen Sozialismus attackieren,
wenn sie als Genossen ihre Partei angreifen. Einige solcher Dissidenten sind
nicht nur ihrer Partei entlaufen, sondern der Kirche zugelaufen - oder auch von
ihr eingefangen worden, und darüber hinaus findet ihr Lebensgefühl Widerhall am
Rande einiger unserer jungen Gemeinden.
Darum stehen hier
nicht nur die Kommunisten und ihre Partei vor der Frage geistiger Disziplin im
Blick auf ihre Kulturpolitik. Darum stehen hier auch nicht nur wir alle als
bewußte Bürger unserer sozialistischen Demokratie - parteigebundene wie
parteilose - vor der Aufgabe, kulturelle Sauberkeit und den Willen zu
klassischer Reife unserer sozialistischen Kultur gegen den Bazillus der Skepsis
zu schützen, der - mit Subjektivismus, Resignation und Kapitulantentum
durchsetzt - aus der Sumpflandschaft eines benachbarten gesellschaftlichen
Biotops in unsere Kulturlandschaft herüberweht. Darum vielmehr stehen auch wir Theologen vor dem Problem, wie unsere
Kirchen denen, die ihnen hier zulaufen oder zu ihnen überlaufen, begegnen
sollen und was sie ihnen zu sagen haben.
Dabei wollen wir nicht
vergessen: Ähnlich wie die "Chaotenszene" in den imperialistischen
Ländern ist die "Dissidentenszene" bei uns auffälliger, als es ihrer
gesellschaftlichen Bedeutung entspricht. Diese "Sozialismuskritik"
schießt auf wie Unkraut im Acker und täuscht eine Größenordnung vor, die sie
nicht hat; so wie die Kornblumen und Mohnblumen mit ihren leuchtenden Farben
mehr ins Auge fallen als die Überzahl der Ähren in ihrem unscheinbaren Grün und
Gelb. Und auch daran sollten wir denken: Es ist ein Zeichen der humanen Stärke
unserer Gesellschaftsordnung, daß viele "Aussteiger", die einst im
verfaulenden Feudalismus zu Raubrittern wurden und die unter den Bedingungen
des Wolfsgesetzes des Kapitalismus zu Terroristen geworden wären, bei uns nur
zur Feder greifen und nicht zu Bomben und ihre Partei und ihren Staat nur unter
Prestigedruck setzen, aber nicht mit Geiselnahmen erpressen. Gewiß, auch unsere
"Anarchisten des Geistes" lechzen nach spektakulären Auftritten und
neigen zum Herostratentum - jedoch eine Sensation in unserer Gesellschaft
möchten sie zwar sein, sind es aber nicht. Das sind sie nur im Zerrspiegel
antikommunistischer Propaganda, es sei denn, daß wir sie ernster nähmen, als
sie es verdienen, oder sie fürchteten und darum den Kopf vor ihnen in den Sand
steckten.
Trotzdem ist dieses
Thema zweifellos ein heißes Eisen, an dem man sich die Finger verbrennen kann -
zumal als Theologe. Von Anfang an wohnt diesem spezifischen
"Dissidententum" eine Tendenz zu ideologischer Koexistenz inne - seinen
ersten Keimen bin ich wohl nicht zufällig 1967 bei der Paulusgesellschaft in
Marianske Lazne begegnet (damals sprach man noch von "Nonkonformisten").
Dieses Dissidententum hat nämlich eine religiöse - gewiß keineswegs eine
christliche - Komponente. Es verwandelt die Wachstumsschmerzen der
sozialistischen Gesellschaft in allgemein menschliche Kategorien, in
Existentialien. Es fühlt sich selbst und die Gesellschaft von fremden,
unveränderlichen und anonymen Mächten beherrscht und widerspiegelt sie ungläubig-gläubig,
skeptisch und utopistisch zugleich, über alle gesellschaftliche Realität höchst
widerspruchsvoll räsonierend und doch hoffnungslos-gläubig ein Jenseits zu
diesem Diesseits im "Prinzip Hoffnung" suchend. Hier fallen ein oberflächlicher
Materialismus und unverdaute Resterinnerungen marxistischer Schulbildung mit
uralten religiösen Sehnsüchten des Menschen nach Frieden mit sich selbst
zusammen. Das Evangelium aber spricht von Frieden mit Gott und nennt auch die
vergeistlichte Selbstsucht des Menschen, die religiöse Selbstsucht, Sünde.
Wer sich mit solchen
Phänomenen ideologischer Koexistenz befassen will, läuft von jeher Gefahr, ihr
selbst zu erliegen. Aber dieses heiße Eisen kann zum Brandherd werden, wenn man
sich scheut, es anzugreifen. Und es ist allemal wichtiger, Brandherde auszuräumen,
als sich selbst vor ein paar Brandblasen zu schützen.
Was treibt sie zu uns,
diese skeptischen Pessimisten?
Kommen sie aus
enttäuschter Liebe zum Sozialismus, als sich verraten Fühlende, oder aus
enttäuschter Eitelkeit und schon bereit zum Verrat? Ähneln sie seelisch
Verwundeten, die ins eigene Feuer geraten sind, oder im Klassenkampf
Erkrankten, die an der notwendigen Disziplin zerbrochen sind, weil ihnen die
Lösung der Dialektik von Initiative und Pflicht, von Verantwortung und Gehorsam
mißlang, weil es ihnen an der Weisheit gebracht, die Kleist's Drama des
"Prinzen von Homburg" durchzieht? Oder erinnern sie mehr an Coriolan,
den römischen Feldherrn, der aus gekränktem Ehrgeiz die Fronten wechselte?
Kommen sie als Flüchtlinge, als Überläufer oder als Diversanten?
Kommen sie, weil sie
in der Kirche einen "Freiraum" wittern, in dem man gesellschaftlich
unkontrolliert, darum aber auch politisch verantwortungslos, quälende Probleme
erörtern kann ohne den Zwang, sie zu lösen? Kommen sie, weil man in einigen
unserer Kirchen so billig Beifall findet, wenn man gegen den Sozialismus
aufgestaute Emotionen entlädt, weil man hier nur selten auf Widerspruch stößt,
wenn man politische Unreife zeigt, weil hier so viel von
"Entscheidung" geredet und so selten verantwortlich entschieden wird,
weil hier ewiges Suchen, das niemals finden möchte, so leicht als Freiheit von
"Ideologie" bewundert wird und weil hier Neutralismus und
Nonkonformismus oft als Freiheit gelten?
Kommen sie auf ihrem
Wege von Ost nach West bei uns vorbei, weil sie mancherorts in unseren Kirchen
ein Stück der westlichen Welt mitten in der sozialistischen Gesellschaft zu
sehen meinen? Benutzen sie uns als Schleusen, um sich, wie sie vielleicht
meinen, heben und in Wirklichkeit senken zu lassen auf das Niveau des
Wasserspiegels einer anderen gesellschaftlichen Ordnung und Mentalität, die
attraktiv auf sie wirkt, weil ihnen deren Anarchie als Freiheit erscheint? Denn
die dort - personal wie sachlich - herrschende Vereinzelung des
Einzelnen erspart ihnen, die die Welt emotional meistern möchten, die Mühe des
Denkens, das alles im Zusammenhang und aus dem Zusammenhang begreifen,
analysieren und konstruieren muß.
Personal ist ja dort das Individuum sich selbst
das erste Problem. Nicht in seinem Einfluß auf die Gesellschaft, sondern in
seiner Unabhängigkeit von ihr sucht es seine "Freiheit". Das
"Ich" fragt auf sich selbst bezogen und eigentlich a-sozial nach
seiner "Identität"; dort geht es in der "Kreativität" mehr
um die Subjektivität des Schaffens als um die Objektivität des Werkes; dort
gilt im Konkurrenzkampf die "Originalität" von Ideen mehr als ihre
Wahrheit, und Mode gilt mehr als Fortschritt; dort kann man im schnellen
Wechsel ideologischer Formen mit neuen "ismen" und Kunstrichtungen in
Marktlücken stoßen wie Aktiengesellschaften und kann mit geistigen
Scheingründungen spekulieren, die nicht nur "Ruhm", sondern auch Geld
bringen.
Sachlich kann man dort das
Konkrete mit dem Isolierten verwechseln; man ist entbunden von der echten
Aufgabe der Kunst, im Mikrokosmos des Konkreten und Individuellen den Makrokosmos
des Allgemeinen und Universalen zu zeigen; dort braucht man die Welt nicht mehr
in ihrem Zusammenhang und in ihrer Entwicklung zu sehen; man kann auf die
geistige Anspannung im Blick auf das Ganze und auf analytische Vernunft
verzichten und sich statt dessen an das reflexiv menschlich-subjektiv
Vereinzelte klammern - vermeintlich wahrhaft konkret und in Wahrheit tödlich
abstrakt, weil vom dialektisch bewegten Zusammenhang und Widerspruch aller
Dinge in ihrer Entwicklung abstrahierend: dort erscheint die Subjektivität als
die Wahrheit.
Ist es dieser Geist
des Relativismus und Indifferentismus - der ja leider aus dem Westen importiert
auch unsere Theologie oft infiziert -, der so attraktiv wirkt, weil er
Scheinlösungen bietet gegenüber der Erkenntnis dialektischer Relationen, die
zwar die Metaphysik überlieferter
Erkenntnis und Moral aufheben, aber doch nicht die Verbindlichkeit des Denkens und Handelns, der Weltanschauung und
Ethik, deren wir dringender denn je bedürfen?
Oder kommen sie
zielbewußter, weil sie Masseneinfluß suchen, weil sie meinen, in unseren
Kirchen die Räder zu finden, auf die sie ihre Transmissionsriemen legen können,
um aus einer Kirche, die wegen ihrer antirevolutionären Vergangenheit immer
noch eine potentiell reaktionäre Institution ist, wenn möglich eine aktuell
konterrevolutionäre Organisation zu machen? Kommen sie - für die sozialistische
Öffentlichkeit nur mittels Westsendern existent - zu uns, um nicht länger Made neben dem Apfel zu sein, sondern um nun
dank kirchlicher Öffentlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft Made im Apfel zu werden? Kommen sie als Versucher,
um dem apolitisch-latenten altmodischen Antikommunismus, den es bei uns
natürlich auch noch gibt, den modernen Stempel einer scheinsozialistischen
Sozialismuskritik aufzuprägen, die heute und hier politisch effektiver
erscheint?
Oder aber kommen sie
nur, weil sie Trost suchen in ihrer Verzweiflung am Sozialismus, den sie nicht
mehr verstehen, aber doch noch wollen? Der, auch wenn sie mit ihm zerfallen
sind, noch irgendwie ihre Sache ist? Möchten sie, die doch alles wissen müßten,
was Karl Marx gerade über den Trostcharakter der Religion als ihre Opiumsfunktion
gesagt hat, in tiefer Resignation bei uns anfragen, ob denn nicht wir ihre
Tränen trocknen könnten über den realen Sozialismus, der ein anderer ist als
der, den sie gemeint hatten: Ein gewaltiger Fortschritt, aber eine reale
menschliche Gesellschaft, in der es auch "menschelt", und nicht ein
Reich von Engeln in Menschengestalt?
Und wenn's so wäre,
welchen Trost suchen sie? Den Trost, den der weggelaufene Ehemann darin sucht,
daß seine Freundin ihm bestätigt, seine Frau sei ein Scheusal? Den Trost, der
eine Beichte ohne Reue kennt? Oder den Trost, der stark dazu macht, umzukehren
und die hingeworfene Verantwortung wieder aufzunehmen, den Trost, der Kritik in
Selbstkritik wandelt?
*
Ich habe ein wenig
über Gründe spekuliert oder meditiert - wie man will - , die
"Dissidenten" zur Kirche treiben könnten. Sie alle mögen eine gewisse
Rolle spielen, und viele werde ich nicht erkannt haben. Es geht auch nur um
einen Versuch, die zu verstehen, die wir - kommen sie zu uns - barmherzig
anzuhören, mit denen wir zu sprechen und denen wir dann allerdings auch etwas
zu sagen und nicht einfach eine
Selbstbestätigung zu geben haben. Wichtiger aber als diese Frage nach den
Gründen im Sinne der Beweggründe, der Motive dafür, daß sie zu uns und gerade
zu uns kommen, ist die Frage nach den Gründen im Sinne der Ursachen für ihre Abwendung
von ihrer Partei und für ihre Hinwendung zur Kirche, die ja für sie nicht
Kirche, sondern sozial-politische Alternative zu ihrer bisherigen Umgebung ist.
Zu diesen Ursachen gehört sicher auch, daß wir im Sozialismus so Kirche sind,
wie wir es sind. Und wir werden uns angesichts dessen, daß wir den Dissidenten
als Transitstraße auf ihrem Wege vom Sozialismus zur Konterrevolution
erscheinen, fragen müssen: dürfen und sollen wir in dieser Weise Kirche im
Sozialismus sein? Ich denke, auch durch die Anziehungskraft, die unsere Kirche
offenkundig auf sie ausübt, ist uns die Frage gestellt nach der Reformation der
Kirche, die Frage, wie die "Kirche" zur Kirche wird.
Ursachen
Man müßte weit zurückfragen,
wenn man die Ursachen der pseudosozialistischen Sozialismuskritik so erfassen
wollte, daß man den Versuchungen begegnen könnte, die hier auf unsere Kirchen
zukommen; und darum geht es mir ja. Zwar hielte ich es für ein nützliches
Abfallprodukt meiner Kritik, wenn sie auch unsere sozialistische Kultur ein
bißchen vor den Versuchen, sie nihilistisch zu zersetzen, und vor Erscheinungen
von Resignation und Pessimismus schützte. Aber es geht mir zuerst darum, daß
wir uns als Kirche nicht so mit dem Bazillus dieser
"Sozialismuskritik" infizieren, daß wir selbst zum Infektionsherd
werden und dann als die, die berufen sind, Kranke zu heilen, Gesunde krank
machen.
Solchen Schaden haben
wir schon angerichtet, indem wir nämlich die Foren gestellt haben, auf denen
sich ehemalige Kommunisten, die die Orientierung verloren haben, mit Teilen
unserer Jugend, die noch keine klare Orientierung gewonnen haben, trafen. Wir haben
ihn angerichtet, wo wir politisch Ungebildeten über ökumenische Kanäle geistige
Strömungen fremder Gesellschaftssysteme vermittelt haben, die dort, wo sie
herkommen, meist ganz andere Funktionen haben, als sie hier erhalten, wenn sie
bei uns ankommen.
Um solchem Schaden zu
wehren, frage ich hier nur nach den subjektiv-ideellen Faktoren, die in der
Begegnung der Kirche mit "Dissidenten" eine Rolle spielen. Denn dabei
geht es primär - und beschränkte sich die Kirche legitim allein auf ihren Auftrag,
sogar nahezu ausschließlich - um die Ebene des Bewußtseins und der
Bewußtseinsbildung - durch Gespräche, Argumentation, Meinungsstreit, allerdings
auch durch Ausdruck von Emotionen und Schaffung von Stimmungen. Aber wenn ich
mich solchermaßen in der Kritik auf die geistigen Erscheinungen konzentriere,
darf zweierlei nicht übersehen werden, auch wenn ich es hier nicht behandeln
kann: Zum einen die Realität, daß die Kirche als gesellschaftlich anerkannte
religiöse Institution einen "Freiraum" bietet und als
gesellschaftlich relevante Organisation Kontakte vermittelt - und dabei
keineswegs nur geistig und verbal, sondern höchst materiell und real Politik
macht. Und zum anderen ist jede Betrachtung des Problems dieses
"Dissidententums" oberflächlich, die nicht die ihm zugrundeliegenden
ökonomischen, sozialen und politischen Faktoren wenigstens andeutungsweise
mitbedenkt. Sie spielen eine viel grundlegendere Rolle als die verschiedenen
ideologischen Ausdrucksformen dieser angesichts der historischen Entwicklung
Irritierten.
Zu diesen Faktoren
gehört zum Beispiel - um hier mehr als Beispiele zu bieten, bedürfte es einer
grundsätzlicheren Analyse - , daß Denkschablonen und Verhaltensmuster von
Künstlern und Intelligenz aus der Zeit kleinbürgerlicher Existenz dieser Kreise
im Kapitalismus natürlich auf die Erben dieser Schicht auch noch im Sozialismus
nachwirken. Zwar kooperieren sie im Sozialismus mit der Arbeiterklasse. Aber
damit allein sind sie natürlich noch nicht in der Lage, mit den Problemen des
internationalen Klassenkampfes und ihrer Dialektik intellektuell, moralisch und
emotional selbständig fertigzuwerden. Gerade in internationalen Fragen wie der
Frage des Gegenübers der Weltsysteme und des Frieden neigen sie dazu, neutral
zwischen den Klassen zu schwanken. Dazu gehört auch, daß die Antennen in diesen
Köpfen noch ansprechen auf das Krisenbewußtsein und die Krisenideologien, die
in kapitalistischen Ländern gerade relativ fortschrittliche Teile der
Intelligenz unter der Einwirkung der Krise erfassen. Dazu gehört ferner die
Nachwirkung der Tendenz, solche ideologische Widerspiegelung der imperialistischen
Krise formalistisch und verkehrt auf unsere Gesellschaft zu übertragen und sie
als Ausdruck für die Belastung zu benutzen, der unsere sozialistische
Wirtschaft und Gesellschaft keineswegs nur durch internationale
Krisenauswirkungen ausgesetzt ist, sondern vielmehr durch die Wiederaufnahme
des kalten Krieges mit einem so noch nicht dagewesenen Rüstungsdruck und
gleichzeitiger wirtschaftlicher Aggression. Dazu gehört sicher auch die
Schwierigkeit, geduldig, diszipliniert und organisiert den optimalen Umgang mit
den Instrumenten des demokratischen Zentralismus und der sozialistischen
Demokratie einzuüben, ohne gleich bei jedem Lehr- oder Lernfehler depressiv
über "Diktatur" zu jammern oder manisch nach
"Basisdemokratie" zu rufen.
"Dogmatismus"
- Ein "rotes Tuch"
Der wissenschaftliche
Sozialismus ist keine Ersatzreligion. Von dieser These nehme ich nichts zurück.
Der wissenschaftliche Sozialismus ist seinem Wesen nach auch kein Ersatz der
Religion. Dabei verstehe ich unter Religion die Neigung des natürliche
Menschen, sich zum Trost und zur Erklärung der Welt "Götter zu
machen", sich unbeherrschten Mächten in Natur und Geschichte willig zu
unterwerfen, sie "anzubeten", statt "sich die Erde
untertan" zu machen. Daß der Kommunismus weder Ersatzreligion noch
Religionsersatz ist, schließt aber nicht aus, daß er immer wieder einmal
manchen Individuen subjektiv die Religion ersetzte und daß sie sich zu ihm
"religiös" verhielten. Langwierig und widerspruchsvoll nämlich stirbt
die Religion in der historischen Übergangsepoche. Sie lebt noch, indem sie
stirbt; und sie stirbt schon, indem sie noch lebt.
Denn noch nicht die Erkenntnis der historischen
Gesetzmäßigkeiten allein, sondern erst ihre gesellschaftlich wirkungsvolle Anwendung hebt das religiöse Bewußtsein
auf. "...wenn der Mensch also nicht mehr bloß denkt, sondern auch lenkt,
dann erst verschwindet die letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in der
Religion widerspiegelt" (Engels) Solange
"der Mensch", das heißt die Gesellschaft, historisch-gesellschaftliche
Prozesse noch nicht im Weltmaßstab beherrscht, wird sich das religiöse
Bewußtsein reproduzieren.
Dabei ist es
zweierlei, ob mumifizierte, inhaltlich abgestorbene religiöse Elemente, die in
der Vergangenheit in der religiösen Erziehung Verhaltensmuster geprägt haben,
noch bei solchen proletarischen Massen nachwirkten,
die bereits von bewußten, wissenschaftlichen Sozialisten geführt wurden - ein
Erscheinungsbild, das in den kommunistischen Massenparteien in der ersten
Hälfte unseres Jahrhunderts auftrat -, oder ob eine mit der Arbeiterbewegung in
Berührung gekommene Intelligenz in kritischer Distanz zum realen Sozialismus
eine moderne Religiosität im Verhältnis zum Sozialismus reproduziert, wie wir das seit dem Ende der fünfziger Jahre im
Randfeld sozialistischer Kultur beobachten.
Im ersten Falle ging
es eigentlich nur formal um etwas Schein-Religiöses. Die Opfer des bürgerlichen
Bildungsmonopols mußten sehr schnell einen intellektuellen Nachholbedarf
decken, um ihrer historischen Mission zu entsprechen. Dabei rangierte - auf
Grund historischer Notwendigkeit und also nicht ohne historisches Recht! - die
Aneignung schon gewonnener Erkenntnis anderer vor eigenem Erkennen, Lernen vor
Denken, der Wille zur Lösung vor dem Erfragen der Probleme. Die Dialektik
selber wurde metaphysisch angeeignet, ein Prozeß des Erkennens wie ein Lehrsatz
des Erkannten gelernt. So entstand ein Widerspruch, der vorwärtsschreitend
gelöst werden mußte. Der Widerspruch, daß die Quelle
historisch-dialektisch-materialistischen Prozedierens, das Schrifttum der
Klassiker zum "Schriftkanon" im Sinne "heiliger Schriften"
geworden war, daß die Erkanntes fixierenden, aber problemgeladenen und als
Instrumentarien des Fortschritts formulierten Formeln der Partei als
"Dogmen" mißverstanden worden waren und daß die historischen Führer
der Arbeiterbewegung, in denen sich deren Reife und Unreife wie die Strahlen in
der Linse sammelt und bricht, nicht mehr nüchtern als geschichtlich bestimmte
und bestimmende Persönlichkeiten in ihrer Größe, Tragik und Schwäche gewürdigt,
sondern wie "Heilige" in einem Personenkult verehrt worden waren.
"Kanon",
"Dogma" und "Lehramt" schienen gegeben. Die Geschichte von
der Urgemeinde zum "Frühkatholizismus" schien in der Geschichte der
kommunistischen Bewegung eine Analogie zu finden. Das Trugbild einer
"konstantinischen" Wende bei der Realisierung der Idee des
Sozialismus durch materielle Gewalt dämmerte auf. Unbesonnenen, die nicht
dialektisch, materialistisch, historisch denken konnten, bot sich verführerisch
der Stoff zu "Religionskritik" am wissenschaftlichen Sozialismus. Sie
hielten, was in der Kirche illegitim war, in der Partei, die ihnen zur Kirche
wurde, für ebenso illegitim und nahmen es zum Anlaß, die Partei zu
"reformieren".
Muß ich hinzufügen:
der Schein täuschte - und andeuten, inwiefern? Zum einen: Was hier am
Sozialismus hervorgehoben wird, als sei es der Konsolidierung im
Frühkatholizismus vergleichbar, das war ja gerade des letzteren Verweltlichung.
Durch Kanon, Dogma und monarchischen Episkopat hat sich der Katholizismus als diesseitige Macht realisiert und
behauptet. Damit wurde der Auftrag der Kirche verraten - darum, weil die Kirche nicht berufen ist, weltliche
Macht auszuüben. So aber verrät doch eine politische Partei nicht ihr zur
Revolutionierung "weltlicher Macht" gedachtes Programm. Allenfalls
kommt es zu einer Disproportion zwischen den dialektisch-fortgeschrittenen
Inhalten ihres Bewußtseins und metaphysisch-zurückgebliebenen Formen seiner
Zueignung und Aneignung, die überwunden werden muß. Zur Erklärung dieses
Phänomens eines zeitweiligen und teilweisen Stagnierens in Scholastik,
Dogmatismus und Personenkult aber sind gerade nichtreligiöse Vergleiche
inhaltlich treffender:
Zwar wird das Gebäude
des Kommunismus auch darum gebaut, damit jedes Glied der Gesellschaft nach
seinen persönlichen Fähigkeiten die gesellschaftliche Möglichkeit hat, ein Marx
und Engels zu werden; aber unter den Bedingungen des Kapitalismus und der
Übergangsepoche ist das unmöglich. Weder Architekten noch Maurer können schon
in dem Haus wohnen, an dem sie gerade bauen. Ihr Bewußtsein wird vom Bauplan
nach vorn orientiert. Wäre es nur Widerspiegelung des schon Gegebenen, bliebe
es zurück. Erst mit dem Sozialismus entstehen die Bedingungen, unter denen sich
das sozialistische Bewußtsein selbständig und diszipliniert als sachbezogen
programmatisches Denken aller
entfalten kann. Wollten wir den Sozialismus aufbauen unter der Bedingung, daß
nur - im subjektiven Sinne des Wortes - "wissenschaftliche" (soll
heißen: theoretisch selbständig die historische Konzeption des Sozialismus
weiterdenkende) Sozialisten mitarbeiten könnten und dürften, dann müßten wir
den Sozialismus zur Freude der Bourgeoisie aus der Programmierung historischer
Wirklichkeit zurückverwandeln in das Phantom einer Utopie und ihn in der
historischen Realität auf den St.-Nimmerleinstag vertagen. Es ist leicht, sich
Anlaß zur Kritik am realen Sozialismus zu ersparen, indem man sich die
Realisierung des Sozialismus erspart.
Diese Realisierung
kann aber nur so geschehen, daß die gesellschaftliche Wirklichkeit, die es zu
verändern gilt, zugleich noch einwirkt und nachwirkt auf diejenigen, die sie
verändern. Die Erbauer des Sozialismus sind ja nicht nur von ihrem Ziel
bestimmt, sondern auch von ihrer Vergangenheit und Geschichte. Und überdies
setzt ihnen der Imperialismus in der Konfrontation Grenzen, die sie nicht
utopisch ignorieren oder ahistorisch negieren können, wenn sie sie im
historischen Fortschritt überwinden wollen.
So entstehen
unvermeidlich innere Widersprüche, die selbstkritisch analysiert und objektiv
gelöst werden müssen. Individuelles Räsonieren und intellektuelle Beckmesserei
helfen hier nichts. Und sogar die selbstkritisch-kollektiven Lösungen führen zu
neuen Problemen auf höherer Ebene. Hob zum Beispiel der XX. Parteitag der KPdSU
die "positiv-religiöse" Selbstherrlichkeit in Personenkult und
Dogmatismus auf, weil sie schon zu lange aus einem Instrument zu einem Hemmnis
der Entwicklung geworden war, so schwankten alsbald einige in einen
Subjektivismus hinüber, der zu "negativ-religiöser"
Selbsterniedrigung neigte, indem er die objektive, kollektive, weltverändernde
Selbstkritik religiös verinnerlichte zu einer sozialistischen Bußbewegung bis
hin zur Selbstzerfleischung. Ein vermeintlicher Reinigungsprozeß setzte ein,
bei dem moralistische "Selbstkritiker" des Sozialismus die Zwiebel
des realen Sozialismus so gründlich schälten, bis schließlich für sie kaum noch
etwas von ihr übrig blieb. Und sie verhielten sich dabei in ihrer destruktiven
Skepsis um nichts weniger doktrinär als die typischsten Dogmatiker in ihrer
optimistischen Selbstsicherheit. Sie teilten übrigens mit den "orthodoxen
Dogmatikern" auch die idealistischen Normen. Nur wo jene den Widerspruch
zwischen diesen Normen und der Wirklichkeit durch Schönfärberei übertünchten,
machten sie aus diesen Normen, die doch Wegweiser zum Ziel sind, ein Gesetz,
nach dem sie die Realität verurteilten, statt schrittweise an den Bedingungen
ihrer weiteren Veränderung mitzuarbeiten.
Bei dieser religiös
verinnerlichten Kritik am realen Sozialismus haben wir es aber nun nicht mehr
nur mit dem Schein des Religiösen zu
tun, mit dem Abstrahlen eines schon erloschenen Sternes wie in der nur
scheinbaren "positiven" Religiosität des Dogmatismus und Personenkults,
sondern mit einer Selbstreproduktion einer Religiosität ohne Religion. Sie
prägt, wenn ich recht sehe, viele am Sozialismus kleinbürgerlich resignierende
Intellektuelle, die zu uns kommen.
Subjektive Religiosität
in der "Sozialismuskritik"
Es dürfte dafür eine Ursache geben, die verschiedene
Wirkungen zeitigt.
In der reaktionär
gewordenen spätbürgerlichen Gesellschaft erreicht die Naturbeherrschung der
Menschen durch Wissenschaft und Technik immer größere Erfolge, während die
Abhängigkeit der Menschen von den von ihnen selbst produzierten
Produktionsmitteln als von einer fremden Macht ebenfalls wächst und die
gesellschaftliche Selbstbeherrschung immer mehr verkümmert. Darum werden zwar
die Bezüge zur materiellen Welt der Dinge und Kräfte immer realistischer im
Bewußtsein erfaßt und die gegenständliche Metaphysik religiöser Welt-Anschauung tritt hinter einem
überwiegend naturwissenschaftlich materialistisch geprägten Weltbild zurück;
darum aber auch werden die gesellschaftlichen Abhängigkeiten immer
phantastischer widergespiegelt und ein subjektiver, ja subjektivistischer
Idealismus steigert sich zu einem religiösen Selbst-Verständnis bis ins Absurde. Das Ergebnis: Die objektive
Religion mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch in Dogma und Ethos stirbt aus,
aber um den Preis, daß eine subjektive Religiosität zunächst aufblüht - vom
blühenden Sektenwesen über die Spielarten einer solchen vermeintlich
christlichen Theologie, die sich selbst als Illusion und zuweilen als religiöse
Demagogie versteht, bis dahin, daß ein Philosoph und Physiker wie
C.F.v.Weizsäcker in mystischer Versenkung nach dem Vorbild asiatischer
Religiosität Elevationen erlebt haben soll.
Aber was solchermaßen
begründet ist in der gesellschaftlich bedingten Disproportion zwischen einer
hochentwickelten Naturwissenschaft, die zur Produktivitätssteigerung
unentbehrlich ist, und einer Gesellschaftswissenschaft, die unterentwickelt
bleibt, weil sie sonst nur die Produktionsverhältnisse problematisieren und
erschüttern könnte, das wirkt natürlich unvermeidlich auch über die Grenzen des
Imperialismus, in dem diese Disproportion notwendig auftritt, hinaus. So wird
es aus drei Gründen auch bei uns, wenn auch mittelbar, partiell und gebrochen,
wirksam.
Erstens: Auch wir
leben in und mit unserer sozialistischen Gesellschaft in einer Gesamtwelt und
Epoche, die zwar grundlegend durch die Aufgabe des Übergangs vom Imperialismus
zum Sozialismus im Weltmaßstab bestimmt ist. Zugleich aber prägt der
Grundwiderspruch des Kapitalismus und die Anarchie seiner Produktion noch die
Weltwirtschaftsbeziehungen insgesamt, und das imperialistische
Expansionsstreben wirkt mittelbar und unmittelbar ein auf die internationalen
Beziehungen. Von Krise und Kriegsgefahr, so eindeutig sie vom imperialistisch
beherrschten Teil der Welt ausgehen, wird die ganze Welt betroffen. Das heißt
aber: Im Weltmaßstab kann "der Mensch", die Gesamtmenschheit, noch
nicht denken und lenken. Hier wirkt
noch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, hier tobt noch der Klassenkampf,
hier droht noch der imperialistische Krieg - und so wird hier noch Abhängigkeit
von unbeherrschten gesellschaftlichen Mächten erfahren, die religiöser
Widerspiegelung zugänglich ist. Weil diese Weltprobleme auch die sozialistische
Gesellschaft in Mitleidenschaft ziehen, können sie auch in ihr, wenn sie
emotional-unreflektiert, ohne nachzudenken, spontan widergespiegelt werden,
Religiosität reproduzieren.
Zweitens: Der
Imperialismus führt gerade gegenwärtig einen erbarmungslosen Vernichtungskampf
mit Rüstungsdruck und Wirtschaftskrieg gegen das sozialistische Lager, um
expansiv aus seiner eigenen Krisensituation auszubrechen. Das erschwert die
Effektivität sozialistischer Planwirtschaft und die ungehemmte
Selbstdarstellung der sozialistischen Demokratie in der kollektiven
Verantwortung aller Bürger, in der Offenheit der Propaganda und im freimütigen
Meinungsstreit. Das zwingt zu Umwegen und Ausweichmanövern. Die Ansprüche an
Leitung und Bürger wachsen. Es wird komplizierter, vertrauensvoll die Massen
zur Überwindung der Schwierigkeiten zu mobilisieren, die Selbstkritik in den
Dienst prinzipienfester Parteilichkeit zu stellen und die Reihen fester zu
schließen, wenn Gegner sich den Anschein geben, hilfreiche Kritiker zu sein. Dabei
wird manches unübersichtlich, und auch Fehler bleiben nicht aus. Wer aber hier
den Überblick verliert, Freund und Feind verwechselt, die hier wirkenden Kräfte
überhaupt nicht mehr zu erkennen und auszunutzen vermag, der wird leicht
angesichts dieser von ihm unerkannten und unbeherrschten Mächte einem
"Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit" erliegen und es religiös
widerspiegeln.
Drittens: Unsere
eigenen Ideen herrschen bei uns nicht unangefochten. Vielmehr tönen von jenseits
unserer Grenzen die Ideen der dort herrschenden Klasse in bezaubernder Vielfalt
durch unseren Äther, kunstvoll verpackt und virtuos gestaltet, eine Propaganda,
die - nur auf den Zweck und nie auf die Wahrheit bezogen - die Kunst der
Seelenführung wahrhaft beherrscht. Ein gut Stück der bei uns begegnenden
Neoreligiosität ist Exquisit-Importware aus den Produktionsstätten
ideologischer Kriegführung. Der Sozialismus ist zu stark geworden, um ihn nur
in einem flagranten Antikommunismus von außen zu attackieren, man möchte ihn zugleich
mit einem flexiblen Antikommunismus von innen zersetzen. So versucht man, die
Kraft innerer Widersprüche aus einem Motor des Fortschritts in einen Sprengsatz
der Reaktion zu verwandeln. Hier setzt die ideologische Manipulation ein. Sie
ist am gekonntesten, wo sie die Furcht, manipuliert zu werden, zum
Anknüpfungspunkt macht, um zu manipulieren, indem sie zum Beispiel durch
kritisches Lob in der bürgerlichen Presse diejenigen als "Nonkonformisten",
als frei und unabhängig preist, die eben so abhängig vom Lob des Gegners und
gegnerischen Modeströmungen konform werden.
Unter den Einwirkungen
der zuletzt genannten und anderer Faktoren setzen nun manche
"Dissidenten", die zur Kirche kommen, der sozialistischen
Selbstkritik eine religiöse Kritik des Sozialismus entgegen.
Was meine ich damit?
Ich will sie, die sich von der sozialistischen Gesellschaft kritisch
distanzieren, einmal tiefer zu verstehen versuchen denn nur als Abtrünnige des
Sozialismus, als Überläufer in das Lager des Gegners und ideologische Diversanten
- was alles sie ernstlich zu werden drohen, wenn sie es noch nicht sind. Aber
gerade in dem, was sie menschlich tiefer vielleicht auch sind, führen sie
manche unter uns und vor allem unter unserer Jugend in Versuchung.
Sie meinen doch wohl
irgendwo in ihrem Herzen: "Was nützte es dem Sozialismus, wenn er die
ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner sozialistischen
Seele?" Wenn Brecht als wahrer Realist die Tragik erträgt: "Auch der
Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge... Ach wir, die wir den Boden
bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten nicht selbst freundlich sein.
Gedenket unser mit Nachsicht", dann möchten sie dieser Tragik entfliehen
in ein Jenseits der Belastung des Guten mit dem Bösen.
o So verwandelt sich ihnen die
historische Perspektive, durch Kampf und Widerspruch die Gesellschaft
revolutionär zu verändern, in ein absolutes Endziel; sie benutzen es als Ideal,
das sie schon für das Hier und Heute normativ machen wollen, und kritisieren
unsere geschichtliche Entwicklung nach einer metaphysischen Moral.
o So genügt es ihnen nicht, wenn der
Sozialismus schlecht und recht die Produktionsverhältnisse revolutioniert, die
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufhebt und nun mit vielleicht noch
härterer Arbeit als zuvor darum ringen muß, die Produktivität zu gewinnen, die
historisch notwendig dort unterentwickelt war, wo er - am schwächsten Glied der
Kette - zu siegen vermochte. Sie möchten, daß er auch die individuellen Probleme
des Menschseins und der Mitmenschlichkeit alsogleich löse, daß es in ihm keine
Schurken mehr gäbe, sondern nur noch sozialistische Heilige: eine Verwandlung
sozialistischer Politik in idealistische Anthropologie. (Natürlich ist das kein
Freibrief für Herzlosigkeit, Egoismus oder Nachlässigkeit in unserer
Gesellschaft. Aber solche Erscheinungen konkret zu überwinden - und darauf
kommt es an - ist schwieriger, als abstrakt "das System" anzuklagen
und dafür Lob bei Antikommunisten zu ernten.)
o So erscheint ihnen die Realität des
Sozialismus mit all seinen revolutionären Errungenschaften und all seinen
revolutionären Härten als etwas Äußerliches, durch die Materialisierung in der
Geschichte gleichsam Beflecktes. Was ist schon das reale Recht auf Arbeit, wenn
diese Arbeit ein Schuften enthält, das nicht zum ersten Lebensbedürfnis werden
kann? Was sind schon niedrige Mieten und die Lösung des Wohnungsproblems für
Massen, wenn diese Wohnungen anspruchsvollen Individualisten als kalte
Schlafsilos erscheinen? Was ist schon der Sozialismus als Friedensordnung, wenn
er noch des Schutzes durch Waffen bedarf? Und was hilft der Primat der
Sozialpolitik gegenüber der Militärpolitik, wenn die Verteidigung der
Sozialpolitik deren Wirksamkeit schwer belastet? Wenn wir auch im Sozialismus
als Kommunisten noch kämpfen müssen und den Sozialismus nicht einfach moralisch
unbeschwert als heile Welt genießen können, ist er uns dann nicht als Idee
mitten im Kapitalismus lieber als so in Wirklichkeit?
o So werden alle Merkmale der zweiten
Phase verinnerlicht und der reale Sozialismus als Veräußerlichung seines
Wesens, als sich selbst entfremdet, als der Selbstfindung bedürftig, als Abfall
vom Ursprung: als Sündenfall negiert.
Die sozialistische Gesellschaft wird nicht kritisch und optimistisch
vorwärtsschreitend verbessert und gestärkt, sondern zur Selbstreflexion, zur
Fehlerdiskussion und zur Umkehr, im Namen des Gesetzes
sozial-utopisch-kommunistischer Ideale zur Buße
gerufen.
Metaphysik -
Individualismus - Verinnerlichung: der Ruf nach dem Gemüt einer gemütlosen
Welt! Das alles dank Rationalismus und Aufklärung nicht mehr unmittelbar in der
Religion gesucht, sondern romantisch in der Kunst als einem Surrogat
gesellschaftlicher Wirklichkeit (das sie nicht ist, aber hier wird) - das nenne
ich die religiöse Komponente der "Sozialismuskritik". Solche Kritiker
sind in einem anderen als dem historischen Sinne des Wortes: religiöse Sozialisten.
Zwar ist ihnen der
naive Kinderglaube an den wissenschaftlichen Sozialismus zerbrochen. Solche
Ent-Täuschung könnte heilsam sein. Sie führt aber nicht zu besserer Erkenntnis,
nicht von einem religiösen zu einem vernünftigen Verhältnis zum
wissenschaftlichen Sozialismus, sondern nur von naiv-religiöser Bejahung zu
skeptisch-religiöser Verneinung, von der Scholastik zur Mystik.
Sie gehen den Weg des
Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zurück. Jede gegenständliche
Erkenntnis, jede Prinzipienfestigkeit und jede allgemeingültige Formel
attackieren sie als "Dogmatismus". Aber sie stellen dem wirklichen
oder angeblichen Dogmatismus nicht etwa eine vertiefte dialektische Einsicht
entgegen, sondern eine mystisch-verinnerlichte, utopisch-sozialistische
"Gewissensreligion".
Mit dem Pathos
sozialistischer "Reformatoren" setzen sie ihren Subjektivismus gegen
kollektive Parteilichkeit und ihren Objektivismus gegen
historisch-dialektisch-materialistisch gewonnene Objektivität. Diesen
"Protestanten" bedeutet ein unbeschwertes Gewissen alles. In ihm
stimmen sie mit sich selbst überein und sonnen sich im Gefühl der
Selbstidentität. Die sozialistische Gesellschaft aber, die sich mit ihren
Stärken und Schwächen widerspruchsvoll und in Existenzkämpfe verwickelt in
historisch-materieller Gegenständlichkeit realisiert, verfällt ihrer
skeptisch-pessimistischen Kritik. Denn das Gewissen dieser dem Sozialismus entsprungenen
Moralisten bäumt sich auf gegen das, was ihnen als der Sündenfall des Sozialismus
erscheint: gegen seine Befleckung durch eigene gesellschaftliche Macht.
Widerspruch zwischen
Gewissen und Macht?
Das sozialistische
Lager hat sich heute einer imperialistischen Offensive zu erwehren, die in
ihrem Vernichtungswillen nicht zurücksteht hinter dem Angriff vor vierzig
Jahren.*
Ernstlicher denn je geht es heute darum, dem Rückfall der Menschheit in
Barbarei zu wehren. Die Fronten sind ebenso klar wie zu Zeiten des
antifaschistischen Kampfes, und das Gewissen der Menschheit fordert den Kampf
gegen deren Vernichtung. Eines der wichtigsten Instrumente in diesem Kampf aber
ist die sozialistische Staatsmacht. Dies Instrument ist darum ständig zu
verbessern und besser zu handhaben. Dazu hilft sozialistische Selbstkritik. Es
ist aber zugleich energisch gegen jede skeptische Demontage zu schützen. Es ist
eigenartig und mir verdächtig, daß Dissidenten, die Stalin nicht genug
kritisieren können, weil er nicht wachsam genug gegenüber dem Faschismus und
die Sowjetunion beim Überfall nicht stark genug gewesen sei, heute unsere
Wachsamkeit gegenüber dem Imperialismus einschläfern und uns einreden wollen,
die Stärke des Sozialismus läge in der moralischen Größe der Bereitschaft zur
Selbstentwaffnung. In Fragen der sozialistischen Macht darf es keine falsche
Toleranz geben; unsere Geschichte lehrt, wie schrecklich es ist, wenn die Macht
in falsche Hände gerät, und politische Demagogie und vernunftfeindliche
Schwärmerei haben schon einmal dazu geholfen; aber es muß über die Funktion
unserer Macht gesprochen werden, denn ein Selbstzweck ist sie natürlich nicht.
Es gibt genug Argumente gegen die Selbstentmachtung des Sozialismus, wie einige
Dissidenten sie bewußt fordern und andere sie unbewußt fördern.
Manche unter denen,
die heute dem Sozialismus skeptisch begegnen, und viele, auf deren Tradition
sie sich berufen, standen als streitbare Humanisten an der Seite der
Kommunisten im antifaschistischen Kampf. Ihr Gewissen empörte sich mit Recht
gegen die gewissenlose Gewaltanwendung der Barbaren. Auch heute noch ist ihr
Gewissen wach, wo neokolonialistische Unterdrückung herrscht. Und den Aufstand
gegen unterjochende Gewalt mißbilligen die meisten nicht, auch wenn er sich
selbst der Gewalt bedient.
Aber wo sich der
Imperialismus im eigenen Hause den Luxus zivilisierter "Demokratie"
leistet, dort entdecken sie eine wünschenswerte "Kontrolle der
Macht", ohne es ernst genug zu nehmen, daß diese Macht außer Kontrolle
gerät, wenn diese "Demokratien" faschistische Systeme außerhalb ihrer
eigenen Grenzen, aber im eigenen Interesse mit ihrer Wirtschaft, mit ihren
Waffen, mit ihrer gesamten Politik und Propaganda unterstützen oder gar
organisieren. Hingegen wittern sie im sozialistischen Lager überall
"Mißbrauch der Macht". Mit der Forderung, "zuerst vor der
eigenen Tür zu kehren", schaffen sie das idyllische Bild guter Nachbarschaft,
wo Räuber das eigene Haus umstellen. Hätten sie diesen Rat auch den Kommunisten
nach dem Reichstagsbrand, den Juden während der Kristallnacht, der Sowjetunion
bei dem faschistischen Überfall gegeben? Würden sie ihn heute den Schwarzen in
Südafrika geben? Offenkundig nicht! Warum geben sie ihn uns? Warum diese
Neutralität? Warum die Verdächtigung gerade gegenüber dem Sozialismus, daß
organisierte Macht, daß Staatsmacht "böse an sich" sei - egal, welche
Klasse sie wem zugute ausübe? Warum soll das Gewissen allenfalls einwilligen
können in die materielle Gewalt der Empörung gegen das Unrecht, aber nicht in
die Organisation der Macht menschlicher Gerechtigkeit? Warum ein moralisches Ja
zur Rebellion, aber nicht zur Revolution und zur Sicherung ihrer
Errungenschaften?
Fehlt hier der Blick
für das historisch Mögliche und Notwendige, für die unvermeidliche Dialektik
geschichtlichen Handelns, dafür, daß man Ideale nicht so in die Wirklichkeit
überführen kann, daß sie dabei nur Ideale bleiben, sondern daß es das Optimum
ist, die Wirklichkeit zielbewußt in der Richtung eines guten Programms zu
verändern? Möchte man illusionär einen Sozialismus ohne Schwächen, ohne Fehler,
ohne Irrtümer - einen himmlischen Sozialismus? Ihn werden wir nicht auf Erden
bekommen. Haben diese Dissidenten im Grunde dieselben Kriterien wie die
Schönfärber, die sie kritisieren? Klagen sie nach denselben illusionären Normen
dort an, wo jene vertuschen? Verweigern sie die solidarische Mitverantwortung
für Umwege und Irrwege, auch wenn sie unvermeidlich sind? Geht es ihnen in
Wahrheit um Selbstrechtfertigung? Ist für sie das historische Recht der
Menschheit, einer Klasse, einer Partei davon abhängig, daß sie immer alles
richtig macht? Das nenne ich Moralismus.
Aber wer hat denn je
gesagt, der Sozialismus sei die absolut gerechte Gesellschaftsordnung? Wurde
nicht stets nur behauptet, er sei die gerechteste, die heute historisch möglich
ist? Wurde nicht eingeschränkt, daß er in seiner ersten Phase das suum cuique
noch nicht bieten könne? Haben wir bestritten, daß wir ihn mit Menschen
aufbauen müssen, die sich bestenfalls im Prozeß dieses Aufbaus selbst zu
Sozialisten entwickeln - und daß man das merken wird? Wir haben doch gewußt,
daß wir mit der Revolution, deren Ziel der Übergang zur "eigentlichen
Geschichte der Menschheit" ist, eine so gewaltige Aufgabe übernommen
haben, daß vernünftiger Weise weit mehr Fehler, weit mehr Unrecht, weit mehr
Katastrophen zu befürchten waren, als uns unterlaufen sind. Wir waren doch
bereit und fähig, das zu verantworten. Gewiß ist im Blick auf die Zukunft jeder
Fehler, den wir machen, ein Fehler zu viel; aber im Blick auf die Vergangenheit
haben wir trotz aller Fehler keinen Anlaß, vernünftige Selbstkritik in
Selbstkasteiung zu verwandeln. In gewisser Weise ist es doch nur normal, daß
auf dem ungebahnten Wege zur sozialistischen Gesellschaft auch Dissonanzen
auftreten; das ist doch kein Anlaß zu Hysterie und Panik, sondern zu besonnenen
Korrekturen.
Nicht vor dem Problem,
unsere Vergangenheit zu bewältigen, stehen wir, sondern vor der Aufgabe,
unserer Gegenwart gerecht zu werden und damit unsere Zukunft zu gewinnen. Die
Erfahrungen unserer Geschichte können uns dabei nur stärken, wenn wir sie nicht
skeptisch entstellen.
Warum verstehen manche
das nicht? Liegt das daran, daß sie oder Menschen, mit denen sie sich
identifizieren, die Aufgabe der Mitverantwortung für die sozialistische Macht
nicht bewußt und selbstbewußt übernommen haben, sondern mehr spontan einem
Trend folgend hineingeraten sind? Ist das Dissidentenproblem von heute die
Kehrseite eines Mitläuferproblems von gestern? Höchstens partiell und
individuell. Es ist ja historisch normal - und man kann das darum nicht
diskreditieren -, daß Menschen in revolutionären Umbruchphasen spontan zur
revolutionären Bewegung stoßen und daß sie in Aufbauphasen fast unbewußt in
politisch-gesellschaftliche Bindungen hineinwachsen. Aber das politische
Bewußtsein muß dann die politische Existenz einmal einholen. Geschieht das
nicht, wird der Betroffene in eine persönliche Krise seines
politisch-ideologischen Bewußtseins geraten. Die Versuchung ist dann groß, den
Selbstwiderspruch zwischen der eigenen politischen Existenz und dem eigenen
politischen Bewußtsein in die Gesellschaft zu projizieren und das eigene
politische Scheitern als das Scheitern der Gesellschaft zu widerspiegeln.
Jedenfalls die Jüngeren
unter den Skeptikern, von denen ich spreche, trügen dafür nicht ganz allein die
Verantwortung. Wir inzwischen Älteren haben ihnen vielleicht nicht
kontinuierlich genug unsere Erfahrungen weitergegeben. Fixiert auf die
unabweisbar notwendige Auseinandersetzung mit dem je heutigen ideologischen
Angriff des Gegners haben wir eventuell zu wenig die Erkenntnisse vergangener
Schlachten vermittelt. Und wenn wir sie vermittelt haben, haben wir dann
womöglich ein wenig idealisiert und so Illusionen geweckt? Haben wir genügend
mit dem Triumph über unsere Erfolge auch die Härten des Kampfes vermittelt und
die Voraussicht, daß die nach uns Kommenden weiterkämpfen müssen? Haben wir
auch von unseren Mißerfolgen und Niederlagen gesprochen und erzählt, was wir
daraus gelernt haben - und daß wir sie überstanden haben?
Haben wir überdies
vielleicht manchen unter unserer Jugend im Lernen überfordert und im Denken
unterfordert - um den Preis, daß er nicht verstehen konnte, was er gelernt
hatte? Haben wir (im Verhältnis zwischen Materiellem und Ideellem) einigen von
ihnen vielleicht materiell zu viel geboten und ideell zu wenig, so daß sie nun
über "Wohlstand" klagen und zugleich Mangelerscheinungen an
Bewußtsein und Charakter zeigen? Haben wir selbst zuweilen zu früh gemeint,
nach unseren Kämpfen nun einmal Ruhe und Komfort verdient zu haben, uns mit dem
Erreichten zu genügsam begnügt und so ein falsches Beispiel gegeben? Haben wir
unserer Jugend zuweilen zu sehr geschmeichelt, statt sie zu fordern, und so den
Boden bereitet, auf dem andere sie nun verführen, indem sie mit dem Pathos
auftreten, ihnen "die Wahrheit" zu sagen? Fragen, die man sehr leicht
völlig falsch verallgemeinern kann! Fragen aber auch, die man sehr leicht zum
eigenen Schaden verdrängen kann.
Wir wollen alle
mitnehmen und keinen zurücklassen. Aber wir werden alles, was da versucht sein
mag, zu dissentieren, nur mitnehmen können, wenn wir es nicht umwerben oder uns
gar erpressen lassen und dem Falschen nachgeben, sondern nur, indem wir vor klare
Entscheidungen stellen und selbst vorangehen. Die Führungsfunktion gegenüber
dem Zuge der Gesellschaft ist transparenter, wo eine Leitung den Zug zieht, als
wo eine Verwaltung den Zug schiebt - was nicht ausschließt, daß es auch
Situationen gibt, in denen die Lokomotive von hinten drücken muß.
Nicht in verbaler
Apologetik, sondern in der Bewährung sozialistischer Macht werden wir davon
überzeugen, daß diese Macht eine humanistische Macht ist: Vermögen und Freiheit
zur Sicherung des Friedens, zur Beherrschung der Produktion, zur Ordnung der
Gesellschaft. Nur so werden wir den Dissidenten, die noch zwischen den Fronten
pendeln und noch nicht zum Gegner übergelaufen sind, die Orientierung
wiedergeben; nur so werden wir unserer Jugend, die sie ansprechen, deren Idealität
und Elan sie ausnutzen möchten, richtige Kriterien in die Hand geben, indem wir
ihnen nämlich existentiell vor Augen führen, daß es kein abstraktes Verhältnis
zur Macht an sich gibt, daß die Macht kein allgemein-anthropologisches Problem
ist, sondern eine konkrete, historische, gesellschaftliche Erscheinung, der
gegenüber die entscheidende Frage konkret zu stellen ist: Macht für wen? und:
Macht wozu?
Randerscheinung - Aber
Gefahr und Versuchung
Das
"Dissidententum" ist nur eine Randerscheinung in unserer
Gesellschaft.
Die werktätigen
Massen, die nicht primär ihre Innenwelt reflektieren, sondern ihre Umwelt
verändern, können sich nicht mit Menschen identifizieren, denen ihre
"Identität" das Wichtigste in der Welt ist; und die Gesellschaft kann
Typen nicht so schrecklich ernst nehmen, die sich selbst über Gebühr ernst
nehmen. Unsere gesellschaftlichen Probleme und Konflikte bedürfen des
Meinungsstreites auf der Grundlage sozialistischer Parteilichkeit, aber keiner
Obstruktion gegen sie. Die große Verweigerung wird hier zum Theater. Und die
Dissidenten mögen vom Sozialismus abfallen wie Schuppen, um die sich keiner
mehr kümmert, wenn sie nicht soziales Prestige und ideelle Nahrung (manche
nicht nur ideelle) von außen bekämen.
Durch diese Förderung
von außen allerdings wird aus der gesellschaftlichen Randerscheinung eine politische Gefahr.
Die Strategen
psychologischer Kriegführung exportieren kleinbürgerliche Protestideologien
über die Grenze, die sie zwar von jeher nicht anerkennen, aber "für Ideen
durchlässig" machen wollen. Bei ihnen zulande wachsen unvermeidlich solche
Protestideologien in bunter Folge nach. Sie sind ja nur Ausdruck der realen
Interessenwidersprüche zwischen der privatwirtschaftlich realisierten
Oligarchie und der politisch deklarierten Demokratie, zwischen bürgerlicher
Staatsmacht und Volkssouveränität, zwischen Monopolisierung und Freiheit,
zwischen Profit und Gewissen und zwischen Kapital und Geist. Diese
kleinbürgerlichen Rebellions- und Resignations-Ideologien sind gewiß ein
Indikator der Fäulnis des Systems, in dem sie entstehen, aber sie haben keinen
revolutionären Charakter. Sie blieben der Arbeiterbewegung fremd und stehen dem
wissenschaftlichen Sozialismus, zwischen Sympathie und Aversion schwankend,
kritisch-distanziert gegenüber. Nach den Wünschen des Managements ideologischer
Subversion sollten diese Protestideologien nun lieber im Lager des
Klassenfeindes als dort, wo sie zu Hause sind, destruktiv funktionieren. Darum
möchten sie die Suppe der "Basisdemokratie", des
"Generationskonfliktes", des "Pazifismus", des
"Ökologismus" und "Feminismus", die sie sich eingebrockt
haben, gerne an uns verfüttern. Und so werden die am Rande unserer Gesellschaft
auftauchenden Dissidenten als Kellner engagiert, um uns zu servieren, was den
Köchen nicht schmeckt - als Delikatesse à la Marcuse, in der gediegenen
Atmosphäre des Duftes der großen weiten Welt, von den wenigen
"echten" Künstlern geboten, die vor dem strengen Blick des Feuilleton
der FAZ bestehen.
Man verstehe diese
Ironie bitte nicht falsch. Nur wer die sozialistische Demokratie aufbaut und
ernstlich will, daß alle mitdenken, mitarbeiten und mitregieren, darf über
"Basisdemokratie" spotten, nur wer die Jugend vertrauensvoll in
historische Verantwortung führt, darf über Generationskonflikte lächeln, nur
wer Friedenspolitik treibt, darf Gesinnungspazifismus für zu wenig halten, nur
wer keine Produktivkräfte vernichtet und wer Energie spart, darf über die
lachen, die nicht merken, wenn sie im Interesse der Ölkonzerne gegen
Atomenergie kämpfen, und nur wer die Frauen in ihrer Gleichberechtigung achtet,
darf sich über Worte wie Sexismus und Feminismus lustig machen.
Irgendwo bei Makarenko
meine ich einmal gelesen zu haben, der Erzieher müsse seinem Zögling zuweilen
eine Ohrfeige geben. Wenn das aber geschehen sei, solle er sich sogleich fragen,
was er selbst falsch gemacht habe... . Ich denke, der gesellschaftlichen
Gefahren wegen, die sie heraufbeschwören, bedürfen die Dissidenten und die, die
sich von ihnen verführen lassen, einer Ohrfeige; die dazu gehörige Frage aber
sollten wir alle uns nicht ersparen, zumal "auch der Erzieher der
Erziehung bedarf" (Karl Marx). Allerdings
glaube ich nicht, wir hätten gerade das falsch gemacht, was man uns gerne
vorwirft, eher im Gegenteil: Prinzipienfestigkeit und Humor, aber nicht
Liberalität, Disziplin gestützt auf Selbstdisziplin, aber kein "Antiautoritarismus",
Vertrauen, das bindet und verpflichtet, aber keine Leichtgläubigkeit und
Nachgiebigkeit sind Tugenden guter Erzieher. Dabei steht für mich außer
Zweifel: Verbales Insistieren auf formaler Autorität statt realer Begründung der Autorität durch besonnene, entschlossene und
sichere Führung, Gängelei statt Leitung und Machtgefühle statt Machtausübung
provozieren anarchische Emotionen, statt sie zu überwinden.
Warum suchen
dissidenten Asyl in der Kirche?*
Die Randerscheinungen
unserer Gesellschaft werden - und zwar aus sozialen, religiösen, klerikalen und
kulturellen Gründen - zu einer Versuchung
für unsere Kirchen.
Unsere Kirchen
verdanken den Einfluß, den sie auch in unserem Jahrhundert noch auf die Gesellschaft
ausüben, überwiegend der Tatsache, daß sie dem Großbürgertum aus den Mittelschichten
Reserven im Klassenkampf zuführen - und daß sie in diesen Mittelschichten zugleich
die Berührungsängste gegenüber dem Kommunismus bestärken. Sie hatten wesentlich
daran mitgewirkt, gerade den kleinbürgerlichen Neutralismus in den Dienst des
deutschen Imperialismus zu stellen, einst mit der antidemokratischen
"Systemzeit"-Polemik (gegen "Plutokratie und Bolschewismus" bis hin zum "Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen") und dann
durch die antikommunistische "Totalitarismus"-Polemik (gegen
"Nationalsozialismus und Kommunismus").
Schwankend zwischen kleinbürgerlichem Ohnmachtsbewußtsein und Willen zur Macht
waren sie sowohl der "national-sozialistischen" als auch der
"christlich-sozialen" Demagogie erlegen und hatten sich politisch
erheblich die Finger verbrannt.
Es gibt in der Kirche
einen echten Ansatz zur Umkehr von diesem Irrweg, manifestiert im Darmstädter
Bruderratswort.** Daneben aber gibt es
in der Kirche auch einen rückwärts gewandten Schuldkomplex. In ihm hält sich
gerade der verhängnisvolle Neutralismus durch. Da wird nicht die
antisozialistische Option als Quelle für Nationalismus, Rassismus und Militarismus
erkannt, sondern es kommt - wiederum klassenneutral - zu einer kosmopolitischen
Selbstkritik am kirchlichen Nationalismus, einer philosemitischen Selbstkritik
am kirchlichen Antisemitismus und einer pazifistischen Selbstkritik am
kirchlichen Militarismus und damit zur Errichtung neuer Barrieren gegen
patriotischen Internationalismus, wirkliche Judenemanzipation und wirksamen
Friedenskampf im Sozialismus. Die Neigung zu romantischem Antikapitalismus und
Sozialutopismus, die die Katastrophe der deutschen Supermachtpolitik begleitet
hatte, ließ keine grundsätzliche Abwendung vom Imperialismus zu, sondern führte
allenfalls zur allgemeinen Skepsis gegenüber weltlicher Macht überhaupt und
legitimierte erneut das nie aufgegebene Mißtrauen gegenüber der Macht der
Arbeiterklasse. Die Skepsis gegenüber "weltlicher Macht"
funktionierte in einer im Kleinbürgertum verwurzelten und vom Großbürgertum als
Massenmanipulator geschätzten und geschützten Kirche bei aller scheinbaren Ausgewogenheit
höchst parteilich. Sie wirkte der Macht der Bourgeoisie gegenüber als
selbstkritische Warnung vor Machtmißbrauch,
aber der Macht der Arbeiterklasse gegenüber als politische Verurteilung von
Machtgebrauch.
*
Wie ihre soziale
Basis, so erlebt auch die Kirche das Absterben religiöser Weltanschauung: das Ende der Religion als metaphysisches
Erkenntnissystem. Jahrhundertelang war die Kirche in Versuchung gewesen,
religiöse Weltanschauung mit dem Evangelium zu verwechseln und ein
metaphysisches "Höchstes Sein", das die Welt im Innersten
zusammenhält, als ihren Gott anzubeten. Reformatorische Theologie führt hier zu
einem viele Traditionen umwälzenden theologischen Umdenken. Daneben aber
vollzieht sich eine Modernisierung natürlicher Theologie durch ihre
Subjektivierung: das Aufblühen individualistischer Religiosität wird in der
Kirche begrüßt. Die in einem bunten Pluralismus entstehenden religiösen Selbstverständnisse werden mit dem
Christusglauben verwechselt, als ob Glauben nicht hieße, zu Christus zu kommen,
sondern zu sich selbst.
Hier schlägt der neuen
Klerikalismus Wurzeln. War im mittelalterlichen Klerikalismus die Kirche dank
ihres riesigen Feudalbesitzes geistige Führungsmacht (die Ideen der
herrschenden Klasse sind die herrschenden Ideen in der Gesellschaft), so
bildete sich seit der hinkenden Trennung der Kirche vom Staat im Jahre 1918/19
im Protestantismus ein moderner Klerikalismus heraus. Er erstrebte eine
kulturelle Hegemonie der Kirche als Integrationsfaktor gegenüber der Tendenz bürgerlicher
Ideologie zur Selbstatomisierung. Dieser Wille fand seinen peinlichsten
Ausdruck in der Idee vom "Christentum" als dem "Kitt der
NATO". Jedoch auch diese klerikale Konzeption ist kaum noch durchzuhalten,
und so möchte der Klerikalismus nun die Kirche wenigstens umfunktionieren zur
Avantgarde kulturkritischer Paralyse sozialistischer Konsolidierung.
Aber die wirkliche
Kultur unseres Jahrhunderts läßt sich nicht mehr reklerikalisieren. Die unter
dem Druck faschistischer Barbarei entstandene Zwischenvision Bonhoeffers, Kunst
und Wissenschaft würden in den Schutz der Kirche zurückkehren, blieb Episode,
und Bonhoeffer selbst revidierte diesen Wunschtraum am entschiedensten. Die
antifaschistische Kultur entwickelte sich - auch da, wo Christen sie trugen -
antiklerikal. Die "christliche Welt" ging ebenso unter wie das
"corpus christianum". Die reformatorischen Theologen des zwanzigsten
Jahrhunderts von Barth bis zu Iwand erkannten die Säkularisation der Welt
ebenso grundsätzlich an, wie Luther in der Reformation des sechzehnten
Jahrhunderts zugleich mit der Entsäkularisierung der Kirche die Säkularisierung
des Säkularen gefordert und gefördert hatte.
Damit aber veraltete
nun auch der im Namen althergebrachter Autorität und Ordnung christlich-konservativ-antirevolutionär
auftretende Antikommunismus. Innerhalb der sozialistischen Gesellschaft wurde
er vollends anachronistisch. Und während bisheriger Klerikalismus weltliche
Macht der kirchlichen Macht unterzuordnen versuchte, sympathisiert der moderne
Klerikalismus mit anarchischer Negation nicht nur legitimer gesellschaftlicher
Macht überhaupt, sondern auch der Legitimität der Herrschaft der Menschen über
die Natur.
Nun aber kommen die
Dissidenten in die Kirche und bringen verinnerlichte Religiosität, romantische
Sozialutopien, Skepsis gegen alle Macht, kulturkritischen Subjektivismus und
bittere Enttäuschung über den Sozialismus mit. Für eine so tief in kleinbürgerlichen
Schichten verwurzelte und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung verhaftete Kirche
ist das eine gefährliche Versuchung. Die als geistlicher Vormund gescheiterte
Kirche entdeckt sich als geistlichen Zwillingsbruder der gesellschaftlich
"Frustrierten" und bietet den "Aussteigern" aus der
Gesellschaft an, bei ihr "einzusteigen". Dieselbe Kirche, die nicht
grundlos doktrinärer Dogmatik und rigoroser Ethik verdächtig war, bietet sich
an als "Freiraum" und Asyl für Liberalismus, Indifferentismus und
Libertinismus. Ein Klerikalismus mit unklerikalen Methoden öffnet sich für
einen Antikommunismus mit nicht-konservativen Motiven. Wo seine kulturelle Hegemonie
in der Gesellschaft nicht mehr zu realisieren ist, versucht der in das Gewand
moderner Säkularität gehüllte Klerikalismus, sich nun als Inaugurator einer
Subkultur zu regenerieren.
Er schöpft neue
Hoffnung auf gesellschaftlichen Einfluß nach dem alten klerikalen Rezept: die
Kirche biete dem weltlichen Partner religiöse Weihe und empfange von ihm eine
soziale Basis. Und dabei hat die klerikale Kirche, dank der Restkonten ihrer
staatskirchlichen Vergangenheit, sogar noch mehr zu bieten als nur religiöse
Sanktionierung. Über die Deklaration hinaus, daß nur und gerade die Dissidenten
die moralisch lauteren, Gott und der Kirche wohlgefälligen Sozialisten seien,
kann sie als verfassungsmäßig gesicherte religiöse Institution einen
abgesicherten Freiraum und weltweite Organisationsmöglichkeiten stellen,
während die Dissidenten ihr eine erwünschte Attraktivität gegenüber noch nicht
fest im Sozialismus verankerten Kreisen gewähren - bis in Zonen der Asozialität
hinein.
Vor allem aber
scheinen einige Literaten mit ihrem pubertären Stil junge Leute in die Kirche
zu locken. Sie füttern sie mit Ansprüchen an die Gesellschaft und entwöhnen sie
von Ansprüchen an sich selbst. Sie enthalten ihnen die Forderung der Reife vor
und schleichen sich bei ihnen mit einer selbstsüchtigen Liebe ein, die nicht
mehr mahnen und strafen kann, weil es ihr mehr darum geht, liebgehabt zu werden
als zu lieben. Wenn das geschieht, sollten wir nicht jubeln, wir hätten die
Jugend gewonnen. Es geht doch nur um Randexistenzen in der Jugend, und gerade
ihnen, die unsere Hilfe brauchen, können wir so nicht helfen. Und selbst wenn
wir so die Jugend gewönnen, wofür? Unsere Väter hatten schon einmal gejubelt,
sie hätten die Jugend gewonnen, als das Kriegserlebnis von 1914 die Kirchen
füllte. Der Krieg hatte die Kirche gewonnen, aber nicht die Kirche die Jugend.
Von uns könnte es einmal heißen, die Reaktion habe uns gewonnen, aber wiederum
nicht wir die kommende Generation. Bei der Begegnung von Dissidenten mit jungen
Menschen in kirchlichen Räumen, bei der der jugendlich gärende Most nicht reif,
sondern sauer wird, vollzieht sich ein Knospenfrevel, und wehe uns, wenn wir
ihn selbstsüchtig segnen!
*
Die Versuchung, in die
die Kirche gerät, wenn sie Dissidenten begegnet, ist darum besonders
verführerisch, weil es wie Umkehr, Buße und Reformation erscheint, wenn die
Kirche dieser Versuchung erliegt.
Es sieht ja so aus,
als vollzöge sich echte Buße, wenn die Kirche, die solange die Gewalt als
Mittel der Unterdrückung legitimiert hat, nun Gewaltlosigkeit proklamiert; wenn
sie, die Aggressoren gesegnet hat, nun zum Pazifismus rät; wenn sie, die
solange auf Seiten des "Establishment" stand, sich nun mit
Randexistenzen verbrüdert, und wenn sie, die solange Inquisitor und Zensor
spielte, nun "Freiräume" bietet für Asylanten aus einer säkularen
Welt.
Aber statt Buße könnte
das auch Kurswechsel sein. Die Wahl eines neuen Weges zum alten Ziel ist noch
keine Buße. Buße heißt Umkehr vom falschen Ziel. Wir könnten uns hier als Kirche
unter dem Schein der Buße der Buße entziehen. Darum ist diese Versuchung so
ernst. Wir haben ja zum Teil schon einmal unter dem Schein der Buße die Buße
umgangen. 1945 meinten viele, weil sie den Demokraten in den
Nazi-Konzentrationslagern ihre Solidarität verweigert hätten, müßten sie sie
nun den Nazis in den alliierten Umerziehungslagern gewähren: so taten sie
formal das Gegenteil und inhaltlich dasselbe wie vorher. Sollen wir jetzt
wieder die Form wechseln und den Inhalt erhalten, den Weg ändern und dem Ziel
treu bleiben?
Dann würden wir
weiterhin den falschen Göttern dienen, an denen unser Herz hängt, und das
Evangelium verleugnen. Dann würden wir erneut in ein politisches
Sympathisantentum geraten und uns der gebotenen Liebe entziehen. So können wir
die Kirche modernisieren und ihr - vielleicht - einen gewissen Einfluß retten,
aber die Reformation würden wir wieder versäumen. Wir würden - vielleicht -
wieder die Kirche groß und stark, aber das Evangelium klein und den Glauben
schwach machen.
Gewiß neigen wir zu
alledem in der besten Absicht: Wir wollen eine Welt retten, von der wir meinen,
daß sie im Argen liegt. Aber: "Nicht die Rettung der Welt ist die Aufgabe
der Christenheit, sondern die Reformation der Christenheit ist die Rettung der
Welt." (Iwand *)
Was schuldet eine
evangelische Kirche den Dissidenten?
Säkulare Enthusiasten
begegnen uns. Was schulden wir ihnen? Ich denke, zuerst ganz schlicht das
Zeugnis von der Unterscheidung der Gerechtigkeit Gottes und der Gerechtigkeit
der Menschen. Den "religiösen" Sozialisten werden wir sagen müssen:
Der Sozialismus ist ein weltlich Ding. Denen, die von Gewaltlosigkeit
schwärmen, werden wir sagen müssen: Es gibt nicht nur illegitime, sondern auch
legitime weltliche Macht.
Wir schulden ihnen
konkret und ganz unreligiös artikuliert das Zeugnis: Ein vollkommenes
Menschsein, vollkommen in der Vollkommenheit, die die Menschheit noch stets in
den Himmel der Zukunft oder in die Urzeit des Paradieses projiziert hat, können
Menschen nicht durch eigene Werke schaffen. Das vollkommene Menschsein, nach
dem ihr fragt, dürft ihr weder von den Werken der "anderen", der
"Funktionäre", der "Apparatschiks", der "Bürokraten"
und was ihr da alles mit Recht oder Unrecht kritisiert, noch von euren eigenen
Werken erwarten. Aber ihr habt wie wir Grund, dankbar zu sein für vieles, was
durch den Klassenkampf der Arbeiterklasse im Sozialismus an sozialer
Gerechtigkeit schon erreicht ist; und ihr habt wie wir Grund, optimistisch zu
sein - nicht in einem illusionären Optimismus der Bequemlichkeit, die alles
entschuldigt, sondern in einem ernsten Optimismus der Bereitschaft zu Arbeit
und Verbesserungen - im Blick auf weiteren Fortschritt. Gewiß geht es in dem
allen um eine "äußerliche" Gerechtigkeit, um ein Stück "iustitia
civilis" und nicht um die Gerechtigkeit der Person, die nur Gott schenken
kann. Diese aber selbst bewirken zu wollen, führt in eine Selbstgerechtigkeit,
die die gute gesellschaftliche Gerechtigkeit unter den Menschen nicht fördert,
sondern schädigt.
Wir haben ihnen zu
sagen: Es ist legitim, auf dem Wege der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, die
im Sozialismus wächst, weiter zu wollen. Es ist gewiß nötig, eine Tendenz zum
"sanftlebenden Fleisch" nicht nur in der Kirche, sondern auch in der
Welt zu dämpfen, aber es ist unmöglich und gefährlich, statt für den irdischen
Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen, einen himmlischen Sozialismus zu
fordern: Phantasie ist gut, aber Illusionen sind von Übel. Hoffnung und
Perspektiven sind nötig, aber Utopien verwirren. Kritik wird gebraucht wie das
tägliche Brot, aber keine Skepsis!
Wir haben ihnen zu
sagen, daß die Welt Welt bleibt. Und auch eine sozialistische Welt ist kein
Reich hinter den Wolken, sondern - Gott sei Dank! - irdisch, diesseitig,
gegenwärtig und darum von Menschen in der Dialektik von Irrtum und Einsicht und
neuem Irrtum und höherer Einsicht in Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit
errichtet, noch lange nicht zu purem Vergnügen, sondern aus Not-wendigkeit.
Ich denke, die
Gemeinde Jesu Christi hätte Menschen, die bei ihr Trost suchen, solange sie
sich noch nicht zu Jesus Christus bekennen, Mut zu machen zu ihrem irdischen
Beruf. Denn er ist ja objektiv, ob sie es wissen oder nicht, der Ort des
Gottesdienstes durch Menschenliebe. Wir Christen sollten, wo man unseren Rat zu
eigener politischer Verantwortung begehrt, Vorbild sein für unendliche
Nüchternheit: schmunzelnd bei allem gerechten Zorn über Schönfärberei (sie ist
ja mehr ein Zeichen von Schwäche als von Überlegenheit) und viel zu realistisch
hoffnungsvoll für die Welt, um für politische Hysterie und Schlechtmacherei
Raum zu lassen. Wir sollten den Dunstkreis der subjektiven Probleme, die so
selbstgemacht wirken, die Phrasen von der "Suche nach sich selbst"
und der "Selbstverwirklichung" oder die Neigung, den geistlichen
Pulsschlag sozialistischer Heiligung vor allem bei anderen und am gründlichsten
bei solchen Parteisekretären zu messen, die erst eine bestimmte Literatur zum
Massenprodukt macht, einfach durchbrechen mit der kalten Frage: Wie sieht die
Wirklichkeit aus? Welche Kräfte haben wir? Wo ist das Ziel? Was ist der erste
Schritt? Und dann: Vorwärts!
Ich meine, wir hätten
auch etwas zu sagen zur Legitimität weltlicher Macht. Wer sich zum Vater Jesu
Christi als dem allmächtigen und zu Jesus Christus als dem bekennt, dem alle
Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, der kann doch nicht bestätigen, die
Macht sei böse an sich. Gewiß ist die "Macht an sich", die Willkür,
böse. Aber es gibt legitime Macht Gottes und auch der Menschen. Wir haben als
Kirche viel Unheil angerichtet mit dem "Obrigkeitsgehorsam" von Römer
13, weil wir vergessen haben, daß hier der Gemeinde
gesagt ist, sie solle sich im Gehorsam gegenüber der Macht Gottes der weltlichen Macht unterordnen
- und also nicht an ihr partizipieren oder zu ihr in Konkurrenz treten. Aber
der Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Eine evangelische Gemeinde
legitimiert nicht die Anarchie und erst recht nicht, wenn diese enthusiastisch
unter Berufung auf religiöse oder moralische Vollkommenheitsideale propagiert
wird. Alle Unvollkommenheit menschlicher Gerechtigkeit, Ordnung und Macht ist
zwar Grund zu ihrer Verbesserung bis hin zur Revolution, aber kein Grund, sie
als solche zu negieren, und am allerwenigsten, sich gegen sie zu empören im Namen
Gottes.
Von daher werden wir
wiederum in aller Nüchternheit, gerade als eine Kirche, die umkehrt von dem
Wege, auf dem sie die Macht des deutschen Imperialismus gesegnet und gestützt
hat, den Skeptikern gegenüber der Macht sowohl etwas sagen müssen von der
Gefährlichkeit und Aggressivität bürgerlicher Mächte gegenüber dem Sozialismus
- unsere Kirchen haben doch, Gott sei es geklagt, in der Nähe der Schalthebel
dieser Mächte 1914, 1933 und 1939 ihre historischen Erfahrungen gesammelt - als
auch von der Notwendigkeit, Frieden und soziale Gerechtigkeit nicht ohnmächtig
preiszugeben, sondern mächtig zu schützen. Gefragt nach unserem Rat in Fragen
politischer Ethik werden wir gut tun, das Bekenntnis nicht zu verleugnen, das
uns in der Anfechtung unserer Kirche durch eine barbarische weltliche Gewalt
geschenkt worden ist, so daß wir gelernt haben, weltliche Macht daran zu
messen, ob sie nach menschlicher Einsicht und menschlichem Vermögen für Recht
und Frieden sorgt (Barmen V). Von daher werden wir niemals der Entwaffnung von
Friedenskräften das Wort reden können, ebenso wenig wie der Bewaffnung von
Aggressoren.
*
Die Gemeinde Jesu
Christi ist offen und muß offen bleiben für alle, weil und wie ihr Herr für
alle offen und frei ist. Keine Macht der Welt kann uns von unserem Auftrag
entbinden, an Christi Stelle da zu sein für alle Mühseligen und Beladenen, die
er erquicken will.
Wir haben unsere
Kirchentüren nicht zu verschließen - nicht vor "Dissidenten", aber
auch nicht vor "Linientreuen". In der Kirche ist keiner
"illegal". Wir haben ihnen allen das eine Wort Gottes zu sagen, aber dieses Wort ist zweischneidig. Es
wird den Selbstgerechten zum Gericht und den Sündern zur frohen Botschaft.
Dabei wissen wir nicht, wer die Gerechten und wer die Gottlosen sind. Unser Amt
ist es nicht, zu erwählen und zu verwerfen. Aber Gott weiß es und wird durch
sein Wort, wenn wir es wahrhaftig bezeugen, die Gerechten richten, die
Ungerechten gerecht machen und die Beladenen trösten.
Die Kirche ist ja
nicht unsere Kirche in dem Sinne, daß
wir sie uns ausgesucht hätten und in ihr tun könnten, was wir wollen. Sie ist
ja Jesu Christi Kirche, in der der
Heilige Geist regiert und also weder ein Korpsgeist der Kirche (oder Bischöfe
als dessen Repräsentanten) noch "was man so den Geist der Zeiten
heißt" (und Jugendpfarrer als dessen Repräsentanten).
Wir sind nicht dazu
da, Menschen die Rechtfertigung aus ihren Werken zu bestätigen und also auch
nicht dazu, Sozialismuskritiker damit zu trösten, daß wir ihnen das Recht ihrer
Kritik bestätigen. Die Kirche ist nicht die "Gegenseite", auf die
Sozialismuskritiker überlaufen könnten, um an sie zu verraten, was sie eben
noch anbeteten - und sie hat sich so zu verhalten, daß jedermann das erkennt.
Gewiß darf in der
Kirche geklagt werden. Hier kann man Gott, die Welt und sich selbst anklagen.
Und Hiobs Freunde können sich selbst, die Welt und Gott verteidigen - als
"Theologen" haben sie das geübt. Aber die Klagemauer ist nicht die
Grundmauer des neuen Israel. In der Gemeinde haben weder Christen ihr
"christliches Selbstverständnis" oder ihre "christliche
Weltanschauung" zu verkündigen noch frustrierte Künstler ihr
Sozialismusbild und ihre Suche nach Identität zu predigen. Und wenn Dissidenten
zu uns kommen, haben wir in der Kirche nicht aus unserem Predigtamt abzudanken
und es ihnen abzutreten. Dissidenten sind nicht die berufenen Hilfsprediger in
unseren Jugendgottesdiensten.
Vielmehr haben wir
ausschließlich das Evangelium zu verkündigen von dem Jesus Christus, der, von
den Seinen verlassen, draußen vor den Toren der Stadt gekreuzigt wurde - aber
nicht darum, weil er ein "Aussteiger" und "Nonkonformist" war,
sondern weil er in unsere Welt hineingekommen und uns zugute uns Sündern
konform geworden ist.
Ruhe vor dem Sturm? (1984-1987)
Exilland DDR (1984)
von Osvaldo Puccio
Mein erster direkter
Kontakt mit der DDR datiert zurück in das Jahr 1973. Wir waren damals Gefangene
auf der KZ-Insel Dawson ganz im Süden Chiles vor der Küste von Feuerland. Um
der Isolation irgendwie Herr zu werden, hatten einige von uns ein Transistorradio
zurechtgebastelt, das uns der Außenwelt ein Stück näher brachte. Durch Zufall
erfuhren wir eines Tages von einem Hirten - einer der wenigen Bewohner dieses
fast menschenleeren, unwirtlichen Stückchen Landes und ganz sicher Analphabet
-, daß man hier Radio Berlin International empfangen könne. Die Nachricht
versetzte uns in ungeheure Aufregung, und wir hatten nicht eher Ruhe, bis wir
den Sender tatsächlich fanden. Um den Empfang zu verbessern, schlossen wir das
Gerät an den Stacheldraht unseres Lagerzaunes an. Über diese Antenne hörten wir
dann, ganz von fern, dennoch deutlich über Tausende von Kilometern Entfernung
hinweg in spanischer Sprache die Sendung "Chilene, du bist nicht
allein".
Ich war damals zwanzig
Jahre alt, ein fast beendetes Jurastudium lag hinter mir, eine der Abschlußprüfungen
hatte ich eben an jenem 11. September ablegen wollen, an dem ich früh mit Anzug
und Krawatte aus dem Hause ging, ohne zu ahnen, daß ich erst zehn Jahre später
dahin zurückkehren würde. Ich landete nicht in der Universität, sondern gemeinsam
mit meinem Vater im Regierungspalast Moneda, der von einem dichten Kordon von
Panzern umgeben war. Wenige Stunden später wendeten sie ihre Rohre gegen uns.
Ich entsinne mich, daß mir, als wir schon unter Beschuß waren, beim Niederlegen
auf den von Staub und Glassplittern übersäten Boden der absurde Gedanke kam,
daß mein Examensanzug nun schmutzig werden würde. Es folgten der Luftangriff,
die Bombardierung der Armenviertel - ein, wie sich herausstellen sollte,
bitteres Vorzeichen des Kommenden -, die Einnahme der Moneda und die Ermordung
Allendes, wir wurden festgenommen, verhört, waren in Gefängnissen und im
Stadion und wurden dann in Isolationshaft nach Dawson geschickt. Nach etwa
einem Jahr gelangte ich auf Umwegen in die DDR.
Man muß sich die
unglaubliche Brutalität vor Augen halten, mit der alle unsere Kämpfe, Träume
und Hoffnungen zunichtegemacht worden waren, um zu begreifen, was dieser
Wechsel für mich bedeutete. Ich kam aus einer tiefen, grausamen Niederlage in
ein Land, wo Früchte des Sieges reiften: wo die Milch für die Kinder und das
Brot so billig sind, daß viele ihren Wert schon nicht mehr kennen. Von der
Universität in Santiago inzwischen wegen "unentschuldigten
Fernbleibens" relegiert, habe ich hier nochmals studiert, eine Familie
gegründet, später promoviert. Sehr viele Menschen der unterschiedlichsten
Prägungen habe ich kennengelernt, Freunde gefunden, unzählige Gespräche
geführt. Es war eine Zeit des Lernens und Reflektierens, in der ich Abstand und
zugleich Hoffnung gewann. Mir ist, gerade auch bei Diskussionen mit Christen,
öfter der Einwand begegnet, daß man doch den Begriff der Solidarität für eine
zu abstrakte und fernliegende Sache halte. Ich habe viele Male darauf geantwortet,
daß für mich persönlich der Begriff und die Sache der Solidarität eine der
allerkonkretesten und elementarsten Realitäten meines Lebens darstellt, ohne
die wir weder damals auf Dawson noch später hätten überleben können. Ich
glaube, daß diese sozusagen systemimmanente, im innersten Wesen ihrer
gesellschaftlichen Struktur verwurzelte Solidarität der DDR zu den scheinbaren
Selbstverständlichkeiten in diesem Land gehört, deren historische und globale
Tragweite vielen nicht bewußt ist. Ich weiß nicht, wie wir unseren Kampf weiterführen
sollten ohne diese Voraussetzung, daß wir - nicht nur wir Chilenen -
tatsächlich "nicht allein" sind.
Inzwischen bin ich
nach Chile zurückgekehrt, man könnte sagen, aus der Zukunft in die Vergangenheit.
Ich habe meine Heimat wiedergefunden, nach der ich mich zehn Jahre lang gesehnt
habe und die ich nie mehr verlassen möchte - trotzdem bleibt Heimweh. Heimweh
nach diesem anderen Land, mit dem mich so viele unzerreißbare Fäden verbinden.
So viel an Erinnerungen und so viel an Wissen, aus dem in der Konfrontation mit
der lateinamerikanischen Realität ein tagtägliches, schmerzhaftes Bewußtwerden
dessen erwächst, welch unermeßlich weiter Weg noch vor uns liegt. Wenn ich
sage, daß jetzt, aus der Entfernung, die eigentlichen Konturen dieser mir zur
zweiten Heimat gewordenen Gesellschaft viel klarer zutage treten, ihre Bilanz
an historischem Erfolg, ihre Menschlichkeit sich wesentlich objektiver
beurteilen lassen, als es für manch einen aus der "Binnenperspektive"
möglich zu sein scheint, dann hat das nichts mit einem nostalgischen
Zurückschwärmen zu tun. Zwar ist letzteres in einem bestimmten Sinne für die
unwiderruflich in zwei Welten ansässig gewordenen Heimkehrer gar nicht so
untypisch und gehört zu den schmerzhaften Paradoxien der Exilserfahrung: In
Berlin sehnte man sich nach Santiago, in Santiago dagegen lebt man sehr oft in
der Erinnerung an Berlin...
Dennoch geht es,
glaube ich, um mehr als das alltägliche, fast unbemerkte Vertrautgewordensein
von Lebensgewohnheiten, Orten, alltäglichen Dingen, die einem anfangs völlig
fremd erschienen. Es geht um die großen, wirklich wesentlichen Dinge, die ich
heute radikaler und unduldsamer von den weniger wesentlichen unterscheide, als
ich selbst es noch vor einem Jahr getan hätte. Ich will versuchen, das an einem
Beispiel zu erklären.
Nachdem wir etwa sechs
Monate in Chile waren und sich die Eingewöhnung, alles in allem, problemloser
als befürchtet vollzogen hatte, bekam eines Tages unser fünfjähriger Sohn plötzlich
einen Fieberkrampf und lag mit entstelltem Gesicht und ohne ein Lebenszeichen
von sich zu geben vor uns. Das große Krankenhaus in der Nähe unserer Wohnung
wies uns einfach ab. Nicht einmal ein Arzt fand sich, der uns auch nur gesagt
hätte, ob das Kind überhaupt noch lebte. Wir hätten die Kosten für ein Bett
ohnehin nicht bezahlen können... Mit dem Doktor, den wir schließlich
auftrieben, mußten wir erst telefonisch den Preis aushandeln, ehe er zu einer
Konsultation bereit war. Ein Feilschen, als ginge es um Tomaten auf dem
Gemüsemarkt.
Es war die bitterste
Lektion in Sachen Kapitalismus und Sozialismus, die ich jemals zu lernen hatte.
Ehrlich gesagt, haben wir uns an diesem Tag mit allen Fasern unseres Herzens
zurückgesehnt in jene altvertraute Lichtenberger Poliklinik-Geborgenheit, die
man schon bei ein bißchen Husten oder Bauchweh in Anspruch nahm. Wo niemand auf
die Idee gekommen wäre, sich den Preis der Medikamente im Gegenwert zum
Schuldgeld oder zum Lebensmittelbudget auszurechnen: So viele Tabletten, so
viele Flaschen Milch weniger für diesen Monat. Milch, beiläufig gesagt, ist
gegenwärtig in Chile dreimal so teuer wie Wein...
Mein Sohn ist
inzwischen wieder gesund. Aber ich selbst habe, das mag hart klingen, seitdem
jegliche Toleranz gegenüber aller Art von "DDR-Nörgelei" verloren.
Natürlich gibt es immer etwas, das besser sein könnte, und natürlich ist auch
in der DDR nach fünfunddreißig Jahren noch nicht alles vollkommen. Insofern muß
man nicht darüber diskutieren, ob in der DDR bereits die "Gesellschaft der
Zukunft" existiert. Aber wer nicht sieht, daß es sich um die einzig
zukunftsträchtige Gesellschaft handelt, der ist einfach blind. Was die Welt
heute braucht, ist nicht jene "Freiheit und Demokratie", als deren
Anbruch das offizielle Chile gegenwärtig den 11. September 1973 feiert, sondern
jene andere, grundlegende Freiheit des Essens, Wohnens, Sichkleidens - jene
elementare Demokratie, daß jeder jederzeit zum Arzt gehen kann.
Soll niemand darauf
entgegnen, daß es das alles außer in der DDR auch anderswo gäbe: daß in der BRD
der Lebensstandard noch höher, in Schweden das Sozialsystem noch perfekter sei.
Das mag wohl stimmen, aber ebensowenig läßt sich bestreiten, daß dieser enorme
Wohlstand der westlichen Länder sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus
dem Elend der Dritten Welt finanziert. Vielleicht ist es verständlich, wenn ich
auf diesem Tatbestand hartnäckiger insistiere als früher und meine, daß jeder
DDR-Bürger sich seiner Tragweite bewußt sein sollte. In einem Land, wo man
praktisch auf Schritt und Tritt mit dieser ganzen unbeschreiblichen Armut, mit
Bettlern an der Tür, Kinderprostitution, Analphabetismus konfrontiert ist,
erscheint es als eine keineswegs nebensächliche Frage, wer eigentlich in der
Milch badet, die unseren Kindern vorenthalten wird, ob der Wohlstand einer
Gesellschaft selbst erarbeitet ist oder ob er seine direkte (wenn auch
sorgfältig verschleierte) Kehrseite in der Not anderer hat.
Vieles andere wäre
noch zu sagen. Aber ich glaube, daß dieses die alles entscheidenden
Wesensmerkmale der DDR-Wirklichkeit sind: daß das Brot für alle da ist, daß es
solidarisch mit anderen Ländern geteilt wird, daß es sich ausschließlich der
eigenen Arbeit verdankt. Und ich glaube, daß diese drei Gründe - das
unumschränkte Recht zu leben, die Solidarität und die ökonomische Unschuld -
Grund genug sein sollten, sich über die fünfunddreißig Jahre des Bestehens
dieser neuen und anderen Gesellschaft von ganzem Herzen zu freuen.
Der Weißenseer Arbeitskreis zum Tag der Befreiung (1985)
Wir feiern am 8. Mai
den Sieg über den Faschismus.
Wir sind als
Zeitgenossen und Erben Glieder einer Kirche, die sich anklagen muß, in die Irre
gegangen zu sein und in die Irre geführt zu haben. Unsere Kirche mußte
bekennen: Wir haben unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt. Wir haben das
Alte und Herkömmliche konserviert. Wir haben das freie Angebot der Gnade Gottes
an alle durch eine politische, soziale und weltanschauliche Frontenbildung
verfälscht. Wir haben in antikommunistischer Verblendung die Verheißung der
Gemeinde für das Leben und Zusammenleben im Diesseits verleugnet.
Wir sind dankbar, daß
uns antifaschistische Kämpfer von außen den Weg zu innerer Befreiung öffneten.
Uns bewegt die Verpflichtung, diese Freiheit zu bewähren. Das tun wir, indem
wir uns mit allen verbinden, die im Dienst für Gerechtigkeit und Frieden dem
Schwur treu bleiben: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" Das
tun wir, indem wir uns allen entgegenstellen, die den Faschismus verharmlosen.
Dies geschieht, wo unter Berufung auf Leid und Härte des Kampfes die Frage nach
Recht und Unrecht der Kämpfenden verdrängt wird. Das tun wir, indem wir uns
allen entgegenstellen, die den Imperialismus verharmlosen. Dies geschieht, wo
unter Berufung auf die Bedrohung des Friedens für alle Staaten der Anschein erweckt wird, als werde der Friede von allen Staaten bedroht.
Der Sieg am 8. Mai
1945 stärkt die Hoffnung überall dort, wo heute Friede und Gerechtigkeit nicht
von den Feinden erbeten, sondern nur gegen sie erkämpft werden können: gegen
Neofaschismus und Revanchismus in Europa, gegen den Rassismus in Südafrika,
gegen die Contras in Nikaragua und Afghanistan, gegen den militär-industriellen
Komplex vor allem der USA und insbesondere gegen die NATO-Staaten, die heute
sogar den Weltraum militarisieren wollen.
Wir gedenken dabei in
Dankbarkeit der Kämpfer und in Scham der Opfer: der deutschen Kommunisten und
Demokraten, der Juden und aller anderen Opfer faschistischer Genozide, der in
ganz Europa von den Aggressoren Ermordeten, der für den Sieg über den
Faschismus gefallenen Soldaten, Freiheitskämpfer und Partisanen. Wir gedenken
auch derer, die mißbraucht, gezwungen und betrogen ums Leben gebracht wurden;
auch sie sind Mahnung zum Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden heute.
Die Bewältigung der
Zukunft wird die Bewährungsprobe sein, ob wir aus der Vergangenheit gelernt
haben.
Befreiung, nicht Katastrophe (1985)
von Walter Kreck
Die gegenwärtige
Diskussion über die Feier des 8. Mai ist entlarvend.
Gewiß haben wir, die
wir diesen Tag miterlebten, zwiespältige Erinnerungen: Die einen empfanden ihn
als Katastrophe - die anderen als Befreiung. Aber wenn man heute - vierzig
Jahre danach - noch immer diesen Tag vorwiegend als Katastrophe versteht, so
ist das alarmierend. Wer die historischen Zusammenhänge überschaut, wer
zwischen Ursachen und Folgen zu unterscheiden vermag, für den ist nicht der 8.
Mai 1945, sondern der 30. Januar 1933 der Dies ater - mitsamt der vorangehenden
Entwicklung, die längst schon von nationalistischen, revanchistischen,
imperialistischen und antisozialistischen Kräften gesteuert war. Daß an
deutschem Wesen die Welt genesen werde, daß das deutsche Reich in Herrlichkeit
auferstehen und das "Volk ohne Raum" sich nach Osten hin ausdehnen
müsse, daß die Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems von Juden,
Sozialisten und Kommunisten verursacht seien und im Bündnis mit der
faschistischen Bewegung überwunden werden könnten - all diese Wahnideen brachen
am 8. Mai 1945 zusammen. "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg", -
das war die Lehre, die die Überlebenden der KZ.s damals zogen.
Haben wir aus der
Geschichte gelernt und alles getan, damit nie wieder von deutschem Boden ein
Krieg ausgehe?
Daß wir einen
demokratischen Staat aufbauten und wirtschaftlich erfolgreich waren, daß wir
uns mit den westlichen Nachbarn aussöhnten und uns fest im nordatlantischen
Bündnis verankerten, auch mit den östlichen Nachbarn Verträge schlossen, das
alles kann nicht darüber hinwegtäuschen: Europa und speziell unser Land ist ein
Pulverfaß wie noch nie! Und es kann jederzeit ein Funke aus den Konfliktzonen
der Dritten Welt zu uns überspringen und ein Inferno auslösen.
Darum können wir am 8.
Mai 1985 nicht nur der Befreiung vom Hitlerfaschismus und des Endes des zweiten
Weltkrieges gedenken, sondern wir müssen vor einem erneuten Spiel mit dem Feuer
warnen: Vor der Fortsetzung der Raketenstationierung und der Einbeziehung sogar
des Weltraumes in die strategische Planung, vor einer Wirtschaftspolitik, die
sich mit den wachsenden Heeren von Arbeitslosen und den Millionen Hungernder in
der Welt abfindet, ja, die sozialen Gegensätze ständig verschärft, vor einem
unverantwortlichen Insistieren auf der "Offenheit der deutschen Frage",
mit dem wir unsere Nachbarn in Ost und West in Unruhe versetzen, vor der
hartnäckigen Weigerung, die Staatsbürgerschaft der DDR anzuerkennen, vor einer
an die Weimarer Zeit erinnernden Panikmache gegenüber einer Bedrohung von
"links" und einer Verharmlosung neonazistischer Umtriebe. Auch
vierzig Jahre nach Kriegsende ist Brechts Wort nicht überholt:
"Der Schoß ist
fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Der 8. Mai - Eine Mahnung zur Wachsamkeit (1985)
von Rosemarie Müller
Streisand
Lassen Sie mich offen
gestehen: im allgemeinen bin ich etwas skeptisch gegen allerlei Jubiläen
zwischen 50 und 500 Jahren. Denn da fühlt sich jeder, ganz gleich woher er
kommt oder wo er steht, zum Mitfeiern verpflichtet, und das ungenießbare
Ergebnis ist nur allzu häufig ein farb- und geschmackloser allgemeiner Brei aus
Zutaten allzu vieler Köche.
Anders aber der 40.
Jahrestag der Befreiung: Man muß schon von Berufs wegen "ausgewogen"
denken wie Kirchenbehörden, um die Alternative "Befreiung oder Niederlage" komplementär zu
versöhnen und auch noch durch den Begriff "Kriegsende" zu
neutralisieren. Und man muß schon ein BRD-Kirchenorgan wie die
"Evangelischen Kommentare" sein, um das ein "peinliche<s>
semantische<s> Gezänk" zu nennen (1985/2, S. 62). Jedenfalls: Ich
bin froh, in einem Staat zu leben, in dem dieser 8.Mai offizieller Feiertag ist
- wie er es in der Vergangenheit jahrzehntelang war und dann - wenn auch aus
verständlichen Gründen - bedauerlicherweise zu sein aufhörte.*
40 Jahre - das ist in
der Bibel die Dauer einer Generation. Und wir, die wir die Befreiung vom
Faschismus noch - mit einem kaum beschreibbaren Gefühl des Triumphes, des
Glücks, der Inangriffnahme politischer Aktivität - erleben durften, sind nun
die letzte Generation, die die ganze Zeit des deutschen Faschismus - von seinem
Beginn bis zu seiner schmählichen Niederlage - bewußt erfahren hat: seinen
Terror gegen Linke und Demokraten, den antisemitischen Sadismus und den
scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug durch Europa, das - gebannt wie das
Kaninchen auf die Schlange fixiert - lange genug gemeint hatte, durch eine Politik
der Beschwichtigung und des Verrats die deutsche Expansion von sich ab- und auf
andere hinlenken zu können. Bis dann schließlich die Sowjetunion - deren
Abschluß eines Nichtangriffspaktes von uns Bürgerlichen wohl keiner verstanden
hat, so daß wir sie 1939-1941 mit den Nazis in einen Topf warfen, und im Blick
auf deren Rückzug wir uns allenfalls mit Napoleons Rußlandfeldzug trösteten -
bis dann schließlich diese Sowjetunion die Nazi-Truppen erst zum Stehen und
dann zum Fliehen brachte.
Damals stand schon die
Alternative: "Befreiung" oder "Katastrophe". Ich erinnere
mich, mit welcher Begeisterung ich zu Freunden - der Vater Mitglied des
Bruderrates der Bekennenden Kirche und alles andere als Nazi - mit der
Nachricht kam, "die Russen" hätten den ersten deutschen Ort erobert,
und wie mir an den betretenen Gesichtern deutlich wurde, daß meine Freude
darüber etwas Unschickliches, etwas ganz und gar Ungehöriges sei. Damals erst
wurde mir deutlich, daß mein Wunsch, das Deutsche Reich möge den Krieg
verlieren, in meinen Kreisen - also in seit je bürgerlichen und seit 1935 auch
kirchlichen Kreisen - nicht als normal, sondern als ganz unnormal angesehen
wurde und daß ich voraussichtlich nach der Besiegung Nazideutschlands mit
meiner Meinung nicht weniger allein stehen würde als vorher zumal auf dem
Höhepunkt der Nazierfolge 1940/41. Das also war das erste, was ich noch in der
Nazizeit lernte: es ist keine Schande, in der Minorität zu sein; nicht an der
Majorität, sondern am Richtigen hat man sich zu orientieren und dann allerdings
alles daran zu setzen, auch eine Majorität für das als richtig Erkannte zu
gewinnen.
Das andere, was meine
Generation bürgerlicher Antinazis - zu Antifaschisten wurden wir erst nach 1945
- noch in der Nazizeit gelernt hat - nicht aus Büchern, sondern aus der
Realität - war: Es gibt Feinde, die sich nicht beschwichtigen lassen, die einem
selbst und anderen nach dem Leben trachten. Was soll die heuchlerische Polemik
gegen Feindbilder, wenn es reale Feinde gibt - damals zuerst erlebt als
Feindschaft der Nazis gegen alle anständigen Deutschen mitsamt den
verängstigten, gedemütigten sogenannten "Nichtariern", dann gegen
fast alle europäischen Völker - dann nach der Befreiung als Feindschaft der
Konterrevolutionäre am 17. Juni 1953, der Konterrevolutionäre in Ungarn, der
CSSR und Polen, heute der Contras in Nikaragua und Afghanistan, als Feinde des
Völkerrechts in Israel, als rassistische Mörder in Südafrika und - verbündet
mit diesen allen und nun die ganze Menschheit bedrohend - als Planer eines
"Krieges der Sterne".
Und so, wie wir als
Bürgerliche vor 1945 zwar nicht gelernt hatten, daß der Grundwiderspruch
unserer Epoche der zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist, wir aber sehr wohl
den Kampf gegen den Nazifaschismus als Hauptaufgabe der Zeit elementar
erfaßten, so verbünden wir uns heute mit allen, die - auch wenn sie den
Grundwiderspruch unserer Epoche noch nicht erfaßt haben - doch in der heutigen
Hauptaufgabe mit uns zusammengehen: im Kampf um die friedliche Koexistenz
zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung. Und so wie wir damals
erst nach 1941 die historische Rolle der Sowjetunion im Kampf um die Hauptaufgabe
erkennen lernten, so werden wir heute, uns eigener Unwissenheit erinnernd,
ebenso geduldig wie unnachgiebig um die ringen müssen, die so zur Sowjetunion
stehen wie wir 1939-41 und darum von "Supermächten" reden.
Aber wenn wir dieses
breite Bündnis eingehen - so breit, wie die Antihitlerkoalition im Zweiten
Weltkrieg war, zu der schließlich auch ein Churchill gehörte, dessen
Fulton-Rede 1946 das Fanal des Kalten Krieges war -, dann werden wir an zwei
Punkten wachsam sein müssen.
Erstens: Bündnis heißt
nicht "Wandel durch Annäherung", sondern vollzieht sich gerade bei
bewußt bleibender Verschiedenheit auf Grund gleicher vitaler Interessen. Das
heißt aber: je klarer, je prinzipienfester unser eigener Standpunkt ist, um so
breiter kann die Front unseres Bündnisses sein. Sehr konkret: nicht vorgebliche
gesamtdeutsche Gemeinsamkeiten, nicht ökonomische Erpreßbarkeit, nicht
opportunistisches Nachgeben wird es erzwingen, daß auch von westdeutschem Boden
kein Krieg mehr ausgeht, sondern unsere ehrliche, uneingeschränkte Teilnahme am
sozialistischen Bruderbund, die Einheitlichkeit sozialistischer Außenpolitik,
die ökonomische Integration im RGW - also alle die Dinge, die Michail
Gorbatschow in seinen ersten Äußerungen mit Recht so betont hat.
Und zweitens: Wir
werden es begrüßen, daß die konsequente Politik der Sowjetunion die USA
gezwungen hat, in Genf die Weltraumrüstung zum Verhandlungsgegenstand zu
machen. Und wir setzen bei diesen Verhandlungen auf dieselbe unbeirrbare,
unerschütterliche Zähigkeit, mit der die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg
gewonnen hat. Nicht um weniger, sondern um mehr geht es diesmal. Aber wir
werden wachsam sein und nicht jeden gleich als Freund und Bruder willkommen
heißen, der hier einen "Dialog" begrüßt. Denn wir haben den Begriff
"Dialog" noch gut im Ohr: 1968 in der CSSR als Forderung
ideologischer Koexistenz, 1980 als Forderung der Konterrevolution in Polen und
heute als Erpressungsversuch der Contras in Nikaragua. Und auch die
BRD-Regierung - der die doch gewiß unverdächtigen "Evangelischen
Kommentare" (a.a.O.) "schleichenden Revanchismus" bescheinigen -
redet vom "Dialog".
Das Paket
"Erkennen, daß wir Feinde haben" und "Koalition der
Vernunft" gegen eben diese Feinde darf nicht auseinandergeschnürt werden.
Manchmal scheint mir in dieser Beziehung unsere Informationspolitik nicht
vorsichtig genug zu sein. Schadete es denn unserem Optimismus oder stärkte es
nicht vielmehr unsere Kampfkraft für den Frieden, wenn wir nicht nur die
konkreten Arbeitslosen- und Sozialabbau-Zahlen der BRD bekanntgäben, sondern
ebenso deutlich und öffentlich Zahlen ihres Rüstungshaushalts und dessen
Steigerung aufschlüsselten, wie es jüngst die "Neue Stimme" getan
hat? Gerade weil es stimmt, daß wir kein unmittelbarer Verhandlungspartner für
die USA in der Frage globaler Abrüstung sein können, wohl aber einer für die
BRD in der Frage der Förderung oder Hemmung imperialistischer Hochrüstung, kann
in diesen Verhandlungen mit diesem getreuesten Bundesgenossen, den die USA in
Europa haben, doch sozusagen paradigmatisch deutlich werden, wie wir zu der
schreckenerregenden Politik der USA stehen. Und dem sollte auch unsere
öffentliche Informationspolitik entsprechen. Immunisieren wir unsere Bürger
genügend gegenüber Illusionen und Vertrauensseligkeiten gegenüber einem Wolf,
der Kreide gefressen und seine Pfoten mit Mehl gepudert hat?
Dummheit und Antikommunismus (1985)
von Horsta Krum
Dietrich Bonhoeffer:
Von der Dummheit, geschrieben im Jahre 1943:"Dummheit ist ein gefährlicherer
Feind des Guten als Bosheit ... Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit
Protesten noch mit Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen
nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach
nicht geglaubt zu werden, ... und wenn sie unausweichlich sind, können sie
einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden ...
Um zu wissen, wie wir
der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel
ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein
menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche
Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr schwerfällige, die alles andere
als dumm sind... Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein
angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden bzw. sich dumm machen
lassen... So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als
ein soziologisches Phänomen zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung
geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung
bestimmter äußerer Verhältnisse."*
Wir, die nächste
Generation, die in oder nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, haben uns oft
gefragt: Wie war es möglich, daß so viele Menschen im damaligen Deutschland
sich vom Faschismus hinreißen ließen, auf Hitlers Befehl hin in den Weltkrieg
zogen usw. Es gibt eine Reihe von Antworten: Bonhoeffers Sätze über die
Dummheit sind der Versuch einer
Antwort - einer Antwort, die mir einleuchtet und die in den Erfahrungen der
Gegenwart eine Bestätigung findet, eine erschreckend aktuelle Bestätigung...
Am
Anfang dieses Referates hat ein Zitat des deutschen Theologen Bonhoeffer
gestanden. Im letzten Teil nun möchte ich daran anknüpfen und kurz über die Erscheinung sprechen, die der
deutsche Dichter Thomas Mann die "Grundtorheit unseres Jahrhunderts"
genannt hat, nämlich den Antikommunismus.
Der
Antikommunismus ist sehr vielfältig; er kann plump oder subtil sein, er kann
sich fortschrittlich, liberal oder fromm geben; in meinem Land taucht er
manchmal noch in faschistischen Denkkategorien auf. Selbst Zeitungen, Sendungen
von Rundfunk und Fernsehen, die den Anspruch haben, "objektiv" zu
sein, verraten sich oft durch Kleinigkeiten, die um so wirksamer sind, als sie
dem Leser, Hörer usw. nicht bewußt werden, aber doch in ihm ein Gefühl der
Abwehr, der Angst und Unsicherheit gegenüber dem Sozialismus hervorrufen -
besonders dann, wenn die Menschen jahrzehntelang auf diese Weise beeinflußt,
dumm gemacht werden.
Lassen Sie mich zum
Schluß von einem Dokument des Antikommunismus sprechen, das nur einige Wochen
alt ist: von den Reden des Präsidenten der USA anläßlich seines Besuches in der
BRD im Mai 1985. In dem ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen gedachte
er der jüdischen, der katholischen und protestantischen Opfer, erwähnte aber
mit keinem Wort die mehr als 50 000 sowjetischen Opfer, die ebenfalls in
Bergen-Belsen ermordet wurden. Auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg wurde dann
über die Kriegs- und Nachkriegszeit gesprochen, aber das Volk, das am meisten
gelitten hat in diesem Krieg, das die höchsten Verluste an Menschen und Werten
aller Art hatte, wurde auch an dieser Stelle nicht genannt.
Das Verschweigen der
sowjetischen Opfer verfälscht die Geschichte in antikommunistischem Sinn, und
der Besuch in Bitburg, wo außer deutschen Soldaten auch Angehörige der SS
begraben liegen, bedeutete eine Verharmlosung der Verbrechen, die in deutschem
Namen begangen wurde. Die SS hat nicht nur Sowjetbürger, Polen, Deutsche usw.
zu Tode gequält, sondern auch Amerikaner.
Die Rede, die der
Präsident in Bitburg hielt, macht diese Tendenz vollends deutlich: Ein deutscher
ehemaliger Soldat und ein amerikanischer ehemaliger Soldat - beide werden in
gleicher Weise "Kriegsheld" genannt, sie sind "zwei ehemalige
Kriegshelden" (two former war hereos), beide werden "die
Tapfersten" genannt, als gäbe es eine Tapferkeit an sich, unabhängig
davon, auf welcher Seite man in diesem Krieg gekämpft hat. Hier wird ein
Merkmal deutlich, das man zunächst einmal als Verharmlosung des Faschismus
bezeichnen kann, und zwar des Faschismus nationalsozialistischer Prägung, wie
auch die Verharmlosung von faschistoiden Regimen (Südafrika, Chile usw.) und
von menschenverachtender Praxis (Rassismus usw.).
Die Bitburg-Rede läßt
den Faschismus in mystischem Dunkel. Begriffe wie "das Böse",
"Unheil", "Dunkelheit" sollen die klar analysierbare
geschichtliche Erscheinung des Faschismus beschreiben. "Die
Geschichte" und eine "bösartige Ideologie" (vicious ideology)
werden als Ursprung des Faschismus benannt - und immer wieder taucht der
Begriff "Totalitarismus" auf.
Als Gegenbegriffe zum
Faschismus dienen: das Gute, Hoffnung, Vertrauen, das Adjektiv "hell"
und vor allem das Wort "Freiheit". Unversehens gelten diese Begriffe
nun nicht mehr der Befreiung vom Faschismus, sondern dem US-amerikanischen und
bundesdeutschen Gesellschaftssystem. Und eben die Begriffe, die vorher den
Faschismus beschrieben, werden nun angewandt auf den Sozialismus. "Das
Gute" und "das Böse" werden eindeutig zugeordnet, wobei die USA
und die BRD auf seiten des Guten stehen mit moralischem Maßstab (moral
measure). Der Satz "Der Kampf für die Freiheit ist noch nicht zu
Ende" (the struggle for freedom is not complete) u.a. muß im Kontext der
Gleichstellung von Faschismus und Sozialismus angesehen werden als
Aufforderung, den Kampf von damals fortzusetzen als Kampf gegen den
Sozialismus.
Wenig weiß der
Präsident vom Inhalt des neu errungenen Guten zu sagen: es verengt sich auf die
"neuen wirtschaftlichen Freiheiten" (new economic freedoms) und den
Wohlstand (prosperity) in Asien. In dieser Spezifizierung taucht das allzu viel
benutzte Wort Freiheit zum letzten Mal in der Bitburg-Rede auf.
Der Auftritt von
Reagan und Kohl gibt denen in meinem Lande Recht, die den Faschismus als
Entgleisung eines Zuges empfinden, der ansonsten in die richtige Richtung
fährt.
Der Auftritt von
Reagan und Kohl gibt denen Recht, die den Faschismus neu zur Geltung bringen
wollen, die wieder Synagogen und jüdische Friedhöfe beschädigen, die im
Sozialismus das größte Übel erblicken, das - mit welchen Mitteln auch immer -
bekämpft werden muß.
Der Auftritt von
Reagan und Kohl bestätigt die amerikanische Rüstungspolitik, die dem "sowjetischen
Huhn den Kopf abschlagen" will und wichtigere Ziele hat als den Frieden.
Der Auftritt von Reagan und Kohl bestätigt den schon erwähnten Dichter Thomas
Mann; neun Jahre nach der Befreiung stellt er fest: "In meinen Augen ist
der wütend um sich schlagende Antikommunismus eine Form des Faschismus, der das
Wort Freiheit im Munde führt."...
Wider den Antikommunismus (1985)
von Metropolit Mar
Gregorius /Indien
Die ideologische Krise
hat mit dem Wirklichkeitsverständnis des Volkes zu tun und damit, wie es jene
Wirklichkeit umformt, damit sie seinen besten Interessen dient. Die Krise ist
in den Köpfen der Leute. Sie wissen nicht, wem sie glauben beziehungsweise wie
sie verstehen sollen. Andererseits gibt es da den in der Welt weit verbreiteten
simplen Antikommunismus; selbst Menschen in den sozialistischen Ländern sind
nicht immun dagegen. Gewöhnlich hat er einen religiösen und einen weltlichen
Aspekt: Das religiöse Element konzentriert sich auf den kommunistischen
"Atheismus". Die Tatsache, daß Kommunisten nicht an Gott und nicht -
wie Reagan es jetzt sieht - an ein Leben nach dem Tode glauben, ist ein
hinreichender Grund, nicht nur den Kommunismus abzulehnen, sondern auch einen
"heiligen Krieg", einen Kreuzzug gegen ihn zu führen. Der weltliche
Aspekt konzentriert sich auf die Furcht vor dem Kommunismus als dem großen
"Gleichmacher", der die Privilegien und Freiheiten der Reichen
beseitigen werde. Religiöse und weltliche Elemente verstärken einander,
begleitet von einem systematisch (und subtil) den Leuten eingeprägten Haß gegen
die "Russen". Einer solchen antikommunistischen, antisowjetischen
Ideologie nehmen sich Politiker und religiöse Führer überall in der Welt an und
verbreiten sie - besonders unter Christen und Moslems. Jede In-Frage-Stellung
eines solchen naiven Antikommunismus wird emotional abgelehnt, und es kommt zu
einer traurigen Trübung des klaren Verstandes und zur Weigerung, die
Wirklichkeit anzuerkennen.
In der
Zwei-Drittel-Welt ist dieser Antikommunismus alles durchdringend gegenwärtig,
besonders in der Mittelschicht, die der westlichen Propaganda gegenüber offener
als andere ist. Sie beklagt sich freilich in erster Linie nicht über die
Gottlosigkeit des Kommunismus, sondern über das angebliche Fehlen einer
Freiheit von staatlicher Kontrolle. Es gibt auch vorgefaßte Meinungen über die
"blutigen und gewaltsamen Methoden" des Kommunismus, zum Teil
gegründet auf Impressionen aus der Stalin-Ära, vor allem aber als Ergebnis der
im Westen gezeichneten Karikatur des Kommunismus.
Dieses
antikommunistische Vorurteil, selten systematisch artikuliert, wird ein
wichtiges Werkzeug des Imperialismus und der reaktionären Kräfte in der Welt.
Die Zeitungen, die meist reicheren Gruppen gehören, halten systematisch alle
positiven Informationen über die sozialistischen Länder zurück. Dagegen spielen
sie die Dissidenten beziehungsweise einzelne politische Prozesse hoch und
erwecken mit allen nur möglichen Mitteln den Eindruck, daß den Menschen in den
sozialistischen Ländern die Menschenrechte verweigert würden. Darüber hinaus
erschwert die Infiltration einer subtilen Form westlichen Liberalismus die
offene Ideologie-Diskussion - und zwar in den industriell entwickelten Ländern
ebenso wie in der Zwei-Drittel-Welt. Dieser Liberalismus vertritt mit einer
gewissen hochmütigen Herablassung die Ansicht, daß Kapitalismus und Sozialismus
beide schlecht seien und daß wir nach einem "dritten Weg" Ausschau zu
halten hätten. Jeder "dritte Weg" aber erweist sich schließlich nur
als eine weitere Variante der Politik der Marktwirtschaft!
Gleichzeitig gibt es
eine Krise innerhalb des Marxismus selbst, die die Diskussion zusätzlich
kompliziert. Diese Krise hat zwei unterschiedliche Quellen:
Die erste ist das
Aufkommen einer verwirrenden Anzahl neuer (bzw. wiederbelebter alter) Versionen
des Marxismus. Der Euro-Kommunismus, der Kommunismus der Wohlstandsgesellschaft
mit seinem unverhohlenen Antisowjetismus ist eine Form. Unter jungen Intellektuellen kommt der Trotzkismus
wieder in Mode. Am bösartigsten aber sind die vielfältigen Formen der
"neuen Linken" mit ihren simplizistischen Heilmitteln für die
komplexesten Probleme und mit ihrem Eintreten für die "permanente
Revolution" oder einen "kritischen Marxismus" - ohne daß sie
jedoch die praktischen Implikationen dieser neuen Doktrin wirklich erkennen. Da
gibt es die chinesische Spielart eines pragmatischen Marxismus, der
Großmachtambitionen mit sozialistischen Zielen zu verbinden sucht.
Die Folge dieser
vielfältigen Formen von "Marxismus" ist eine ideologische Verwirrung
unter Marxisten selbst. Die Führungen marxistischer Parteien haben Angst vor
tiefgehender ideologischer Reflexion und Diskussion aus Sorge um die Einheit
der Parteien. Das Ergebnis ist, daß junge Marxisten (und viele von den alten
ebenso) in der marxistischen Theorie nur ungenügende Kenntnisse besitzen und
sich bei der Ausarbeitung von Aktionsprogrammen durch fremde und unwesentliche
Überlegungen leiten lassen.
Die andere Quelle der
Krise ist die Tatsache, daß der an der Macht befindliche Kommunismus andere
Qualitäten bezeugt als der für die Emanzipation des Volkes noch kämpfende Kommunismus.
Der Geist der Opferbereitschaft und der Wille zum Ertragen der Härten
schwinden, während die üblichen Wertvorstellungen der Machtelite innerhalb der
Parteikader nach oben kommen. Das wiederum stößt jene Marxisten ab, die nach
wie vor an den Werten des revolutionären Kampfes festhalten. Da aber die Macht,
Entscheidungen zu fällen, nicht in ihrer Hand liegt, ziehen sie sich still und
leise von der politischen Bühne zurück und versuchen in der akademischen Welt
oder in ähnlich ruhigen Atmosphären zu arbeiten. Die ältere Führung konsolidiert
ihre Macht in der Partei und dem Staatsapparat; die Ideologie wird so
kompromittiert.
Das Endergebnis ist
ein Nachlassen ernsthafter, sich auf die Praxis gründender theoretischer Reflexion.
Es ist verständlich, daß die Marktwirtschaft die intellektuelle Welt von der
ideologischen Reflexion abhalten soll und sich mit einer Art Ad-hoc-Denken und
dem kritischen Pragmatismus begnügt - hat sie doch die Gefahr erkannt, daß
tieferes Nachdenken nur die gegen das Volk gerichteten Aspekte des
marktwirtschaftlichen Programms entlarven würde. Das ist nicht zu befürchten,
solange sich die Diskussion auf pragmatische Aspekte des Programms beschränkt.
Das Tragische aber ist, daß es auch in sozialistischen Parteien eine
Verhinderung ernsthaften (das heißt auf die Wirklichkeit gründenden)
theoretischen Nachdenkens gibt.
Die jungen Leute sind
verwirrt. In einem Alter, wo nur mit der Praxis eng verbundene theoretische
Erkenntnisse zu tieferen Überzeugungen führen können, sehen sie wenig Licht,
dem sie folgen könnten. Die Universitäten in der Welt der Marktwirtschaft befinden
sich selten in der dazu notwendigen Verfassung. Selbst in sozialistischen
Ländern - so scheint es zumindest dem Außenstehenden - bleibt da noch viel zu
wünschen übrig.
Die ideologische Krise
besteht also nicht etwa in einer direkten Konfrontation zwischen
sozialistischen und Freie-Markt-Ideologien, sondern gerade im Fehlen einer
solchen Konfrontation auf der ideologischen Ebene. Der christlich-marxistische
Dialog hat einmal dabei geholfen, einige ideologische Fragen zu klären. Heute
aber herrscht die Tendenz, ideologische oder theoretische Fragen im Dialog zu
vermeiden und die Diskussion auf allgemein akzeptable Dinge und Programme zu
beschränken. Das Endergebnis ist, daß die Leute abgeschnitten werden von der
ideologischen Reflexion, die nun auf eine halbverdaute Diskussion unter
"sicheren" Akademikern beschränkt bleibt.
FdGO (Freiheitlich-demokratische Grundordnung)
als Bekenntnisschrift der EKD ? (1985)
von Dieter Kraft
Stellen wir uns einmal
vor, daß der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR eine Denkschrift
herausgäbe mit dem Titel:
"Evangelische
Kirche und sozialistische Demokratie. Der Arbeiter- und Bauernstaat der
sozialistischen Verfassung als Angebot und Aufgabe."
Stellen wir uns weiter
vor, die Einleitung zu dieser Denkschrift begänne:
"Als evangelische
Christen in der Deutschen Demokratischen Republik nehmen wir auf vielfältige
Weise am Leben und an der Gestaltung unseres Staates teil. Daß wir in einer
sozialistischen Demokratie leben, ist weithin selbstverständlich geworden. Diese
Denkschrift soll über die Zustimmung zu dieser Demokratie und das Eintreten für
sie Rechenschaft ablegen ... Was hier über Staat und Demokratie gesagt wird,
gilt dem Staat der sozialistischen Verfassung der Deutschen Demokratischen
Republik."
Dann würde noch einmal
unterstrichen:
"Die hier
vorgelegte Denkschrift will die Zustimmung evangelischer Christen zur
sozialistischen Staatsform der Verfassung begründen und ihre Konsequenzen für
das Leben als Bürger in unserem Staat erörtern."
Stellen wir uns weiter
vor, wir läsen in dieser Denkschrift des Kirchenbundes:
"Nur eine
sozialistische Verfassung kann heute der Menschenwürde entsprechen ... Keine
heute bekannte Staatsform bietet eine bessere Gewähr, die gestellten Probleme
zu lösen, als die sozialistische Demokratie...
Die Kirche begleitet
den Staat in seinem Auftrag und die Christen in ihrer politischen Existenz;
aber sie tritt nicht an die Stelle des Staates und nimmt den Christen nicht
ihre Verantwortung als Bürger ab..."
Dann schließlich liefe
die Begründung der Zustimmung und die Erörterung der Konsequenzen dieser
Zustimmung evangelischer Christen zur sozialistischen Verfassung aus in eine
lebhafte Explikation des gesamten sozialistischen Staatsrechtes, die ohne
Bedenken als Lehrmaterial für den Staatsbürgerkunde-Unterricht akzeptabel wäre.
Und zuletzt stelle man
sich vor, die Denkschrift hätte der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR
ausarbeiten lassen von einem Gremium, von dem über die Hälfte der Mitglieder
hohe Staatsfunktionäre, Minister, Staatssekretäre und oberste Richter gewesen
wären...
*
Das alles stimmt nur
beinahe! Es handelt sich bei dem, was wir zitierten, nicht um eine Denkschrift
des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR über seine Zustimmung zur
sozialistischen Verfassung. Sondern es handelt sich um einen Text, der dann
entsteht, wenn man die Denkschrift der EKD "Evangelische Kirche und
freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und
Aufgabe" unter dem Gesichtspunkt der goldenen Regel liest. Alle
Formulierungen sind der "Denkschrift der Evangelischen Kirche in
Deutschland" wörtlich entnommen; lediglich haben wir, was sie über den
kapitalistischen Staat der BRD, der sich in der FdGO, der
"Freiheitlich-demokratischen Grundordnung" im Grundgesetz der BRD
seine Verfassung gegeben hat, zu sagen weiß, auf die sozialistische Ordnung des
Arbeiter- und Bauernstaates in der DDR und seine Verfassung bezogen.
Wir können die
neugierige Frage nicht unterdrücken: Was würden wohl die Verfasser der
EKD-Denkschrift, die Bundesminister a.D., die parlamentarischen Staatssekretäre
im Dienst, die Verfassungsgerichts-, Universitäts- und sonstigen zahlreichen
Präsidenten und Vizepräsidenten samt prominenten Kirchenführern und
Professoren, die diese Denkschrift unter dem Vorsitz von Trutz Rendtorff
ausgearbeitet haben, sagen, wenn der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR
eine entsprechende Denkschrift vorgelegt hätte?
Jedenfalls würde man
es sich in der EKD sehr wohl überlegen, ob es unter diesen Umständen noch zu
verantworten wäre, die Beziehungen zu einer solchen DDR-Kirche weiterhin unter
dem Aspekt einer "besonderen Gemeinschaft" zu gestalten. Hätte der
Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR eine solche Denkschrift, wie wir sie
uns oben ausgedacht haben, verfaßt, müßte die EKD gegenüber dem Kirchenbund auf
Distanz gehen, wollte sie nicht in den Ruf kommen, mit prokommunistischen
Kräften zusammenzuarbeiten, die unter den gegenwärtigen Bedingungen der
BRD-Gesellschaft bekanntlich als verfassungsfeindlich gelten.
Doch für die EKD
besteht kein Grund zur Beunruhigung, denn es ist nicht zu erwarten, daß der
Kirchenbund jemals eine entsprechende Denkschrift verabschieden würde, und es
ist ganz und gar nicht zu erwarten, daß Staat und Gesellschaft der DDR vom
Kirchenbund jemals eine solche Denkschrift erwarten könnten.
Erwartungen hegt
lediglich die EKD gegenüber dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR: er
möge sich als eine "eigenständige gesellschaftliche Kraft" erweisen.
Die Christen in der DDR "leben in einem anderen gesellschaftlichen System
und einer anderen Staatsform. Ihren Weg und ihre Aufgabe als Staatsbürger
bestimmen sie in ihrer Kirche als einer eigenständigen gesellschaftlichen Kraft
für sich selbst, so wie wir es hier für uns tun. Diese Klarstellung mindert
nicht den Ernst unserer Überzeugungen." Sprich: der Überzeugung, daß
gesellschaftliches System und Staatsform der DDR nicht der Würde des Menschen
entsprächen, denn: "Nur eine demokratische Verfassung", versteht
sich: im Sinne der FdGO, "kann heute der Menschenwürde entsprechen."
Wer nicht zu verstehen
vermag, wie eine solche Aussage mit der Wirklichkeit des außergewöhnlich
gewöhnlichen BRD-Kapitalismus in Einklang zu bringen ist, wer also nicht in der
Lage ist, zum Beispiel die Millionen Arbeitslosen wegzudenken, damit er sich
unter dieser "Menschenwürde" etwas denken kann, der wird auch
Schwierigkeiten mit der den Christen in der DDR empfohlenen
"Eigenständigkeit" haben.
Ganz deutlich meint ja
dieser Satz keine "Eigenständigkeit" des DDR-Kirchenbundes gegenüber
der EKD, sondern gegenüber der DDR. Dabei täuscht der Vergleich "Wie wir
es hier für uns tun" über die Realität hinweg, die gerade in dieser
EKD-Denkschrift selbst Ausdruck findet: Abgesehen davon, daß die Kirche nicht
berufen ist, eine "eigenständige gesellschaftliche Kraft" zu sein (wo
zum Beispiel ist sie das im Neuen Testament?), zeigt jedenfalls die Denkschrift
der EKD nicht einmal eine Spur von Eigenständigkeit der evangelischen Kirche
gegenüber der Gesellschaftsordnung der BRD, insbesondere auch keinerlei
geistliche Eigenständigkeit ihr gegenüber. Dahingegen wird der Verdacht durch
diese Denkschrift keineswegs entkräftet, sondern eher gefördert, die
"eigenständige gesellschaftliche Kraft" der evangelischen Kirchen in
der DDR müsse eigentlich im Sinne des Bonner Grundgesetzes wirken.
*
Mit der
EKD-Denkschrift ist die These, die bislang niemand bestritten hatte, daß
nämlich das Bonner Grundgesetz nicht zu den kirchlichen Bekenntnisschriften
gehöre, faktisch problematisiert worden. Die in der Denkschrift zum Ausdruck
gebrachte Bejahung der "freiheitlich-demokratischen Ordnung" wird
nämlich nicht politisch begründet, sondern theologisch sanktioniert. Daran läßt
auch der Satz keinen Zweifel: "Die Demokratie beruft sich nicht auf ein bestimmtes
religiöses Bekenntnis." Denn dieser Satz meint nichts anderes, als daß die
Zustimmung zur FdGO nicht von einem bestimmten
religiösen Bekenntnis abhänge, da doch die Präambel des Grundgesetzes lediglich
allgemein religiös feststelle,
"daß das deutsche Volk das Grundgesetz 'im Bewußtsein seiner Verantwortung
vor Gott und den Menschen' beschlossen habe."
Diese Präambel (die
die in der Denkschrift gleichfalls beschworene Religionsfreiheit und weltanschauliche
Neutralität des Staates schon insofern aufhebt, als das Menschenrecht auf
Areligiosität und darauf, diesen Allerweltsgott, auf den die bürgerliche Nation
vertraut, zu verleugnen, durch eine solche Passage gröblich mißachtet wird)
reicht den Verfassern der Denkschrift offensichtlich nicht aus, um eine
"positive Beziehung der Christen zum demokratischen Staat"
hinlänglich begründet zu sehen. Deshalb bringen sie eine massivere Begründung
ins Spiel: die "besondere Nähe und deswegen auch eine positive Beziehung
zwischen den geistigen Grundlagen der demokratischen Staatsform und dem
christlichen Menschenbild". "Für Christen ist es wichtig zu erkennen,
daß die Grundgedanken, aus denen heraus ein demokratischer Staat seinen Auftrag
wahrnimmt, eine Nähe zum christlichen Menschenbild aufweisen ... Auch die
Demokratie ist keine 'christliche Staatsform'. Aber die positive Beziehung von
Christen zum demokratischen Staat des Grundgesetzes ist mehr als äußerlicher
Natur; sie hat zu tun mit den theologischen und ethischen Überzeugungen des
christlichen Glaubens."
Wenn dem so wäre, wenn
das Verhalten von Christen gegenüber dem Grundgesetz der BRD nicht allein und
ausschließlich nach politisch begründeten Grundsätzen erfolgen könnte, sondern
zunächst und vor allem oder auch nur gleichermaßen theologischer Natur wäre,
dann gehörte dieses Grundgesetz der BRD nicht mehr zu den bekenntnisneutralen
Adiaphora, sondern nähme den Charakter eines Bekenntnistextes an.
Und so verwundert es
denn auch nicht mehr, daß in der Denkschrift die bürgerlichen Verfassungsprinzipien
geradezu wie Dogmen der Kirche behandelt und festgeschrieben werden, allen
voran das Prinzip der "repräsentativen Demokratie", das die
Legitimität außerparlamentarischer politischer Aktivität verfassungsrechtlich
suspekt macht, weshalb sich die Denkschrift letztlich auch gegen
"plebiszitäre Verfahren", gegen Volksbegehren und Volksentscheide,
ausspricht und damit jene Entwicklung begünstigt, die der ehemalige
Bundesverfassungsrichter Helmut Simon auf dem Düsseldorfer Kirchentag dieses
Jahres öffentlich als "repräsentativen Absolutismus" verworfen hat [1].
Daß die
"Freiheitlich-demokratische Ordnung" des Bonner Grundgesetzes für die
Verfasser der EKD-Denkschrift sakrosankt geradezu in dem Sinne ist, der im
Mittelalter allein "heiligem Recht" und "göttlicher
Ordnung" zugebilligt wurde, bestätigt endgültig auch die Auskunft, diese
"Freiheitlich-demokratische Grundordnung" sei schlechthin
unantastbar, und ein politisches Widerstandsrecht könne ausschließlich solchen
zugebilligt werden, die einer historischen, gesellschaftlichen oder moralischen
Infragestellung der bürgerlichen Ordnung widerstehen: "Dies ist ein
Widerstandsrecht zugunsten der Ordnung des Grundgesetzes, nicht gegen
sie."
*
Helmut Simon hat auf
dem Kirchentag nicht nur vom "repräsentativen Absolutismus"
gesprochen, sondern auch von der in der BRD herrschenden "Tendenz, die
Verfassung zum Religionsersatz für die säkularisierte Gesellschaft
hochzustilisieren."[2]
Die Denkschrift der
EKD tritt dieser Tendenz nun wirklich nicht entgegen. Sie erscheint zudem zu
einer Zeit, die geradezu als Unzeit erscheint, wenn man bedenkt, daß eine Wegweisung
zu demokratischem Bewußtsein durch die EKD eigentlich 1945 fällig gewesen wäre.
Damals allerdings verglichen ihre Führer die Nazis mit den bürgerlichen
Revolutionären des ausgehenden 18. Jahrhunderts und diskriminierten damit die
Väter der Demokratie statt die Faschisten, die sie mit diesem Vergleich treffen
wollten. Damals befanden sich die Führer der EKD in ihrer Mehrheit in einem
zähen Widerspruch gegen die Mahnung Karl Barths und anderer zur Entwicklung
demokratischen Verantwortungsbewußtseins in den deutschen Kirchen. Aber hat
sich seitdem überhaupt so viel geändert, wie es scheint? In der Denkschrift ist
schließlich immer von der demokratischen Form
des Staates, niemals von dem Inhalt
der Demokratie, der Volksmacht, die Rede.
Erst in dem Maße, in
dem die restaurative Entwicklung in der BRD zeigte, daß Formen der bürgerlichen
Demokratie durchaus verwendbar waren, um die Oligarchie von Konzernen zu
verhüllen, öffnete sich diese kirchliche Institution "demokratischen"
Gedanken. Und jetzt wirbt sie für einen bürgerlichen Staat um Zustimmung und
Vertrauen, der sich offenkundig als unfähig erwiesen hat, die wachsenden
Sozialprobleme einer "freiheitlich-demokratischen" Kapitalwirtschaft
aufzuhalten, geschweige denn zu lösen, und der gleichermaßen durch seine Rüstungspolitik,
durch seine Politik gegenüber der Dritten Welt und durch einen zunehmenden
Demokratieverlust an Zustimmung und Vertrauen immer mehr - gerade auch unter
engagierten Christen und Demokraten - verliert.
Das ist nicht Ursache,
sondern Ausdruck einer Gefährdung der Demokratie. Sie droht wie meistens so
auch hier von rechts. Die Oligarchen der Monopole können die demokratischen
Hüllen fallen lassen, wenn sie die demokratischen Inhalte weit genug
paralysiert haben. Wenn die EKD in politischer Mitverantwortung davor warnte, dann wäre ihr die
Zustimmung der Ökumene bis nach Südafrika (denn zum Beispiel an der Politik dem
Rassistenstaat gegenüber zeigt sich, wie ernstlich man demokratisch ist!) und
auch unsere Zustimmung gewiß.
Die Verfasser der
EKD-Denkschrift aber wissen zwar: "Die Loyalität zum Staat kann in eine
Krise geraten, wenn ihm die Kompetenz zur Lösung lebens- und
zukunftsentscheidender Probleme nicht zugetraut wird" und fürchten, daß
sich dann "die Frage nach möglichen Alternativen" stellt. Doch ihre
Antwort lautet: "Die Lösung kann nicht in einer Abkehr vom
parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaat liegen." Denn: "Auch wo es
dem demokratischen Staat schwerfällt, Probleme zu lösen, hat er doch den
unschätzbaren Vorteil, die öffentliche, freie Diskussionen aller Probleme zu gewährleisten
und so die Prüfung aller Lösungsmöglichkeiten zu ermöglichen."
Aber auch diese
Argumentation ist defensiv im Blick auf die juristischen Formen statt offensiv
im Blick auf die gesellschaftlichen Inhalte der Demokratie. Zudem operiert sie
mit einer Verwechslung: Ein parlamentarisch-demokratischer Rechtsstaat ohne
Anführungsstriche, also wenn man diese Bezeichnug im ursprünglichen Sinne der
einzelnen Worte und nicht als Fachausdruck versteht, ist zum Beispiel die DDR
auch: in ihr geht alle Gewalt vom Volke aus; sie ist demokratisch. Diese Gewalt
wird von gewählten Organen wie der Volkskammer und anderen ausgeübt, in denen
Parteien zusammenwirken; ihre Organisation ist also parlamentarisch. Und ihre
Gesetzlichkeit ist allgemeinverbindlich; sie ist also ein Rechtsstaat. Mag die
"Freiheitlich-demokratische Grundordnung" des Bonner Grundgesetzes eine Form des "parlamentarisch-demokratischen
Rechtsstaates" sein, so ist sie jedenfalls doch nicht die einzige Form einer Demokratie mit dem
Charakter des Rechtsstaates und der Machtausübung durch Volksvertretungen. Dies
fortlaufend zu unterstellen, ist ein typischer Ausdruck dafür, wie tief auch
die EKD die Überheblichkeit verinnerlicht hat, die in ihrer schlimmsten Form in
der Idee der Herrenmenschen und in ihrer mehr komischen Form in der
Hallsteindoktrin ihren Ausdruck gefunden hat und bis heute in der arroganten
Selbstbezeichnung der Bundesrepublik als "Deutschland" nachklingt.
Kennzeichnend ist, daß
die EKD zur Bezeichnung des Wesens der Demokratie, die sie vertreten möchte,
offenbar des Begriffes der Volkssouveränität nicht bedarf. Ihrer Entfaltung
aber dienten doch nur all die verschiedenen Formen, die die Denkschrift so
hochschätzt. Die Volksmacht ist für die Demokratie das Wesen und die Konstante.
Parlamentarismus, Gewaltentrennung, Repräsentationsformen, Wahlsysteme und
dergleichen gehören zu ihren historisch unterschiedlichen Erscheinungen und
sind variabel im Zuge der Weiterentwicklung der Demokratie, zum Beispiel auch
zum volksdemokratischen oder Sowjetsystem. In ihnen tritt lediglich in
verschieden bedingter sozialer und historischer Form das Wesen der Demokratie
als Selbstherrschaft des Volkes in Erscheinung. Verwechselt man wie die
EKD-Denkschrift eine konkrete Erscheinung von Demokratie mit deren Wesen, dann
ist man bestenfalls scheindemokratisch.
Darum anscheinend
fällt es der EKD schwer, die politische Mitverantwortung von Christen für das
öffentliche Wohl politisch zu
begründen. Darum will sie für die Grundordnung der BRD "theologisch"
"Rechenschaft" ablegen. Die Frage der Evangelischen Kommentare [3]
ist demgegenüber nicht unbegründet; sie lautet: "Grundsätzlich aber bleibt
die Frage, ob die evangelische Kirche gut beraten war, ihre Zustimmung zur
Staatsform der Bundesrepublik so nachdrücklich und in dieser Form zu
präsentieren ... Auch wenn man als Bürger dem zustimmen mag, daß es keine
bessere als die gegenwärtige Staatsform für die Bundesrepublik gibt, bleiben
Zweifel, ob diese Erkenntnis einer theologischen Beweisführung bedarf. Der EKD
könnte ungeachtet der politischen Richtigkeiten ihrer Demokratie-Denkschrift
dieses Dilemma schon bald offenbar werden: dann, wenn andere Protestanten -
zumal auf deutschem Boden - sich genötigt sehen, eine theologische Begründung
für eine andere politische Grundordnung zu liefern."
Nun, wir Christen in
der DDR können die Verfassung unseres Landes politisch begründen. Das Volk
unserer Republik hat sie sich nicht im Vertrauen auf einen Allerweltsgott,
sondern in politischem Selbstvertrauen gegeben, und wir Christen haben ihr
zugestimmt. Dabei haben wir auf den Gott vertraut, von dem uns die Schrift
sagt, nach seiner Anordnung habe der Staat die Aufgabe, nach menschlicher
Einsicht und nach menschlichem Vermögen unter Androhung und Ausübung von Gewalt
für Recht und Frieden zu sorgen. Das ist für uns (mit Barmen V) ein
Bekenntnissatz, und zwar ein solcher, der auch ökumenisch akzeptabel ist. Nur
auf unsere menschliche Einsicht berufen wir uns darum, wenn wir überzeugt sind
und andere davon überzeugen wollen, daß hier und heute die Verfassung unseres
Landes dieser Friedensaufgabe, die wir mit dem Staat wahrnehmen und die der
Staat mit uns wahrnimmt, höchst dienlich ist. Es erschiene uns aber sowohl als
unchristlich wie auch als undemokratisch, diese Verfassung selber
"theologisch" begründen zu wollen. Als unchristlich, weil wir uns zu
Jesus Christus allein und nicht zu einer Staatsverfassung, nicht einmal zur
Demokratie oder zum Sozialismus "bekennen", und undemokratisch, weil
wir nach unserer menschlichen Einsicht politisch die Volkssouveränität und
Volksmacht bejahen, die ihrem Wesen nach säkular ist und säkular bleiben muß.
Unser Friedensprogramm (Januar 1986)
von Hanfried Müller
Die Weißenseer Blätter
gelten als "kritisch", und das ist uns so recht. Nur zu applaudieren
und zu akklamieren liegt uns nicht. Triumphalismus, Lobhudelei und Personenkult
mögen wir nicht (und wer uns dabei erwischt, möge uns das sagen!). Aber wir
halten auch nichts von kleinlichem Spießertum, das jeden großen Entwurf
bemäkeln oder ihn sich selbst zuschreiben muß. Wenn ein Land, eine Partei, eine
Person (in diesem Falle die Sowjetunion, ihre kommunistische Partei und Michail
Gorbatschow) die führende Rolle auf dem Weg zum Frieden übernehmen, indem sie
einen Plan unterbreiten, der die guten Elemente aller bisherigen Vorschläge
(gerade auch solcher, die aus der Kirche kamen) realisierbar zusammenfaßt, der
sich mit den Interessen fast aller verträgt und der zu verwirklichen
verspricht, was für die meisten von uns eine Bekenntnisfrage ist: Abschaffung
der Massenvernichtungsmittel! - dann gilt es, diese Führung anzuerkennen und zu
der möglichen Lösung des Weltproblems Nr.1 ja zu sagen. Dann darf der
selbstbezogene Rückblick (was wir, die Kirche, doch alles schon für den Frieden
getan haben) den Blick nach vorn nicht verstellen, und die kritisch-würdigende,
auf "eigenständige Friedensarbeit" bedachte Distanz muß hinter
völliger Integration zurücktreten. Wenn Frieden für uns nicht eine
gelegentliche Aufgabe, sondern die politisch zentrale Frage ist, dann mündet
die Erziehung zum Frieden und der Traum, Schwerter zu Pflugscharen zu
schmieden, nun in die Aufgabe, eine Konzeption und einen Plan für den Frieden
zu realisieren, sie mündet in unser Friedensprogramm.
Dabei ist das Wort "unser" gerade nicht urheberrechtlich gemeint. In
diesem Sinne handelt es sich um ein Programm der Sowjetunion und der KPdSU, wie
Michail Gorbatschow es vorgelegt hat. In diesem urheberrechtlichen Sinne ist es
weder das Programm der UNO noch der Ökumene, weder das Programm der DDR noch
das unseres Kirchenbundes und schon einmal gar nicht das Programm der
Weißenseer Blätter. In diesem Sinne also ist es nicht unser Programm. Aber sollen darum wir, die wir nicht die Urheber
dieser Konzeption sind, so eitel sein, sie bestenfalls "hoffnungsvolles
Zeichen" oder "Schritte in die richtige Richtung" zu nennen und
von "sorgfältiger Prüfung" zu reden, weil es nicht unsere Entdeckung
ist? Sollen wir die Erde für eine Scheibe halten, weil nicht wir entdeckt
haben, daß sie eine Kugel ist? Sollen wir nicht mehr auf Rädern fahren, weil
nicht wir sie erfunden haben? Das hieße, sich ins eigene Fleisch zu schneiden.
Und dies Programm ist
heute dringlicher, als es einst die Entwicklung des Rades und die kopernikanische
Wende war. Zur Not hätte die Menschheit auch noch ein bißchen länger ohne Räder
oder mit dem ptolemäischen Weltbild weiterexistieren können; ohne die Wende von
der Hochrüstung zur Abrüstung wird sie das kaum zureichend sicher können. Denn
je mehr die vorhandene over-kill-Kapazität der Massenvernichtungsmittel
elektronisch automatisiert wird, desto wahrscheinlicher wird die Auslösung der
Katastrophe durch eine Fehlleistung der Vollautomatik: Ende der
Menschheitsgeschichte durch Unfall! Aber durch einen solchen Unfall, der -
gemessen an dem, was heute jeder weiß oder wissen kann oder jedenfalls wissen
müßte - grob fahrlässig, wenn nicht bedingt vorsätzlich verschuldet wäre.
Denen, die fahrlässig die Gefahr heraufbeschwören, muß das Gewissen für ihre
Verantwortung geschärft, denen, die sie bedingt vorsätzlich in Kauf nehmen, muß
ihre Macht beschnitten werden. Erfreulicherweise wird deren Macht von selbst in
dem Maße geringer, in dem die politische Fahrlässigkeit derer abnimmt, die zwar
keineswegs den Weltbrand in Kauf nehmen wollen, aber noch zu leichtfertig
darauf vertrauen, zum schlimmsten könne und werde es nicht kommen. Denn der
Masseneinfluß derer, die einen Atomkrieg riskieren, beruht zum Teil darauf, daß
breite Massen ihnen das leichtfertiger Weise nicht zutrauen.
Den Sinn für die
Gefahr zu schärfen und zur Wachsamkeit zu rufen, war schon bisher ein wichtiger
Dienst der Weltfriedensbewegung. Sie vermochte auch positiv den Weg zu derjenigen
Struktur zu zeigen, die politisch die Erhaltung des Friedens gewährleisten
kann: zu einer gleichen Sicherheit für alle und in diesem Sinn zu einer
"Sicherheitspartnerschaft" durch internationale Beziehungen
entsprechend der Konzeption friedlicher Koexistenz zwischen Staaten
verschiedener und zum Teil antagonistischer Gesellschaftsordnung. Dabei zeigte
sich, daß ein Programm, wird es zur Leitlinie breiter Massen und zugleich
einflußreicher Staaten, auch gegen erhebliche Widerstände durchsetzbar ist.
Nach zehn bis fünfzehn Jahren hartnäckigen Ringens triumphierte die Politik
friedlicher Koexistenz in Europa und hatte weit über Europa hinaus denkbar
positive Auswirkungen auch in der übrigen Welt. Man sollte sich auch ruhig
einmal dessen erinnern, daß gerade in der Kirche viele "Helsinki" mit
Emphase begrüßt haben, die noch wenige Jahre vorher der Idee friedlicher
Koexistenz zwischen sozialistischen und imperialistischen Staaten mehr als
skeptisch gegenüber standen: Hier ist niemand besiegt, aber eine ganze Menge
gewonnnen worden.
Aber die richtige
Erkenntnis, daß nur militärische Abrüstung den Prozeß der Entspannung im Sinne
der Beendigung militärischer Konfrontation unumkehrbar zu machen vermöge,
führte nicht zu ebenso fruchtbaren Ergebnissen wie die Durchsetzung der Politik
friedlicher Koexistenz. Weil es nicht zur Abrüstung kam, konnte der Prozeß der
Entspannung umgekehrt werden in einen Prozeß konterrevolutionärer Rückschritte
und imperialistischer Hochrüstung. Zwar nahm der Massencharakter des Kampfes um
Abrüstung gerade unter diesen Bedingungen zu. Er führte aber auch, einerseits
durch die erfreuliche Aufnahme vieler junger Rekruten in die Friedensarmee (die
zum Teil meinten, der Friedenskampf habe erst mit ihrem Eintritt begonnen) und
andererseits durch virtuose gegnerische Demagogie, die natürlich vor allem auf
Unerfahrene wirkte, zu Zersplitterungen: Da setzte man darauf, wenn man den
"Ostblock" destabilisiere und Staaten unregierbar mache, käme man dem
Frieden näher; oder man meinte, man müsse durch einseitige, womöglich totale
Abrüstung ein gutes Beispiel geben: ihm werde der im Grunde wohlwollende
Gegner, von Angst befreit, alsbald folgen. Wieder andere verstanden nicht, daß
Frieden nun einmal gerade Frieden zwischen Gegnern ist, und dachten, durch
Versöhnung mit dem Feind käme man weiter, oder aber sie meinten gar, man müsse
die Gegenseite erst einmal ihres Wesen berauben, ehe man mit ihr zusammen
existieren könne, also erst einmal den Sozialismus (oder auch den Kapitalismus)
beseitigen, ehe der Frieden sicher sei. Konzeptionen eines fruchtlosen
"Alles oder nichts" standen pragmatischen Überlegungen gegenüber, die
zuweilen die Frage herausforderten, ob es überhaupt um kontrollierte Abrüstung oder nur um Kontrolle der
Rüstung gehe.
Es fehlte bisher ein
universales, alle noch historisch unvermeidlich gegebenen und insoweit
verständlichen Interessen berücksichtigendes und darum nicht utopisches,
sondern realisierbares Programm der
Abrüstung, das ebenso schrittweise durchzusetzen ist wie das Programm der friedlichen Koexistenz.
Zwar gab es schon viele Pläne und Vorschläge zur Abrüstung oder dazu, wie sich
der Weg zur Abrüstung bahnen lasse, nicht nur von der Sowjetunion und den
sozialistischen Staaten, sondern zum Beispiel auch von Schweden, Griechenland,
Indien sowie manchen anderen Staaten, ebenso auch von starken bürgerlichen
Kräften in imperialistischen Staaten getragene oder mitgetragene Programme wie
zum Beispiel Freeze oder wie den Plan einer chemiewaffenfreien Zone in Europa.
Was diesen Plänen noch
fehlte, war eine differenzierte Universalität. Vorschläge einer allgemeinen
totalen und globalen Abrüstung lösten die Frage aus, wie der Weg dahin führe,
und Vorschläge differenzierter erster Schritte riefen die Frage hervor, wie es
jeweils weitergehen solle zum Endziel völliger Abrüstung. Viele Vorschläge
wurden weder dem engen Zusammenhang aller Waffen- und Vernichtungssysteme
untereinander umfassend gerecht noch den verschiedenen und zuweilen
gegensätzliche Interessen vieler Regionen und Staatengruppen. So blieb oft der
Einwand möglich, der Vorteil der einen gereiche den anderen zum Nachteil. Es
handelte sich meist um partielle Pläne, die gewiß zum Aufbau eines dialektisch
zur Einheit verschmolzenen Gesamtprogramms hilfreich, ja, als Denkmodelle dafür
geradezu notwendig waren; sie waren aber offensichtlich noch nicht zugleich
universal und spezifiziert genug, um alle zu gewinnen und zu verbinden, in
deren Gesamtinteresse es liegt, ihre besonderen Interessen im gesicherten
Frieden zu verfolgen.
Ein solches zeitlich
und sachlich differenziertes Universal-Friedensprogramm ist nun der
Gorbatschow-Vorschlag. Insofern ist er, über seine unmittelbare Funktion als
Verhandlungsvorschlag an die USA hinaus, inhaltlich ein Programm, das geeignet
ist, zum zusammenfassenden Programm aller Friedenskräfte, der staatlichen wie
der gesellschaftlichen, zu werden. Es kann für uns alle, die wir die reale
Gefahr, die unsere Generation heraufbeschworen hat, daß nämlich die Menschheit
selbst oder zumindest ihre gesamte Kultur das zwanzigste Jahrhundert nicht
überlebt, wieder bannen müssen, zu unserem
Programm werden.
Würde das Programm von
Gorbatschow - keine Angriffswaffen im Weltraum, Abschaffung aller
Massenvernichtungswaffen auf der Erde und Verringerung der konventionellen
Bewaffnung in einem Stufenplan, bei dem auf jeder Stufe für alle die gleiche
Sicherheit gewährleistet wäre und zugleich alle in gleichem Maße jede
Angriffsfähigkeit schrittweise einbüßten - realisiert, dann wären gewiß nicht
alle Probleme gelöst. Aber die Lösung aller Probleme wäre nicht schwerer,
sondern leichter, ja, vielleicht überhaupt erst möglich geworden. Der gewiß
harte Schlag, den eine Realisierung dieses Programms für diejenigen bedeutet,
die aus dem militär-industriellen Komplex spielend Maximalprofite ziehen, würde
das Streben nach Maximalprofit in den imperialistischen Ländern geradezu
zwangsläufig auf das einzige Gebiet verlagern, wo fast ebenso wie in der
Rüstung die Öffentliche Hand Steuergelder durch Profite zu reprivatisieren
vermöchte: auf den ökologischen Sektor. Und auf der anderen Seite, im
sozialistischen Lager, würden ebenfalls bisher schweren Herzens dafür entbehrte
Mittel frei. Die Verelendung der sogenannten Dritten Welt durch
imperialistische Ausbeutung würde zwar ebensowenig wie der Kampf dagegen
aufhören, aber er würde zumindest unter geringerer Bedrohung durch militärische
Einmischung von außen stattfinden, und das durch Entlastung vom Rüstungszwang
reicher werdende sozialistische Lager vermöchte mehr ökonomische Hilfe zu
bieten. Die Entwaffnung der kleinen Atombombenbanditen, die das
Nichtweitergabe-Abkommen mutmaßlich inzwischen unterlaufen haben, wäre
jedenfalls nicht schwieriger, sondern einfacher; gegenwärtig scheint sie ja so
undurchführbar, daß man von dieser Gefahr (Südafrika, Israel, Pakistan) kaum
spricht.
Unter den Gegnern der
Sowjetunion und des Kommunismus tief im bürgerlichen Lager gibt es Kräfte, die
ihre eigenen Interessen unbefangen genug erkennen, um einzusehen: Dieses Friedens-
und Abrüstungsprogrammm liegt im Interesse beider Kontrahenten, des sozialistischen
und imperialistischen Lagers, sowie aller Dritten. Es wäre gut, wenn alle
Friedenskräfte, wo immer sie sozial-ökonomisch und politisch-ideologisch
beheimatet sind, dies Programm in ihren Kreisen, Gruppen und Ländern zum
allgemeinen Programm der Abrüstungspolitik machten. Das gilt auch für unsere
Kirchen und kirchlichen Kreise. Wenn wir den Frieden für unsere vordringliche
politische Aufgabe halten (und dem widerspricht ja niemand), dann sollte auch
für uns die Zeit der kleinen Ideen (von individuellen Friedensverträgen über
pädagogische Maßnahmen gegen Kriegsspielzeug für Kinder bis zu den
Individualproblemen der Beteiligung an der Verteidigung des Sozialismus) vorbei
sein, und wir sollten aufs Ganze gehen und jeden dazu ermutigen, aufs Ganze zu
gehen: Die planmäßige Weltabrüstung bei gleicher Sicherheit für alle bis zum
Jahr 1999 steht auf der Tagesordnung!
Die Ernsthaftigkeit
und Politikfähigkeit des Friedenszeugnisses unserer Kirchen wird daran zu
messen sein, was unsere Synoden in nächster Zeit zu dem Programm sagen, das
davon ausgeht, "die Sicherheit" könne "nicht bis ins Unendliche
auf der Angst vor Vergeltung, d.h. auf den Doktrinen der 'Eindämmung' oder
'Abschreckung' aufgebaut werden"1, und darum auf die
schrittweise und ausgewogene Abschaffung der Massenvernichtungsmittel überhaupt
zielt.
Daß in Europa
(jedenfalls zeit- und teilweise) die friedliche Koexistenz gegen die Kräfte des
kalten Krieges durchgesetzt werden konnte, hat gezeigt, daß auch wahrhaft
revolutionäre Programme realisierbar sind. Allerdings müssen sich diejenigen,
die dieses revolutionäre Ziel, eine Welt ohne schwere Waffen, wollen,
bedingungslos, uneigennützig und solidarisch dafür einsetzen.
Stellungnahme des WAK zur Begegnung in Reykjavik (1986)
Wir haben dankbar zur
Kenntnis genommen, daß bei dem Gespräch in Reykjavik zum ersten Mal seit der
Zündung der ersten Atombombe eine von beiden Hauptnuklearmächten als annehmbar
angesehene Vereinbarung vorlag, die in zehn Jahren die Kernenergie aus dem Potential
der Massenvernichtungswaffen hätte beseitigen können.
Wir haben besorgt zur
Kenntnis genommen, daß diese Vereinbarung daran gescheitert ist, daß die
Regierung der USA nicht bereit war, auf die Erprobung neuer Waffensysteme im
Weltraum zu verzichten. Solange sie jedoch auf diesem Standpunkt gefährlicher
Umrüstung beharrt, ist eine umfassende Abrüstung nicht durchführbar.
Wir halten es für ein
Ärgernis, daß eine Macht, die gern als christlich gelten möchte, ein Friedens-
und Abrüstungsabkommen ausgeschlagen hat, das ihr Politiker angeboten haben,
die keine Christen sind.
Wir haben 1963 in den
"Sieben Theologischen Sätzen" erklärt und erklären aufs neue:
"Psychologischen
oder militärischen Gebrauch von Massenvernichtungsmitteln halten wir ebenso wie
ihre Herstellung und Erprobung nicht für legitime staatliche Gewaltanwendung,
sondern für Sünde und deren kirchliche oder christliche Legitimation für Irrlehre,
vor der wir uns zu hüten haben."
Wir halten es für
dringlicher denn je zuvor, alle Christen aufzufordern, "gemeinsam mit
Nichtchristen eine Friedensordnung einzurichten, in der der Krieg als Mittel
des Machtkampfes überwunden, die Rüstungen überflüssig, die bewaffnete Macht
auf polizeiliche Ordnungskräfte beschränkt und der Kampf der Interessen im
waffenlosen Wettstreit ausgefochten wird."
Wir sehen in der
Herstellung einer stabilen Friedensordnung eine ebenso notwendige wie
revolutionäre Aufgabe unserer Zeit und meinen, sie sei nur zu lösen durch die
Beseitigung der Massenvernichtungsmittel, diese aber sei nur zu erreichen durch
die Garantie, daß nicht eine Seite lediglich umrüstet, während die andere
abrüstet.
Weil die Formel von
der "Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung" nicht nur
nicht davor schützt, sondern fast dazu verleitet, sogenannte "Strategische
Verteidigungsinitiativen" zu rechtfertigen, die eine Hochrüstung neuer
Qualität heraufführen und jede Abrüstung zu verhindern drohen, bitten wir die
Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR,
eindeutig zu sagen:
"Absage an Geist,
Logik und Praxis der Abschreckung" bedeutet:
o Abbau der Massenvernichtungsmittel
ohne Aufbau eines strategischen Potentials im Kosmos;
o Absage an die Bindung der Politik
durch das Profitinteresse in der Rüstungsindustrie;
o Absage an die Verwechslung von
kontrollierter Abrüstung mit kontrollierter Rüstung;
o Absage an die Vortäuschung von
Verhandlungswillen, wenn keine Abrüstungsvereinbarungen erstrebt werden,
sondern nur die Verschleierung eigener Rüstungspolitik.
Denn wir haben allem
abzusagen, was dem Geist, der Logik und der Praxis einer Politik der
Hochrüstung, der Drohung und der versuchten Einschüchterung entspricht.
Wir bitten die
Konferenz der Kirchenleitungen, die ökumenische Christenheit darin zu bestärken
und dazu zu ermutigen, solchen Politikern, die Christen sein möchten, das
Gewissen zu schärfen, damit sie nicht eigennützige Interessen höher achten als
die Sorge für den Frieden.
Es gilt einem Geist
abzusagen, in dem Christen sich als die vermeintlich Guten gegenüber den
vermeintlich Bösen zum Weltenrichter machen und damit den verleugnen, dessen
Namen sie tragen.
Schalom, Schalom, und ist doch kein Schalom (1986)
von Björn Rugenstein
Schalom" gilt
zunehmend als Schlüsselbegriff kirchlicher Friedensarbeit 1.
Auch die "unabhängige Friedensbewegung der Kirche" ("UFB"),
wie sie sich um die Seminare "Konkret für den Frieden" sammelt,
opponiert häufig unter diesem überaus unkonkreten, verwirrend vieldeutigen und
undefinierbaren Begriff. 2
Schalom - unverbindliches
Markenzeichen eines unverbindlichen kirchlichen Friedensengagements? Schalom -
mehr Keil als Klammer in einer umfassenderen Friedensbewegung?
Durch das Reaktivieren
einer hebräischen Vokabel wird das Wort Gottes nicht lebendig. Vielleicht wird
der welken kirchlichen "UFB" damit gutes Selbstwertgefühl vermittelt,
doch ein wirksamer Beitrag zum Weltfrieden kann mit der Chiffre "Schalom"
schwerlich beigesteuert werden.
1. Eindrücke von der "UFB" 1986
Viele Friedenskreise
ruhen. Der Atem war kurz. Ihre Wortführer verlieren zunehmend ein schmales
Hinterland. Eine Schwerpunktverlagerung ist gefragt. Doch der alte Rahmen
bleibt: Appelle zu "kleinen (persönlichen) Schritten" (als wollte und
könnte jemand Riesenschritte tun), verbunden mit unrealistischen Forderungen an
den Staat bei Ausnutzung der westlichen (Medien-)Interessen.
Echte, weltweit auf
der Tagesordnung stehende Gefahren für den Frieden werden marginal und formal
abgehakt. Globalpolitische und internationale Gesichtspunkte fallen im
allgemeinen unter den Tisch. Theorie und Praxis der "UFB" führen vom
Kern der Friedensgefährdung - dem ökonomischen, militärischen und politischen
Vormachtstreben der USA - weg. Die "UFB", ungeschminkt betrachtet,
zeigt sich im wesentlichen an sich selbst interessiert. Man erklärt die eigenen
Forderungen zum Maßstab, an dem die Friedenspolitik der DDR zu messen sei, und
bietet sich westlichen Interessenten damit als Druckmittel und
Verhandlungsgegenstand an. Drapiert wird diese Selbstbezogenheit durch einen
dumpfen Humanismus. Der täuscht aber nicht darüber hinweg, wie hier
verabsolutierende Subjektivität auf Kosten des Allgemeinmenschlichen kultiviert
wird. Dem Grundtenor nach läuft dies politisch darauf hinaus, die Friedensfrage
durch Aufgabe des Sozialismus und zügige Übernahme bürgerlich-demokratischer
Grundwerte zu lösen. Dabei werden die bestimmenden Inhalte der "UFB"
nicht aus Spontaneität und "seismographischer Sensibilität" von
"Basisgruppen" gespeist. Die der "Basis" nachgesagten und
von ihr geschätzten Wesenszüge halten sich in der Regel in sehr engen Grenzen.
Bestimmender erschien dem Beobachter des letzten Seminars "Konkret für den
Frieden" ein Nachspiel der "Grünen", vor allem aber die Logistik
weniger "geistiger Köpfe" (Eppelmann, Tschiche, Meckel). Das
einfarbige Bild der Abschlußdokumente des Seminars bestätigt den Eindruck von
einer Regie hinter den Kulissen.
Entgegen
anderslautenden Lippenbekenntnissen dominiert ein Hang zur Konfrontation mit
dem gesellschaftlichen Umfeld und zur Ausgrenzung Andersdenkender. Möchte sich
eine Kerngruppe mit der "UFB" im Rücken Autorität und mit den
Seminaren "Konkret für den Frieden" ein Podium schaffen? Wird hier
"billige Gnade" gespendet, indem für Wehrdienstverweigerung,
persönliche Friedensverträge, die Entmilitarisierung von Gesangbuchversen und
ähnliches mehr "Absolution" erteilt wird? Soll so, gedeckt durch die
Kirche und die aktuellen Sorgen um den Frieden, in erster Linie ein Mißbehagen
an der DDR popularisiert werden, das schließlich zur eigenen Profilierung
genutzt wird? Die "seelsorgerliche Begleitung" vermittelt dabei oft
als "Evangelium", einer moralisch besseren Minderheit anzugehören. -
So lebt die "Unabhängige
Friedensbewegung" zum großen Teil abhängig
von der Beachtung, die sie - aufs Ganze gesehen - durch die Synoden und
Kirchenleitungen erfährt, aber mehr noch abhängig
von der Würdigung, die sie in westlichen Medien findet. Losgelöst und
unabhängig ist sie dagegen von der großen Friedensbewegung der DDR, zu der sich
auch Christen zählen. Bei aller subjektiven Redlichkeit, die der Mehrheit im
Troß der "UFB" unterstellt werden kann, sind Zweifel angebracht, ob
hier wirklich eine politisch sachliche Auseinandersetzung und Wirksamkeit für
den Weltfrieden gesucht wird oder ob man sich nur selbst bespiegeln möchte und
einer fragwürdigen Publizität nachjagt. Niemand sollte sich einer
Selbsttäuschung oder Überbewertung hingeben - unter dem Strich entspricht man
genau den Interessen derer, die Reagan
& Co. zur Galionsfigur haben.
2. Schwerpunkte
Die "UFB"
hat kein verabschiedetes Programm. Jede "Basisgruppe" setzt gewisse
eigene Akzente. Gemeinsam ist den meisten Gruppen ein inhaltliches Gefälle von
individual-psychologischen über innergesellschaftliche zu innerkirchlichen und
außenpolitischen Anliegen. Diese Hierarchie wirkt auch als
Abgrenzungskriterium.
Dem "eigenen
Betroffensein" als Ausgangspunkt und Richtschnur wird konstituierender und
beweisender Charakter zugestanden. Das führt leicht zu moralischem Rigorismus -
aber eher in den Forderungen an den Staat als an sich selbst. Persönliche
Verbindlichkeit wird zum Beispiel durch private Friedensverträge,
"Abrüstung von unten", "Abrüstung in den Köpfen der Kinder"
und durch die "Entmilitarisierung der Sprache" angestrebt.
Im Blick auf die
DDR-Gesellschaft werden Spannungen zwischen innerem und äußerem Frieden
definiert. Ausgehend von diesem selbstgesetzten Axiom wird versucht, eine
autonome Bewegung zu profilieren, die sich als Korrektiv zur Politik der DDR
versteht. Auf derselben taktischen Linie liegt es, sich der DDR-Regierung als
Gesprächs- und Verhandlungspartner - verbunden mit Junktims als Kriterium für
die Vertrauenswürdigkeit staatlicher Stellen - anzubieten. Eine Reihe von
Paragraphen des Strafgesetzbuchs, des Wahlgesetzes und des Wehrdienstgesetzes
sollen geändert werden. Vehement klagt man über die eigenen Reisemöglichkeiten.
Woher rührt das
übersteigerte Selbstbewußtsein?
Die Kirche wird als
Dach für die immer wieder neu angestrebte Vernetzung angesehen. Hier soll eine
Basismentalität entwickelt werden, die dann gegebenenfalls auch für
verschiedene der Gruppen den Auszug aus der Kirche erlauben soll. Synoden und
Kirchenleitungen werden gebeten und gedrängt, die Kirche stärker als
Kontrapunkt zu Staat und Gesellschaft zu verstehen und zu organisieren.
Theologische Beiträge und Einwände werden kaum beachtet, zuweilen verhöhnt.
Engagiert gibt sich die Unterstützung für den sogenannten 2%-Appell des Ökumenischen Rates der Kirchen
und für ein Konzil des Friedens. Die Konzilsidee wird allerdings durch den
eigenen Themenkatalog eher belastet als gefördert. Kritisiert wird die (zum
Teil antiimperialistische) Ausrichtung von Materialien der letzten
Friedensdekade. Stattdessen sollen DDR-spezifische Probleme noch umfangreicher
thematisiert werden. Darüber hinaus sind für die Kirche beispielsweise auch
"Bundesschlüsse" mit Partnergemeinden in der BRD erwünscht.
Außenpolitisch wirken
vor allem wehleidige Selbstdarstellungen in westlichen Medien. Im übrigen
geistern außenpolitische Vorstellungen wie die von der Neutralisierung der DDR
durch Diskussionen, die ansonsten oft tiefe Skepsis gegenüber einer
Verhandlungs- und Vertragspolitik ausdrücken. Dessen ungeachtet beruft man sich
mit Vorliebe auf UN-Konventionen und auf Passagen der Schlußakte von Helsinki -
Musterbeispiele für Verhandlungs- und Vertragspolitik und den Versuch einer
"Abrüstung von oben". Ist innenpolitisch der eigene Erfahrungshorizont
maßgeblich, sind es außenpolitisch nicht selten Desinteresse und Halbwissen.
Eindeutigen Vorrang genießen individual-ethische und psychologische Themen.
3. Defizite
Dazu zählt die
Neigung, sich in Gruppen oder als "Szene" abzukapseln und
Außenstehenden nicht selten mißtrauisch zu begegnen. Mit anderen
gesellschaftlichen Gruppen werden in der Regel keine Gemeinsamkeiten gesucht
oder angestrebt. Die "UFB" erscheint bündnisunfähig, da
Verantwortungsgefühl und Verbindlichkeit gegenüber der Gesellschaft im
allgemeinen fehlen. Durch den latenten Antikommunismus stellt man sich von
vornherein selbst an den Rand der Gesellschaft. Die Hege dieser schmalen
Übergangszone in eine andere Welt ist dann auch überwiegend der Wirkungs- und
Rekrutierungsbereich der "Basis". Selbstüberschätzung und die
Unmöglichkeit, das eigene Engagement überzeugend im Zusammenhang der biblischen
Botschaft darzustellen, macht die "kirchliche Friedensbewegung"
selber in der Kirche eher zum Adressaten als zum Zeugen des Evangeliums.
Die Frage nach der
Stellung zu den entscheidenden sowjetischen Friedensinitiativen der letzten
Jahre macht das inhaltliche Debakel der "UFB" offensichtlich. Während
die Bedeutung einseitiger Vorleistungen der UdSSR im Grunde ignoriert wird,
bagatellisiert man die friedensbedrohende Politik der USA. Da überrascht es
kaum, fast jede Solidarität mit antiimperialistischen Befreiungsbewegungen zu
vermissen. Es fehlt die Einsicht, daß die großen und viele der kleinen
Konflikte in der Welt eine reale, materielle Grundlage haben. Diese Auseinandersetzungen
sind doch keine Mißverständnisse oder Ausdruck unterschiedlicher moralischer
Kategorien im Ost/West-Nord/Süd-Spannungsfeld, sondern sie sind die
Reibungsflächen unaufhebbarer Widersprüche. Forsche Parolen oder ehrbare
Gefühle richten hier nichts aus. Heute geht es darum, die unvermeidbaren
Reibungsflächen zwischen den Grundwidersprüchen derart zu präparieren, daß
keine atomare Initialzündung entstehen kann. Spannungen bleiben unvermeidlich,
sie dürfen und können nicht durch unsere Nächstenliebe abgebaut oder vertuscht
werden, aber sie sollen sich - mit Gottes Hilfe - friedlich entladen. Da genügt
es nicht, "engagiert" zu sein, sich als "Betroffener"
auszuweisen oder unbedingt "etwas" für den Frieden tun zu wollen, um
mit allen Schlußfolgerungen akzeptiert zu werden.
Die "UFB" am
Rande der Kirchen in der DDR leistet meines Erachtens weder einen effektiven
Beitrag zum Frieden im Land, geschweige denn zum Frieden zwischen den Ländern.
Ausschlaggebend ist nicht so sehr die angeschnittene Themenbreite. Was zählt,
ist das Verhältnis von Stellung und Bedeutung der Themen sowie die Beachtung,
die sie finden. Und wer kann das beifällige Interesse derer übersehen, die
handgreiflich versuchen, mit militärischen Mitteln der Welt ihren
kapitalistischen Willen zu diktieren? Daß solches von der "Basis"
nicht beabsichtigt ist, ermöglicht bestenfalls ein Umdenken für die Zukunft,
mindert aber nicht die Schäden im Verband der weltweiten Friedensbewegung, die
durch Torpedos der "UFB" ausgelöst wurden.
4. Widersprüche
Mißerfolge im Einsatz
für eine Weltfriedensordnung dürfen nicht zum Rückzug ins Individual-Ethische
führen, um von dort nur noch pathetisch gegen die "große Politik" und
die DDR zu moralisieren. Sicher ist das westmedienwirksam, jedoch kein
Entspannungsbeitrag.
Zwar hat die
"UFB" auch einen politischen Anspruch, doch ist sie im Grunde
unpolitisch. Für Politik - als Versuch, das Mögliche zugunsten des Notwendigen
auszuschöpfen - fehlt das Verständnis. Frieden läßt sich aber nun mal nicht
durch "ehrliche" individuelle Aktionen sichern - so wenig, wie sich
Hunger und Not durch weihnachtliche Spenden aus der Welt drängen lassen. Auch
Hingabe für ein liebevolles Zusammenleben in unserer Gesellschaft ist leider
kein Konzept, um Kriege zu verhindern. Wirksamer sind da schon innenpolitische
wie ökonomische Stabilität und eine kalkulierbare Außenpolitik.
Die Ambivalenz der
"UFB" wird beispielsweise auch darin deutlich, daß dem ermordeten
Olof Palme hohe Ehre gezollt wird, nicht aber seiner Friedenspolitik. Die
Schaffung eines atomwaffenfreien Korridors und der Abschluß eines Kernwaffenteststopabkommens
stehen in den eigenen Aktionsplänen nicht obenan. Ähnlich aufschlußreich ist
das Verhältnis zum "UN-Jahr des Friedens": den hoffnungsvollen
Initiativen und Vorleistungen der Sowjetunion, aber auch den beängstigenden
"Strafexpeditionen" und Vorrüstungen der USA wird ein Appell zum Jahr
des Friedens entgegengesetzt 3 , in dem maßgebliche
Vertreter der "UFB" eine Justizreform für die DDR fordern.
Diese Bewegung gibt
sich autark und ist - über die Jahre gesehen - doch nur synkretistischer
Nachnutzer westlicher Modelle und Konzeptionen, die, wenn sie schon nicht in
ihren Ursprungsländern fraglich sind, dies in der Regel spätestens in unserem
gesellschaftlichen Umfeld werden. Eine sozialistische Gesellschaft wird mit
Ansprüchen konfrontiert, die gegen eine kapitalistische Gesellschaft erhoben
werden. Die "UFB" entpuppt sich so über weite Strecken als
"nachgespielte" Friedensbewegung.
Das fehlende tragende
Fundament und die Abhängigkeit von einer Medienresonanz macht sie zudem
anfällig für Modernismen. Ausgeliefert der journalistischen Frage: "Was
gibt es Neues?", folgt man einer zwar ewig interessanten, in die Breite
gehenden Frage, die aber - geht man ihr allein nach - nur zu einer Kette von
Trivialitäten und Modeerscheinungen führt. Eine wirklich alternative, in die
Tiefe gehende Frage wäre wahrscheinlich: "Was ist das Wirksamste?"
Kritik von der sich
als alternativ verstehenden "Basis" beschränkt sich zu sehr auf das,
was man sieht, zu wenig auf das, was
es bedeutet. Das führt zu oberflächlicher
Gleichmacherei und Dämonisierung, wie der von beiden "Supermächten mit
gleichen Machtinteressen" oder zu Postulaten wie "Soldat ist gleich
Soldat", "Rakete gleich Rakete"... .
Insgesamt dominiert in
der "UFB" induktives Denken, das heißt: von besonderen persönlichen
Erfahrungen wird kurzerhand auf allgemeine Wahrheiten geschlossen. Dahinter
steckt wohl eine verengte Auffassung von der Realität: Real und damit
bewußtseinsbestimmend ist im allgemeinen nur, was vor Augen steht: genau und
nur hier und genau und nur jetzt, - ganz gleich, was Wissenschaftler,
Politiker, Militärs, Techniker oder Theologen darüber hinaus zu sagen haben.
Bewußtseinsbildende Kompetenz wird bestenfalls noch künstlerischer Sicht
zugestanden. Realität, wie sie sich in wissenschaftlicher und technischer
Arbeit oder in politischer oder militärischer Analyse darstellt, verschließt
man sich vorschnell. Aber auch die Realität, wie sie sich in Gottes Wort
offenbart, bleibt weitgehend ausgeblendet. Diese Scheuklappensicht, die einen
wesentlichen Teil der Welt ignoriert oder verketzert, führt zu einer lässigen
Art, die Dinge zu werten, und zwingt zum Beispiel, die Gorbatschow-Vorschläge
zu übergehen, weil durch sie die eigene Weltsicht bedroht wird.
Unverdrossen bleibt
die "UFB" am Werk, den sozialistischen Entwicklungsweg dahin zu verbiegen,
daß er schließlich in die Sackgasse einer bürgerlich-demokratischen oder
"grünen" Neutralisierung einmündete. Einige gesellschaftliche
Faktoren, wie das Beispiel mancher Entwicklungen in Ungarn oder Polen und das
Aufleben kleinbürgerlicher Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft, geben
dieser Strategie gewisse Zusatznahrung.
5. Ausweichmanöver: "Menschenrechte"
Wer heute zur
Schaffung einer Weltfriedensordnung beitragen will, kann unmöglich gleichzeitig
antisowjetisch-antikommunistisch agieren. Das hat manchem
"Friedensstrategen" der NATO den Schneid genommen, aber macht auch
der "UFB" zu schaffen und veranlaßte eine agitatorische
Schwerpunktverlagerung: Ihre Wortführer präsentieren - synchron mit einer antisowjetisch/antisozialistischen
Kampagne im Westen - einen bürgerlich-liberalen Menschenrechts-Wunsch-Katalog.
Anmerkend wird die demagogische These vertreten, dieses Menschenrechtsverständnis sei die Voraussetzung, um über
die Friedenspolitik der DDR überhaupt erst sprechen zu können. (Als Analogie
spiele man ein Gedankenexperiment durch: Die Staaten des Warschauer Vertrages
würden ihre Verhandlungsbereitschaft von der Beseitigung des Arbeitslosen- und
Drogenproblems in den NATO-Staaten abhängig machen.) Weit eher trifft die
Antithese zu: Erst eine erfolgreiche Friedenspolitik schafft die
Voraussetzungen für das erste Menschenrecht - ein Leben in Frieden - und auch
für die lange Liste der individuellen Menschenrechte.
Oft werden unter den
Menschenrechten wohl fundamentale Grundrechte zusammengefaßt, die ein
glückliches und würdiges Leben jedes einzelnen in Gemeinschaft mit allen
anderen sichern sollen. Das ist nicht allein durch juristische Urkunden zu
bewerkstelligen, eher noch durch eine sinnvolle Ökonomie, die auch den Anspruch
zukünftiger Generationen auf Menschenrechte respektiert. Das heißt: stets
müssen die Folgen von Menschenrechten ausgelotet sein. - Zum Beispiel: Was
bedeutet die Gewährung eines Rechtes auf Maximierung des Privatbesitzes, was
seine Einschränkung?
Also, ein
Menschenrechtskatalog ist nicht a priori gültig, weil er Menschenrechte
summiert. Entscheidend ist, wie weit er gesellschaftlich konstruktiv und
ökologisch vertretbar ist. Darum wird auch Friedenspolitik nicht an der
Verwirklichung eines Menschenrechtskatalogs kalibriert, sondern der
Menschenrechtskatalog leitet unter anderem sein Recht daraus ab, wie wirksam er
zur Sicherung des Friedens beiträgt.
Hilfreich erscheint
es, zwischen formalen und praktikablen Menschenrechten zu unterscheiden. Für
wen besteht wann die reale Möglichkeit, ein Recht zu nutzen?
Trivial ist
festzustellen, daß nicht jedes Mischungsverhältnis individueller und sozialer
Menschenrechte möglich ist, aber auch jedes mögliche Verhältnis ein Defizit
dialektischer Widersprüche behält. Aber das ist nichts für die "UFB".
Sie ist einseitig - stets nur einen Pol der Widersprüche beachtend - auf
Konfrontation aus. Ausgewählte individuelle Menschenrechte in individuell
ausgewählten Sektoren des DDR-Alltags werden an formalen westlichen Menschenrechten
gemessen. Mit welchem Recht? Viele der individuellen bürgerlichen Menschenrechte
haben implizit zur Voraussetzung und Folge, daß die Dritte Welt individuell und
sozial entrechtet bleibt.
In das Bild der
Menschenrechte gehören doch wohl nicht nur Touristenströme nach Israel,
Heidelberg, Bangkok oder Südafrika, sondern auch manipulierte Konsumsucht,
Arbeitslosenraten und die Quoten von Mord, Vergewaltigung oder Drogenmißbrauch.
- Sollen die Machthaber dieser Sphäre und ihre Epigonen unsere Schulmeister im
Fach "Ausbau der Menschenrechte" sein? Ist die volle Entfaltung der
Menschenrechte unter der Diktatur des Proletariats nicht sicherer als unter der
Diktatur des Profits? Daß sich Menschenrechte entwickeln und kein statisches
Naturrecht sind, sondern mit gesellschaftlichem und privatem Wohlstand, aber
auch mit der weltpolitischen Lage korrespondieren, werden Marxisten sicher
nicht bestreiten.
6. "UFB" - Theologie und Kirche
Kritische theologische
Einwände haben für diese "kirchliche Friedensbewegung" kaum Gewicht.
Gelegentlich entsteht der Eindruck, als hätte uns die im Wort Gottes geschenkte
Freiheit vor allem zu Forderungen frei gemacht. Daß diese Freiheit - zum
Beispiel private Rechtsansprüche - auch durch unsere Teilnahme an Recht und
Unrecht begrenzt ist, stößt auf Unverständnis. Zum Evangelium gerät dann auch
eher das "Basisgruppenerlebnis" als die Erlösung durch Jesus Christus
und deren Bedeutung für uns alle und überall. Mir scheint, im Licht der
biblischen Botschaft fällt auf die "UFB" ein Schatten. Nicht, weil
hier unkonventionell oder radikal gedacht würde, sondern weil es Gott nicht so
sehr um die Art unseres Denkens als um die Richtung unseres Handelns geht. Und
da ist wohl radikales Handeln zuerst gegen uns selbst gemeint. Gibt es Zweifel,
daß uns die Bibel vom Anfang bis zum Ende in dieser Weise disziplinieren will,
daß sie Selbstdisziplin und Gehorsam
einklagt (Phil. 2,8)? Dazu zählt auch Loyalität gegenüber staatlicher
Ordnungsmacht und ihren politischen Entscheidungen, solange sie ein würdiges
Leben gewährleisten und auf ein friedliches Zusammenleben im Staat und zwischen
den Staaten ausgerichtet sind.
Der Anspruch Gottes verbietet Resignation als eine Form
unseres Kleinglaubens. Sein Evangelium macht uns aufmerksam auf die Begegnung von Liebe und Vernunft.
Könnten das spezifisch christliche Beiträge zur Friedensbewegung sein? Wo liegt
das spezifisch Christliche der "UFB"?
Zusammenkünfte der
"Basisgruppen" erwecken oft den Eindruck einer
"Zwei-Bereiche-Lehre": (erstens) kirchliches "Vor- und/oder
Nachspiel"; dann losgelöst und unbeeindruckt davon (zweitens)
kleinbürgerlich-wichtigtuerisches "grünes Politisieren".
Teils gibt man sich
unbefangen heidnisch, teils wird versucht, mangelnde theologische Substanz
durch den Rückzug in neoromantische Verinnerlichung zu übertünchen.
Alles in allem könnte
ich meine Kritik auf die Worte von Röm. 1, 21-23*
bringen oder auch: Die "UFB" ist in ihrem Wesen auch unabhängig von
der Heiligen Schrift! Sie erscheint vielmehr als ein Sammelbecken eklektischer
Lebensphilosophien.
Da nimmt es nicht
wunder, wenn große Teile der "Basisgruppen" und sie begleitende
Pastoren für die "UFB" nach Wegen aus der Kirche suchen, um sich
stärker als politischer Gegenpol zu etablieren. Der theologische Anspruch, mit
dem diese "Basis" von Zeit zu Zeit in der Kirche konfrontiert wird,
verunsichert sie und wird als belastend empfunden, solange er nicht der
Selbstrechtfertigung dient. Dagegen dürfen polemische Angriffe gegen die
Theologie mit breiter Unterstützung rechnen. Die "UFB" ist nicht in
oder mit der Kirche, sondern in ihrer Nähe oder an ihrem Rand, beansprucht für
sich aber zentrales Interesse. Politische Ambitionen dieser kirchlichen
"Basis" werden von Synoden und Kirchenleitungen in der Regel nur sehr
verhalten aufgenommen. Die Kirche versteht sich heute nicht mehr so sehr als
politischer Faktor, um so mehr jedoch als moralischer Faktor, als Gralshüter
der besseren, ja vorbildlichen Moral. Sie versucht - auch in ihrer
"seelsorgerlichen Begleitung" dieser Gruppen -, ihre Position als die
der moralisch Überlegenen und Verständnisvollen aufzubauen. Darin liegt eine
Versuchung für Synoden, Kirchenleitungen und Pastoren. Scheint doch derart eine
Selbstaufwertung und Profilierung gegenüber dem Staat und den eigenen Gemeinden
möglich, die die geistliche Dürre und Beziehungsarmut des Christlichen in der
Gesellschaft kompensiert. Der Versuchung ist nachgegeben, wenn - wie zu
beobachten - diese Gruppen ekklesiologisch überhöht werden und ihnen teilweise
prophetische Kraft zugestanden wird, die unentbehrlich für die Zukunft der
Kirche in der DDR sei.
Wirklich unentbehrlich
ist die "UFB" womöglich nur für die entbehrliche Diplomatie der Kirche.
Eine gewisse Zweigleisigkeit kirchenleitender Personen ist gelegentlich
unübersehbar: Bei Zusammenkünften der "Basisgruppen" hält man sich
bedeckt, läßt es gären oder gibt gar ein gewünschtes Ferment hinzu. Kommt es
zum aufbrausenden Schäumen, stellt man sich gern als Korken auf der gärenden
Flasche dar und möchte allseitig Kompromisse aushandeln. In einer
Rückzugsmentalität wird versucht, Faustpfänder zu halten, um mit dem Staat zu
Kompromissen zu kommen, die helfen sollen, ein kleiner gewordenes Terrain zu
sichern. Aber was die Kirche um dieser Kompromisse willen zur Disposition
stellen kann, sollte sie kompromißlos abtreten, denn was ihre Sendung ausmacht,
kann nicht zur Disposition gestellt werden.
7. Ausblick
Eine zunehmend
geschickter operierende Gegenseite möchte die weltweite Friedenbewegung
zersplittern. Nur in ihrem Sinne läge es, wenn die Friedenskräfte verstärkt
ihre sehr unterschiedliche, teils widersprüchliche Herkunft problematisierten,
statt das gemeinsame Ziel gemeinsam anzustreben. In dieser Situation eine
irgendwie geartete Unabhängigkeit zu betonen,
statt das Verbindende herauszustreichen, wird zu unnötigen Sperren,
unfruchtbarem Streit, zu Verengung und Verkrampfung führen. Statt sich um
Politikfähigkeit zu sorgen, sollte mehr über Politikwirksamkeit nachgedacht
werden. So wenig "Friedensaktivitäten" an sich zählen, so wichtig ist
es, hohe "Friedenseffektivität" zu erreichen. Konkret: Alles spricht
dafür, daß unser effektivster Beitrag für die ersehnte Friedensordnung wäre,
wenn wir die sowjetische Großinitiative zur Beseitigung der Atomwaffen und die
sie flankierenden Vorleistungen[4]
phantasievoll unterstützen würden. Dabei zählt nicht zuerst die Größe unserer
Schritte, im Vordergrund steht ihre Abfolge und die Deutlichkeit ihrer
Richtung. Vortritt hat, was dem globalen Überleben dient - nicht das
Interessanteste. Jedes Junktim, das den Frieden einem Problem nachordnet,
schadet.
In Anbetracht von
Ausdauer und Kraft der Opponenten gegen die Friedensbewegung werden
Selbstlosigkeit, Standhaftigkeit, Disziplin, Wachsamkeit, Selbstbeherrschung
und taktische Fähigkeiten entwickelt werden müssen, um zielbewußt und
wirkungsvoll zu bestehen. Unsere Kirche wird ihren spezifischen Beitrag zur
Weltfriedensbewegung erhöhen, wenn sie in ihr Handeln Gottes Zuspruch und seine
parteilichen Gebote unmittelbarer und mehr einbezieht als die neutralistischen
Gebote/Versuchungen westlich-parteiischer Kirchenleitungen und
Christ(demokrat)en. Ein Leitfrage unseres Friedensengagements sollte sein: Wie
können wir mit unserer Friedenssehnsucht politische Spannungen und Kriege
verhindern und zu Partnern der Unterdrückten und Armen werden?
Wer Alternativen zu
der durch starke politische (und militärische) Kräfte getragenen Friedenspolitik
anbieten will, hat nachzuweisen, was theoretisch möglich und was praktisch mit
welchen Kräften und Mitteln zu verwirklichen ist. Weiterhin sind die zu
erwartenden politischen, ökonomischen und ökologischen Folgen zu zeigen. Und
schließlich muß verstanden werden, mit den Reaktionen - bei Freunden und
Gegnern - umzugehen, die eine Alternative auslösen. Aber wie auch immer, der
Schutz vor einem Einsatz oder die Abschaffung atomarer und konventioneller
Waffen wird eine Machtfrage bleiben, die nur politisch lösbar ist und nicht
nach dem individuell-ethischen Motto "... und keiner geht hin".
Auch die zentrale
(Negativ-) Formel unserer Kirche - "Gegen Geist und Logik der Abschreckung"
- ist zukunftslos. Nicht nur, weil sie unausgesprochen zur Voraussetzung hat,
beide Seiten müßten einander gleichermaßen abschrecken, vielmehr, weil sie zwei
grundsätzliche Trends unserer Tage nicht richtig erfaßt: Gegen "Geist und
Logik der Abschreckung" ist sowohl (a) das demagogische SDI-Projekt (durch
Aufrüstung die Atomwaffen zu beseitigen),
indem es darauf zielt, durch eine militärisch und ökonomisch gesicherte
Vormacht der USA die Abschreckung (einseitig) aufzuheben, als auch (b) das
sowjetische Projekt, durch Abrüstung
der Atomwaffen bis zum Jahre 2000 die Abschreckung (gegenseitig) aufzuheben.
Zwei konträre Entwicklungen, die beide die eine Formel befriedigen. Das heißt,
die Formel ist unbrauchbar.
Es ist bezeichnend,
daß die "UFB" kaum Wesentliches zum Gorbatschow-Vorschlag einerseits,
zur Fortsetzung der Atomtests der USA und ihren bewaffneten Interventionen
gegen mißliebige Staaten andererseits zu sagen hat und man ihre konzeptionellen
Schirmherren, zum Beispiel Heino Falcke, fragen muß, welche Marschrichtung sie
für "Frieden konkret 5" vorzugeben gedenken.
Ein herzlich
aufrichtiges "Schalom, Schalom" tut es freilich nicht! Wir müßten
Farbe bekennen und Klartext sprechen, damit die vielen Menschen, die seit dem
15. Januar 1986 um eine große Hoffnung reicher sind, nicht enttäuscht werden.
Dafür sollen wir beten
und das Rechte tun.
Leben aus Buße? Vierzig Jahre "Darmstädter Wort"*
Erklärung vom 12. September 1987 - 81 Unterzeichner
Der Rat der
Evangelischen Kirche in Deutschland hat am 18. und 19. Oktober 1945 in Stuttgart
Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen gegenüber bekannt: "...durch
uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden..."
Diese Stuttgarter
Erklärung hat damals vielen Christen in Deutschland geholfen, einen neuen
Anfang zu machen. In den Kirchengemeinden war das Stuttgarter Schuldbekenntnis
umstritten, nicht alle wollten durch Buße zur Schulderkenntnis und zum
Schuldbekenntnis kommen. So ging in den meisten Gemeinden das kirchliche Leben
ohne Bruch weiter. Die Schuld an Kriegen wurde den Machthabern zugeschrieben,
und als gottlos wurde bald nur noch bezeichnet, was aus "dem Osten"
kam: der Kommunismus. Diese Kirche verstrickte sich in den Kalten Krieg. In den
Kirchengemeinden identifizierte man weithin "westliche" Gesellschaftsordnung
und Christentum, auch in der Ökumene gab es diese Gleichsetzung. Typisch dafür
waren die Grundhaltung von Bischof Dibelius und der Auftritt von John Foster
Dulles bei der ersten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in
Amsterdam 1948. Der Geist des deutschen Nationalismus wurde in kürzester Zeit
wieder lebendig.
Demgegenüber verfaßte
und veröffentlichte der Bruderrat der Bekennenden Kirche 1947 das Darmstädter
Wort. Das Wort wollte heraushelfen aus der Befangenheit der Kirche in ihren sozialökonomischen
Traditionen, es wollte zur Neuorientierung in Ost und West rufen und dazu
helfen, die Schuldfrage nicht beiseite zu schieben, sondern vom
Schuldbekenntnis her die Erneuerung der Kirche auf allen Gebieten zu betreiben.
Die Konferenz der
Kirchenleitungen in der DDR betrachtete zwar in Berichten vor der Bundessynode
(1970 Schönherr, 1985 Hempel) das Darmstädter Wort als Orientierungshilfe, aber
in den Gemeinden ist es bis heute nicht sehr bekannt geworden.
Durch die
weltpolitische Entwicklung sehen wir uns herausgefordert, neu zu denken und zu
handeln. Dazu sind wir solange nicht in der Lage, wie wir alte Schuld nicht
bekannt und alte Irrwege nicht verlassen haben. Angesichts eines weltweiten
Antikommunismus und einer Wiederbelebung des deutschen Nationalismus durch
gesamtdeutsche Emotionen, die auch in den Kirchengemeinden der DDR wirken, ist
es erforderlich, die Frage nach der politischen Mitverantwortung in der
Evangelischen Kirche erneut aufzugreifen. Der Ruf des Darmstädter Wortes in ein
Leben aus Buße bleibt gültig.
Als Glieder der
Evangelischen Kirche erklären wir:
I.
Es bleibt die
geschichtliche Schuld unserer deutschen evangelischen Kirchen, die Nation auf
den Thron Gottes gesetzt zu haben. Diese Schuld wirkt bis heute in dem Bemühen
unserer Kirchen nach, eine Klammer zwischen den beiden deutschen Staaten zu
bilden. Sie haben dem Reden westlicher Regierungen von Wiedervereinigung,
Wandel durch Annäherung und der einen Nation oft mehr vertraut als dem
Evangelium. Das hemmte den Entspannungsprozeß und verschärfte die Konfrontation
zwischen Ost und West. Damit haben wir das Zeugnis und den Dienst für
Gerechtigkeit und Frieden einem deutsch-nationalen Empfinden untergeordnet.
Wir wollen dazu
mithelfen, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht. Wir wollen jeder
Sehnsucht nach der Restauration eines bürgerlichen Gesamtdeutschland absagen.
Wir wollen dazu beitragen, daß es zwischen den beiden deutschen Staaten und den
politischen Systemen in Europa zu einer Koexistenz ohne militärische
Konfrontation und zu einer Kooperation ohne Mißachtung ihrer Unterschiede
kommt.
Es bleibt darum für
uns beim Darmstädter Wort:
"Wir sind in die
Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung
zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne ... . Damit haben
wir unsere Berufung verleugnet, mit den uns Deutschen verliehenen Gaben
mitzuarbeiten im Dienst an der gemeinsamen Aufgabe der Völker."
II.
Es bleibt die
geschichtliche Schuld unserer deutschen evangelischen Kirchen, daß sie dem
Antikommunismus in ihren Reihen einen breiten Raum gegeben haben. Diese
politische Hauptsünde unserer Kirchen führte dazu, daß viele Christen in den
Kirchenleitungen und Gemeinden zwar den christlichen Glauben mit der Ideologie
des sogenannten freien Westens für vereinbar hielten, aber einen unvereinbaren
Gegensatz zwischen Christentum und sozialistischer Gesellschaftsordnung
behaupteten. Deshalb konnte eine gesamtdeutsche Synode den
Militärseelsorgevertrag mit der westdeutschen Bundeswehr abschließen und später
die organisatorische Einheit der EKiD mit der Gemeinschaft im Leibe Christi
verwechseln. So haben wir uns Schritt für Schritt in eine weitgehende geistige
und materielle Abhängigkeit von den Kirchen in der BRD begeben.
Wir wollen dazu
mithelfen, daß der Antikommunismus in unseren Kirchen überwunden wird. Wir
wollen dazu beitragen, daß anstelle der Faszination durch westlichen Reichtum
und individualistisches Freiheitsverständnis ein verantwortliches Miteinander,
das dem Zusammenleben der Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit dient,
möglich wird.
Es bleibt für uns
darum beim Darmstädter Wort:
"Wir sind in die
Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des
Lichtes gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im
politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen. Damit haben wir
das freie Angebot der Gnade Gottes an alle durch eine politische, soziale und
weltanschauliche Frontenbildung verfälscht und die Welt ihrer
Selbstrechtfertigung überlassen."
III.
Es bleibt die
geschichtliche Schuld unserer deutschen evangelischen Kirchen, daß sie sich auf
Grund ihrer antirevolutionären Traditionen zum Antisowjetismus haben verführen
lassen. Auch nach Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR
haben unsere Kirchen nie öffentlich ihre Mitschuld am Tod von zwanzig Millionen
sowjetischen Menschen und an der barbarischen Ausrottungspolitik des
faschistischen deutschen Staates im zweiten Weltkrieg gegenüber den Völkern
Osteuropas und der Sowjetunion bekannt. Damit haben wir auch die Fähigkeit
verloren, schwierige Perioden in der Politik der Sowjetunion und der
sozialistischen Staaten nach dem zweiten Weltkrieg einsichtig, sachlich und
gerecht zu beurteilen.
Wir wollen dazu
mithelfen, daß unsere Kirchen ein solches öffentliches Schuldbekenntnis
nachholen und die Bedeutung der sozialistischen Oktoberrevolution sowie die
Rolle der sowjetischen Völker bei der Befreiung unseres Landes vom Faschismus
würdigen. So sollten wir die Freiheit gewinnen, sowjetische Vorschläge und
Initiativen, die der Abrüstung und der gemeinsamen Sicherheit dienen,
vorurteilslos zu unterstützen.
Es bleibt für uns
darum beim Darmstädter Wort:
"Das Bündnis der
Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich
schwer an uns gerächt. Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns
erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der
Menschen solche Wandlungen erfordert."
IV.
Es bleibt die
geschichtliche Schuld unserer deutschen evangelischen Kirchen, daß sie weitgehend
blind geblieben sind dafür, daß die fortgesetzte Ausbeutung der Dritten Welt,
die zunehmende Arbeitslosigkeit und der Mißbrauch von Menschen als
"Billig-Lohn-Arbeiter" vor allem eine Folge der kapitalistischen
Strukturen des Weltmarktes ist. Das hat uns gleichzeitig gehindert, die Chancen
wahrzunehmen, die sozialistische Strukturen für mehr Gerechtigkeit bieten. Wir
sind noch gefangen in einem karitativen Verhalten gegenüber den armen und
entrechteten Menschen, die um ihre Befreiung und grundlegende Rechte kämpfen.
Wir wollen dazu
mithelfen, daß das Eintreten für gerechte politische und ökonomische Strukturen
weltweit zu einem festen Bestandteil des geistlichen Lebens in unseren
Gemeinden wird. Wir wollen nicht vor allem den Spielraum unserer Kirchen
unangefochten bewahren, sondern selbstkritisch dazu beitragen, daß unser Land
wirksam und glaubwürdig für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt arbeiten
kann.
Es bleibt für uns
darum beim Darmstädter Wort:
"Wir sind in die
Irre gegangen, als wir übersahen, daß der ökonomische Materialismus der
marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde
für das Leben und Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen
müssen. Wir haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß
dem Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu
machen."
V.
Es bleibt die
geschichtliche Schuld unserer deutschen evangelischen Kirchen, daß sie ein
falsches Verständnis von christlicher Freiheit nicht überwunden haben und
deshalb übertrieben auf Eigenständigkeit, in Distanz gegenüber der
sozialistischen Ordnung unseres Staates, pochen. Deshalb haben auch viele
Glieder unserer Gemeinden und Pfarrer ihre Mitverantwortung für die DDR
aufgekündigt und das Land verlassen. Es reicht nicht, wenn wir demgegenüber zum
treuen Aushalten an dem Platz mahnen, an den Gott uns gestellt hat, oder zur
Wahrnehmung des missionarischen Auftrages in einer nicht mehr vom Christentum
geprägten Gesellschaft rufen.
Wir wollen dazu
mithelfen, daß unsere Kirchen ihre Existenz in der sozialistischen Gesellschaft
bejahen, weil es um die bessere Ordnung der Gesellschaft und auch um ein
"besseres deutsches Staatswesen" geht, als wir es in der
Vergangenheit kannten. Wir möchten unsere Gemeindeglieder ermutigen zu einem
fröhlichen Christsein für diese Gesellschaft und für eine Atmosphäre, in der
Vertrauen, gegenseitige Achtung und Liebe gedeihen können. Dazu gehört, daß wir
Fehler und Mißstände auch als Folgen unserer eigenen Schwäche anerkennen und
für ihre Korrektur arbeiten, statt vor ihnen zu fliehen.
Es bleibt für uns
darum beim Darmstädter Wort:
"Wir sind in die
Irre gegangen, als wir begannen, eine 'christliche Front' aufzurichten gegenüber
notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der
Menschen."
Indem wir das erklärt
haben, verpflichten wir uns erneut zu bezeugen, daß das Evangelium Menschen aus
gottlosen Bindungen befreit, so daß sie lernen, dem Herrn Christus allein zu
dienen.
Berlin, den 12.
September 1987 116 Unterschriften
"Wir haben das Recht zur Revolution verneint..."
Aus einer Umfrage zum Thema:
40 Jahre nach dem "Darmstädter Wort", 70 Jahre
nach der Oktoberrevolution
"Versöhnung" nicht mehr im Einbahnverkehr (1987)
von Eberhard Bethge
Ihre lebhafte Bitte,
liebe Freunde der Weißenseer Blätter, anläßlich "40 Jahre Darmstädter
Wort" eine persönliche Rechenschaft aufzuschreiben in der Form einer
Resonanz auf die Oktoberrevolution, erzeugt zwiespältige Reaktionen in Kopf und
Herz eines Zeitgenossen, der sich im Prozeß seines fortschreitenden Abtretens
befindet. Wenn ich mich dennoch kompetent machen könnte, über diese Revolution
mehr zu sagen, als was inzwischen jeder gute Historiker allgemein auszusprechen
hat, daß nämlich 1917 tatsächlich Gesicht und Bewußtsein des Erdkreises
unumkehrbar verändert hat, dann sollte das öffentlich von mir in einem Organ
meines Lebensbereiches geschehen und nicht erstmalig in einem der DDR.
Aber gern spreche ich
aus, wie überrascht und zufrieden ich bin, noch zu erleben, welches Echo
Darmstadt nach 40 Jahren findet: bei uns wenigstens in Akademien und mancherlei
Zeitschriften, bei Ihnen sogar auf repräsentativer akademischer, ja kirchenleitender
Ebene: dieses damals unerhörte, erstmalig solche Analyse bietende und zu
aktivem Umkehren, also zu Positionsveränderungen rufende Bekenntnis. 1947
mußten wir ohnmächtig begreifen, daß die Neugeburt sofort der Schwindsucht
verfiel. Das Erbe der Bekennenden Kirche erstickte im unaufhaltsamen,
verführerischen Anschluß unserer Kirchen an 1932.
Nun aber nehme ich
wahr: es ist gar nicht erstickt. Es ist sogar aktuell und vermittelt erstaunliche
Frische. Das liegt natürlich auch daran, daß der Anschluß an 1932 nicht mehr an
1917 einfach vorbeidenken kann. Mit anderen Worten: das liegt daran, daß
Darmstadt immer noch zu Recht den Tatbestand analysiert, wie unsere Kirchen das
Evangelium auch weiterhin antidemokratisch, antisozialistisch,
antikommunistisch, ja antipazifistisch synkretisieren und weitergeben - ich
kann hier nicht unterdrücken, zu erwähnen, daß 1947 bei unseren großen Lehrern
noch jedes Wort zum antisemitischen Überliefern des Evangeliums fehlt.
Heute stellt für mich
die überzeugendste Konkretion, ja Fortsetzung von Darmstadt das erregende
Kairospapier von 1985 dar und seine erstaunlichen Fortschreibungen. Allerdings
setzen sich auch gewohnte Ablehnungssyndrome fort, am Entstehungs- wie am
Rezipienten-Ort bei uns, mit wohlbekannten theologisch auftretenden
Begründungen, die wir kennen: Politik, Kommunismus, selektierte Bibel,
Theologie von unten, Versöhnungsverweigerer, laxe Ekklesiologie. Aber hier
handelt es sich tatsächlich um authentisches Erbe der Bekennenden Kirche. Und
darin, daß hier machtvoll und streng in "Theo-logie" (wie bei Barth
1933: Ihr habt einen anderen Gott!) gefaßte und begründete Ablehnung formuliert
ist, daß die zentrale Vokabel "Versöhnung" (mit der auch in Darmstadt
alles anfängt) nicht mehr weiter im Einbahnverkehr von den Privilegierten zu
den Unterdrückten benutzt werden wird, als status confessionis; die Ablehnung,
sich noch auf diese kostbare Sache, auf biblisch legitime Versöhnung
einzulassen, ohne daß praktische Positionsveränderungen vollzogen sind.
Theologie ist hier
also nicht ohne "revolutionäre" Politik - und Politik nicht ohne den
Kampf um bessere strikte Theologie. Das ist Zentrum des Kairospapiers; das war
Zentrum des Darmstädter Wortes. Natürlich weiß ich, wie wenig weit wir bisher
mit diesem wie mit jenem gekommen sind. Aber ihre Sache dringt in theologischen
und politischen Auseinandersetzungen immer wieder zur Oberfläche; sie klopft an
unsere Türen wie eh und je. Das macht mir mitten in resignativen
Altersbefindlichkeiten Hoffnung. Es gibt auch Fortschritte - wie Sie sagen:
"Krieg zu tilgen... Raubbau... zu beenden" und sogar
"...Ausbeutung von Menschen durch Menschen" zu bekämpfen.
Oktober-Nachlese (1987)
von Heinz Kamnitzer
Wir müssen immer noch
verlernen zu vergessen. Dafür genügen nicht Geschichtsstunden. Wer nicht
erfährt, was seine Vorfahren im Alltag durchgemacht haben, wird auch nicht
nacherleben können, was gewesen und geworden ist.
Ich selbst bin auf
Erden seit dem Jahr, da Lenin und seine Genossen in Rußland die Macht
übernahmen. Auch wer damals in Deutschland geboren wurde, alterte rasch, wenn
er sich umsah und nicht wegsah, wenn er zuhörte und nicht weghörte. Dann fand
er bald heraus, daß seine Welt nicht gut war - keineswegs nur im Geiste.
Die Weimarer Republik
versprach viel und hielt zuletzt gar nichts mehr. Die bürgerliche Demokratie
und ihr Gewaltmonopol unterlagen von Anfang an dem Geldadel, der als Staatsdoktrin
nur die Heuchelei von einer Harmonie zwischen Herr und Knecht gelten ließ. Das
war meine Sache nicht.
Ich weiß nicht mehr
genau, wie lange es dauerte, bis ich zwischen der deutschen Revolution von 1918
und der russischen Doppelrevolution von 1917 zu unterscheiden lernte.
Jedenfalls faszinierte mich die Gegenwelt im Osten vor der Machtübergabe an
Hitler und seine Horden.
Ich hatte frühzeitig
meine Suche nach Gerechtigkeit, nach Gemeinschaft und Freiheit begonnen. Bald
wurde mir deutlich, daß meine Passion nur von liberté, egalité und fraternité
erfüllt werden konnte. Aber da ich darunter eine Dreieinigkeit verstand, die
unauflösbar zusammengehörte und sich nicht aufsplittern läßt, entsprach nur
eine sozialistische Republik den Grundsätzen und Grundlagen, um meine Ideale
von einer schönen Utopie in die spröde Realität zu übertragen.
Seitdem vermochten
weder Rufmord noch Rückschläge mich davon abzubringen, was bis heute für mich
Mittelpunkt geblieben ist. Der neue Staat und die maßgebliche Partei in der Sowjetunion
machten vor, wie man eine Ordnung herstellt, in der die Bauern nicht mehr die
Lasttiere der Gutsherren sind, die Arbeiter nicht mehr die Fabrikbesitzer reich
machen, der Lohn von Mann und Frau sich nicht mehr unterscheiden, die Mieten
nicht mehr Pfründe von Hauseigentümern sind, Schule, Studium und Lehre
kostenfrei, so wie der Arzt und die Medizin.
Ich empfand, daß damit
zum ersten Mal in der Geschichte der Neuzeit das Volk nicht mehr um seine
Lebensrechte betrogen wurde. Im Laufe der Jahre begriff ich auch, wie
nachteilig sich allerdings auswirken mußte, den Sozialismus in dem Land
durchzusetzen, das kaum Industrie kannte und über wenig Menschen verfügte, die
gelernt hatten, Betriebe zu leiten, geschweige denn einen sozialistischen
Staat.
Dennoch habe ich den
Vorrang, den für mich eine solche societas besitzt, nie preisgegeben. Ich ziehe
vor, wenn eine gerechte Gesellschaft anfangs eine Gleichheit in Armut verwalten
muß, in der alle das karge Leben teilen, während ich nichts für so sittenwidrig
und gemeingefährlich halte wie eine Ordnung der Ungleichheit, in der Wohltat
und Plage so ungerecht verteilt sind.
Ich weiß allzu gut,
wie in der UdSSR nicht nur glänzende Leistungen zu verbuchen sind, sondern auch
furchtbare Verluste. Niemand kann mehr darüber erschüttert sein, als wer ihr
zugetan ist. Aber so verfehlt für uns die Zurücknahme der 9. Sinfonie von
Beethoven ist, so wenig ist eine Zurücknahme der 10. Sinfonie von
Schostakowitsch gerechtfertigt.
Wer mit seiner
Gesinnung durchhalten will, wird immer viel ertragen müssen, nicht zuletzt in
den eigenen Reihen. Es gibt auch in der Geschichte keine unbefleckte
Empfängnis, schon gar nicht, wenn man in Jahrzehnten einige Jahrhunderte
nachholen muß und dabei noch durch Bürgerkrieg, Hungersnot, Boykott und durch
Kreuzzüge von Fremdmächten behindert wird.
Da ist die Tugend der
Treue unerläßlich, in guten und besonders in schlechten Zeiten. Gerade
Christen, die auf ihre zweitausend Jahre zurückblicken, sollten wissen, wieviel
Geduld jede Sehnsucht braucht, um sich einem großen Ziel zu nähern, und wie
eine lange Strecke auch Abwege aufweist.
Für die Zukunft wird
lebenswichtig, wenn nicht nur das Martyrium verbindet und sich eine kühle Ko-Existenz
erhält, sondern auch Gläubige, allen voran ihre Hirten, der Sowjetunion die
öffentliche Hochachtung für das moderne Beispiel eines solidarischen
Gemeinwesens entgegenbringen und auch historisches Mitgefühl zeigen für die
heroische Selbsthilfe, das russische Reich zu befreien aus dem Sog des
Morastes, den Selbstherrscher und ihr Troß sowie Dunkelmänner und ihre
Trabanten hinterließen. Der Baron von Münchhausen hatte es leichter, sich am
eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Destabilisierung (1987-1989)
Vorläufige Anmerkungen zum Fall "Grenzfall"(1987)
von Hanfried Müller
Was rund um die
Berliner Zionskirche eigentlich geschehen sei, wollten einige Leser von den WBl
telefonisch wissen*. Die knappen
Mitteilungen in der DDR-Presse reichten ihnen nicht zur Orientierung, und die
westliche Fernsehdramatik zu diesem Anlaß erzeugte nur Nervosität, was ja wohl
auch beabsichtigt war.
Wir sind gern bereit,
zu sagen, was wir wissen. Allerdings wissen wir nur an einem Punkt mehr als die
breite Öffentlichkeit. Wir kennen den "Grenzfall", um den es ging. Im
Heft 4/86 berichteten wir auf S. 51 von der Nr. 1 des "Grenzfall":
"Gerade Mitglieder dieser Gruppe erklärten offen, daß sie mit der Kirche
nichts zu tun hätten, sondern sie nur gebrauchten, um ein Forum in der
Öffentlichkeit zu haben." In Heft 2/87 berichteten die WBl auf S. 59 von
den Sympathisanten der ungarischen Konterrevolution 1956**
und schlossen: "Immerhin hat inzwischen ein Gespräch seitens der Redaktion
mit jemandem aus dem Kreis der Kontrahenten stattgefunden." Dabei zeigten
sich enge Beziehungen unserer Kontrahenten zum "Grenzfall"; ein
Austausch wurde vereinbart. So konnten wir uns seitdem von weiteren Ausgaben
des "Grenzfall" selbst einen Eindruck bilden.
Als Herausgeber des
"Grenzfall" bezeichnen sich "Mitglieder der Initiative Frieden
und Menschenrechte", die nicht namentlich zeichnen. Der
"Grenzfall" erschien anonym. Der Inhalt war - auf der Linie von
Charta '77, KOR und ähnlichen autonomen Gruppen, mit denen der
"Grenzfall" engen Kontakt hielt - antikommunistisch. Die Themen, die
behandelt wurden, waren - darin hatten einige Westmeldungen recht - rein
politischer Art, allerdings mit einer Ausnahme: Der "Grenzfall" war
stets interessiert an der Frage, inwieweit die Kirche Gelegenheit zur
Propagierung seiner politischen Linie biete - von Krawczyk-Auftritten bis zum
"Kirchentag von unten". Dessen Parole: "Glaubt nicht mehr diesem
Pfaffenbrei/ setzt lieber bißchen Power frei!" begegneten wir zuerst im
"Grenzfall" 4/87, 3. Blatt.
Unverkennbar zielte
der "Grenzfall" darauf ab, durch kontinuierliche Steigerung seiner
antisozialistischen Provokationen die Strafverfolgungsorgane der DDR in die
Alternative zu treiben, entweder offene Ungesetzlichkeit stillschweigend zu
dulden oder einzugreifen. Im ersten Falle hätte man triumphierend einen
scheinbar rechtsfreien "Freiraum" behaupten können, im anderen Falle
konnten die Freunde im Westen (die CDU/CSU-Bundestagsfraktion behandelte die
hiesigen Autonomen ja ungeniert wie eine Schwesterpartei) eine offensichtlich
wohlgeplante Verleumdungskampagne gegen die DDR auslösen - wie es dann ja auch
geschah.
Tatsächlich ist nicht
mehr geschehen, als daß die Staatsanwaltschaft ihrer gesetzlichen Pflicht
nachgekommen ist, beim Verdacht einer Straftat ein Ermittlungsverfahren
einzuleiten, Beweismittel und unabgesprochene Zeugenaussagen zu sichern.
Solange das Verfahren
schwebt, gebietet es demokratischer Anstand, mit voreiligen Urteilen
zurückhaltend zu verfahren. Diesem Stil möchten die WBl entsprechen. Nur ein
allgemeiner Satz sei immerhin gesagt: Wer die Rechtstradition, die die
Strafverfolgung dem Legalitätsprinzip und nicht dem Opportunitätsprinzip
unterwirft, für ein geeignetes Mittel hält, um die Rechtssicherheit aller zu
sichern, der könnte allenfalls Bedenken gehabt haben, solange an dieser Stelle nicht ermittelt wurde, nicht aber gegen
die Ermittlungen.
*
Der
"Grenzfall" will nichts mit der Kirche zu tun haben. Die Kirche aber hat es mit dem
"Grenzfall" zu tun. Denn unter ihrem Dach ist er entstanden.
Und eben dies ist der Skandal - nicht die Ermittlungen der Justizorgane, durch die der Skandal nun offenkundig geworden ist! Egal, ob es sich um Ordnungswidrigkeiten oder um Straftaten handelt - das eigentliche Ärgernis liegt darin, daß die Kirche, die 1. Petr. 4,15 liest: "Niemand u